Sep 032012
 

“Ja, natürlich dürfen Sie mich gerne jederzeit wieder anrufen.”
Die Dame vom Marktforschungsinstitut bedankt sich artig. Diabolisch grinsend lege ich auf. Der Köder ist ausgelegt.

In den vergangenen 20 Minuten habe ich der Callcenter-Mitarbeiterin geduldig jede ihrer vielen Fragen beantwortet. Welchen Bildungsabschluss ich habe, wie alt ich bin, wieviel ich verdiene, welche Partei ich wählen würde, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, wie ich 50.000 € investieren würde, wenn ich plötzlich an soviel Geld käme und so weiter und so fort. In den letzten Wochen und Monaten habe ich schon mehrfach an solchen Umfragen teilgenommen, am Telefon und online. Jetzt bin ich im System.

Wenn es jetzt heißt “Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, würden X% der Bundesbürger Partei Y wählen.”, dann hat meine Aussage die Statistik beeinflusst. Mit immerhin 0,1%. Denn es werden ja nicht alle wahlberechtigten Bundesbürger befragt, sondern meistens nur um die 1000 zufällig angerufene Leute. 0,1%. Das ist wesentlich mehr, als wenn ich bei der tatsächlichen Wahl mit zig Millionen anderen abstimme. Und ich werde auch nicht mehr nur einmal alle vier Jahre befragt. Die Deutschen stehen auf Statistiken, deutsche Medien stehen auf Statistiken. Zahlen strahlen Sicherheit aus, vollkommen egal, wie sie entstanden sind. Es braucht also viele Umfragen und alle paar Monate spuckt der Computer meine Festnetznummer aus und ich kann erneut meine Stimme abgeben. Und die Medien können groß aufmachen mit Schlagzeilen wie “X% der Deutschen wollen die D-Mark zurück”, “Jeder y-te Deutsche mag Döner mehr als Batwurst”, oder “Z% aller Deutschen glauben Statistiken”.

Und die Politiker springen, weil sie glauben, dem Volk nach dem Munde reden zu müssen – und weil sie kamerageil sind. Und sehen nicht, dass es nur 1000 Leute sind, die da ihren Senf zu irgendwelchen schlecht formulierten Fragen gegeben haben. Einer davon ich.

Und so werde ich nun langsam die öffentliche Meinung beeinflussen, Stück für Stück, bei jeder Umfrage ein bisschen mehr. Ich bin zwar nur 0,1%, aber 0,1% können die Kanzlerfrage entscheiden. Ich werde die Medien füttern, die werden die Politiker füttern und die werden das Volk füttern, denn der Stammtisch plappert ja auch nur nach, was ihm souffliert wird. Und so werde ich Stück für Stück für Stück die Welt nach meinem Bilde formen. Heute die öffentliche Meinung, und morgen die ganze Welt. Mwahahahahaa!

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