JoSchu

Nov 162013
 

 
Die Halbinsel Cap Ferrat erstreckt sich östlich von Villefranche ins Mittelmeer. Eigentlich handelt es sich um zwei Halbinseln: Von der eigentlichen Landzunge geht in östlicher Richtung nochmal ein kleinerer Arm ab, quasi eine Landzungenzunge oder Landzungenpapille. Die Halbinsel ist in weiten Teilen bewaldet, nur am Übergang zum Festland findet man das Dorf Saint-Jean-Cap-Ferrat. Allerdings schauen aus dem Blätterdach im äußeren Teil von Cap Ferrat auch hier und da die weiß schimmernden oberen Stockwerke diverser Luxusvillen heraus, so dass die Gegend leider nicht nach Belieben durchstreift werden kann, sondern man sich darauf beschränken muss, die Rundgänge an der Küste zu laufen.

Nach Saint-Jean-Cap-Ferrat kommt man mit der Linie 81 in Richtung Port de Saint-Jean, die wie die Linie 82 nach Èze von der Rue Catherine Segurane startet. Ich erzählte schon, dass die Busse innen keine Haltestellenanzeige haben und auch nicht zwangsläufig an jeder Haltestelle halten. Diesmal wurde mir das zum Verhängnis. Eigentlich wollte ich an der Haltestelle “Passable” aussteigen. Von hier hätte man einerseits Zugang zum “Passable Plage” gehabt, einem Strand am westlichen Rumpf der Halbinsel, auch der Beginn des Rundweges um die große Halbinsel startet hier. Andererseits befindet sich die Haltestelle direkt vor der Villa Ephrussi de Rothschild, einer Belle-Époque-Villa die einst einer exzentrischen Adeligen gehörte und heute als Museum besucht werden kann. Hier sollen sich im Inneren diverse Kunstgegenstände, alte Gemälde und Möbel stapeln, während die außen angelegten Themengärten (Spanischer, japanischer, französischer, florentinischer, Stein-, Kaktus- und Rosengarten) zu jeder Jahreszeit zur Entspannung einladen. Leider bemerkte ich erst, dass ich hätte aussteigen sollen, als sich an der Haltestelle der Bus plötzlich merklich leerte und der Busfahrer schon wieder angefahren war. So blieb die Villa Rothschild unbesucht und steht nun auf der Liste der Gründe, wegen denen ich die Côte d’Azur unbedingt noch einmal besuchen muss (von den Offensichtlichen abgesehen, wie, dass es einfach die schönste Gegend ist, die ich kenne). Dieses Schicksal teilt sie sich übrigens mit der Villa Kérylos, die östlich von Cap Ferrat auf dem Festland liegt und bis ins Detail, sogar bis hin zur Möblierung, einer athenischen Villa aus dem 1. Jahrhundert nachempfunden ist.

Ich stieg schließlich an der Endstation am Hafen, dem Port de Saint-Jean, aus. Leicht desorientiert (also wie immer) lief ich dann auf der Suche nach einer Touristeninfo oder einem öffentlichen Stadtplan erstmal in die falsche Richtung und fand mit dem Plage du Cros dei Pin einen schönen kleinen Strand, der sich nördlich an den Hafen anschließt und anscheinend vorwiegend von Einheimischen besucht wird. In dessen Nähe entdeckte ich schließlich einen Wegweiser, der mich zur nächsten Touristeninfo führte, wo ich mir einen Stadtplan der Gegend besorgte.

Mit dem Stadtplan konnte ich mich dann zumindest soweit orientieren, um zu wissen, dass ich mich nördlich der kleinen Landzungenzunge befand, um die es ebenfalls einen Rundweg gab, den “Sentier du Bord de Mer”. Auch das andere Ende des Rundwegs um die große Landzunge war von hier aus gut zu erreichen, so dass ich mich entschloss, zuerst die kleine und dann die große Runde zu laufen. Laut dem Plan sollte die kleine Umrundung auch nur eine halbe Stunde, die Große dann noch einmal anderthalb Stunden dauern. Da wäre noch genügend Zeit geblieben, die Villa Rothschild doch noch zu besuchen. Und der Konjunktiv ist dabei die richtige Zeitform, auf solche Zeitangaben sollte man sich nämlich keinesfalls verlassen, wenn man sich nicht joggend durchs Leben bewegt. Ich hab jedenfalls immer gut das Doppelte der angegeben Zeit benötigt, wobei zugegebenermaßen auch einige Zeit dafür draufging, das dreihundertste tolle Panoramabild aufzunehmen, das dann aufgrund zu starker Helligkeitsunterschiede doch nicht von der Handysoftware verarbeitet werden konnte.

Die kleine Landzungenzunge hat eine grob dreieckige Fläche, ihre Küste zieht sich zuerst in südliche Richtung, dann nach Nordosten und schließlich schnurstracks zurück nach Westen. Dadurch bildet sie auf ihrer westlichen Seite zusammen mit der großen Landzunge eine kleine Bucht, in der sich die beiden Strände “Plage des Fossettes” und “Plage des Fosses” befinden. In der Bucht ankerten auch diverse kleinere und größere Yachten, deren Besitzer das Wochenende bei strahlendem Sonnenschein genossen. Ich lief zu Beginn des Rundwegs an dieser Bucht entlang, so dass ich das Meer immer rechter Hand und die Insel immer linker Hand hatte. Von der Insel selbst sieht man dabei nicht viel. Wie fast alles Land in dieser Gegend nimmt sie von der Küste ins Innere hinein sehr stark an Höhe zu. Die Westküste ist zudem bewaldet, an Süd- und Nordküste wird der Weg durch Mauern vom Inselinneren abgegrenzt. Linker Hand war also nie wirklich viel zu sehen. Rechter Hand dafür umso mehr.

  
DieBucht zwischen Landzunge und Landzungenzunge.

 
Sobald man die erste große Biegung des Rundweges gelaufen ist und sich damit außerhalb der Bucht auf der Südseite der Landzungenzunge befindet, sieht man außer dem Rundweg selbst teilweise absolut kein Land mehr um sich. Stattdessen nur Meer, soweit das Auge reicht. Manchmal wird es durchschnitten von Segelschiffen, Motorbooten oder Jetskis, ansonsten liegt es glatt und unantastbar vor einem, der Übergang von Himmel zu Wasser nur erkennbar an den unterschiedlichen Blautönen, die sich am Horizont treffen. Hier finden sich auch einige “wilde” Badestellen, kleine Steinplateaus, auf denen man sich sonnen kann und von denen man leicht ins Wasser kommt. Zu einigen führen Stufen, bei anderen muss man sich den Zugang zum kühlen Nass erst erklettern. Soweit ich es beurteilen kann, bevorzugen die Einheimischen diese etwas abgelegenen Orte gegenüber den überlaufenden Stränden an der Basis der Landzungenzunge.

  
  
Im Süden der Landzungenzunge.

 
Etwa in der Mitte der Südküste öffnet sich die Mauer linker Hand und gibt einen kleinen schattigen Weg frei, der bergauf ins Landesinnere zur Chapelle de Saint-Hospice führt. Die Kapelle entstand im 17. Jahrhundert als Zentrum einer Festung, von der aus die umliegenden Gewässer und Cap Ferrat vor Plünderern geschützt werden sollten. Die Bedeutung des Ortes als religiöse Stätte beginnt allerdings über tausend Jahre zuvor. Der Legende zufolge soll hier im 6. Jahrhundert ein Einsiedler in den Ruinen eines verlassenen Turmes gewohnt haben, der mit Wunderheilungen von sich reden machte und bald nach seinem Tod in der Umgebung verehrt wurde. Auffälligstes heutiges Merkmal ist die große Statue der Maria mit Kind neben dem Eingang zur Kapelle. Sie wurde im Jahr 1903 zur Erfüllung eines Gelübdes von einem nizzanischen Olivenkaufmann gestiftet und im Jahre 1937 an ihren heutigen Platz gebracht. Etwas unterhalb der Kapelle findet sich außerdem ein kleiner Friedhof, der bei meiner Ankunft leider verschlossen war, von dem man vermutlich aber einen tollen Ausblick über die Bucht zwischen Landzungenzunge und Landzunge hat.

  
  
Die Chapelle de Saint-Hospice.

 
Biegt man am östlichen Ende der Landzungenzunge erneut um die Ecke und läuft an der Nordküste weiter, befindet man sich Auge in Auge mit der gesamten Küstenlinie der Côte d’Azur. Bis zum Horizont reiht sich Berg an Bucht an Berg an Bucht. Wobei man die Buchten irgendwann nur noch erahnt zwischen den Bergen, die sich ins Meer hinein schieben, wie die wulstigen Finger eines Riesen, der sich mit aller Kraft an der Küste festgekrallt hat, um weiterhin diese Schönheit atmen zu können, und dessen Fingerrücken im Laufe der Jahrtausende überwuchert wurden von Bäumen, Häusern und Dörfern, so dass er nun selbst Teil dieser Schönheit ist.

Auf der Nordseite scheinen auch einige Gutbetuchte ihre Zweit- oder Drittvilla zu besitzen. Ab und an wird die Mauer linker Hand von einem gut gesicherten Tor unterbrochen, hinter dem Stufen ins bewaldete Irgendwo führen, das tatsächliche Anwesen nur erahnbar. An einer Stelle hatte sich jemand sogar seinen eigenen Privathafen mit direktem Zugang zum Anwesen angelegt. Am westlichen Ende der Nordküste, am Übergang zur großen Landzunge, geht es hingegen wieder profaner zu – hier befindet sich der “Paloma Plage”, der weithin beworbene Touristrand von Cap Ferrat.

  
Im Norden der Landzungenzunge.

 
Bevor ich mich nun auf den Weg zum großen Rundgang um die Landzunge machte, löschte ich zunächst meinen Durst in dem an der Basis der Landzungenzunge befindlichen “Fontaine Coexist”. Von diesen kunstvoll gestalteten Trinkbrunnen gibt es auf Cap Ferrat drei Stück, sie sollen die Gleichheit und Einheit der drei abrahamischen Religionen Islam, Judentum und Christentum symbolisieren. Das hier abgebildete Exemplar wurde übrigens 2007 von Bono und Tony Blair offiziell eingeweiht. Das Wasser war aber trotzdem klar und sehr erfrischend.
Ich finde es ohnehin praktisch, dass man an der Côte d’Azur fast überall Brunnen findet, deren Wasser ausdrücklich zum Trinken geeignet ist. Das mag man in einer solch sonnenbeschienenen Gegend als Notwendigkeit erachten, zumal es vermutlich billiger ist als sich ständig um dehydrierte Touristen kümmern zu müssen, andererseits habe ich das selbst in südlicher gelegenen Gegenden bisher noch nicht standardmäßig entdeckt. Hier, an der Côte d’Azur, sind diese Wasserstellen teilweise sogar in den Stadtplänen verzeichnet.


La Fontaine Coexist.

 
Nun machte ich mich zunächst immer noch nicht auf den Weg zum großen Rundgang, sondern folgte meinem Stadtplan, der mich auf einen Aussichtspunkt in der Dorfmitte von Saint-Jean-Cap-Ferrat aufmerksam gemacht hatte. Das ist ohnehin das Praktische an solchen Touri-Stadtplänen und der Grund, warum mich mein erster Weg in jedem Dorf erstmal zur nächsten Touristeninformation führte – man entdeckt Sehenswertes, das man sonst übersehen hätte. Zwar hatte ich selbstverständlich auch meinen unschlagbaren Lonely-Planet-Reiseführer im Gepäck, aber der listet natürlich nicht von jedem Dörfchen alle vorhandenen Sehenswürdigkeiten auf. Zwar erhöht sich bei Touri-Stadtplänen die Gefahr, in Touristenfallen zu laufen und das wirkliche Leben hinter den Fassaden zu übersehen, aber solange man sie nur als Ergänzung zur eigentlichen Tagesgestaltung ansieht, ist es das meines Erachtens wert. Der Weg zum Aussichtspunkt war jedenfalls steil, aber kurz, und die Aussicht auf die Landzungenzunge und die sich dahinter ausbreitende Küste der Côte d’Azur auch nett anzusehen. Dann ging es wieder runter zur Küste und diesmal wirklich und endlich auf den großen Rundweg um die große Landzunge.


Blick auf die Landzungenzunge.

 
Ich begann auf der östlichen Seite der Landzunge auf Höhe der kleinen Landzungenzunge, also auf der anderen Seite der schon beschriebenen Bucht. Den Zugang zum Rundweg zu finden war gar nicht so einfach, auf den ersten Blick wirkt die Chemin de la Carrière, die als Startpunkt dient, nämlich wie eine Sackgasse. An ihrem Ende erwartet einen eine große Mauer mit einem verschlossenen Tor. Erst wenn man näher kommt sieht man, dass das Tor nur Autofahrer abhalten soll, und es an den Seiten fußgänger- und motorrollerbreite Lücken in der Mauer gibt. Dahinter erstreckt sich anscheinend eine Art geschützte Wohnanlage, die aber nach einigen hundert Metern buchstäblich im Sand verläuft – die Straße hört plötzlich auf und man steht auf einem staubigen Feldweg inmitten einer sich selbst überlassenen, kargen Landschaft. Etwa 100 Meter rechts von einem hebt sich eine Felswand in den Himmel, links werden die Wellen des Mittelmeers an die Uferbefestigung gespült, und dazwischen stehen ein paar vertrocknete Bäume und in einiger Entfernung ein abbruchreifes Haus.

Zumindest der Blick in die Bucht und auf die Landzungenzunge war nicht sonderlich karg, so dass ich zunächst davon einige Bilder machte. Dann ging ich weiter, in der Hoffnung auf ästhetische Besserung auch auf dieser Seite der Halbinsel. Als ich etwa auf Höhe des Abbruchhauses war, bemerkte ich plötzlich einen dort geparkten Motorroller. Der Besitzer kam gerade aus dem Haus, warf mir einen skeptischen Blick zu, holte dann ein bestimmt ein Meter langes Kameraobjektiv von seinem Gefährt und verschwand wieder ins Haus. Man darf nicht vergessen – in dieser Gegend leben viele Superreiche und die Bucht war an diesem Wochenende mit Yachten gut gefüllt. Augenscheinlich hatte ich einen Paparazzo bei der Vorbereitung seiner Arbeit beobachtet, der auf einer der Yachten einen Yellow-Press-relevanten Abschuss erhoffte. Da er aber nicht sehr zugänglich wirkte, ließ ich ihn mit seiner Arbeit allein und ging weiter.

Die Umgebung diesseits der Bucht wird tatsächlich erst sehenswerter, wenn man die erste große Biegung des Rundweges hinter sich gelassen hat und sich an der Südküste der Halbinsel befindet. Hier hat man einerseits das gleiche Phänomen wie an der Südküste der Landzungenzunge, dass nämlich kein Land (abgesehen von dem, auf dem man steht), den Blick über das Meer trübt, bis zum Horizont sieht man nichts als Wasser. Andererseits ist der Weg nun in ein sehr malerisch aussehendes Meer aus weißen Kalksteinen eingebettet, die still und unbeweglich um einen herumwogen. In der Ferne sieht man das bewaldete bergige Hinterland der Halbinsel und nahe der Küste einen kleinen Leuchtturm, zu dessen Füßen sich dann auch der nächste Fontaine Coexist befindet – eine Erfrischungsmöglichkeit, die man unbedingt wahrnehmen sollte, denn in beide Richtungen des Weges gibt es sonst keine Trinkwasserstelle mehr.

  
Der Süden der Halbinsel.

 
Wirklich atemberaubend wird die Umgebung und der Ausblick aber, wenn man an die Westküste der Halbinsel kommt. Diese Westküste bildet gleichzeitig die östliche Begrenzung der Bucht von Villefranche, in der sich der Rade befindet, der einzige hochseetaugliche Hafen in der Nähe von Nizza. Weil der Hafen von Nizza nicht tief genug ist, legen insbesondere große Kreuzfahrtschiffe oft hier an und bringen ihre Passagiere dann mit kleineren Booten in die Stadt. Zu Spitzenzeiten habe ich drei dieser Giganten im Hafen von Villefranche liegen sehen, bei meiner Tour um das Cap Ferrat erhob sich zumindest einer in der Ferne.

Gleichzeitig ist die Bucht von Villefranche auch eine der schönsten Buchten der Côte d’Azur und der Blick vom Cap Ferrat in die Bucht wiederum einer der Schönsten, den man haben kann. Man sieht die andere Seite der Bucht, die vom bewaldeten Mont Boron gebildet wird. Schweift der Blick weiter in die Bucht hinein, sieht man die malerischen Häuschen des Dorfes Villefranche (von dem ich nächstes Mal mehr erzählen werde) und auf dem Wasser neben den Kreuzfahrtschiffen eine Unmenge kleinerer Yachten, Segelschiffe, Motorboote, Ausflugsdampfer und sonstiger schwimmfähiger Gefährte. Die Uferseite, auf der man sich selbst befindet, ist üppig bewachsen. Man läuft an einer Steilküste 10-20 Meter über dem Meer entlang und passiert dabei eine erkleckliche Anzahl absolut traumhafter Buchten. Auch hier findet man ab und an versteckte, idyllische Badeorte, die in keinem Reiseführer auftauchen, vor allem von den Einheimischen frequentiert werden und selten überlaufen sind. Einige sind durch Treppen zu erreichen, bei anderen muss man einige Kletterfähigkeiten mitbringen und wieder andere sind nur mit dem Boot erreichbar. Auch die Wohlhabenden wissen dieses versteckte Paradies zu schätzen, hier lugt dann zwischen den Baumwipfeln auch schon mal das ein oder andere Villendach hervor und Tore im Zaun, der den Weg zur Landseite hin begrenzt, versperren den Zugang zu kleinen Wegen, die in Richtung eben jener Villendächer streben.

  
  
In der Bucht von Villefranche.

 
Wenn man an der Côte d’Azur ist, sollte man unbedingt nach Cap Ferrat fahren und diesen Teil des Weges laufen. Ich habe noch nie etwas Schöneres gesehen. Ich empfehle auch ausdrücklich, vom Leuchtturm in Richtung Villefranche zu laufen. In dieser Richtung bleibt man jeder Bucht unwillkürlich stehen, um das Panorama in sich aufzusaugen, in dem Glauben nie wieder etwas Vergleichbares zu sehen. Und kaum geht man 10 Meter weiter, wird man eines Besseren belehrt und von einer noch idyllischeren Bucht oder einem noch phantastischeren Panorama überwältigt. Es ist wirklich eine Aneinanderreihung ästhetischer Superlative.

Kurz vor der Basis der Halbinsel endet der Rundweg dann wenig glamourös am überfüllten “Passable Plage” in der Nähe der Station “Passable”. Für einen Besuch der Villa Rothschild war es aber inzwischen zu spät, so dass ich zur Busstation hochlief und ohne größere Zwischenfälle in Nizza ankam. Mein Herz und mein inneres Auge blieben aber noch eine Zeit lang in Cap Ferrat und ergötzten sich an den idyllischen Buchten und den phantastischen Panoramen.

Mehr Bilder von Cap Ferrat gibt es hier.

Nov 092013
 

 
Mein erster Ausflug in die Peripherie von Nizza führte mich in das kleine Dörfchen Èze, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Nizza. Dorthin gibt es eine direkte Busverbindung, die vom Place Garibaldi startet. Am Place Garibaldi befand sich früher der zentrale Busbahnhof, der jedoch vor einigen Jahren bei der Neugestaltung und Umwandlung des Platzes in eine Fußgängerzone abgerissen wurde. Heute halten die Straßenbahnen nördlich des Platzes in der Avenue de la République, während die Überlandbusse nach Èze, Villefranche oder auch Monaco und Menton in der südöstlichen Seitenstraße Rue Catherine Segurane starten. Wenn man das nicht weiß, irrt man erst einmal ein wenig umher.

  
Place Garibaldi.

 
Wenn man in der Rue Catherine Segurane ist, erkennt man die richtige Haltestelle daran, dass dort immer eine große Menschentraube steht. Die meisten dieser Menschen warten auf die Linie 100, die sie nach Monaco bringen soll. Man kann diese Linie prinzipiell auch nutzen, um nach Èze zu kommen, allerdings kommt man dann im Badeort Èze-sur-Mer raus. Das Gleiche gilt übrigens, wenn man den Zug von Nizza nach Èze nimmt. Wer wie ich in den Ortsteil Èze-Village auf 430m Höhe will, muss die Linie 82 in Richtung Èze Plateau de la Justice nehmen und an der Haltestelle Èze Village aussteigen. Das hat den Vorteil, dass die Busse hier nicht so überfüllt sind wie auf der Linie 100 und man in Nizza gekaufte Einzelfahrt- oder Wochenendtickets nutzen kann. Außerdem führt die Route auf der Moyenne Corniche entlang, der mittleren der drei Küstenstraßen an der Côte d’Azur, von der man einen tollen Ausblick auf die Küste hat.

Vom Busfahren in Südfankreich hatte ich ja schon ein wenig erzählt. Es gibt Busfahrpläne mit Abfahrts- und Ankunftszeiten zumindest für die Endhaltestellen, aber die sind eher als Richtwerte zu verstehen und von der allgemeinen Verkehrslage und der Laune des Fahrers abhängig. Zumindest stehen auf den Plänen aber die Namen der einzelnen Haltestellen. Das ist sehr nützlich, denn in den meisten Bussen gibt es keine Anzeige des nächsten Haltes. Ein Abzählen der Haltestellen ist auch nicht ohne weiteres möglich, denn wenn niemand den Haltewunschknopf drückt und auch niemand an der Haltstelle steht, fährt der Bus einfach durch. Statt also die schöne Aussicht zu genießen, ist man die meiste Zeit damit beschäftigt, nach der nächsten Haltestelle zu spähen und zu versuchen, im Vorbeifahren ihren Namen zu entziffern, um die Orientierung nicht zu verlieren.

Nach etwa 30 Minuten erreichten wir Èze-Village. Dieser Teil von Èze ist im Wesentlichen für drei Sachen bekannt: das mittelalterliche Dorf in 430m Höhe, das sich im Dorf befindende 5-Sterne Hotel Château Eza (Das Doppelzimmer schon ab supergünstigen 360€ die Nacht!) und den Jardin exotique d’Èze auf dem Gipfel des Berges, an den sich das mittelalterliche Dorf schmiegt.

Um zum eigentlichen Dorfkern zu gelangen, muss man eine steile Zufahrtsstraße hinauflaufen, vorbei an diversen Souvenirläden, Eiscafes und Restaurants und dem Eingang zum Château Eza. Schließlich betritt man das eigentliche Dorf durch ein Burgtor und ist erstmal geplättet – nicht von der Aussicht, wie sonst oft in diesen Breitengraden – denn von Aussicht ist überhaupt nichts zu sehen. Sondern von den kleinen steingepflasterten Gässchen von vielleicht ein, zwei Meter Breite (entsprechend fährt hier auch nichts Motorisiertes), die sich durch das Dorf ziehen und mit den unzähligen Treppen, Abzweigungen und plötzlichen Richtungswechseln ein kleines Labyrinth bilden. Gesäumt sind sie von kleinen Natursteinhäusern, für die es nur einen korrekten Ausdruck gibt: Wiiiiieeeeee niiiiieeeeedlich. Wenn man dann noch weiß, dass Walt Disney hier einige Zeit verbracht hat, versteht man auch, warum einem hier alles so bekannt vorkommt – so ziemlich jedes mittelalterliche Dorf, das in einem Disney-Zeichentrickfilm vorkommt, scheint von Èze-Village inspiriert worden zu sein. Aber letztlich können Worte den Zauber dieses Ortes ohnehin nicht beschreiben, daher hier einige Bilder:

  
    
  
Èze Village.

 
Die Gegend um Èze wurde schon vor 4000 Jahren besiedelt. Insbesondere die Bergkuppe hatte schon immer eine strategische Bedeutung, weil man von ihr die gesamte umliegende Küste beobachten und weit ins bergige Hinterland schauen konnte. Der überwiegende Teil der Bebauung stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist bis heute weitgehend unverändert geblieben. Heutzutage wird der Großteil des Dorfes touristisch genutzt, man findet viele Souvenirläden, Galerien, Künstlerwerkstätten und hochpreisige Restaurants. Wirklich im Dorf zu leben scheinen nur Wenige, der Großteil der Einwohner lebt entweder ein Stückchen talwärts oder direkt unten in der Bucht von Èze-sur-Mer.

Nachdem ich ein wenig durch das Dorf gestromert war und kurz vor einem Niedlichkeits-Schock stand (Symptome: Vergrößerte glänzende Augen, ein Grinsen von einem Ohr zum Anderen und ein manisches Kichern. Das Sprachzentrum ist gestört und lässt nur einzelne Laute des Entzückens zu.), fand ich durch Zufall den Eingang zum Jardin exotique. Es handelt sich um einen nach dem zweiten Weltkrieg auf dem Gipfel angelegten Garten, der Kakteen und Sukkulenten aus aller Welt beherbergt. Was zugegebenermaßen eine Verschwendung ist, denn so ziemlich jeder, der den Eintritt von 2,50€ (für Studenten) zahlt, tut das nicht wegen der Pflanzen, sondern wegen des unvergleichlichen Ausblicks, der sich einem von dort oben bietet. Während man im Dorf durch die enge Bebauung nämlich überhaupt nichts von der Umgebung sieht, öffnet sich hier der Blick auf eines der vermutlich schönsten Panoramen der Welt. In Richtung Westen sieht man die Halbinsel Cap Ferrat, die Bucht von Villefranche und über den Mont Boron hinweg sogar den westlichen Teil der Bucht von Nizza inklusive dem Flughafen. Nördlich davon blickt man auf das bergige, grüne Hinterland, das von den gelblichen Schlangenlinien der sich den Berg hinaufwindenden Serpentinen unterbrochen wird. Im Osten schließlich versperrt ein weiterer Berg den Blick auf das sich irgendwo dahinter ausbreitende Monaco, wie kleine Sprenkel lugen hell verputzte Häusermauern durch das ihn bedeckende Grün.

  
Blick nach Westen mit Château Eza und Cap Ferrat.
  
Links: Blick auf den Flughafen in Nizza. Rechts: Blick nach Osten.

 
 
Vor lauter Panorama sollte man aber auch den Garten selbst nicht übersehen. Neben den verschiedenen Kakteenarten säumen kleine Statuen die Wege. Auf dem Gipfel des Berges finden sich die Ruinen einer alten Burganlage und etwas darunter gelegen, auf der Westseite des Hanges, lädt ein kleiner Zengarten mit einem künstlichen Wasserfall zum Verweilen ein. Man sollte sich übrigens zweimal überlegen, ob man den Jardin exotique in den frühen Nachmittagsstunden besuchen möchte. Während sich zwischen den engen Häuserfluchten im Ort nämlich immer ein schattiges Plätzchen findet, so sind diese im Garten selbst Mangelware, und die Mittelmeersonne kann auch Ende August noch ziemlich erbarmungslos sein.

  
Links: Statue vor Panorama. Rechts: Ruinen auf Bergkuppe.
  
Kakteen im Jardin exotique.

 
Wenn man sich an dem Garten und dem Dorf satt gesehen hat und noch nach ein wenig körperlicher Betätigung sucht, kann man die Zufahrtsstraße wieder bis auf halbe Höhe hinunterlaufen und direkt unter dem Eingang zum Château Eza rechts (von unten kommend also links) abbiegen. Läuft man jetzt geradeaus, so kommt man an einen kleinen Ausblickspunkt, von dem man von unten auf die Außenmauern des Dorfes und in den Terrassengarten des Chateaus schauen kann, und nochmal einen schönen Blick auf das Mittelmeer erhält. Wendet man sich hingegen nach links, so gelangt man auf den “Chemin de Nietzsche”, den “Weg des Nietzsche”, der genau das ist, was der Name suggeriert. Friedrich Nietzsche lebte in den 1880er Jahren einige Zeit in Èze und schrieb hier unter anderem den Beginn des dritten Teils seines philosopischen Hauptwerkes “Also sprach Zarathustra”. Angeblich liebte er es, diesen Weg entlangzugehen, der Èze-Village mit Èze-sur-Mer verbindet und dabei über 400 Höhenmeter überbrückt. Wer auf den Spuren Nietzsches wandeln möchte, sollte der Beschilderung am Wegesanfang vertrauen und festes Schuhwerk dabei haben. Ich bin zwar auch mit Sandalen heil runter und wieder hoch gekommen, aber spätestens mit Flip-Flops ist man vermutlich verloren.

  

 
Am Anfang und am Ende besteht der Weg aus gut begehbaren Steinstufen, zwischendrin wird er stellenweise aber auch zu einer Geröllhalde, bei der man seine Schritte vorsichtig setzen sollte, wenn man nicht Gefahr laufen will, schneller als gewünscht im Tal anzukommen. Trotz des teilweise schlechten Zustands erfreute sich der Weg einiger Beliebtheit. Mir begegneten mehrmals Jogger, die anscheinend völlig unbeeindruckt von der allgegenwärtigen Gefahr eines multiplen Knöchelbruchs inklusive Freiflug ins Tal munter den Weg hinunter oder hinauf liefen. Andere Spaziergänger kamen mir sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg entgegen, bei letzterem mit einer Tüte in der Hand, man hatte wohl mal kurz in Èze-Village eingekauft. Wirklich sprachlos machten mich aber die zwei Wohnhäuser, die ziemlich mittig am Berg lagen und anscheinend nur über den Chemin de Nietzsche zu erreichen waren. Da wird dann jeder Gang aus dem Haus zu einer sportlichen Herausforderung.

  
  
Chemin de Nietzsche.

 
Der Weg schlängelt sich zuerst auf der Ostseite des Berges hinunter, biegt dann auf halber Höhe nach Süden ab und schlängelt sich dann dort wieder in Serpentinen ins Tal. In der unteren Hälfte öffnet sich dann auch immer wieder das Blätterdach der am Wegesrand wachsenden Bäume und gibt den Blick auf die Bucht von Èze-sur-Mer und, weiter hinten, Cap Ferrat frei. Am oberen Ende des Weges war die Dauer bis nach unten mit 45 Minuten angegeben. Summa summarum, mit allem Stehenbleiben fürs Fotografieren oder fürs Jogger-vorbei-lassen, brauchte ich etwa 75 Minuten. Dort ging es dann erstmal direkt an den Strand, um wenigstens einmal kurz die Füße in das Mittelmeer zu halten, dass mich schon die ganze Zeit so erwartungsvoll angefunkelt hatte. Danach lief ich die ganze Küstenstraße bis zum Westende der Bucht ab, um etwas Kühles zu Trinken zu finden. Am Ende fand ich leider nur einen Imbisswagen, der mir für 0,33l Cola unverschämte 2,80€ abnahm. Auf dem Weg zurück zum Anfang des Chemin de Nietzsche, der direkt neben dem Bahnhof lag, überlegte ich ernsthaft, den Aufstieg abzublasen und direkt wieder nach Nizza zurückzufahren. Nach drei Tagen, in denen ich fast durchgängig zu Fuß unterwegs war, machte sich der erste Muskelkater bemerkbar, und der Abstieg hatte ihn nicht gerade besser gemacht. Außerdem nervte die Sonne immer noch, obwohl es inzwischen schon gegen 17 Uhr war. Nach einigem Hin und Her siegte aber doch mein Stolz (So ein Scheiß-Weg kriegt mich doch nicht klein!) und ich begann den Aufstieg. Der Wegweiser am Anfang hatte anderthalb Stunden als Dauer angegeben und ich war fest entschlossen, wenigstens den 19-Uhr-Bus nach Nizza zu erwischen. Tatsächlich ging mir der Aufstieg dann aber erstaunlich leicht von der Hand (bzw. dem Fuß) und schon nach 45 Minuten war ich wieder in Èze-Village. So erwischte ich dann sogar den 18-Uhr-Bus nach Nizza, nutzte die gewonnene Zeit für einen weiteren Besuch bei Fenocchio und schaute dann auf dem Place Masséna noch einigen Breakdancern zu, bevor ich zurück ins Hostel fuhr.

  
Èze-sur-Mer
  
Auf geht’s zurück.

 
Fazit: Èze ist eine Perle, die nicht unentdeckt bleiben sollte, wenn man an der Côte d’Azur unterwegs ist. Der Ausblick vom Jardin exotique ist atemberaubend, und wer das nötige Kleingeld hat, sollte auch unbedingt mal im Château Eza übernachten oder zumindest im angeschlossenen Restaurant essen. Ich stelle es mir jedenfalls sagenhaft vor, nach dem Aufstehen aus dem Fenster zu schauen und dieses Panorama vor mir ausgebreitet zu sehen. Wer weniger Kleingeld in der Tasche hat, dafür aber gut zu Fuß ist, findet in Èze-sur-Mer sicherlich eine günstige Unterkunft und kann den Chemin de Nietzsche nehmen, um Èze-Village zu sehen. Abends kann man die geschundenen Füße dann im Mittelmeer kühlen und sich am nicht sonderlich überlaufenen Kieselstrand von Èze-sur-Mer entspannen.

Mehr Bilder gibt es hier.

Nov 022013
 

 
Nizza liegt in einem Tal direkt am Mittelmeer. Die Stadt schmiegt sich an eine Bucht, die sich nach Süden hin öffnet. In Richtung des Binnenlandes zieht sie sich an den Hängen diverser Berge entlang, die die Bucht im Norden umschließen. Im Westen werden Bucht und Stadt durch den Flughafen begrenzt. Der größte Teil der Bucht zieht sich in einer perfekten elliptischen Bahn bis zum Colline du Château (frei übersetzt: Burgberg), einer etwa hundert Meter hohen Erhebung, auf der in der griechischen Antike die Geschichte der Stadt Nicaea (“Die Siegreiche”, nach der Siegesgöttin Nike) begann. Westlich davon befindet sich Vieux Nice, die Altstadt des heutigen Nizza, die ihre Erscheinung bestehend aus engen verwinkelten Gassen, versteckten Plätzen und pastellfarbenen Häusern seit dem 18. Jahrhundert nicht verändert hat. Vom Flughafen bis zum Château besteht die Küste durchgängig aus einem zwischen zehn und hundert Meter breiten Kieselsteinstrand, der teils von Hotels bewirtschaftet wird, an vielen Stellen aber auch frei zugänglich ist. Parallel dazu ziehen sich die beiden Promenaden “Promenade des Anglais” im Westen und “Quai des États-Unis” im Osten am Wasser entlang. Zwischen dem Quai des États-Unis und Vieux Nice findet sich der Cours Saleya, auf dem täglich seit 150 Jahren ein Blumenmarkt und außerdem ein bekannter Obstmarkt stattfinden. Nordwestlich des Cours Saleya, am südlichen Ende der Innenstadt, schließt sich der Place Masséna an, an dem man oft auf Straßenkünstler trifft und der auch gerne für Theater- und Konzertauftritte genutzt wird. Östlich des Château befindet sich der Hafen, der Port Lympia, bevor dann ganz im Osten die Stadt durch den Mont Boron begrenzt wird, einen 200m hohen Berg direkt am Meer, der Nizza vom östlich gelegenenen Nachbardorf Villefranche trennt. Soweit erstmal zur Topografie des Ortes, damit ihr auch eine ungefähre Vorstellung habt, wo sich die Orte befinden, die ich jetzt näher beschreiben werde.

Circa 350 v. Chr legten die Griechen auf dem Colline du Château den Grundstein für das heutige Nizza, als sie nach einer erfolgreichen Schlacht die Stadt Nicaea gründeten. Später siedelten auch die Römer hier, und aus dieser Zeit lassen sich noch einige Überreste finden. Vom 11. bis zum 18. Jahrhundert stand dann hier eine Festung (das Château), von der aus der Hafen von Nizza bewacht wurde. Heute dient der Colline du Château vor allem als Aussichtspunkt, von dem man in Richtung Westen das ganze Tal Nizzas und bis zum Flughafen schauen kann, und im Osten den Port Lympia bis zum Mont Boron überblickt.

  
Antike Überreste.
  
Links: Blick nach Westen auf die Bucht. Rechts: Blick auf die Hafeneinfahrt im Osten.

 
Auf dem Berg befindet sich heute eine große Parkanlage mit vielen schattenspendenden Bäumen, unter denen man gut der Mittagshitze entfliehen kann. Etwas versteckt findet sich zudem ein alter Friedhof, der malerisch über der Altstadt thront. Die 92 Höhenmeter kann man entweder durch Treppensteigen vom Port Lympia (Ostseite) oder dem Quai des États-Unis (Westseite) überwinden, oder den kostenlosen Fahrstuhl auf der Westseite am Tour Bellanda nutzen. Hier ist aber gegebenenfalls etwas Wartezeit mitzubringen, der Fahrstuhl ist nicht mehr der Jüngste, die Kabinen ziemlich klein und die Nachfrage nach einer Fahrt verhältnismäßig groß.

  
Links: Friedhof vor den Hügeln, die die Stadt umgeben. Rechts: Treppen neben dem Bellanda-Turm auf der Westseite.

 
Auf dem Château wird auch jeden Tag um Punkt 12 eine Kanone abgefeuert, was man insbesondere in Vieux Nice überall hört. Der Legende nach geht dieser Brauch auf einen englischen Adligen zurück, der 1860 in Nizza weilte. Weil seine Ehefrau über dem Flanieren durch die Stadt gerne die Zeit vergaß und ihm daher das Mittagessen zu spät auf den Tisch brachte, nutzte er diese Kanone, um sie rechtzeitig an ihre Ehepflichten zu erinnern. Aus heutiger Sicht sicher kein angemessener Umgang in einer Beziehung, aber offensichtlich tat es seine Wirkung. ;)

Im Osten des Hügels findet sich auf Meereshöhe ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen Nizzas im ersten Weltkrieg (Monument aux Morts de la Guerre de 1914-1918). Es stellt eine 32 Meter hohe Nische in der Felswand dar, in der eine überdimensionale Urne steht, die 3665 Plättchen enthält, eine für jeden im ersten Weltkrieg gefallen Niçois.


Monument aux Morts de la Guerre de 1914-1918.

 
Im Westen duckt sich Vieux Nice, die Altstadt von Nizza, in den Schutz des Colline du Château. Vieux Nice ist ein Labyrinth aus engen verwinkelten Gassen, die in versteckte Plätze und Höfe münden und gesäumt sind von pastellfarbenen Häusern, die größtenteils zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erbaut wurden. Die Gassen sind so ausgerichtet, dass immer kühle Luft vom Meer hereinweht. Gleichzeitig wurde durch die Bauweise eine natürliche Klimaanlage für die Häuser geschaffen: In der Mittagssonne heizen sich die Dächer der Häuser stärker auf als die schattigen Gassen, so dass ein Luftzug nach oben entsteht, der durch offene Erker über den Türen der Häuser auch in die Wohnungen dringt und dort für Abkühlung sorgt. Dabei helfen natürlich auch die im ganzen Mittelmeerraum verbreiteten hölzernen Fensterläden, mit denen sich die Sonne und damit ein großer Teil der Hitze aussperren lässt. In Nizza scheint es dabei eine besondere Form des Fensterladens zu geben, der mir so noch nirgendwo begegnet ist. Ein Teil der Lamellen lässt sich nämlich nach außen aufklappen, so dass die Sonne zwar weiterhin draußen bleibt, aber dennoch ein Luftzug durch das geöffnete Fenster ermöglicht wird.

  
Links: Straße in Vieux Nice. Rechts: Fensterläden mit aufklappbaren Lamellen.

 
In Vieux Nice gibt es viele Souvenir- und Touriläden, aber auch viele Fachgeschäfte, zum Beispiel für Käse, Brot oder Oliven (ja, ein einziges Geschäft nur für Oliven). Es gibt einen Fischmarkt, auf dem der Fisch bis zum Mittag fangfrisch verkauft wird und gleich davor einen Fleischer, der sehr gut sein muss, wenn man die zu jeder Tageszeit langen Warteschlangen davor betrachtet. Diverse Kunstgalerien und Kunsthandwerker verstecken sich in den Nebenstraßen. Außerdem gibt es eine Unmenge an Cafes, Bars und Restaurants, die mit ihren außen aufgestellten Tischen den wenigen Platz zwischen den Häusern noch zusätzlich beschränken.

    
Vieux Nice.

 
Und es gibt Fenocchio. Hach, Fenocchio. Ihr müsst euch vorstellen, dass meine Augen zu funkeln beginnen, wenn ich den Namen ausspreche. Fenocchio *glitzer*. Fenocchio ist ein Eisladen in der Stadt, der je nach Quelle 70, 90 oder 99 Eissorten hat. Jedenfalls zu viele, um sie alle in einer Woche durchzuprobieren – zumal eine Kugel 2€ kostet, was ziemlicher Wucher ist, aber diesmal in Kauf genommen werden musste. Denn Fenocchio hat nicht nur die bekannten langweiligen Geschmacksrichtungen im Angebot, sondern auch eigenwillige Eigenkreationen, wie Biereis oder die Geschmacksrichtung Tomate-Basilikum. Grund genug, jeden Tag nach Vieux Nice zu pilgern, um sich die tägliche Dosis Geschmackserlebnis abzuholen. Und damit ihr auch was davon habt, hier jetzt meine Einschätzung der probierten Sorten:


Im Laden stehen 5 oder 6 dieser Truhen. Schlaraffenland!

 
Kaktuseis. Kaktuseis ist hellgrün. Es schmeckt sehr süß und milchig und ist vermutlich vorrangig aus Kaktusmilch gemacht.
Biereis. Biereis ist gelblich. Beim ersten Lecken prickelt es tatsächlich auf der Zunge, als würde man kohlensäurehaltiges Bier trinken. Der eigentliche Biergeschmack ist eher schwach ausgeprägt, aber vorhanden. Ein herber Abgang rundet das Geschmackserlebnis ab.
Tomaten-Basilikum-Eis. Ein rotes Eis mit echten Basilikumstückchen. Schmeckt sehr tomatig, durch die Basilikumstückchen wird man stark an Tomatensoße erinnert. Ein fast deftiges Eis, möchte man sagen.
Lavendeleis. Lavendeleis ist lila. Es schmeckt im Wesentlichen nach nichts, also nur nach Milchspeiseeis. Stellt euch vor, Vanilleeis ohne Vanillegeschmack zu essen. Oder an gefrorener Milch zu lecken. Das ist ungefähr der Geschmack. Also eher enttäuschend, wahrscheinlich kann man aus Blumen keinen leckeren Geschmack ziehen. Rose und Veilchen bleiben daher auch ungetestet.
Rharbarbareis. Ich bin ja überhaupt kein Fan von Rhabarbar. Aber als Eis ist es verdammt lecker und bisher mein Favorit der Testreihe. Wenn ich so darüber nachdenke, war es beim Rhabarbar wohl immer die etwas schleimige Konsistenz, die mich abgeschreckt hat – bei einem sahnigen Milcheis ist das natürlich kein Problem.
Avocadoeis. Avocadoeis schmeckt nach irgendwas, möglicherweise sogar nach Avocado. Leider habe ich erst beim Lecken gemerkt, dass ich gar keine Vorstellung davon habe, wie Avocado eigentlich schmeckt. Wahrscheinlich habe ich sie schon irgendwann gegessen, ohne zu wissen, dass es sich um Avocado handelt. Also ja, Avocadoeis schmeckt mutmaßlich nach Avocado.
Feigeneis. Ein erstaunlich fruchtiges Eis mit vielen, erstaunlich harten Feigenstückchen drin. Diese gaben zusammen mit dem sehr sahnigen Eis einen interessanten Kontrast in der Konsistenz. Dieser Kontrast wurde auch optisch deutlich: Eis in einem undefinierbaren Farbton irgendwo zwischen orange und violett, mit blau-grünen Feigenstückchen dazwischen. Aber lecker.
Meloneneis. Das Rharbareis muss seinen Favoritentitel leider abgeben, denn Meloneneis ist der Hammer! Rosarotes Eis, bei dem man mit jedem Schleck (Was ist das Leck-Äquivalent zu einem Biss?) das Gefühl hat, in eine vollreife, sonnenbeschienene Melone zu beißen. Und das ohne die leicht krümelige Konsistenz, die die vollreifen Stellen einer Wassermelone sonst haben. Einfach ein perfektes Eis. Mjam.

Wo wir gerade schon beim Essen sind, gehen wir doch direkt einmal zum Cours Saleya. Der stellt die Verbindung zwischen der Altstadt und den Strandpromenaden her und beherbergt am Vormittag einen Obstmarkt und bis in die frühen Abendstunden hinein einen bekannten Blumenmarkt. Den Obstmarkt kann ich durchaus empfehlen, auch wenn die Preise nichts für schwache Nerven sind. Aber die pflückfrische Qualität rechtfertigt 5 € für 500g Erdbeeren oder 250g Heidelbeeren durchaus. Wenn die Märkte am Abend abgebaut sind, wird der Platz einmal kurz mit dem Wasserschlauch abgespritzt, und dann stellen die ganzen Bars, Cafes und Restaurants, die ihre Räumlichkeiten in den angrenzenden Häusern haben, Tische und Stühle nach draußen und man kann bis in die frühen Morgenstunden hinein essen, trinken und feiern.

  
Cours Saleya.

 
In der Mitte des Cours Saleya öffnet sich der Platz nach Norden hin etwas weiter und gewährt den Blick auf ein großes, weiß angestrichenes Gebäude. Die weiße Farbe deutet schon an, dass es damit etwas Besonderes auf sich haben muss, denn fast alle Gebäude in Nizza sind pastellfarben gestrichen. Es handelt sich dabei um den Palais de la Préfecture den ehemaligen Sitz des italienischen Statthalters. Nizza gehört nämlich erst seit 150 Jahren endgültig zu Frankreich und war vorher Spielball zwischen der französischen Regierung und diversen italienischen Kleinstaaten. Vor dem endgültigen Anschluss an Frankreich gehörte es beispielsweise zum Königreich Sardinien, das damals neben der gleichnamigen Insel auch große Teile der Provence, die Côte d’Azur und das italienische Piemont umfasste.

Die Grenze zu Italien liegt auch heute nur 30 Kilometer entfernt (viele Franzosen fahren gerne rüber, um günstig Obst zu kaufen), und der italienische Einfluss ist bis heute spürbar. Das beginnt beim Essen. Pizza und Pasta sind hier keine Anpassung an die Geschmäcker der Touristen, sondern integraler Bestandteil der nizzischen (nizzanischen?) Küche. Und so wie es anderswo Imbisswagen gibt, die Bratwurst, Döner oder asiatisches Essen verkaufen, so gibt es hier überall Pizzawagen, in denen eine Pizza für 8-10 € nach Wunsch frisch zubereitet wird. Und auch in der Sprache gibt es Anknüpfungspunkte. In der Region um Nizza hat sich bis heute eine eigene Sprache erhalten, die eine Art Mischung aus französisch und italienisch ist. Dieses Nissart stirbt zwar langsam aus, weil es nur noch von den Alten gesprochen wird, aber zumindest in Vieux Nice sind beispielsweise alle Straßennamen zweisprachig ausgezeichnet – in Französisch und Nissart.

 
Westlich des Cours Saleya findet sich die das Operngebäude, ebenfalls eines der wenigen weißen Gebäude Nizzas. Mit seiner Rückseite grenzt es im Süden an den Quai des États-Unis, die Vorderseite mit den Eingängen liegt wenig eindrucksvoll mitten in einer schmalen Fußgängerzone, die eine Verlängerung des Cours Saleyas bildet. Das erste Theater an dieser Stelle wurde schon 1776 errichtet, damals noch vollkommen aus Holz. Aufgrund der zunehmenden Popularität wurde dieses alte Theater 1826 abgerissen und durch einen neuen Holzbau ersetzt, der nun aber eine repräsentative Steinfassade an der Nordfront erhielt. 1881 brannte bei einem Großbrand, verursacht durch eine Gasexplosion im Inneren des Gebäudes, nicht nur die ganze Oper aus, sondern auch viele Chocolatiers und Confiserien, die sich in den Jahren zuvor in der Straße nördlich der Oper angesiedelt hatten, um hungrige Opernbesucher zum Naschen zu verführen. Nur zwei Confiserien überstanden den Brand – und befinden sich bis heute direkt gegenüber dem neuen, 1885 eröffneten und nun völlig aus Stein erbauten Operngebäude. Die beiden Confiserien verkaufen ihre Waren an den jeweiligen Standorten seit 1821 beziehungsweise 1822.

  
Oper.

 
Nordwestlich der Oper gelangt man auf den Place Masséna. Der Platz und seine Bebauung stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind nach Turiner Vorbild ausgeführt. Der Boden ist mit karierten Pflastersteinen ausgelegt und spannt sich über den Fluss Paillon. Auf dem Platz stehen auf hohen Streben sieben Skulpturen, die nachts in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden und die sieben Kontinente symbolisieren sollen. Am südlichen Ende des Platzes steht in der Mitte eines Brunnens eine große Statue, die Neptun symbolisiert. Angeblich war diese Statue, die im altgriechischen Stil geschaffen wurde, jahrzehntelang vom Platz verbannt worden, weil die Bewohner Nizzas auf ihrem zentralen Platz keinen nackten Mann stehen haben wollten. Bei meinem Aufenthalt war sie jedenfalls vorhanden und auch in keiner Weise zensiert. ;)
Auf dem Place Masséna findet man zu jeder Tages- und Nachtzeit Straßenkünstler und Artisten. Auch als Bühne für Theaterstücke und Konzerte ist er sehr beliebt. Als ich da war, war der Neptunbrunnen gerade von einer Bühne bedeckt, aus der nur die Statue herausschaute. Alles wurde für die am Wochenende nach meiner Abreise stattfindenden “Les Jeux de la Francophonie” vorbereitet.

  
    
Place Masséna.

 
Wie schon erwähnt, ziehen sich vom Colline du Château bis zum Flughafen die beiden Strandpromenaden Quai des États-Unis und Promenade des Anglais. Hier bietet sich ein Bummel in den Abendstunden an, wenn der gemeine Niçois und natürlich auch die Touristen über den Boulevard flanieren oder in die Bars und Clubs der Stadt strömen. Man begegnet hier auch immer vielen Joggern, Radfahrern, Skatern und natürlich auch den unvermeidlichen Straßenkünstlern. Auf der einen Seite hat man den Blick auf den Strand, die Bucht von Nizza und ab und an auch auf die startenden und landenden Flugzeuge des Flughafens. Auf der anderen Seite säumen diverse Gebäude aus der Belle Epoque die Promenade. Um die vorletzte Jahrhundertwende herum bauten sich hier viele Reiche, Prominente und Adlige Villen und Luxushotels, wobei die Aufgabe darin bestand, die anderen Bauherren in Sachen Mondänität und Skurrilität zu übertreffen. Paradebeispiel für diesen Baustil ist das Hotel Negresco, dessen pinkfarbene Kuppel von Gustave Eiffel konstruiert wurde (ja, der mit dem Turm). Beispiele der Belle-Epoque-Architektur findet man überall an der Côte d’Azur, besonders an den großen Küstenstraßen, den Corniches, mit Blick aufs Meer.

  
Links: Promenade des Anglais am Abend. Rechts. Hotel Negresco.

 
Und damit beenden wir den Streifzug durch Nizza. Nächste Woche geht es weiter mit einem kleinen Dorf, das eigentlich aus zwei Dörfern besteht – einem auf Meeres- und einem auf 400m Höhe. Außerdem wird es um einen bekannten deutschen Philosophen gehen. Aber dazu zu gegebener Zeit mehr.

Mehr Bilder aus Nizza gibt es hier.

Oct 262013
 

Ende August war es mal wieder Zeit für einen längeren Urlaub. Das mag für jene, die meine Reiseberichte hier lesen, im ersten Moment komisch klingen. Aber tatsächlich war mein Ausflug nach Hamburg mein erster Urlaub in diesem Jahr, nun sollte der Zweite folgen. Geplant war, mit dem Flugzeug nach Nizza zu fliegen, dann 9 Tage an der Côte d’Azur zu genießen, anschließend mit dem TGV nach Genf zu fahren und dort einige Tage bei einer Freundin zu verbringen, bevor es zum Abschluss der Reise noch einmal nach Regensburg gehen würde, um eine weitere Freundin zu besuchen.

Der Flug startete halb 9 vom Flughafen Dresden, was unter Einbeziehung der Hinfahrt und der obligatorischen Stunde, die man vorher da zu sein hatte, ein Weckerklingeln gegen 6 Uhr bedeutete. Vielleicht war es auch noch früher. Jedenfalls handelte es sich um eine Uhrzeit, die es in einer besseren Welt nicht geben würde. Entsprechend gut gelaunt brach ich zum Flughafen auf. Fliegen würde ich mit “deutscheflügel”. Wie mir später klar wurde, war das mein erster Flug mit einer Billigairline – und würde auch mein letzter sein, wie ich mir danach schwor. Von Dresden sollte es zum Flughafen Köln-Bonn gehen, und von dort nach anderthalb Stunden Aufenthalt dann direkt nach Nizza.


70er-Jahre-Design an der Terminaldecke in Köln-Bonn

 
Schon bei der Buchung war mir sauer aufgestoßen, dass nach Einberechnung von Gepäckaufschlag und diversen Gebühren aus dem ursprünglich günstigen Angebot ein immer noch akzeptables, aber von den Konkurrenten preislich nicht mehr weit entferntes Entgelt unter dem Strich stand. An Bord des ersten Fliegers war mir dann die schöne Aufschrift: “Extra für Sie: Mehr Beinfreiheit” aufgefallen – an einem Sitzplatz, den ich anhand meiner bisherigen Flugerfahrungen nicht als sehr beinfrei eingestuft hätte. Was damit gemeint war, wurde mir im zweiten Flieger klar – da gab es die Aufschrift nämlich nicht, dafür stieß mein Knie hier bei normaler Sitzposition an den Vordersitz. Es war einfach unglaublich eng. Passend dazu ein Fensterplatz. Glücklicherweise waren meine Sitznachbarn – ein älteres Ehepaar irgendwo jenseits der 70 – nicht sehr voluminös, sonst wäre das Konserven-Feeling perfekt gewesen.

Während des Fluges rutschte mir zu allem Überfluss auch noch eine meiner Kontaktlinsen unters Augenlid, just in dem Moment, in dem die Flugbegleiter Getränke verkauften. Da konnte natürlich die Airline nichts für, dennoch war es erst einmal nervig, das alte Ehepaar aufzuscheuchen, mich dann am Steward und seinem Servierwagen vorbeizudrücken und die Kontaktlinse auf der Flugzeugtoilette aus meinem Auge zu bergen. Erstaunlicherweise klappte das recht problemlos und die leicht zerknitterte Linse ließ sich sogar wieder an die richtige Stelle ins Auge einsetzen. Dann ging es wieder zurück an den Platz, natürlich wieder vorbei am Steward und seinem Getränkewägelchen sowie dem alten Ehepaar.

Um nicht nur über den Flug zu mosern: Die Route war durchaus sehr malerisch (was aber wiederum nicht der Airline zugute zu halten ist) und während unseres Überfluges hatte ich einen schönen Ausblick auf die Alpen, die mit ihren grünen Tälern und schneebedeckten Gipfeln ab und an unter der aufbrechenden Wolkendecke hervorlugten. Beim Anflug auf Nizza verstand ich dann auch, warum in meinem Reiseführer die Rede war von den “französischen Seealpen” und warum die ganze Region als Alpes-Maritime bekannt ist. Hier fallen die französischen Alpen nämlich tatsächlich mehr oder weniger unerwartet einfach so ins Mittelmeer. Plumps. Dadurch finden sich dann direkt am Meer und nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Stränden entfernt Berge mit Höhen von 500 Meter und mehr. Berge und Meer – was will ich mehr?

  
Fensterplätze haben auch ihr Gutes.

 
Der Flughafen von Nizza liegt am westlichen Ende der Bucht, an die sich die Stadt schmiegt, und ist mehr oder minder auf dem Wasser gebaut. Man hat also bis kurz vor dem Aufsetzen der Maschine auf dem Rollfeld das Mittelmeer unter dem Flugzeugrumpf, was der Landung ein Stück weit Nervenkitzel einhaucht.
Am Flughafen rannte ich dann – wie ich es halt immer mache – erstmal schnurstracks in die falsche Richtung, auf der Suche nach meinem Bus, der mich einen Großteil der 7km zu meinem Hostel fahren würde. Der Bus brachte mich dann auch problemlos in das bergige Hinterland von Nizza, wo das alte umgebaute Kloster stand, dass nun als Hostel diente. Dort angekommen dauerte es noch etwas, bis ich in mein Zimmer konnte, so dass ich mich erstmal in die alte Kapelle zurückzog, die als Gemeinschaftsraum mit angeschlossener Küche und Bar diente.


Gemeinschaftsraum im Hostel: Die umgebaute Kapelle.

 
Man mag es kaum glauben, aber das war tatsächlich das erste Mal, dass ich auf Reisen in einem Hostel schlief. Als Einsteiger hatte ich das Zwölferzimmer noch als etwas überfordernd eingestuft und stattdessen ein Bett in einem Viererzimmer inlusive Bad gebucht. Und im Rückblick kann ich sagen: Alles richtig gemacht. Im Laufe der 9 Tage, die ich hier verbrachte, teilte ich mir das Zimmer (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) mit zwei jungen Amerikanerinnen auf Europa-Tour, einem britischen Journalisten mittleren Alters der für irgendeine Fußballstory recherchierte, einem australischen Backpacker-Pärchen, einem Slowenen und zwei Kuwaitis.

Auch sonst konnte man im Hostel in kurzer Zeit viele Leute kennenlernen. Der Smalltalk beschränkte sich dabei meist auf die drei Fragen “Wo kommst du her?”, “Wie lange bist du schon da?”, “Wie lange bleibst du/Wo gehts als nächstes hin?”. Spätestens dann hatte man ein interessantes Gesprächsthema gefunden. So plauderte ich mit dem britischen Journalisten, der mit seinen Recherchen auch schon einmal Fehler bei der Aufklärung eines Mordes nachgewiesen und damit fünf Unschuldige rehabilitiert hatte, über staatliches und Polizeiversagen. Der Slowene, der als nächstes Reiseziel Deutschland im Blick hatte, fragte mich nach der besten Biersorte, die er seinen Freunden daheim mitbringen wollte (Ich konnte ihm leider keine vernünftige Antwort geben, was ist denn die beste deutsche Biersorte?). Und einer der beiden Kuwaiti-Brüder war ein großer Fan der deutschen Kultur und unterhielt mich mit einigen Brocken Deutsch (Das Spiel bestand darin, zu erkennen, was er einem sagen wollte – der deutsche Akzent eines Kuwaitis ist schon sehr speziell.).

Ab und zu konnte man sogar noch ein paar Tipps für Tagesausflüge abstauben. So empfahl mir ein deutsches Pärchen einen Canyon, der sich westlich zwischen Nizza und Antibes befinden und sehr spektakulär sein sollte. Drei Jungs empfahlen mir den Sandstrand bei Cap d’Ail, der total malerisch sein sollte. Aus Zeitgründen konnte ich am Ende leider beide Tipps nicht berücksichtigen, aber für einen definitiv geplanten weiteren Besuch stehen sie auf jeden Fall auf der Liste. Umgekehrt konnte ich einem Australier, der schon seit 4 Monaten im Hostel arbeitete, einige schöne Flecken in der Umgebung empfehlen, insbesondere die versteckten Buchten am Cap Ferrat und meinen neuen Lieblingsort auf der Welt, das kleine Städtchen Menton an der französisch-italienischen Grenze.

Nachdem ich meine Sachen in meinem Zimmer geparkt und meine Jeans gegen eine für die 30°C Lufttemperatur angemessenere kurze Hose getauscht hatte, ging ich das erste Mal in die Stadt. Und Gehen ist hier das richtige Wort, ich hatte zu dem Zeitpunkt nämlich noch keine Vorstellung von der Größe der Stadt und dachte, die Entfernungen wären ohne größere Probleme fußläufig zu überwinden. Anderthalb Stunden später war ich endlich am Meer und eines besseren belehrt. Am nächsten Tag kaufte ich mir für 15 € ein Wochenticket, das sich bei 1,50 € Kosten für eine Einzelfahrt schon bald rentiert hatte.

Über Nizza, die Sehenswürdigkeiten und den Eisladen mit den 99 Eissorten werde ich nächste Woche schreiben. Hier sollen jetzt erst einmal ein paar allgemeine Beobachtungen folgen, die ich im Laufe der Woche in der Stadt gemacht habe, teilweise ungeordnet und nicht immer ganz ernst gemeint.

Was mir in Nizza sofort auffiel, war der Geruch. Es riecht überall leicht süßlich. Und es liegt nicht nur an den Franzosen, denen man vielleicht einen Hang zur Überparfümierung nachsagen möchte – der Geruch hing auch in vollkommen menschenleeren Gegenden. Ich mochte ihn jedenfalls. Bis heute frage ich mich, ob er vielleicht aus Grasse herangeweht wurde, der nicht weit von Nizza entfernt im Westen liegenden “Hauptstadt des Parfüms”, in der angeblich immer noch 75% aller Parfüms weltweit hergestellt oder veredelt werden (was ich mir ehrlich gesagt nicht wirklich vorstellen kann).

Die Franzosen, oder mindestens die Niçoise (Einwohner Nizzas), haben einen erfrischenden Hang zur Regellosigkeit und Anarchie. Rote Fußgängerampeln sind zum Beispiel ein Hinweis, doch zumindest nach links und rechts zu schauen, bevor man die Straße überquert. Busfahrpläne haben eher einen empfehlenden Charakter. Es sind zumeist ohnehin nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten an den Endhaltestellen bekannt gegeben, und selbst die werden nach Tagesform des Fahrers ausgelegt. Busfahrten in die Dörfer in Nizzas Umgebung sind übrigens mindestens abends und am Wochenende mit überfüllten Bussen und langen Staus auf den Küstenstraßen verbunden, die die meisten Linien benutzen. Volle Busse fahren auch gerne mal an Haltstellen vorbei, so dass man im ungünstigsten Fall zwei bis drei Busse (oder umgerechnet eine Stunde) warten muss, bis man mitgenommen wird. Die Alternative ist der Zug, der allerdings eine wesentlich weniger malerische Strecke fährt und außerdem teurer ist als die 1,50€ für die Einzelfahrt.

Damit es nicht allzu chaotisch wird, ist im öffentlichen Raum die Polizei recht präsent, in Museen und im Busverkehr übernehmen einzelne Sicherheitsunternehmen diese Aufgabe. Die Polizei nutzt dafür auch gerne mal Segways, um in den engen Gassen der Altstadt Nizzas (Vieux Nice) voranzukommen.


Eine neue Stufe der Evolution: Der Segway-Cop.

 
In der Straßenbahn war eine ältere Dame ganz begeistert und zutiefst dankbar, als ich ihr aus freien Stücken meinen Sitzplatz anbot. Das scheint hier kein Standard zu sein. Viele ältere Leute müssen oft erst ihren Senioren- oder Behindertenausweis vorzeigen, bevor ihnen ein Platz überlassen wird.

Franzosen lieben Hunde und fast jeder hat einen. Allerdings scheinen die meisten Wohnungen in Nizza sehr klein zu sein oder nur Kleintierhaltung zuzulassen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier fast ausschließlich Fußhupen rumlaufen. Also die Sorte Hund, die man beim zu tiefen Einatmen auch mal aus Versehen verschlucken kann.

Junge männliche Franzosen tragen gerne Herrenhandtaschen. Punkt. Was soll man da auch weiter zu sagen?

Niçoise lieben es, Dinge neonblau zu beleuchten. Ich stand zuerst immer relativ fassungslos vor dieser ästhetischen Abscheulichkeit. Irgendwann ging mir auf, dass das möglicherweise eine missglückte Reminiszenz an die Côte d’Azur sein soll. Was den Anblick nicht weniger schrecklich macht, aber zumindest etwas Verständnis in mir aufkeimen ließ.


Das neonblaue Grauen.

 
Wenn einem in Paris jemand im Weg stand, machte man ihn mit “Pardon!” auf seine Missetat aufmerksam (übrigens auch in Genf). In Nizza wird dafür eher “Excusez moi!” verwendet. “Pardon”, insbesondere mit einem Fragezeichen am Ende, wird eher als Aufforderung zur Wiederholung des eben Gesagten verstanden. In dem Zusammenhang: Wenn man seinem Gesprächspartner mitteilen möchte, dass man gerade kein Wort versteht, ist ein “Pardon” eher kontraproduktiv. Besser ist hier die Frage “Parlez-vous anglais?”, um den Redeschwall des Gegenübers zu unterbrechen. In 50% der Fälle ist das Gespräch damit auch beendet, denn der durchschnittliche Franzose spricht kein Englisch. In 40% der Fälle wird das Gespräch mit Händen und Füßen (also Gesten, keinen Kampfhandlungen) fortgeführt, und in 10% der Fälle sogar in Englisch.

Wenn man sich etwas näher kennt und auf der Straße begegnet oder verabschiedet, tut man dies mit Küsschen links, Küsschen rechts. Dabei ist das Geschlecht der beteiligten Personen unerheblich. Meine erste Begegnung mit dieser Abschiedszeremonie hatte ich in Nizza mit einer jungen, sehr süßen Pariserin, die mit ihrer Stupsnase und den schwarzen schulterlangen Haaren an eine junge, unzickige Victoria Beckham erinnerte. Ihre plötzliche Annäherung, nachdem wir uns gerade zwei Stunden gekannt hatten, irritierte mich kurzzeitig, so dass ich ziemlich starr (ich schreibe bewusst nicht steif) dastand, während sie mir die zwei Küsschen auf die Wangen hauchte. Was wahrscheinlich ganz gut war, denn im ersten Moment hatte ich die Annäherung fehlinterpretiert und hätte wohl etwas getan, was uns beiden danach peinlich gewesen wäre. Später konnte ich in dem Bereich zum Glück wesentlich souveräner agieren. Der Unterschied zur französischen Schweiz übrigens: In der Schweiz (oder in Genf) küsst man dreimal – rechts, links, rechts (oder andersrum).

Das mit Abstand beste Fortbewegungsmittel auf den bergigen und kurvigen Küstenstraßen (Corniches), die die Dörfer und Städte der Côte d’Azur verbinden, wie auch in den schmalen Gassen insbesondere der Altstadtviertel, ist der Motorroller. Damit kann man an jedem Stau vorbeifahren – und wenn es auf dem Gehweg ist. Zudem kommt man damit Steigungen hoch, die jedes Vierradgefährt vor eine unlösbare Aufgabe stellen würden. Sogar Treppenstufen lassen sich überwinden, wenn diese schräg angeordnet und weit genug voneinander entfernt sind.


Sind überall: Motorroller.

 
Mehr Bilder gibt es erst in der nächsten Woche, wenn ich euch Nizza im Detail vorstelle. Ab dann gibt es jede Woche einen Bericht über ein Dorf oder eine Stadt der Umgebung – je nachdem, wo es mich an jenem Tag gerade hingetrieben hat.

Oct 252013
 

Auf Facebook sah ich gerade folgendes Bild durch meine Timeline schwappen:

Erst wollte ich direkt darunter kommentieren, dann wurde der Text aber länger und ich dachte – wie blöd, wenn das in spätestens zwei Stunden dem orkus des Vergessens anheimfällt und nicht mehr nachgelesen werden kann. Daher meine Position dazu jetzt hier:

Das ist auch meine Argumentation, wenn es heißt, durch einen Mindestlohn würden Arbeitsplätze vernichtet. Solche Arbeitsplätze, die nur durch Unterstützung (Aufstockung) der Gemeinschaft existieren, sind volkswirtschaftlich unsinnig. Unternehmen mit solchen Praktiken agieren parasitär und zerstören damit das gesamte Lohnniveau einer Branche, weil sie die Preise über die Lohnkosten drücken.
Meiner Meinung nach basiert das Ganze auf dieser weit verbeiteten, unsäglichen Vorstellung, Arbeit gäbe dem Leben einen Sinn. Sinn ist ein netter Nebeneffekt (und für das Wohlbefinden nicht zu unterschätzen), aber Arbeit muss in erster Linie – mindestens im real existierenden Kapitalismus – Geld geben, damit man sein Leben bestreiten kann und es nach seiner eigenen Vorstellung (und nicht der Vorstellung des Arbeitsmarktes oder -gebers) mit Sinn füllen kann. Man arbeitet, um zu leben. Man lebt nicht, um zu arbeiten. Arbeit ohne den entsprechenden Lohn ist es nicht wert, gemacht zu werden. Und andersherum: Wenn eine Arbeit gemacht werden muss/soll, muss sie auch angemessen vergütet werden. Denn letztlich ist Arbeitszeit verlorene Lebenszeit, die am Ende immer irgendwo anders besser aufgehoben gewesen wäre.