Aug 072013
 

Eine gute Geschichte beginnt am Anfang und führt am Ende zum Anfang zurück. Also beginnt mein Hamburg-Rückblick mit der Reise von und nach Dresden nach und von Hamburg. Zwei Reisen, die ich keinem empfehlen kann – zumindest wenn man sich wie ich auf unser aller liebstes Quasi-Monopol-Unternehmen, die Deutsche Bahn verlässt.

Meine Reise begann am Sonntag um 13 Uhr. Oder hätte beginnen sollen. Auf dem Bahnstieg begrüßte mich nämlich die wohlbekannte Ansage und -zeige, der Zug habe circa 30 Minuten Verspätung. Ungünstig, wenn die Umsteigezeit in Berlin nur 16 Minuten beträgt. Zum Glück verlief die Zugentbindung (also die Entbindung von der Zugbindung, damit ich in Berlin den nächsten ICE nehmen konnte) und die Umbuchung der Sitzplatzreservierung (unbedingt zu empfehlen, sonst steht ihr!) direkt in Dresden problem- und diskussionslos.
Dann kam der Zug – und war ein IC. Okay, das wusst ich natürlich vorher schon. Aber es gibt ja prinzipiell zwei Arten von Waggons, die bei ICs eingesetzt werden. Zum einen etwas Moderne, den REs nicht unähnlich, mit Großraumabteilen und zwei Sitzen auf jeder Seite mit Mittelgang. Und die schon zu Wendezeiten altersschwachen Wagen mit 6er-Abteilen ohne zu öffnendes Fenster, mit meist unzureichender Klimaanlage und Gang an einer Wagenseite. Dreimal dürft ihr raten, mit welcher Variante ich zu reisen das unbeschreibliche Vergnügen hatte.
Die nächsten 2 Stunden verbrachte ich also schwitzend in einem voll besetzten 6er-Abteil, natürlich ohne Klimaanlage und bei 30°C außerhalb (und näherungsweise sicher auch innerhalb) des Zuges. Wie befürchtet kamen wir etwa eine halbe Stunde zu spät in Berlin an. Trotzdem hätte ich meinen Original-Anschlusszug fast noch erreicht, denn der hatte auch etwa eine halbe Stunde Verspätung. Ob die Bahn das mit ihrer Anschlussgarantie meint?
Kurz bevor ich ihn erreichen konnte, fuhr der Zug aber ab. Was letztlich gar nicht so schlecht war. Wahrscheinlich hätte es sonst Stress beispielsweise wegen meiner umgebuchten Sitzplatzreservierung gegeben. Und eine halbe Stunde Aufenthalt im kühlen Berliner Tiefbahnhof war nach dem vorangegangenen mehrstündigen Saunagang auch eine Wohltat. Der zweite Teil der Hinreise, im ICE von Berlin nach Hamburg, verlief dann erstaunlicherweise vollkommen unspektakulär. Wie langweilig.

Den samstäglichen Rückweg konnte ich sogar ohne Umsteigen hinter mich bringen. Leider bedeutete das – wie ich mit Erschrecken beim Blick auf das Ticket feststellte – 4,5 Stunden IC. Hätte bedeuten sollen. Am Ende waren es natürlich eher 5,5 Stunden. Und wieder hatte ich das große Los gezogen und ein 6er-Abteil ergattert. Diesmal funktionierte die Klimaanlage sogar ansatzweise. Leider hatte das bei den 39°C an diesem sonnigen Sommertag nur bedingt Auswirkungen auf die Gartemperatur, äh, Innentemperatur im Zug. Hätte ich nicht am Fenster gesessen und meinen Unterarm von Zeit zu Zeit über den Lüftungsschlitz der Klimaanlage halten können, wäre ich vermutlich nicht unfallfrei in Dresden angekommen.
Mit mir im Abteil saßen Großmutter und Mutter eines ebenfalls anwesenden grundschulaltrigen Jungen. Oma hatte zu DDR-Zeiten viele Jahre als Zugbegleiterin gearbeitet und war von den realexistierenden Zuständen der Jetzt-Zeit entsetzt, die neben schwachbrüstigen Klimaanlagen auch überflutete Toiletten, nicht geleerte Abfallbehälter und von Zeit zu Zeit den Geruch verschmorter Elektronik beinhalteten. Am meisten erregte sie sich aber über die Abwesenheit von Zugpersonal, dem man Getränkegutscheine oder ähnliches zur Linderung der allgemeinen Hitzebeschwerden hätte aus dem Kreuz leiern können.
Folgerichtig hatten wir nach drei Stunden Sauna ohne Aufguß schließlich einen ungeplanten Aufenthalt irgendwo in der brandenburgischen Einöde, weil sich ein Notarzt mal einen der Passagiere näher anschauen wollte. In diesem Zeitraum erwischte Oma auch endlich eine Zugbegleiterin – Typ Mandy – und das große Kino begann. Eingeleitet wurde es mit der Beschwerde, man sei noch gar nicht kontrolliert worden (Ja, wirklich. Deutsche halt.). Mandy insistierte, selbstverständlich habe man den gesamten Waggon kontrolliert und Oma möge doch bitte einmal ihr Ticket zeigen. Anschließend stempelte sie das noch jungfräuliche Ticket ab und wollte sich ohne weitere Worte entfernen. Aufgehalten wurde sie von einer Oma aus dem Nebenabteil, die sich als herzkrank vorstellte und die kostenlose Ausgabe von Getränken einforderte. Mandy entgegnete, sowas könne nur der Zugchef anordnen und aktuell könne man nur das Notfallwasser herausgeben.
Mandy würde diese Information noch bereuen. Wir wussten nun von der Existenz von Notfallwasser! Aber noch war die Zeit der Rache nicht gekommen. Zugbegleiter-Oma hatte sich inzwischen vom ungebührlichen Verhalten der Mandy erholt und forderte sie auf, ein Beschwerdeformular (das Fahrgastrechteformular) sowie ihren Namen herauszugeben. Mandy wies das Ansinnen zurück, man befinde sich in einem tschechischen Zug (seltsam, ich hatte bei der DB gebucht und wir befanden uns eindeutig auf deutschem Hoheitsgebiet), da gäbe es sowas nicht. Man möge sich entsprechende Formulare im Reisecenter am Zielort holen. Und für die Einreichung der Beschwerde sei ihr Name unerheblich, man möge einfach Datum und Zugnummer angeben.
Dann entschwand Mandy in die hinteren Abteile des Zuges, nicht ohne uns jeweils zu informieren, wenn sie auf ihrem Weg jemanden fand, der tatsächlich schon einmal kontrolliert worden war. Ich selbst blieb während des gesamten Vorganges und auch während der weiteren Fahrt selbstverständlich unkontrolliert. Schade eigentlich, ich hätte Mandy gerne nach einem Nachweis ihrer Zugbegleiterinnen-Tätigkeit (einem Ausweis oder Namensschild beispielsweise) gefragt, bevor ich ihr mein Ticket überantwortet hätte.
Zugbegleiter-Oma und Herz-Oma hatten sich inzwischen zusammen getan und putschten sich gegenseitig auf. Früher hätte es das nicht gegeben! Die solle erstmal ein paar Jahre im Nahverkehr arbeiten, bevor man sie in die Fernzüge lasse! Aber Hauptsache pinke Fingernägel! Das hätte noch ein Nachspiel, beschweren würde man sich!
Schließlich ergriff Herz-Oma den Plan, sich zumindest etwas von dem ominösen Notfallwasser zu besorgen. Möglicherweise aus Angst vor körperlichen Übergriffen bat sie mich, sie zu begleiten. Das versprach Spaß, also willigte ich ein. Nach einer längeren Odyssee durch den überhitzten Zug fanden wir schließlich Mandy und den Zugchef und uns bot sich das folgende Bild:

Mandy und der Zugchef und viel Notfallwasser

Da saßen also Mandy und der Zugchef in ihrem 6er-Abteil und hatten in der Ablage über sich Unmengen an Notfallwasser gebunkert, während die Passagiere vor sich hin dörrten. Herz-Oma verlangte die Herausgabe von Wasser für uns und unsere Mithäftlinge, äh, -reisenden im Abteil und missmutig gab der Zugchef etwa 10 Packungen heraus. Mandy sagte zu alledem nichts, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte sie wohl schon mit der Welt oder mindestens ihrer weiteren Berufslaufbahn abgeschlossen.
Triumphierend zogen wir zurück zu unserem Abteil. Auf dem Weg informierten wir jeden, der es wissen wollte und auch jeden, der es nicht wissen wollte, dass es beim Zugpersonal Wasser gäbe und man sich doch bitte zur Abwendung von Gesundheitsrisiken damit eindecken möge. Diese Aufwiegelungstaktik schien Erfolg zu haben, denn keine 15 Minuten später hatten sich Mandy und der Zugchef wohl doch dafür entschieden, heute noch einmal zu arbeiten – sie gingen durch den Zug und verteilten die noch vorhandenen Reserven an Notfallwasser. Wir lehnten dankend ab – wir hatten ja inzwischen genug.

Mit nur einer Stunde Verspätung kamen wir schließlich in Dresden an. Dass ich dadurch keinen offenen Supermarkt mehr fand und mich am nächsten Tag von Brot, Süßigkeiten und einer lang verschollenen Tüte Paprika-Chips ernähren musste, war angesichts unseres triumphalen Siegs über das Wassermanagement der DB fast zu verkraften.

  4 Responses to “Hamburg (I) – Die fürchterliche Reise in die wunderbare Stadt”

  1. [...]   Hamburg (I) – Die fürchterliche Reise in die wunderbare Stadt [...]

  2. [...] ja ohnehin schon großzügig über Bord geworfen. Begonnen hatte ich die Hamburg-Reihe mit der Fahrt nach Hamburg und auch gleich wieder zurück. Als nächstes berichtete ich von meinem Hotel und dem es umgebenden Viertel und verarbeitete dabei [...]

  3. [...] Hamburg (I) – Die fürchterliche Reise in die wunderbare Stadt Hamburg St. Georg – Auf den Spuren des Herrn Buddenbohm Hamburg allgemein – Über Grünzeug und Wasser, Menschen und Ampeln | Nachtrag zu Ampeln in Hamburg Hamburg – Die Alster vs. Planten un Blomen Hamburg – Eine Tour durch St. Pauli Hamburg – Die Innenstadt Der Hamburger Hafen Hamburg – Speicherstadt und Hafencity [...]

  4. [...] südschwedischen Provinz Skåne. Und wieder mit der Deutschen Bahn. Eine Entscheidung, die ich vor meinem unfreiwilligen Saunagang zwei Wochen zuvor getroffen hatte und nun schon leicht bereute. Diesmal würde ich sogar im Vierer-Schlafabteil eines [...]

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