Aug 202013
 

Nun hab ich Chronologie und Konsistenz der Erzählung ja ohnehin schon großzügig über Bord geworfen. Begonnen hatte ich die Hamburg-Reihe mit der Fahrt nach Hamburg und auch gleich wieder zurück. Als nächstes berichtete ich von meinem Hotel und dem es umgebenden Viertel und verarbeitete dabei Beobachtungen und Erlebnisse von mindestens drei Urlaubstagen. Da kann ich im dritten Teil auch direkt schon mal ein Gesamtfazit ziehen, auch wenn noch etwa vier bis fünf weitere Beiträge zum Thema folgen werden. Aber vielleicht versteht man dann besser, was mich an Hamburg fasziniert. So sehr, dass ich inzwischen schon ab und zu in Wohnungsannoncen blättere.

Hamburg ist für eine großzügig-aufgerundete-2-Millionen-Stadt unglaublich grün. Und wir reden hier nicht von kleinen Plazebo-Parks zwischen endlosen Häuserzeilen oder dem Grün verfallener und überwucherter Häuserruinen, sondern von großen zusammenhängenden Grünflächen in bester Lage. In Gebieten also, wo Investoren bestimmt gerne die ein oder andere Eigentumswohnenklave errichten würden, wenn man sie denn ließe – wozu es hoffentlich nie kommt. Die beiden größten Grünflächen der Innenstadt sind zum einen der Bereich um die Außenalster mit dem Alsterpark und zum anderen Planten un Blomen, das Gebiet der Internationalen Gartenschau 1953, 1963 und 1973. Während das Alstergebiet in erster Linie Uferbeflanzung und Rasenflächen bietet, auf denen man entspannen kann, finden sich in Planten un Blomen aufgrund der Vergangenheit viele Brunnen und Wasserspiele, Bepflanzung mit unterschiedlichsten Pflanzen, Steinterrassen, Japanische Gärten und dergleichen mehr. Letztlich haben aber beide Gebiete die gleiche Wirkung auf einen: man bleibt alle paar Meter stehen oder setzt sich auf eine der zahllosen Bänke und starrt sinnierend in das Wasser (der Alster oder eines Wasserspiels) vor sich.

  
Entspannen an der Außenalster …
  
… oder in Planten un Blomen.

 
Womit wir auch schon beim nächsten Thema Hamburgs wären: Dem Wasser. Ich liebe Wasser. Es mag meiner nordostdeutschen Herkunft geschuldet sein, aber in Wassernähe fühle ich mich immer noch am Wohlsten. Und in Hamburg ist man immer in Wassernähe. Da haben wir neben der Alster natürlich zuallererst die Elbe, die sich südlich der Innenstadt entlangzieht und an deren Rändern der Hamburger Hafen seinen Platz hat. Die Elbe teilt sich hier in mehrere , teils natürliche und teils künstlich erzeugte Unterarme, gleichzeitig münden auch mehrere kleine Flüsse hier in den Strom. Das führt zu diversen Kanälen und Kanälchen, die sich durch die gesamte Innenstadt ziehen und von wunderschönen alten Geschäfts- und Bürgerhäusern gesäumt werden. Damit man trotzdem von A nach B kommt, hat Hamburg über 2000 Brücken (mehr als Amsterdam, London und Venedig zusammen) und ist damit die brückenreichste Stadt Europas.

  
  
Stadthäuser am Wasser.

 
Grünzeug und Wasser – mehr brauche ich ja eigentlich nicht, um glücklich zu sein. Aber Hamburg hat noch etwas zu bieten: nette Menschen. Ich weiß nicht, wo das Klischee des verschlossenen, bärbeißigen Hanseaten herkommt. Aber entweder waren alle Leute, mit denen ich zu tun hatte, Zugezogene. Oder ich bin gut darin, den weichen Kern aus der harten Schale hervorzukitzeln. Oder das Klischee stimmt einfach nicht. Ich hab jedenfalls noch nirgendwo so sympathische, offene und herzensgute Menschen getroffen wie hier. Und es ist nicht die anbiedernde scheinheilige Nettigkeit, die man in Sachsen oft findet. Die Hanseaten sind einfach offen für andere Menschen und andere Lebensweisen. Vielleicht, weil sie jahrhundertelang gut davon gelebt haben und immer noch leben, mit Menschen aus aller Welt Handel zu treiben. Vielleicht, weil Hamburg auch immer noch eine Stadt der Gegensätze ist. Da haben wir einerseits das höchste Durchschnittseinkommen Deutschlands. Dreizehn Milliardäre und 43000 Millionäre leben in Hamburg, an der Alster bezahlt man für den Quadratmeter Bauland 20000 €. Und andererseits gibt es natürlich Obdachlose und Bettler, die unter Brücken campieren oder einfach in Hauseingängen oder auch mitten auf dem Gehweg schlafen und sich ihren Lebensunterhalt zusammenschnorren. Viele Leute können sich die stark gestiegenen Mieten nicht mehr leisten. Und dann existiert hier eben auch noch die Halbwelt aus Spielcasinos, Stripclubs und anderen Erotikdienstleistungen und den Menschen, die in diesem Bereich arbeiten oder die diese Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Und all diese Leute haben offenbar einen Weg gefunden, miteinander auszukommen. Noch nirgendwo sind mir beispielsweise so höfliche Bettler begegnet. Mit einem wäre ich fast ein Bier trinken gegangen. Einfach weil er mich so nett gefragt hat, ob ich ihm eins ausgebe. Vielleicht beim nächsten Mal.

  
Diese Bilder sollen das Hamburger Verkehrschaos symbolisieren. Das tun sie nicht wirklich gut. Also eigentlich gar nicht. Aber irgendjemand muss den Job ja machen.

 
An etwas hab ich dann aber doch noch zu mäkeln: am hamburgischen Verkehrskonzept. Denn es gibt keins. Ich kann verstehen, dass Hamburg für Autofahrer die Hölle sein muss. Große Teile der Innenstadt sind für sie ohnehin gesperrt und ansonsten gibt es durch die vielen kleinen Gassen und engen Brücken sehr viele Einbahnstraßen. Zudem sind die Straßen in Elbnähe oft auch noch auf den Hochwasserschutzanlagen gebaut und werden bei Bedarf auch gerne mal kurzfristig gesperrt. Angesichts dieses Schwierigkeitsgrads sind die Hamburger Autofahrer durchaus als sehr umgänglich und zuvorkommend zu beschreiben. Ich bin in der Woche nur zwei Mal fast überfahren worden. Beide Male in Bonzengegenden (Hafencity) und mit einem domestizierten Geländewagen inklusive eingebauter Vorfahrt als Tatwerkzeug. Aber diese Quote habe ich in Chemnitz innerhalb von 3 Stunden erreicht, das ist also schon okay.
Nicht okay sind die wahrscheinlich aus Kompensationsgründen stark verlängerten Autoampelgrünphasen und die im Vergleich dazu lachhaft kurzen Grünphasen an Fußgängerampeln. Bei 5 Sekunden Grün habe selbst ich Probleme, drei Fahrstreifen zu überqueren. Wie es da Kindern oder älteren Leuten geht, will ich gar nicht wissen. Prinzipiell hat man keine Chance, eine Straße zu überqueren, wenn man nicht schon zu Beginn der Grünphase an der Ampel steht und sofort losgeht (oder sich halt wahlweise nicht um hupende Autofahrer schert). Ansonsten ereilt einen das Rot spätestens auf einer der zahlreichen Verkehrsinseln und man darf erstmal wieder ein paar Minuten bis zum nächsten Versuch warten. Besonders lustig wird es, wenn nur drei von vier Kreuzungsstraßen mit einer Ampel versehen sind und man gerne die vierte überqueren möchte. Hier kann man bis zu 6 Ampelphasen verbringen, bis man endlich auf der anderen Straßenseite ist. Das Aufstellen der Ampeln scheint dabei auch mehr oder minder dem Zufallsprinzip zu unterliegen. Da wird eine kleine Anliegerstraße mit Verkehrslichtzeichen ausgestattet, während bei einer vierstufigen Durchgangsstraße ein paar Meter weiter ein Zebrastreifen ausreichen soll – was er natürlich nicht tut.
Ein weiteres Ärgernis sind die Radwege. Prinzipiell gibt es welche, das ist toll. Sie sind meistens auf dem Fußweg ausgewiesen, das ist nicht so toll. Wie sie aber teilweise auf dem Gehweg angeordnet sind – da war wohl jemand toll. Auf dem Jungfernstieg beispielsweise, der einen breiten Boulevard als Gehweg inklusive Fahrradweg bildet. Zuerst führt der Radweg nahe der Straße entlang, biegt dann plötzlich fünf Meter seitwärts in die Mitte des Boulevards ein, um 20 Meter später wieder zurück an den Straßenrand zu führen. Man hat als Fußgänger, gerade als Ortsunkundiger, keine Chance, den Radfahrern nicht im Wege rumzustehen.
Also ja, der Verkehr in Hamburg ist scheiße. Aber ansonsten ist Hamburg toll.

Für Bilderhungrige verlinke ich hier mal meine Galerie Hamburger Stadthäuser. Auf alle anderen Bilder komm ich zurück, wenn ich die entsprechenden Gegenden bespreche. Ganz Ungeduldige können aber auch hier klicken und die Hamburger Alben durchwühlen. Aber lasst euch gesagt sein, dass ihr euch damit die Vorfreude kaputt macht!

  2 Responses to “Hamburg allgemein – Über Grünzeug und Wasser, Menschen und Ampeln”

  1. [...] im letzten Teil schon angeklungen, bin ich ein großer Fan der innerhamburgischen Grünanlagen, namentlich der [...]

  2. [...] ich mich gerade schon über rote Ampeln ausgelassen hab, muss ich direkt noch einen Nachtrag zu diesem Hamburg-Beitrag machen, der sich des Themas ja auch schon annahm. (Btw, willkommen im [...]

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