Dec 312013
 

Auch wenn die Reiseberichte zu Genf und Regensburg weiter ausstehen (Die kommen dann im Januar. Oder Februar.), möchte ich nicht mit der im vergangenen Jahr begonnenen Tradition brechen, und präsentiere euch daher hier meinen ganz persönlichen Rückblick auf 2013. Wie immer im “Poesie-Album”-Format und radikal subjektiv.

Hobbys 2013: Dieses Jahr war ich ziemlich viel politisch und aktivistisch unterwegs, da blieb nebenbei nicht viel Zeit für Anderes. Ich hab dieses Jahr genau ein Bild gezeichnet, einige Artikel für den Psycho-Path geschrieben und einige wenige Bücher gelesen. Auch für das Blog ging erstaunlich viel Zeit drauf. Man sieht das wahrscheinlich nicht, wenn man das so in einem Rutsch liest, aber insbesondere bei den Reiseberichten sitze ich bei jedem Beitrag bestimmt 6 Stunden am Text und nochmal 10-12 Stunden an der Bildbearbeitung. Insofern waren selbst die wöchentlichen Updates, die ich hier in der zweiten Jahreshälfte gebracht habe, schon ziemlich anstrengend und aufreibend. Ich werd mir überlegen müssen, wie ich das im nächsten Jahr effizienter auf die Reihe kriege, zumal ja reisetechnisch schon wieder einiges in Planung ist.

Bestes Buch 2013: Fabrizio Gatti – “Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa”. Sprachlich und in der Erzählführung manchmal etwas holprig, wobei ich nicht weiß, ob hier der Übersetzer oder der Autor geschlampt hat. Dafür inhaltlich umso wirkmächtiger. Fabrizio Gatti ist quasi die italienische Version von Günter Wallraff. Unter falschen Identitäten deckt er immer wieder die Grausamkeiten des europäischen Asylsystems auf. In “Bilal” verfolgt er den Weg, den afrikanische Flüchtlinge durch Nordafrika bis nach Europa nehmen. Er fährt mit ihnen durch die Sahara bis nach Libyen, wird mit ihnen regelmäßig von Räubern, Polizisten und Soldaten ausgeraubt und leidet mit ihnen Hunger und Durst. In Libyen beobachtet er die Boote, die nach Lampedusa ablegen, wenn man diese schwimmenden Särge denn Boote nennen kann. Schließlich schleicht er sich selbst als “Illegaler” ins Auffanglager in Lampedusa ein. Wer dieses Buch gelesen hat, den können die neuesten Enthüllungen über die dortigen menschenunwürdigen Zustände nicht mehr erstaunen. Eine Pflichtlektüre für jeden europäischen Politiker und jeden deutschen Holzkopf, der sich über “Asylmissbrauch” empört. Und wer es dann immer noch nicht verstanden hat, den kann man ja mal auf die Reise durch die Sahara schicken …

Schlechtestes Buch 2013: Ich hab hier einen starken Favoriten vor mir liegen. Allerdings ist die Autorin vergleichsweise unbekannt und das Buch war der Preis eines Gewinnspiels und kam hier mit persönlicher Widmung und allem Pipapo an. Da wäre es ziemlich gemein, das Werk hier zu zerreißen. Daher muss Platz 2 dran glauben: Friedrich Nietzsche – “Also sprach Zarathustra”. Natürlich hab ich schon meine ideologischen Probleme, wenn ständig von der Überwindung der Menschheit hin zum Übermenschen die Rede ist. Aber auch sprachlich und inhaltlich hat das Buch nicht viel zu bieten, die Metaphern und sprachlichen Bilder sind oft ziemlich schwach und haben kaum Bezug zu den philosophischen Prinzipien, die Nietzsche an den Mann (Frauen kommen praktisch nicht vor) zu bringen versucht. Auch den Chemin de Nietzsche in Èze gelaufen zu sein, hat mich dem Buch nicht wirklich näher gebracht. Man weiß danach, woher Nietzsche einen Großteil seiner Aphorismen hat, das Problem der mangelnden intellektuellen Einbettung bleibt aber bestehen.

Bestes/Schlechtestes Konzert 2013: Ich war 2013 gar nicht auf so vielen Konzerten, zumindest kann ich mich nicht an allzu viele erinnern. Es stach auch keins wirklich nach oben oder unten heraus, alle waren auf ihre Weise speziell. Daher hier eine kurze Würdigung der einzelnen Konzerte:
Seeed am 19.04. bei den Filmnächten am Elbufer. Mein erstes Nicht-Rock-Stehkonzert. War ne interessante Erfahrung. Die Show war ziemlich gut, die Songs sowieso, aber ich habe festgestellt, dass ich mich auf Konzerten ohne zünftigen Moshpit nicht wirklich wohlfühle.
Casper am 01.11. im ausverkauften Beatpol. Gute Show, die Leute gingen auch gut ab, ich hatte nur ein wenig das Gefühl, das Casper nicht ganz bei der Sache war. Er hat alles professionell durchgezogen, aber am Ende fehlte doch das Quäntchen Liebe für die Fans, dass den Abend zu etwas Besonderem gemacht hätte. Außerdem ein Abend der verpassten Gelegenheiten: Als ich reichlich spät zum Konzert kam, begrüßte mich Brüderchen 2, der mit einigen seiner Freunde da war, mit “Du, wir haben vorhin Till und Max von Kraftklub gesehen, die wollen sich heute wohl die Show ansehen.” Dann, nach der Show, ich hatte mir noch ein Wasser gegen die Dehydrierung an der Bar geholt: “Du, als wir gerade an der Garderobe waren, kam Casper raus und lief an uns vorbei.” Toll, wirklich toll. Aber um die Geschichte versöhnlich zu schließen: Trotzdem geiles Konzert, und vor allem super Support durch Ahzumjot.
Silverstein am 06.12. in der Scheune, veranstaltet als Familienausflug mit Brüderchen 1 und Brüderchen 2. Ich bin da ja nicht wirklich in der Szene drin, und hatte immer gedacht, dass die Band zwei Sänger hätte: einen für die melodischen Passagen und einen für den Core (platt gesagt: einer der schreit). Tatsächlich war es aber nur ein Frontmann. Hat mich schon beeindruckt, was der so mit seiner Stimme anstellen kann. Ansonsten gutes Konzert, Brüderchen 1 stand mit Freundin irgendwo hinten rum und trank Wasser (das war aber medizinisch notwendig, also kein Grund zur Häme), Brüderchen 2 sprang mit mir im Moshpit rum. Im Circlepit donnerte mir dann irgendwer aus Versehen seinen Kopf gegen das Kinn, so dass ich mir die Unterlippe leicht blutig biss und einige Minuten lang Sorgen um meine oberen Schneidezähne hatte. Aber das muss so, an der Anzahl der Verletzungen misst sich die Qualität des Konzerts. So gesehen eine sehr erfolgreiche Show. Nur die zwei Idioten nervten, die ständig Stagediven und Crowdsurfen wollten und einfach nicht checkten, dass da nach zwei Metern schon der Moshpit kam, in dem sie einfach mal niemand auffangen würde.
Und dann war da noch dieses absolut krasse Solikonzert am 30.04. in Berlin, unter anderem mit ZSK und Irie Révoltés, wo selbst mir der Moshpit zu heftig wurde. Das nächste Mal dann mit Schienbeinschonern. ;)

Bestes Festival 2013: Auch wenn es nicht mein einziges Festival in diesem Jahr gewesen wäre, wäre das Kosmonaut Festival bestimmt ganz weit vorne gelandet. Zur Festival-Premiere für nicht mal 10 Euro unter anderem Ahzumjot, Frittenbude und Kosmonauten (aka Kraftklub, die auch die Schirmherren des Festivals waren und sind) zu sehen ist einfach mal unschlagbr. Und auch wenn sich der Preis für die Ausgabe 2014 um 378,5% erhöht hat (!), hängt das Ticket schon an meiner Pinnwand. Mit Casper, Bosse und Feine Sahne Fischfilet wird das aber auch richtig groß. Merken wir es also auch schonmal für das “Beste Festival 2014″ vor.

Bestes Album 2013: Eigentlich müsste hier Caspers “Hinterland” stehen. Lange hab ich dem Album entgegengefiebert, und es hat die Erwartungen durchaus auch weitestgehend erfüllt. Ein atmosphärisch sehr dichtes Album, bei dem mir immerhin 11 von 12 Songs ans Herz gewachsen sind. Dann dachte ich an das Album, das bei mir in den letzten Wochen und Monaten hoch und runter läuft: Irie Révoltés mit “Allez”. Hip-Hop mit deutsch-französischen Texten und politischen Inhalten, das passt doch zu mir. Aber dann fiel mir ein, dass ja auch Bosses “Kraniche” in diesem Jahr erschienen ist, auch wenn es schon viel länger her zu sein scheint. Unglaublich gute Songs, gefühlt drei Alben in einem, das gabs zuletzt bei “Boombox” von den Beatsteaks. Eindeutiger Sieger daher: Bosse mit “Kraniche”.

Bester Song 2013: Da bleibt mir ja nicht anderes übrig, als direkt bei Bosse zu bleiben. Nur bei der Auswahl wird es schwierig. Am Ende sind es dann zwei Songs: “Vive la Danse” und “Konfetti”, beide vom Album “Kraniche” und letzteres eigentlich nur für die Bridge und die Stelle, wo plötzlich die Geigen einsetzen – Gänsehautmoment. Hier mal beide zum Reinhören:

Bester Film 2013: Bester Film aus der politischen Ecke war “¡NO!”, ein Film über den demokratischen Sturz des faschistischen Diktators Pinochet in Chile. Gesehen zu zehnt in der Schauburg, in der ersten Reihe mit Kopf im Nacken, weil eine gewisse Dame erst kurz vor knapp kam und der Kinosaal schon voll war.
Bester Film aus der “Unterhaltungsecke”: “Eltern”, ein nichts beschönigender aber dennoch sehr liebenswerter Film über das Familienleben. Gesehen in der Schauburg mit einer guten Freundin, die mir kurz zuvor erzählt hat, das sie schwanger ist. Da hat sie dann gleich mal gesehen, was sie so erwartet. ;) Der Regisseur Robert Thalheim hat wohl auch schon einige andere interessante Filme gedreht, die muss ich mir bei Gelegenheit nochmal anschauen.

Schlechtester Film 2013: “Freier Fall”. “Brokeback Mountain” mit Polizisten einer deutschen BFE-Einheit, dafür leider ohne überzeugende Schauspieler oder funktionierende Geschichte.

Bester Ort 2013: Menton. Weil, Menton halt.

Schlechtester Ort 2013: So wirklich furchtbare Orte hab ich 2013 ja gar nicht gesehen. Die Stadt, die mir am Wenigsten gefallen hat, war glaub ich Wien. Wenn ich auch Stadtteile benennen darf: Komplett Monaco mit Ausnahme von Le Rocher und die Hamburger Hafencity.

Da sich der Postillon mit seinem einzig garantiert vollständigen Jahresrückblick zu verspäten scheint, hier mal der Link auf den Jahresrückblick 2011. Zum Aktualisieren einfach die Jahreszahlen auf dem Monitor mit Tipp-Ex übermalen, “2013″ drüberschreiben und fertig. Euch allen einen guten Rutsch und einen erfolgreichen Start ins neue Jahr.

Dec 072013
 

 
Nach meinem Ausflug nach Monaco hatte ich erstmal genug von den Überlandbussen, die die verschiedenen Orte der Côte d’Azur östlich von Nizza verbanden. Besonders gegen die stets überfüllte Linie 100, die die Basse Corniche nach Monaco und weiter bis nach Menton befuhr, hegte ich tiefen Groll. Nur dumm, dass ich am nächsten Tag nach Menton fahren wollte und die Alternative, der Zug, bisher am langsamsten Fahrkartenautomaten der Welt gescheitert war, der die Annahme meiner Kreditkarte stoisch verweigert hatte. Dennoch begab ich mich am Morgen besagten Tages zum Bahnhof, um mein Glück noch einmal herauszufordern. Den Fahrkartenautomaten aus der Hölle links liegen lassend suchte ich nach anderen Möglichkeiten, ein gültiges Ticket nach Menton zu erwerben. Schließlich wurde ich in einer Ecke der Bahnhofshalle fündig, wo sich einige Fahrkartenautomaten anderer Bauart versteckt hatten, die auf den ersten Blick nur Fernzugtickets ausstellten, bei näherer Betrachtung aber auch die Möglichkeit eines Tickets nach Menton aus den Tiefen ihrer Menüstruktur zu Tage förderten. Schon dass man sie mit einem Drehrad und einem Knopf bedienen konnte und nicht direkt auf dem Monitor biometrische Daten (aka Fingerabdrücke) hinterlassen musste, machte sie mir sofort sympathisch. Der Buchungsvorgang dauerte auch nur knapp ein Zehntel der Zeit, die ich am Vortag vor dem Fahrkartenautomaten aus der Hölle verbracht hatte und der Gipfel des Glücks war erreicht, als meine Kreditkarte ohne Murren akzeptiert und mir ein gültiges Ticket nach Menton ausgestellt wurde.

Mit dem Ticket bewaffnet ging es nun auf den Bahnsteig, wo schon einige andere Passagiere warteten. Der Zug würde dieselben Orte anfahren wie die Linie 100, allerdings wesentlich schneller und etwas teurer, dafür aber auch wesentlich weniger überfüllt und ohne die Gefahr von Staus oder sonstigen ungewollten Störungen der Reise. Die Einzelfahrt nach Menton kostete mich 5 € (Einzelfahrt Bus 1,50 €), allerdings würde ich auch innerhalb einer halben Stunde und damit einem Drittel der für die Busreise benötigte Zeit am Ziel sein. Der Zug entpuppte sich als typische doppelstöckige S-Bahn, unten mit viel Platz für Räder, Kinderwägen und Gepäck und oben mit vielen Sitzmöglichkeiten. Schnell fand ich einen Fenstersitzplatz, zwar auf der falschen Seite, also vom Meer abgewandt, aber dennoch ein Sitzplatz! Den Großteil der Fahrt verbrachte ich damit, mich über die Klimatisierung und die Ruhe im Abteil zu freuen und den Dörfern, Bergen und Wäldern beim Vorbeihuschen am Zugfenster zuzusehen. Der ohnehin nicht voll besetzte Waggon leerte sich in Monaco noch einmal merklich, ich konnte auf einen Fensterplatz auf der richtigen Seite wechseln und hing den Rest der Fahrt meinen Gedanken nach, während ich auf die azurblaue See blickte, die Aussicht immer wieder unterbrochen von Gebäuden und Tunnelröhren, durch die wir schossen.

In Menton angekommen fehlte es mir wie so oft erst einmal an der Orientierung. Eine Touristeninformation war auch nicht in Sicht, so dass ich mich entschloss, erstmal zur Küste zu laufen. Von dort, mit freiem Blick über das Meer und den Strand, war die Orientierung oft einfacher. Und von dort waren die Touristeninformationen dann meist auch ausgeschildert. Das Meer zu finden, ist an der Côte d’Azur im Allgemeinen nicht schwierig. Da sich die Berge und Hügel, auf denen die einzelnen Ortschaften ruhen, oft direkt am Wasser befinden und zur Küste hin abfallen, muss man einfach immer nur abwärts laufen. Nach kurzer Zeit erreichte ich dann auch den Strand, der hier im Gegensatz zur restlichen Côte d’Azur tatsächlich ein echter weißer Sandstrand ist, der sich malerisch an der gesamten Küste von Menton entlang zieht, unterbrochen nur von den beiden Hafenanlagen des Ortes. Vom Strand aus war die Touristeninformation dann tatsächlich relativ leicht zu finden, und schon bald war ich im Besitz eines Stadtplanes und auf dem Weg in die Altstadt von Menton.


Sandstrand von Menton mit Altstadt im Hintergrund.

 
Menton ist im Wesentlichen für zwei Dinge bekannt: Sein mildes bis warmes Klima mit über 300 Sonnentagen. Und für die Zitrusfrüchte, die in diesem Mikroklima besonders gut gedeihen. So findet man hier an den Straßenrändern Alleen von Orangenbäumen und Orangen als Fallobst darunter. Noch bedeutender ist aber der Anbau von Zitronen. Jedes Jahr im Februar findet das zweiwöchige Fête du Citron statt. Dabei werden Paradewagen mit nur aus Zitronen bestehenden riesigen Skulpturen gezeigt, die durch die Stadt fahren. Anschließend werden die Früchte kiloweise zu Spottpreisen vor dem Palais de l’Europe verkauft. Zudem kann man in Menton alle nur denkbaren Produkte aus Zitronen erwerben, von der Zitronenseife über das Zitronenparfüm oder mit Zitronensaft versetztem Honig bis hin zu Zitronenschnaps. Und sogar das Stadtwappen wird zur Hälfte von einem Zitronenbaum eingenommen. Das führt dann teilweise auch zu absurden Ideen der Stadtverschönerung, wenn beispielsweise an die Straßenlaternen kleine gelbe Halbkugeln montiert werden, die mutmaßlich Zitronenhälften symbolisieren sollen.


Zitronen oder doch halbe Tennisbälle?

 
In der unteren Altstadt, nahe der Strände und des alten Hafens, befindet sich die Touri-Meile. Hier gibt es Hotels, Souvenirgeschäfte, Bars und Restaurants, Ableger bekannter Burgerbrat-Ketten und die erwähnten “Alles aus der Zitrone”-Geschäfte. Die Häuser entsprechen prinzipiell dem typischen Stil, den man aus anderen Vielle Villes der Umgebung gewohnt ist, allerdings sind die Straßen dazwischen boulevardartig breit und nicht verwinkelt. Die ganze Gegend ist ständig von Menschenmassen bevölkert.

  
Untere Altstadt.

 
Nachdem ich die untere Altstadt einmal kurz durchstreift hatte und kurz zu Mittag gegessen hatte, zog es mich erstmal wieder in Richtung Wasser. Die Küstenlinie, die sonst fast durchgängig in Richtung Nordosten ausgerichtet ist, macht hier einen kleinen Schlenker nach Norden. Hier befindet sich der Vieux Port, der alte Hafen von Menton, und am Anfang der künstlich aufgeschütteten Kaimauer, die den Hafen vom Rest des Mittelmeers trennt, eine ehemalige Festung, die Bastion. Der Schriftsteller, Maler und Regisseur Jean Cocteau, der auch schon in Villefranche seine Spuren hinterlassen hat, kaufte diese Bastion, restaurierte sie und gestaltete das Innere und die Außenmauern mit den ihm eigenen Kieselmosaiken. Heute beherbergt das Musée du Bastion wechselnde Ausstellungen mit Werken Cocteaus.

  
Bastion.

 
In Sichtweite zur Bastion findet sich außerdem das 2011 neu eröffnete Musée Jean Cocteau Collection Séverin Wunderman. Der Kunststammler Wunderman hatte der Stadt Menton über 1500 Werke Cocteaus vermacht, unter der Bedingung, dass dafür ein neues Museum gebaut werden solle. Der niedrige, modern gestaltete Bau aus Glas und Beton sticht aus seiner klassisch bebauten Umgebung heraus, vollzieht aber mit seinen geschwungenen Außenmauern und Säulen die Formensprache von Cocteau nach. Leider hatten beide Museen am Tag meines Besuchs Ruhetag. Ich nutzte dennoch die Zeit, um etwas durch die südwestlich von der Bastion gelegene Parkanlage Esplanade du Bastion zu wandeln, von der man einen schönen Blick auf die Küstenlinie westlich von Menton und die neueren Teile der Stadt, aber auch das Vielle Ville mit dem markanten Kirchturm der Basilique St-Michel-Archange hat.

  
Musée Jean Cocteau Collection Séverin Wunderman.
  
Blick aufs Vielle Ville.

 
Diese Kirche, die als größte Barockkirche Frankreichs gilt, wollte ich mir gerne auch einmal von innen ansehen. Allerdings war es gerade einmal 13 Uhr, und an der Côte d’Azur pflegt man im Allgemeinen eine ausgedehnte Siesta. Das heißt, das öffentliche Gebäude, Museen und die meisten Geschäfte (Restaurants ausgenommen) in den Mittagsstunden schließen. Da das auch für die Basilique galt, unternahm ich stattdessen erst einmal eine kurze Wanderung nach Italien.

Menton liegt direkt an der italienischen Grenze. Von der Bastion aus läuft man etwa 2 Kilometer an einer gut ausgebauten Straße auf einem boulevardesken Gehweg entlang, immer der Küstenlinie folgend. Dabei passiert man einige weitere Sandstrände und den zweiten Hafen der Stadt, den Port de Menton Garavan. Auch auf dem Wegabschnitt hinter dem Port gibt es ab und zu noch kleine Buchten und Badeplätze, in denen sich vor allem einheimische Sonnenanbeter und Wasserratten aufhalten. Die Wanderung sollte mich eigentlich etwas entspannen und die Zeit bis zur Öffnung der Basilique herumbringen. Gegen Ende wurde sie aber leider zur Tortur, denn die Mittagssonne stand hoch am Himmel, brannte trotz des beginnenden Septembers noch mit unbarmherziger Härte hernieder und auf den gesamten zwei Kilometern war kaum ein schattiges Plätzchen zu finden. Zwar hatte ich genug Wasser dabei, aber die Gefahr eines Sonnenstichs war nicht mehr nur eine theoretische. Mehr als einmal war ich versucht, mich unter eine der in regelmäßigen Abständen stehenden Bänke zu legen, um zumindest für einige Minuten aus der Gluthitze herauszukommen. Aber letztlich erreichte ich auch so die französisch-italienische Grenzstation.

Seit der EU-internen Grenzöffnung ist die Station nicht mehr von Zollbeamten besetzt, aber verlassen ist sie dennoch nicht. Zum einen stehen hier mehrere Wohnwagen, deren Zweck für mich im Dunkeln blieb. Zum anderen hatte direkt nach der französischen Grenze ein Obsthändler einen kleinen Stand aufgebaut und verkaufte aus seinem LKW heraus Früchte. Obst ist in Italien nämlich wesentlich günstiger als in Frankreich und viele in der Grenzregion lebende Franzosen fahren zum Einkaufen gerne ins Nachbarland. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es auf italienischem Boden außerdem eine kleine Tankstelle, die ihren Hauptumsatz weniger mit Benzin denn mit Alkohol und Tabakwaren zu machen schien. Sonst war die Gegend relativ tot. Die italienische Grenzstadt, Ventimiglia, war noch etwa 7 km entfernt, so dass ich nach zwei kurzen Beweisfotos vor den Grenzschildern den Rückweg antrat. Trotz der immer noch gleißenden Sonne fiel mir der Rückweg etwas leichter, denn nun hatte ich das wunderschöne Panorama des Vielle Ville von Menton vor mir, in dessen schattige Gässchen ich schon bald würde eintauchen können.

  
Grenzübertrittsbeweisfotos.
  
Blick auf Menton.

 
Der Weg in den oberen Teil der Altstadt, das eigentliche Vielle Ville, führt über eine steile Treppe. Wie an vielen anderen Orten an der Côte d’Azur auch, so wurden auch die Häuser Mentons auf einem Berg gebaut, der zum Meer hin abfällt. Die Grundrisse der Häuser und die dazwischen verlaufenden Gassen folgen dabei der ursprünglichen Beschaffenheit des Felsens. Deshalb und aufgrund der Gewohnheit, bei Platzproblemen einfach noch ein wenig an das Haus anzubauen, sind die Häuser in sich so wunderbar verschachtelt und die Gassen zwischen und unter den Häusern bilden ein bezauberndes Labyrinth, das wahrscheinlich insgesamt nur wenige hundert Meter lang ist, in dem man aber stundenlang umherspazieren kann und immer wieder etwas neues entdeckt. Hier oben gibt es auch keine Geschäfte und deshalb auch keine Touri-Massen mehr, nur ab und zu trifft man einen Einheimischen, der im Schatten vor seinem Häuschen sitzt oder, mit Badetuch in der Hand und Sonnenhut auf dem Kopf, gerade auf dem Weg zum Strand ist.

  
  
Vielle Ville.

 
Menton hat dabei das schönste und bezauberndste Vielle Ville, das ich bisher gesehen habe. Es ist noch ein Stückchen verwinkelter und unberührter als Villefranche, es gibt noch mehr Treppen, Abzweigungen und unterirdische Gänge und die Häuser sind noch malerischer. Architektonisch beherrscht wird das gesamte Vielle Ville von der Basilique St-Michel-Archange. Die größte Barockkirche Frankreichs wurde im 17. Jahrhundert gebaut und besitzt einen 35 Meter hohen Uhrenturm und einen 53 Meter hohen Kirchturm. Nähert man sich der Kirche vom Strand, muss man außerdem noch gute 30 Höhenmeter durch Treppensteigen überwinden, so dass die Kirche noch trutziger wirkt. Im Inneren gibt es nichts Besonderes zu sehen, wie üblich in französischen Kirchen nur viel Gold, Gemälde und Ikonen. Auf dem Kirchplatz jedoch befindet sich, eingelassen als Mosaik in den Boden, das Wappen der Familie Grimaldi, die noch heute in Monaco herrscht und auch Menton für viele Jahrhunderte regierte.

  
Basilique St-Michel-Archange.

 
Im wahrsten Sinne gekrönt wird das Vielle Ville von zwei sehr alten und malerischen Friedhöfen, von denen man einen atemberaubenden Blick über ganz Menton hat, die aber auch selbst wunderschön gestaltet sind. Da gibt es große Grüfte und Kolumbarien, mit Statuen geschmückte Gräber, einen Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten und vieles mehr. Als letzte Ruhestätte scheinen diese Orte sehr beliebt zu sein, teilweise gibt es Gräberwände, in denen analog zu einer Urnenwand die Verstorbenen übereinander und nebeneinander beigesetzt werden. Manchmal scheinen hier ganze Familien zu ruhen, wie sich an den Grabinschriften ablesen lässt.

  
  
Friedhöfe über Menton.

 
Es mag für den ein oder anderen makaber klingen, aber genau zu diesem Zeitpunkt habe ich mich in Menton verliebt. Da war diese Stille auf dem Friedhof, nur einzelne singende Vögel und zirpende Grillen. Der kühle Wind und die tief stehende Abendsonne. Und der Blick auf das Meer, auf das Vielle Ville zu den eigenen Füßen, die Côte d’Azur entlang und bis nach Italien. Ich stelle es mir unglaublich romantisch vor, hier mit einem geliebten Menschen zum Abend hinaufzusteigen, auf einer Bank auf dem Friedhof zu rasten und zu picknicken, und dabei zu beobachten, wie die Sonne langsam untergeht und sich Menton auf eine weitere geruhsame Nacht vorbereitet. Nichts auf dieser Welt kann friedlicher sein als genau dieser Ort, wo man mit sich und vielen hundert Toten allein ist, hoch oben über den Ostausläufern der Côte d’Azur.

  
Friedhofsaussicht.

 
Und mit diesem, für den ein oder anderen vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Bild, endet meine Berichterstattung von der Côte d’Azur. Die Rückfahrt von Menton nach Nizza verlief ereignislos, nachdem ich den Bahnhof in Menton erst einmal wiedergefunden hatte. Den nächsten Tag, meinen letzten Urlaubstag am Mittelmeer, verbrachte ich in diversen Museen von Nizza, was auf ganzer Linie eine Enttäuschung und hier nicht weiter erwähnenswert war. Auf dem Rückweg von Nizza nach Dresden machte ich dann noch für jeweils 1-2 Tage Station in Genf und Regensburg, um Freundinnen zu besuchen. Von diesen beiden Städten werde ich in den nächsten Wochen dann noch berichten. Und dann ist das Jahr auch schon wieder fast vorbei. Wie auch in diesem Jahr werde ich mich Anfang 2014 wohl etwas mit bloggen zurückhalten, bevor dann im März und April wieder die ersten Konferenzen und Urlaubsreisen anstehen und ich es wieder etwas zu erzählen geben wird.

Bis es soweit ist, gibt es hier aber erstmal noch ein paar Bilder von Menton.

 

Nov 302013
 

 
Wenn man schon einmal an der östlichen Côte d’Azur weilt, ist es natürlich quasi Teil des Pflichtprogramms, auch mindestens einen Tag in Monaco zu verbringen. Wenigstens, um später erzählen zu können, man sei in Monaco gewesen, um einmal meinen serbischen Zimmergenossen aus dem Hostel zu zitieren. Das Fürstentum Monaco ist im Wesentlichen bekannt für sein Casino im Stadtteil Monte-Carlo, den Formel-1-Grand-Prix von Monaco, dessen Streckenverlauf quer durch den Stadtstaat führt, und die schillernde und skandalumwitterte Herrscherfamilie der Grimaldis, die die Geschicke des Landes seit dem 13. Jahrhundert lenkt. Nach diversen Irrungen und Wirrungen, insbesondere mit dem nicht immer freundlich gesinnten großen Nachbarn Frankreich, ist Monaco seit 1860 endgültig ein unabhängiger Staat. Das Fürstentum ist nicht Teil der EU, wohl aber Teil des Zollgebiets der EU und des Schengen-Raumes (weshalb es zwischen Frankreich und Monaco auch keine Grenzkontrollen gibt) und aufgrund eines Währungsabkommens mit Frankreich auch Teil der Eurozone. Zudem besteht aufgrund entsprechender Verträge für Monaco eine Konsultationspflicht mit Frankreich in außenpolitischen Fragen, die Ernennung von Ministern bedarf der Zustimmung von Frankreich und im Falle einer Aussterbens der Grimaldi-Dynastie fällt das gesamte Staatsgebiet an Frankreich zurück.

Um die Zeit der Unabhängigkeit Monacos herum gehörte es zu den ärmsten Ländern der Welt. Dies änderte sich, als 1863 der erste Vorläufer des heutigen Casinos von Monte-Carlo eröffnet wurde. Weiteres Geld brachte die ab 1869 eingeführte Steuerfreiheit für Privatpersonen (nicht aber Unternehmen) und die Nichtverfolgung von im Ausland begangenen Steuervergehen (außer für französische Staatsbürger), die dazu führten, dass heute etwa die Hälfte der 36.000 Einwohner Millionäre sind. Entsprechend seinem Status als Steueroase sind dabei nur 20% der Einwohner Monegassen, insgesamt leben Menschen aus über 100 Nationen hier. Da sich diese Menschen auf insgesamt nur 2 km² angesiedelt haben, ist Monaco gleichzeitig auch das Land mit der mit Abstand höchsten Einwohnerdichte der Welt.

Schon von Nizza nach Monaco zu kommen, gleicht einer kleinen Herausforderung. Ich berichtete ja schon ein wenig von der Linie 100, mit der man von Nizza über Monaco bis nach Menton fahren kann. Obwohl die Linie tagsüber durchschnittlich alle 15 Minuten von der Rue Catherine Segurane startet, sind die Busse immer überfüllt. Nur für diese Busse stehen an der Haltestelle in Nizza immer zwei Mitarbeiter von Lignes d’Azur, dem zuständigen Nahverkehrsunternehmen, um das Einsteigen einigermaßen geordnet ablaufen zu lassen. Da ich keine Lust auf das Gedränge hatte, wollte ich stattdessen mit dem Zug fahren. Der fuhr halbstündlich vom Bahnhof Nice Ville (Straßenbahnhaltestelle Gare Thiers), war mit 3,60 € zwar mehr als doppelt so teuer wie eine Einzelfahrt mit dem Bus nach Monaco, dafür mit 25 Minuten Fahrtzeit aber auch doppelt so schnell.

Im Bahnhof war auch schon eine Menge Gewusel. Nach einer kurzen Orientierungsphase steuerte ich einen Automaten an, der seinem äußeren Anschein nach auch meine Kreditkarte akzeptieren würde. Er wurde gerade noch von einem Pärchen bedient und ich wartete, bis ich an der Reihe sein würde. Das dauerte erstaunlich lange und ich wunderte mich schon, was die beiden da wohl trieben. Als ich endlich an der Reihe war, verstand ich die lange Wartezeit – ich hatte hier augenscheinlich die Bekanntschaft mit dem langsamsten Fahrkartenautomaten der Welt gemacht. Nicht nur, dass jede Aktion auf dem Touch-Bildschirm gefühlte 10 Sekunden dauerte, die Maschine war auch derart unergonomisch gestaltet, dass man etwa zwei Zentimeter über einem bestimmten Button tippen musste, damit das System die Eingabe akzeptierte. Bis ich das verstanden hatte, vergingen schon die ersten 2 Minuten. Inzwischen hatte sich eine kleine Schlange hinter mir gebildet. Nun ging es an den eigentlichen Buchungsvorgang, der aus etwa 10 Schritten bestand, von denen die meisten für mich irrelevant waren. Als auch diese Tortur vorbei war, ging es ans Bezahlen. Beziehungsweise sollte es ans Bezahlen gehen. Denn dieses Sch***-Teil nahm nach all der Quälerei meine Kreditkarte nicht! Dreimaliges Reinschieben, Pin-Eintippen und Rausziehen lösten das Problem nicht. Dafür entschied der Automat schließlich, dass schon lange keine Eingabe mehr getätigt worden sei und brach den Bestellvorgang ab. Aber damit gab ich mich noch nicht zufrieden. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte, dass die Schlange hinter mir noch nicht allzu lang war, ihr Ende war sogar noch irgendwo in der Ferne sichtbar. Also klickte ich mich erneut durch das quälend langsame Menu, nur um am Ende wieder vor der unerbittlichen Verweigerung des Automaten zu stehen, meine Kreditkarte zu akzeptieren. Die Kreditkarte, mit der ich die letzten Tage fast überall bezahlt hatte. Die Kreditkarte, mit der ich noch nie Probleme hatte. Die Kreditkarte, die mich bisher noch an den obskursten Automaten zuverlässig mit Bargeld versorgt hatte. Ich war kurz davor, vom Glauben abzufallen, gestand meine Niederlage gegenüber dem Automaten ein und zog mich in meiner Schmach zurück.

Dann eben doch mit dem Bus! Ich lief zur Haltestelle Gare Thiers zurück, fuhr zum Place Garibaldi und lief in die Rue Catherine Segurane, zur verhassten Haltestelle der verhassten Linie 100. Tatsächlich stand bei meiner Ankunft schon ein Bus bereit, der sich langsam füllte. Überraschenderweise konnte ich sogar einen Sitzplatz ergattern, wenn er auch gegen die Fahrtrichtung ausgerichtet war. Irgendwann war der Bus voll und die Fahrt begann. Die Strecke erwies sich als sehr kurvenreich und der Fahrer als ein Liebhaber des Vollgas-Bremsen-Vollgas-Bremsen-Fahrstils. In Verbindung mit der Tatsache, dass ich aufgrund meiner rückwärtigen Sitzposition den Straßenverlauf vor uns nicht sehen und mich somit nicht auf den nächsten Richtungs- oder Geschwindigkeitswechsel einstellen konnte, wirkte sich das sehr schnell sehr negativ auf meinen Kreislauf aus. Die Enge im Bus und die diversen Gerüche, die die vielen Menschen verströmten, machten es nicht besser. Etwa ab der Hälfte der Fahrt galt meine Aufmerksamkeit nur noch der Anzeigetafel für die nächste Haltestelle, die es in dieser Linie tatsächlich gab. Ich konzentrierte mich auf jede Haltestelle, verglich sie mit dem Fahrplan nach Monaco und versuchte abzuschätzen, wie lange es noch dauern würde – immer mit der Sorge im Hinterkopf, jeden Moment in den Bus kotzen zu müssen. Mehr als einmal war ich versucht, an der nächsten Haltestelle auszusteigen und den Rest des Weges zu laufen. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es, die Fahrt durchzuhalten, ohne meinen Mageninhalt über meine Mitfahrer zu verteilen. Schließlich erreichte ich die Haltestelle Monte Carlo unweit des Casinos.

Mein erster Weg führte mich zu einer Parkbank, auf der ich erst einmal 10 Minuten durchatmete und etwas trank, um meinen Kreislauf wieder in den Griff zu bekommen. Das war einfacher gesagt als getan, denn ich saß dabei an einer lauten Hauptverkehrsstraße, mir gegenüber nur hässliche Betonklötze. Alles andere als eine Umgebung, in der ich mich hätte entspannen können. Mein erster Weg führte mich dann zur Touristeninformation. Er war glücklicherweise sehr kurz, sie befand sich nämlich direkt hinter der Parkbank, auf der ich Zuflucht gefunden hatte. Den Stadtplan studierend erkannte ich, dass sich direkt hinter der Touristeninformation ein kleiner Park befand. Dorthin zog ich mich erst einmal zurück, um in Ruhe abseits der Straße noch ein wenig zu verschnaufen und etwas zu essen.

Die Parks in Monaco sind anders als anderswo an der Côte d’Azur. Sie sind zwar sehr schön und sehr gepflegt. Aber man sieht ihnen auch an, dass sie künstlich angelegt sind. Hier ist der Platz jeder Pflanze durchdacht, hier macht man sich die Natur untertan. Es hat ein bisschen was von einem überkandidelten Schlossgarten, von einem Disneyland für das Gärtnerhandwerk. Kein Ort, an dem man lange verweilen möchte. Dass man hier nicht mehr in Frankreich ist, sieht man auch an den Schildern: überall wird darauf hingewiesen, dass das Betreten des Rasens verboten ist – und die Leute halten sich auch noch dran! So ein bisschen hat man schon das Gefühl, irrtümlicherweise in einer deutschen Enklave gelandet zu sein.

  
Park in Monaco.

 
Direkt unterhalb des nicht sehr großen Parks gelangt man zum Casino von Monte-Carlo. Das Casinogebäude, das nebenstehende Hôtel de Paris und das Café de Paris stammen alle aus den 1860er Jahren. Sie sind im historistischen Stil ihrer Zeit erbaut und durchaus nett anzusehen. Das Bild wird allerdings etwas getrübt durch die Massen an Touristen, die sich in dieser Gegend herumtreiben und die vielen Autos, darunter auch viele Nobelkarossen, in denen die Spieler vorfahren. Blickt man zudem von der Meerseite auf das Casino, so erheben sich im Hintergrund die für Monaco leider typischen Hochhäuser und Bettenburgen aus den Neunzehnhundertsechziger und -siebziger Jahren, die den ansprechenden Eindruck sofort wieder nachhaltig zerstören.

  
Casino von Monte-Carlo
  
Links: Hôtel de Paris. Rechts: Café de Paris.

 
Das Casino befindet sich einige Höhenmeter über dem Meeresspiegel und nahe am Meer (wobei in Monaco zugegebenermaßen alles nahe am Meer liegt). Zwischen dem Gebäude und dem Wasser befinden sich einige Terrassen und Gärten, in denen man schlendern kann. Wenn man bis zur Wasserlinie vorläuft, stellt man dabei fest, dass man sich gerade auf dem Dach eines Gebäudes befindet, und sich unter einem Balkon an Balkon mit Meerblick reiht. Außerdem findet man hier das “Hexagrace”, ein 1979 von Victor Vasarely, einem Vater der Op-Art, erstelltes Mosaik zu Füßen dieser Balkone.

  
Hexagrace.

 
Westlich kann man zudem über den Port Hercule blicken, den Hafen von Monaco. Auf der anderen Seite des Hafens, ebenfalls auf einer Felsenklippe gelegen und bewaldet, erkennt man Le Rocher, die Altstadt von Monaco. Dazwischen fällt das Gelände ab und gibt den Blick frei auf die Bausünden der letzten Jahrzehnte. Es ist wirklich ein einziges Trauerspiel. In diesem Bereich ist die typische Bebauung der Côte d’Azur aus kleinen Häuschen und engen Gässchen fast vollständig ausgerottet worden. Stattdessen erheben sich überall Monumente der Hässlichkeit, Hochhäuser aus den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also genau der Zeitspanne, in der die Architekten dieser Welt kollektiv den Geschmack verloren hatten und augenkrebserregende Gebäude aus Beton und Stahl errichteten. Die zuvor vorhandene Architektur wird dabei einfach ignoriert oder überbaut. So kommt es dann zu solch skurrilen Anblicken wie einer süßen kleinen Kirche, die sich in den Schatten einer neu gebauten Hochstraße duckt, über die die Autos hinwegdonnern.

  
Links: Anblick des Grauens. Rechts: Kirche unter Schnellstraße.

 
Ich lief zum Hafen hinunter und, weil es dort wirklich nichts zu sehen gab, direkt weiter nach Le Rocher. Die Altstadt liegt auf einer Felsenklippe, man muss also einige hundert Stufen erklimmen, um sie zu erreichen. Den Eingang bilden alte Festungsanlagen, von denen der Hafen früher überwacht wurde. Am Eingang nach Le Rocher wird man per Schild außerdem darüber informiert, dass es innerhalb des Viertels, in dem sich auch der Fürstenpalast befindet, verboten sei, mit unbekleidetem Oberkörper, barfuß oder mit Badekleidung herumzulaufen.

  
Links: Weg nach Le Rocher. Rechts: Verbotsschild.

 
Direkt rechts des Eingangs zu Le Rocher findet sich der Palais Princier, der Fürstenpalast von Monaco. Normalerweise kann dieser auch besucht werden, bei meiner Ankunft war das Gebiet aber abgesperrt, vermutlich war irgendein Staatsakt im Gange. Linker Hand kann man noch einmal einen Blick über die Stadt und ihre schauderhafte Architektur werfen, bevor man dann ins Viertel von le Rocher eintaucht.

  
Palais Princier.

 
Le Rocher ist wirklich das einzige Viertel, in der man die typische Bebauung aus kleinen verschachtelten Wohnhäusern und engen, verwinkelten Gässchen tatsächlich noch findet. Zwar ist auch hier alles auf den Tourismus ausgelegt, mit einer Unmenge an Eisständen, Restaurants und Souvenirläden, die sich in den schmalen Gässchen drängen, aber zumindest in einigen Nebengässchen findet man noch Anzeichen authentischen Lebens und kann von dem Gewusel der Touristen etwas Abstand gewinnen. Außerdem befindet sich in Le Rocher der einzige Grund, aus dem der Tag am Ende kein kompletter Reinfall war und gleichzeitig auch der einzige Grund, der aus meiner Sicht einen Ausflug nach Monaco rechtfertigt: Das Ozeanographische Museum Monaco.

  
  
Le Rocher. Unten rechts: Ozeanographisches Museum.

 
Das Ozeanographische Museum ist Museum, Institut für Meereskunde und Aquarium in einem. Es wurde 1889 von Fürst Albert I. gegründet und befindet sich an einem Steilhang direkt am Meer. Der als “prince navigateur” bekannte, meereskundlich interessierte Albert I. hatte von seinen Expeditionen diverse Erinnerungs- und Forschungsstücke mitgebracht und wollte diese nun an einem zentralen, für die Bürger seines Landes zugänglichen Ort ausstellen lassen. Im Laufe der Zeit gewann das ozeanographische Museum immer mehr an Bedeutung, unter anderem auch wegen seiner herausragenden Direktoren. So leitete Jacques-Ives Cousteau, der berühmte Unterwasserfilmer, das Museum und das angeschlossene Institut seit 1957. Ihm zu Ehren wird vor dem Gebäude noch heute eines seiner Tauchboote ausgestellt.


Tauchboot von Jacques-Ives Cousteau

 
Heute findet man in der unteren Etage des Museums diverse Aquarien. Hier tummeln sich unter anderem Haie, Rochen, Kraken, Seepferdchen, Seesterne, Langusten, Krebse und alle Arten von Fischen. Die Haltungsbedingungen erscheinen mir dabei allerdings etwas fragwürdig. So gibt es zum Beispiel eine etwa zwei Meter breite und deckenhohe Glassäule, die komplett mit Wasser gefüllt ist und in der ein ganzer Schwarm Fische ständig nur im Kreis schwimmt. Auch die Einzelaquarien erscheinen mir teilweise etwas klein und in ihrer Einrichtung eher auf den Voyeurismus der Besucher als auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgelegt. Dennoch ist es durchaus eine spannende Angelegenheit, die diversen bekannten und unbekannten Tierarten der Ozeane mal lebend aus der Nähe zu sehen.

  
  
Aquarienbewohner.

 
In den Etagen darüber findet man die Ausstellung der Forschungsobjekte von Albert I. und seiner Nachfolger. Wenn man die breite Prachttreppe zum ersten Stock hinauf läuft, sieht man über sich erst einmal einen 10 Meter langen konservierten Riesenkraken hängen. Im linken der beiden Säle erhält man vor allem Informationen zu den Expeditionen selbst. Hier ist ein typisches Schiffslabor aus dem 19. Jahrhundert nachgebaut, in Vitrinen ruhen diverse Gerätschaften, die Albert I. und seine Nachfolger unterwegs benutzten, und in einer Ecke hängt eine plastinierte Version eines Wals in Lebensgröße. Der Saal zu Rechten beinhaltet vor allem Skelette und Skelettteile diverser Meerestiere. Dominiert wird der Saal von einem von der Decke hängenden Blauwalskelett, das gut die Hälfte des 50 Meter langen Raumes einnimmt. Ansonsten finden sich hier beispielsweise eine ganze Reihe von Haikiefern, von denen einer sogar so präpariert ist, dass man ihn anfassen kann.

  
Links: Riesenkraken. Rechts: Blauwalskelett.
  
Große Klappe, nichts (mehr) dahinter: Haikiefer (rechts zum Anfassen).

 
Auf einer Zwischenetage des Museums gibt es dann noch eine ganz spezielle Besonderheit: Hier können Kinder zu bestimmten Zeiten und nach vorheriger Einweisung kleine Haie streicheln, die in einem Bassin schwimmen. Als ich dort vorbeikam, war die Schlange etwa 100 Meter lang, ich entschied mich daher gegen eine Kuscheleinlage mit den Raubtieren.

Auf dem Dach des Museums hat man dann noch einmal einen Blick über Monaco (ich schreibe bewusst nicht “einen schönen Blick”), außerdem gibt es hier oben ein Restaurant und in einer Ecke eine Aufzuchtstation für Schildkröten. Insgesamt kann man in dem Museum gut 3 Stunden und mehr verbringen, allerdings ist es mit 14 € (kein Studentenrabatt) auch nicht sonderlich billig. Dennoch war es letztlich mein Highlight des Tages und ich kann einen Besuch durchaus empfehlen.

 
Nach dem Besuch des Museums hatte ich dann aber doch genug von Monaco. Ich ging wieder runter zum Hafen, fand nach einigem Suchen eine Bushaltestelle, an der die Linie 100 in Richtung Nizza fuhr, und wartete dort mit vielen anderen Menschen. Ich erwischte einen der letzten Plätze im Bus, stehend direkt vorne beim Fahrer, und verbrachte die nächste Stunde dort. Zwar rebellierte mein Kreislauf bei dieser Fahrt nicht mehr, dennoch schwor ich mir, bei der am nächsten Tag anstehenden Fahrt nach Menton – noch einmal 12 km östlich von Monaco – definitiv den Zug zu nehmen. Komme was da wolle.

Mehr Bilder von Monaco gibt es hier.

Nov 232013
 

 
Weil ich bei meiner Wanderung um das Cap Ferrat mein Herz in der Bucht von Villefranche gelassen hatte, fuhr ich am nächsten Tag noch einmal hin, um es wieder abzuholen. Diesmal ging es direkt in den Ort hinein, der sich größtenteils an der Westküste der Bucht, also gegenüber meiner neuen Lieblingshalbinsel entlang zieht. Auch Villefranche erreicht man mit der Linie 81 in Richtung Port de Sant-Jean oder mit der Linie 100 in Richtung Monaco oder Menton, wobei letzteres aus schon benannten Gründen nicht empfohlen werden kann. Ausstieg ist jeweils an der Haltestelle “Octroi”, die aufgrund ihrer Größe und der Menschenmassen, die sich hier bewegen, nicht allzu leicht übersehen werden kann. Die Touristeninfo befindet sich an der Nordseite des Platzes (beim Ausstieg aus dem Bus links) und ist ebenfalls gut zu finden. Nachdem ich mich wie üblich mit Kartenmaterial der Gegend eingedeckt hatte, zog es mich erst einmal in den Norden ins Vielle Ville, die Altstadt des Ortes.

Altstädte haben an der Côte d’Azur ja immer etwas Zauberhaftes, aber die Altstadt von Villefranche sticht selbst unter all diesen Schönheiten noch einmal hervor. Sie ist wirklich ein einziges Postkartenmotiv. Man kann die Kamera in nahezu jeden Straßenzug hineinhalten und abdrücken und wird ein makelloses, wunderschönes Foto erhalten. Der Grundaufbau aus engen kleinen Gässchen und pastellfarbenen Häuschen entspricht dem von Vieux Nice, ist hier aber viel organischer und weniger monolithisch umgesetzt. Die Gässchen ziehen sich feingliedrig zwischen den Häusern hindurch. Aufgrund der Topographie verlaufen sie ständig auf unterschiedlichen Höhenebenen, steigen oder senken sich unentwegt und sind durch eine Vielzahl von Treppen miteinander verbunden. Weil die Häuser offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten und mehr oder minder kreuz und quer gebaut wurden, verlaufen die Gassen verwinkelt zwischen und teilweise auch unter den Häusern.

    
  
Vielle Ville.

 
Es ist ein einziges Labyrinth – ein sehr apartes Labyrinth, denn die Häuschen, die seine Mauern bilden, sind alle gut in Schuss gehalten und individuell gestaltet. Oft wird der Postkarteneffekt noch verstärkt, indem die Bewohner große Pflanzenkübel oder einen Gartentisch vor der Tür stehen haben – man sieht, dass hier wirklich Leute wohnen und das nicht nur eine Kulisse für die Touristen ist. Entsprechend ist es abseits einiger weniger Touristenmagnete, die sich vor allem nahe des Wassers finden, auch sehr ruhig und wenig überfüllt – ideal also, um beim Herumstreifen die Seele baumeln zu lassen. Insgesamt erscheint das Vielle Ville als das menschengemachte Gegenstück zur westlichen, von idyllischen Buchten durchzogenen Steilküste von Cap Ferrat. Man entdeckt alle 10 Meter eine neue malerische Ecke, die alles zuvor Gesehene in den Schatten stellt.

Eine sehenswerte Besonderheit in der an Sehenswertem nicht armen Altstadt ist die Rue Obscure, eine 130 Meter lange unterirdische Gasse, die parallel zur Uferstraße verläuft. Die Rue Obscure wurde schon 1260 als Wehrgang gebaut, auf dem sich Soldaten unbemerkt in der Stadt bewegen konnten. Zwischenzeitlich war sie sogar zugeschüttet worden, wurde dann aber wieder freigelegt und ist seit 1932 denkmalgeschützt. Die Rue verbreitet mit ihrem Wechsel vom sonnigen Tag in das schattige, nur von einigen Glühbirnen erleuchtete Dreivierteldunkel einen sehr morbiden, faszinierenden Charme, in dem plötzlich alles fotogen wird – selbst der Müllhaufen des Restaurants in der Seitengasse.

  
  
Rue Obscure.

 
Eine weitere Sehenswürdigkeit im Osten der Altstadt, direkt am Hafen, ist die Chapelle Saint-Pierre. Diese kleine Kapelle wurde 1957 im Inneren von John Cocteau vollständig mit Fresken bemalt. John Cocteau war Schriftsteller, Regisseur und Maler und einer der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, der unter anderem mit Pablo Picasso zusammenarbeitete. Cocteau hielt sich während eines (letztlich erfolglosen) Opiumentzugs längere Zeit in Villefranche auf und verliebte sich dabei in die Stadt (und wie könnte er auch nicht?). Eines Tages bat er die Bewohner, ihm die Schlüssel für die kleine, aus dem 14. Jahrhundert stammende und heruntergekommene Kapelle zu überlassen, und begann, sie innen mit Bildern der Lebensgeschichte von Petrus zu bemalen – verwoben mit Motiven aus seinem eigenen filmischen Schaffen und seines persönlichen Umfelds. Herausgekommen sind großformatige Strichzeichnungen, die teilweise mit pastellfarbenen Flächen gefüllt sind. Die Farbflächen sind derart zart aufgetragen, dass sich die Augen erst einige Minuten an die Dämmerung in der Kapelle gewöhnen müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. Das Ganze ist schon sehr stilvoll, allerdings sollte man sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die 2,50 € Eintritt zu bezahlen. Die Kapelle ist nämlich wirklich sehr klein, besteht nur aus einem einzigen Raum und enthält nur etwa 3 großformatige Szenen – eine an der Wand links, eine an der Wand rechts und eine vorne im Altarbereich. Wer sich nicht allzu sehr für Kunst oder den Surrealismus interessiert, kann sich das Eintrittsgeld durchaus sparen.


Chapelle Saint-Pierre.

 
Ebenfalls als Sehenswürdigkeit angepriesen wird die Citadelle Saint-Elme. Die Festung wurde ab 1557 zur Verteidigung des strategisch wichtigen Handelshafens von Villefranche erbaut. Heute beherbergt sie ein Hotel, das Rathaus des Ortes, vier Museen, einen Garten und ein Freilufttheater. Ich war an einem Sonntag in Villefranche, so dass zwei der vier Museen leider geschlossen waren. Geöffnet waren nur das Volti-Museum und das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie. Das Volti-Museum beherbergt ausschließlich Fruchtbarkeits- und Weiblichkeitsstatuen aus allen Ecken und Enden der Welt, aus verschiedensten Materialien und Epochen. Das ist bei den ersten 5-10 Exponaten noch ganz interessant, spätestens nach der hundertsten Statue sollte aber auch der Letzte begriffen haben, dass Weiblichkeit offensichtlich weltumfassend mit Brüsten und ausladenden Hüften assoziiert wird. Allzu spannend war das also nicht. Gleiches muss man über das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie sagen. Das “Museum” ist letztlich nur ein einziger mittelgroßer Raum, in dem wie in jeder militärischen Ausstellung irgendwelche Uniformen der Einheit, Abzeichen und Dokumente, Bilder und Gemälde berühmter Offiziere und ähnliches präsentiert wurde.

  
Die Zitadelle.
  
Ausstellungsstücke des Volti-Museums.

 
Leider geschlossen hatte das Musée Goetz-Boumeester, eine von den Künstlern Christine Boumeester und Henri Goetz zusammengetragene Sammlung von Kunstwerken unter anderem von Picasso, Picabia, Mio und Hartung. Ebenfalls nicht zu besichtigen war die Collection Roux, eine Art Heimatmuseum, in dem anhand historischer Dokumente der Lebensalltag der Region im Mittelalter und in anderen Epochen plastisch dargestellt wird. Alle Museen können ohne Eintritt besucht werden, allerdings lohnt sich das zumindest bei den beiden von mir gesehenen Ausstellungen kaum. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass insbesondere das Musée Goetz-Boumeester doch einen Abstecher wert wäre und werde bei meinem nächsten Besuch mein Glück noch einmal versuchen.

Die Innenhöfe der Zitadelle lassen sich ansonsten vollkommen frei erlaufen, man kann auch in einen der kleinen Verteidigungserker klettern und durch die Schießscharten auf den Hafen schauen. Der Ausblick ist durchaus sehenswert, man sieht zum Beispiel einen südlich der Zitadelle angelegten Yachthafen, der vom Dorf aus eher nicht einsehbar ist, und man hat auch einen schönen Blick über Cap Ferrat, mit dessen höchsten Erhebungen man sich hier in etwa auf einer Höhe befindet. Der schönste Blick über das Dorf und über die Bucht ist das aber nicht. Um den zu bekommen, muss man bis zur Bahnstation laufen, die sich direkt hinter dem gut besuchten Badestrand an der zentralsten Küstenstelle der Bucht befindet, dann einige Treppen mit sehr vielen Stufen hinaufklettern, die sich zwischen Villen, die sich an den Hang schmiegen, hinaufführen, um schließlich auf der Basse Corniche herauszukommen, der niedrigsten der drei Küstenstraßen, die von Nizza über Monaco nach Menton führen. Hier überblickt man tatsächlich die ganze Bucht, beginnend mit dem Mont Boron im Westen, der sich an die felsigen Hänge schmiegenden Altstadt, dem azurblauen Wasser unter einem, bis zum Cap Ferrat auf der Ostseite und darüber hinaus, auf die nächsten Berge und Buchten, die sich die weitere Côte d’Azur entlangziehen.

  
Blick von der Basse Corniche auf Cap Ferrat und Villefranche.

 
Nachdem ich einmal dort oben war, lief ich die Basse Corniche bis zu meinem Ausgangspunkt, dem Octroi zurück, und schließlich noch ein wenig darüber hinaus, bis ich mich unterhalb des Mont Boron befand. Auch von hier hatte man nochmal einen schönen Blick in die Bucht hinein, über Cap Ferrat hinüber und die weitere Küstenlinie entlang. Auf dem Rückweg hielt ich Ausschau nach einer Haltestelle der 81, die sich laut meiner Karte eigentlich hier befinden sollte. Glücklicherweise, wie ich aus heutiger Perspektive sagen muss, fand ich keine und lief zum Octroi zurück. Hier warteten schon einige Menschen an der Haltestelle auf den Bus, der seinerseits auf sich warten ließ. Als schließlich eine 81 kam, war diese schon so gefüllt, dass nicht mehr alle Wartenden hinein passten – natürlich war auch ich unter denen, die zurückgelassen werden mussten. Der nächste Bus fuhr dann schon mit dem leuchtenden “Fermee”-Schriftzug, dem Zeichen, dass er überfüllt sei, an die Haltestelle heran und auch direkt an ihr vorbei. Erst bei Nummer drei, einem auch schon gut gefüllten Bus der Linie 100, hatte ich dann Glück und erwischte den letzten Gangplatz direkt vorne beim Fahrer. Entsprechend fuhr auch dieser Bus ab jetzt mit dem “Fermee”-Schriftzug und ich hätte, wenn ich an einer der späteren Haltestelle gewartet hätte, wohl noch sehr lange das Nachsehen gehabt, bevor sich eine Rückfahrgelegenheit ergeben hätte.

Die Rückfahrt dauerte aufgrund des mittlerweile eingesetzten Feierabendverkehrs und einer sehr seltsamen Ampelschaltung, die den Verkehr auf der nur einspurig ausgebauten Küstenstraße in regelmäßigen Abständen völlig zum Erliegen brachte, dennoch eine gute Stunde, obwohl nur 6 km zu überwinden waren. Es war schon kurz vor 20 Uhr, als ich ziemlich entnervt in Nizza ankam, und erstmal ins Hostel fuhr, um etwas Ordentliches zu Abend zu essen. Dennoch kann ich einen Ausflug nach Villefranche prinzipiell empfehlen, zumindest unter zwei Bedingungen: Man sollte sich für die stressfreiere Anreise per Zug entscheiden, auch wenn diese etwas teurer sein mag. Und man sollte nicht erwarten, in Villefranche einen ganzen Tag mit Sightseeing verbringen zu können, einfach weil es dafür dann doch nicht so viel zu sehen gibt. Aber man kann ja auch daran denken, seine Badesachsen mitzunehmen, und den Nachmittag mit der Entdeckung der nassen Seite der Bucht verbringen.

Mehr Bilder von Villefranche gibt es hier.