Oct 252013
 

Auf Facebook sah ich gerade folgendes Bild durch meine Timeline schwappen:

Erst wollte ich direkt darunter kommentieren, dann wurde der Text aber länger und ich dachte – wie blöd, wenn das in spätestens zwei Stunden dem orkus des Vergessens anheimfällt und nicht mehr nachgelesen werden kann. Daher meine Position dazu jetzt hier:

Das ist auch meine Argumentation, wenn es heißt, durch einen Mindestlohn würden Arbeitsplätze vernichtet. Solche Arbeitsplätze, die nur durch Unterstützung (Aufstockung) der Gemeinschaft existieren, sind volkswirtschaftlich unsinnig. Unternehmen mit solchen Praktiken agieren parasitär und zerstören damit das gesamte Lohnniveau einer Branche, weil sie die Preise über die Lohnkosten drücken.
Meiner Meinung nach basiert das Ganze auf dieser weit verbeiteten, unsäglichen Vorstellung, Arbeit gäbe dem Leben einen Sinn. Sinn ist ein netter Nebeneffekt (und für das Wohlbefinden nicht zu unterschätzen), aber Arbeit muss in erster Linie – mindestens im real existierenden Kapitalismus – Geld geben, damit man sein Leben bestreiten kann und es nach seiner eigenen Vorstellung (und nicht der Vorstellung des Arbeitsmarktes oder -gebers) mit Sinn füllen kann. Man arbeitet, um zu leben. Man lebt nicht, um zu arbeiten. Arbeit ohne den entsprechenden Lohn ist es nicht wert, gemacht zu werden. Und andersherum: Wenn eine Arbeit gemacht werden muss/soll, muss sie auch angemessen vergütet werden. Denn letztlich ist Arbeitszeit verlorene Lebenszeit, die am Ende immer irgendwo anders besser aufgehoben gewesen wäre.

Oct 112013
 

Sozialbeiträge steigen deutlich
2014 kommen auf einige Arbeitnehmer und Arbeitgeber deutlich höhere Sozialabgaben zu. Der Staat hebt die Bemessungsgrenze an und reagiert damit auf die gestiegenen Löhne. Auf einen Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro kommen im Jahr zusätzliche Ausgaben von knapp 45 Euro zu. Auf ein Ehepaar mit zwei Kindern 225 Euro.

Hier mal ein schönes Beispiel für Manipulation durch Information. Was ist passiert? Die Beitragsbemessungsgrenzen für die Sozialabgaben werden wie jedes Jahr angehoben (und im Vergleich zum letzten Jahr noch nicht mal besonders stark). Das ist ein automatischer, gesetzlich geregelter und seit 50 Jahren durchgeführter Prozess. Beitragsbemessungsgrenze ist der höchste Einkommensbetrag, der zur Berechnung der Sozialabgaben herangezogen wird. Das heißt, nur wer mehr verdient als eben jene Beitragsbemessungsgrenzen, zahlt 2014 mehr Sozialabgaben. Die Grenzen steigen in Westdeutschland um 150 € von 5800 € auf 5950 € für Renten- und Arbeitslosenversicherung und um 112,50 € von 3937,50 € auf 4050 € für Kranken- und Pflegeversicherung. Das heißt, wer als kinderloser Single weniger als 3937,50 € verdient, für den ändert sich – nichts.

Was wird daraus im Artikel? Der Autor wählt Beispiele, die über den 3937,50 € liegen und suggeriert dann, dass dies “viele Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber” (Bildunterschrift) beträfe. Wie viel ist denn viel? Laut diesem Brutto-Netto-Rechner, kommt man selbst, wenn man nur die Werbungskostenpauschale als Freibetrag berücksichtigt, auf ein Nettoeinkommen von 2675 €. Das ist laut dieser Einkommensverteilung ein Einkommen, das im oberen Fünftel der Einkommensverteilung angesiedelt ist. Mit den dortigen Worten: “80 Prozent der Erwerbstätigen haben weniger als Sie. Das sind ungefähr 28,6 Mio. Menschen.” Entsprechend dieser Zahlen kann man auch ausrechnen, wie viele Arbeitnehmer denn mehr als diese 2675 € netto haben. Es sind 5,72 Millionen Menschen. Das ist also die Anzahl der Menschen, die von der Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze der Sozialabgaben überhaupt betroffen sind. Bei einem Erwerbspersonenpotenzial von 42,9 Millionen (Erwerbstätige + Arbeitslose + nicht arbeitslos gemeldete Erwerbsfähige wie Hausfrauen oder -männer) klingt das irgendwie nicht wirklich “viel”. Zum Vergleich: Aktuell liegt die Grenze, aber der man einen kinderlosen Single nicht mehr der Mittelschicht, sondern der Oberschicht zuordnet, in Deutschland bei etwa 2000 € Monatsnettoeinkommen (Quelle).

“2014 kommen auf einige Arbeitnehmer und Arbeitgeber deutlich höhere Sozialabgaben zu.” Was ist denn “deutlich”? “Auf einen Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro kommen im Jahr zusätzliche Ausgaben von knapp 45 Euro zu.” Die Zahlen sind korrekt, aber irreführend, weil unterschiedlich lange Zeiträume gegenübergestellt werden. Die Einkommensgröße wird “optisch” gesenkt, in dem das Monatseinkommen angegeben wird, die Ausgabengröße wird gesteigert, in dem sie auf ein ganzes Jahr bezogen angegeben wird. “Ein Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro muss monatlich 3,75€ mehr zahlen” wäre genauso korrekt gewesen wie “Ein Single mit einem Jahreslohn von 48.000 Euro muss jährlich knapp 45 Euro mehr zahlen”. Aber das wäre wohl nicht schlagzeilenträchtig genug gewesen. Gleiches gilt für “Verdient er 5500 Euro [66.000 € jährlich] und lebt im Westen, muss er 73 Euro [6,08 € im Monat] zusätzlich zahlen. Wohnt er im Osten, muss er 175 Euro [14,58 € im Monat] mehr zahlen.” In eckigen Klammern stehen jeweils die Vergleichszahlen für Jahr und Monat. Interessanterweise werden hier die unterschiedlichen Zeiträume (Monatseinkommen werden mit Jahresausgaben verglichen) noch nicht einmal mehr explizit benannt. Wenn es um Ehepaare geht (“Bei Ehepaaren mit zwei Kindern ist es ähnlich. Während im Osten die Abgaben maximal um 174 Euro steigen, müssen Westdeutsche mit höheren Belastungen von 225 Euro rechnen. Hat das Paar keine Kinder, steigen die Abgaben sogar um maximal 251 Euro (West) und 196 Euro (Ost).”), wird das zugrundeliegende Einkommen gleich völlig ausgeblendet. Hier scheint dem Autor selbst aufgefallen zu sein, dass er mit Jahreseinkommen jongliert, die kaum jemand in diesem Land erreicht.

Interessant ist auch, dass der Autor die historische Entwicklung der Beitragsbemessungsgrenze, die es schon seit 1962 gibt, nicht berücksichtigt. Beispielsweise gab es im Vorjahr, von 2012 zu 2013, eine Erhöhung der Grenze für Renten- und Arbeitslosenversicherung um 200 € und eine Erhöhung für Kranken- und Pflegeversicherung um 112,50 € (jeweils West). Im Jahr davor (2011 zu 2012) gab es Erhöhungen um 100 € bzw. 112,50 € (Quelle und weiter zurückliegende Werte). Es handelt sich also in keinster Weise um einen besonders starken Anstieg, sondern eher um ein langjähriges Mittel des bisherigen Zuwachses.

Zudem muss man sich auch einmal inhaltlich fragen, was Beitragsbemessungsgrenzen bedeuten. Es bedeutet, dass man ab einem bestimmten Einkommen nur noch einen bestimmten Betrag an Sozialabgaben abführt, unabhängig vom tatsächlichen Einkommen. Bis zu dieser Grenze wachsen die absoluten Ausgaben linear mit dem Einkommen. Jemand, der die Hälfte von 3937,50 € verdient, muss auch nur die Hälfte an Sozialabgaben abführen wie der, der 3937,50 € verdient. Ab dieser Grenze bleiben die Ausgaben gleich. Wer das Doppelte von 3937,50 € verdient, zahlt trotzdem genauso viel Sozialabgaben* wie derjenige, der 3937,50 € verdient. In relativen Wahrscheinlichkeiten führt er also nur die Hälfte des Prozentsatzes seines Einkommens an die Sozialkassen ab, wie diejenigen, die 3937,50 € oder weniger im Monat verdienen. In dieser Grafik lässt sich dieser Abfall der relativen Belastung durch die Sozialabgaben bei steigendem Einkommen sehr gut nachvollziehen.

Was ist also tatsächlich passiert? Wie schon in den 50 Jahren zuvor, so werden auch in diesem Jahr die Beitragsbemessungsrenzen für die Sozialabgaben angepasst. Dadurch müssen Vermögende nun etwas mehr bezahlen als vorher, aber relativ gesehen immer noch weniger als diejenigen mit Einkommen unterhalb der Bemessungsgrenze. Und was wird im Artikel daraus? “Viele” Arbeitnehmer müssen “deutlich” mehr zahlen als bisher. Die Kommentare darunter gehen dann natürlich in eine entsprechende Richtung. Sowas nennt man dann wohl Manipulation durch Information.

*Das stimmt durch die beiden unterschiedlichen Bemessungsgrenzen nicht ganz, wird zugunsten meiner Wutrede aber jetzt mal kurz unterschlagen. Tatsächlich gleich bleiben die Sozialabgaben erst ab 5800 € Monatseinkommen (ab 2014 5950 €).

Sep 292012
 

Wir unterbrechen unser reguläres Programm für eine aktuelle Durchsage: In Reaktion auf diesen Redebeitrag des geschätzten (ich schätz ihn auf mindestens 150 kg) Herrn Macke-nroth im sächsischen Parlament, ….

… dem unmittelbar die Abschaffung der Demokratie an sächsischen Hochschulen, äh Verzeihung, der “Zwangsmitgliedschaft in der verfassten Studentenschaft” folgte, sind einige Textilindividualisierungsideen, vulgo T-Shirtsprüche entstanden, die ich dem gefälligen Betrachter hiermit zur Ansicht vorlege.

Ich lasse keine Fragen zu!  Studentenfunktionär
Ich bin organisiert empört  Bei Demokratieabbau seh ich MackenROTh

Entsprechende Textilien können in meinem Shirtshop erworben werden. Die Bildvorlagen finden sich außerdem hier in ausreichend großer Auflösung (PNGs mit transparentem Hintergrund, lange Seite 30cm bei 300dpi, größere Auflösungen gerne auf Anfrage unter mail [at] joschu [punkt] net):

Keine Fragen (Schwarz) Keine Fragen (Grau) Keine Fragen (Weiß)
Studentenfunktionär (Schwarz) Studentenfunktionär (Grau) Studentenfunktionär (Weiß)
Empört (Schwarz) Empört (Grau) Empört (Weiß)

Alle Bilder und Sprüche sind abweichend von den sonst hier geltenden Regeln vollkommen gemeinfrei. Kopiert sie, remixt sie, druckt sie auf Klamotten, Aufkleber, Plakate, macht Stencils oder was auch immer. Nutzt sie! Spread the word.

Am kommenden Mittwoch findet von 14 bis 18 Uhr übrigens der Tag der offenen Tür im sächsischen Landtag statt. Eine gute Gelegenheit, sich mit Vertretern der Regierungsparteien mal persönlich über diesen Bullshit zu „unterhalten“.

Aug 242012
 

In der 10. Klasse lernte ich in Gemeinschaftskunde etwas über das Wirtschaftssystem. Mir wurde John Maynard Keynes vorgestellt (jetzt nicht persönlich, eher so post mortem). Der war Wirtschaftswissenschaftler und begründete in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts den nach ihm benannten Keynesianismus. Ich lernte dort unter anderem die wünschenswerte Rolle des Staates innerhalb des Kapitalismus kennen: Er sollte die systemimmanenten Konjunkturschwankungen (von der Expansion zum Boom zur Rezession in die Depression und von dort wieder zurück zur Expansion) durch antizyklisches Verhalten abfedern. Das heißt, er sollte in einer Rezession mehr Geld ausgeben, zum Beispiel für Infrastrukturmaßnahmen. Dadurch würden Unternehmen gestützt, denen gerade Aufträge aus der freien Wirtschaft fehlten. Dies könnte vorübergehende Zahlungsausfälle und letztlich Firmenpleiten verhindern. Während einer Expansion sollte der Staat die durch das positive Wirtschaftswachstum entstehenden Steuermehreinnahmen hingegen nutzen, um in der Rezession aufgelaufene Schulden zu tilgen beziehungsweise sich ein finanzielles Polster für die kommende Rezession zuzulegen.

Irgendwer muss meinen alten Gemeinschaftskundehefter dem Internationalen Währungsfond zugespielt haben. Die haben dann vermutlich erstmal etwas länger davor gesessen und sich diesen zusammengeklaubten Papierhaufen zwischen zwei Pappdeckeln intensiv angeschaut. Gaaanz intensiv. Irgendwann haben sie es dann geschafft, den Hefter zu öffnen. Und haben den Inhalt erstmal eine Weile verständnislos angestarrt. Bis schließlich irgendjemand – ich vermute ein Praktikant, der sich beim Kaffee holen verlaufen hatte – den Sinn obiger Worte verstand und ihn – was ich noch viel erstaunlicher finde – auch den anwesenden IWF-Experten begreiflich machen konnte.


Die IWF-Experten mit meinem Gemeinschaftskundehefter (Szene nachgestellt).

 

Denn jetzt - also 80 Jahre nach Keynes und etwa 10 Jahre, nachdem ich es in meinen Gemeinschaftskundehefter schrieb, hat der IWF festgestellt, dass Sparen in einer Rezession vielleicht doch nicht ganz so klug ist. Das mithin also der seit 2 Jahren von ihnen mitgetragene Masterplan zur Lösung der Staatsschuldenkrise vielleicht doch eher ein Desasterplan ist. Beim Verständnis geholfen haben könnte das aktuelle Anschauungsmaterial. Um es mit den Worten des Artikels zu sagen:

Griechenland hat nach Zahlen des Sachverständigenrats so viel gespart wie kein anderes europäisches Krisenland. Zwischen 2009 und 2012 ist das Haushaltsdefizit um neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Zugleich befindet sich die griechische Wirtschaft in einer in Europa beispiellosen Rezession: Die Wirtschaftsleistung brach in den letzten Jahren um mehr als 20 Prozent ein, die Staatsschulden explodierten.

Also ja, liebe IWF-Experten, Sparen in einer Rezession ist nicht so gut. Wenn der Staat keine Aufträge mehr vergibt und Unternehmen aus der freien Wirtschaft gerade auch keine Aufträge mehr bekommen, dann gehen sie pleite und die Arbeitslosenzahlen nach oben. Wenn man dann noch die Sozialleistungen zusammenstreicht, haben die alten und die vielen neuen Arbeitslosen plötzlich viel weniger Geld in der Tasche, das sie ausgeben können. Sie können also weniger der Waren und Dienstleistungen der noch bestehenden Unternehmen kaufen, wodurch von denen Weitere pleite gehen. Gleichzeitig sinken die Staatseinnahmen, weil weniger Kaufkraft auch weniger Mehrwertsteuereinnahmen bedeutet und weil bankrotte Unternehmen und Arbeitslose eher selten Steuern zahlen. Der Staat muss also weiter sparen, womit wir wieder am Anfang der Spirale sind, die sich unaufhaltsam in Richtung Staatbankrott dreht.

Schreibt euch das doch bitte auf, damit ihr bei Spanien, Portugal, Italien und Irland nicht den gleichen Fehler macht. Bitte.