Aug 142013
 

Mit der Schilderung des Reisens nach Hamburg habe ich den negativen Teil meiner Urlaubswoche quasi schon abgearbeitet und kann nun umso ausführlicher von der wahrscheinlich schönsten und besten Stadt Deutschlands schwärmen. Entgegen vorangeganger Reiseberichte werde ich dabei nicht chronologisch, sondern geographisch erzählen. Damit kann ich hoffentlich einen besseren Eindruck der Orte liefern, an denen ich war und die meistens wesentlich spannender waren als die Dinge, die ich dort getan habe. Wobei letztere natürlich auch nicht zu kurz kommen sollen.
Beginnen möchte ich mit meinem Domizil während der Woche, dem Hotel Village und dem zugehörigen Stadtteil St. Georg, benannt nach dem mehr oder minder bekannten Drachentöter gleichen Namens. Der Titel ist auch eine Reminiszenz an den Autor und Blogger Maximilian Buddenbohm, der hier lebt und arbeitet und dessen liebevolle Schilderung seines Kiez wie auch der norddeutschen Lebensart allgemein mich überhaupt auf den Gedanken brachte, mal nach Hamburg zu fahren. Das mag jetzt etwas stalkerhaft klingen, aber es ist schon spannend, die von ihm beschriebenen Straßen und Plätze plötzlich live und in Farbe vor sich zu sehen und Fotomotive aus dem Blog unvermittelt direkt vor sich wiederzuerkennen. Herr Buddenbohm hat mit der obigen Schilderung von St. Georg übrigens auch die Reihe Der Rest von Hamburg ins Leben gerufen, die sich schon bald über die hansestädtischen Grenzen ausbreitete und in deren Rahmen ich auch schon einmal von meinem Dresdner Viertel schrieb. In Folge dieser Reihe ist übrigens das Projekt Stories and Places entstanden, das Blogbeiträge mit ihren Handlungsorten verknüpft und einem so zum Beispiel vielfältige Städtereisen mit den Augen und Herzen anderer ermöglicht. Ende des Werbeblocks.

Das Hotel Village wirbt damit, das hier bis vor 20 Jahren das beliebteste Edel-Bordell Norddeutschlands untergebracht war. Die Einrichtung wurde wohl weitestgehend erhalten, so dass man beispielsweise auch Hotelzimmer mit Deckenspiegeln über dem Bett bewohnen kann. So luxuriös war mein kleines Einzelzimmer nicht, aber die Wandgestaltung und einige Accessoires machten schon etwas her. Auch dass der Blick aus dem Fenster auf ein Sexkino mit angeschlossenem Spielcasino (oder andersherum?) fiel, darf wohl als Teil des Konzepts verstanden werden. Was das Hotel neben der Einrichtung so besonders macht, ist der Service. Nein, nicht DER Service. Für DEN Service müsste man schon kurz vor die Tür gehen und eine der dort vor allem abends stehenden Damen hinein bitten. Das Personal im Hotel ist einfach sehr freundlich, zugewandt, gibt einem gerne (und gerne auch ungefragt) Ratschläge zur Tagesgestaltung oder plaudert auch nur ein wenig mit einem. Der gemütliche Schnack beim reichhaltigen Frühstücksbuffet ist quasi im Preis inbegriffen. Ich kann das Hotel auf jeden Fall weiterempfehlen, zumal es vom Hauptbahnhof in Null-komma-nix erreicht werden kann. Einmal umfallen, und man ist da. (So, damit sollten sich die 3 € Rabatt pro Tag, die mir der Hotelchef ungefragt eingeräumt hat, für ihn schon wieder gerechnet haben. Jetzt aber wirklich Werbeblock Ende.)

  
Links: Treppenhaus. Rechts: Blick ins Hotelzimmer.
  
Links: Hotel Village. Ich hab hinter dem “Hotel” gewohnt. Rechts: Blick vom Balkon.

 
Das Hotel ist direkt am Bahnhofsvorplatz in den oberen Etagen eines Stadthauses untergebracht. Im Erdgeschoss links neben dem Eingang befindet sich ein türkisches Restaurant, rechts ein Friseur. Das weitere Geschäftsangebot ist breit gemischt und könnte kaum internationaler sein. Restaurants und Imbisse mit unterschiedlichster Küche, Obst- und Gemüsehändler, Im- und Exportgeschäfte, ein Penny, dazwischen auch immer mal wieder Casinos oder Sexshops, gerne auch für den ausgefallenen Geschmack, und gegen Abend auch die ein oder andere Prostituierte auf der Straße, obwohl die Stadt seit 2012 wohl verstärkt gegen sie vorgeht. Das Publikum auf der Straße ist ähnlich breit gefächert. Viele Türken und Araber, Menschen aus Afrika, japanische und deutsche Touristen (letztere meist etwas verschüchtert), breitschultrige Männer denen man die Milieuzugehörigkeit ansieht, englische Punks, und Bettler, deren Sprache und Aussehen man ihre Herkunft nicht entnehmen kann. Am Bahnhofsvorplatz halten sich seit einigen Monaten auch die pressebekannten Flüchtlinge aus Lybien Nordafrika auf, denen dank Unterstützung der Kirche vorerst einige Monate Aufenthalt gewährt wurde und die dort in einem Zelt auf ihre Situation aufmerksam machen. Spannend ist dabei auch, wie friedlich alle Beteiligten nebeneinander koexistieren. Es ist zwar immer laut und immer was los, aber Aggression sieht man kaum.

Dieser Zauber besteht allerdings nur auf wenigen hundert Metern am Anfang des Steindamms. Schon nach der nächsten Querstraße findet man sich in einem mehr oder minder alltäglichen Wohnviertel wieder. Nur hin und wieder ist dann noch erkennbar, dass man sich in einem eher alternativen Stadtteil befindet. Beispielsweise, wenn man über eine öffentliche Tauschkiste stolpert. Oder über die Außenmauer eines Spielplatzes, die die Kinder anscheinend bemalen durften (oder jedenfalls bemalt haben). Und an den Regenbogenfahnen, die an jeder Bar in der Langen Reihe wehen. St. Georg scheint auch das Schwulenviertel der Stadt zu sein. (Kleine Anekdote am Rande: Das Hotel Village wird von einem schwulen Pärchen geführt. Eine der beiden wollte mich am Freitag überreden, am Freitag Abend doch zum “Lederfest” (dem Spike Leather Festival, sagt Google) im Viertel zu gehen. “Heute abend sind 2000 Männer in diesen Straßen unterwegs, die alle nur Unsinn im Kopf haben.” Er war glaub ich ein wenig enttäuscht, als ich mich als Hete geoutet habe.) Im wirklich krassen Gegensatz zu dieser Subkultur-Melange stehen dann die Prachthäuser an der Alster, unter ihnen auch das Fünf-Sterne-Hotel Atlantic-Kempinski, in dem Udo Lindenberg seit mehreren Jahrzehnten wohnt.

  
Links: Tauschkiste. Rechts: Bar mit Regenbogenfahnen.
  
Links: Die Geschichte des Namenspatrons. Rechts: Hotel Atlantic und Außenalster.

 
Leider ist St. Georg immer noch andersartig genug, um für Immobilienspekulanten interessant zu sein. Die Ergebnisse der Gentrifizierung sieht man vor allem in Alsternähe, aber langsam fressen sie sich auch ins Viertel selbst hinein. Neben den alteingesessenen Stadthaushotels eröffnen erste Bettenburgen in Bahnhofsnähe. Die Casinos und Sexshops verschwinden langsam, die Prostitution wird in die Illegalität gedrängt. Auch Zeugnisse des Widerstandes finden sich, wenn auch nur vereinzelt. Langfristig aber fürchte ich, wird sich das Internationale, Multi- und Subkulturelle nicht halten können, oder nur in Form von Touristenattraktionen wie es in St. Pauli der Reeperbahn passiert ist.

  
Links: Ursprüngliche Bebauung vs. Gentrifizierung. Rechts: Protestartikulation.

 
Das Schlimme ist: Wenn man jetzt hinfährt, um sich den momentanen Zustand, der ja auch nicht mehr der Ursprüngliche ist, vor seiner Gleichschaltung anzusehen, wird man als Geld hineintragender Tourist unfreiwillig Teil der Vernichtungsmaschinerie. Vielleicht hilft es, sein Geld wenigstens bei den lokalen Händlern zu lassen. Zum Beispiel bei dem Händler einige Meter vom Hotel Village entfernt, von dem ich mir, ohne den Namen gemerkt zu haben, sehr sicher bin, dass er identisch ist mit “Sömnez 1″ aus dem Text des Herrn Buddenbohm.

Alle und noch mehr Bilder gibt es auch in größer in der Galerie.

  3 Responses to “Hamburg St. Georg – Auf den Spuren des Herrn Buddenbohm”

  1. Herzlichen Dank für die Komplimente. Finde ich großartig, dass der Stadtteil jetzt auch in der Wirklichkeit gesehen wurde. Und ja, die Entwicklng wird wie in der Schanze verlaufen, auch auf dem Steindamm. Das wird niemand aufhalten, solche Berichte wie dieser hier oder wie meiner von Sönmez haben dann nur noch nostalgischen Wert.

  2. [...] und Studenten anzog, hat natürlich auch St. Pauli mit Gentrifizierung zu kämpfen. Was in St. Georg noch am Anfang steht, hat St. Pauli schon fest in der Hand. Die Gentrifizierung hat sich hier sogar [...]

  3. [...]   Hamburg St. Georg – Auf den Spuren des Herrn Buddenbohm [...]

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