Sep 052013
 

Wer an Hamburg denkt, denkt vielleicht im ersten Moment nicht an die Alster oder den Hafen, sondern an Stripclubs, Straßenstrich und Zuhälterkriege – kurz, an St. Pauli oder dem Klischeebild, das man von St. Pauli hat. Ich habe mir natürlich auch diesen Stadtteil eingehend zu Gemüte geführt. Allzu viele Fotos sind dabei nicht rumgekommen – in bestimmten Ecken wird man nicht gerne fotografiert, im Dunkeln leidet die Qualität meiner Fotos ohnehin und im Hellen fehlt einfach das Flair, das zumindest bestimmte Gegenden ausmacht. Dieser Beitrag wird daher sehr textlastig daher kommen. Zugleich fehlt in ihm, das möchte ich gleich vorwegnehmen, etwas die Kohärenz. Ich habe dort einfach in sehr kurzer Zeit sehr viel erlebt und erfahren, dass sich nur schwer in einen einzelnen Text pressen lässt. Fast jede Ecke in St. Pauli hätte eine eigene Geschichte verdient. Vielleicht mach ich eine entsprechende Reihe nochmal, nachdem ich das Viertel mal wieder besucht hate. Verdient hätte es es allemal.

St. Pauli liegt westlich der ehemaligen Wallanlagen (Stichwort: Planten un Blomen) und zieht sich vom Hafen im Süden bis zum Dammtorbahnhof im Norden. Der Stadtteil ist (in absteigender Reihenfolge) für mindestens 3 Dinge bekannt: (1) Weltweit für seinen Amüsierbetrieb insbesondere auf und um die Reeperbahn, als Ort an dem die Beatles entdeckt wurden, aber auch als Heimat von Sexshops, Stripclubs und Straßenstrich. (2) Zumindest Fußballdeutschland kennt den ansässigen Fußballclub, den FC St. Pauli, der im hiesigen Millerntorstadion residiert. (3) Wahrscheinlich nicht weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt ist der “Dom”, ein dreimal jährlich für jeweils einen Monat stattfindender Jahrmarkt mit diversen Fahrgeschäften auf dem Heiligengeistfeld zwischen Reeperbahn und Millerntorstadion.

  
Links: Panorama von St. Pauli mit Domfest und Millerntorstadion. Rechts: Eingang zum Dom.

 
Was dazwischen oft untergeht ist, dass St. Pauli auch einfach ein ganz normales Wohnviertel ist, mit schönen Gründerzeithäusern, einigen Sozialwohnungen, Supermärkten, kleinen Geschäften und Kneipen und dem allgegenwärtigen Gespenst der Gentrifizierung. Um mehr über den Stadtteil zu erfahren und nicht nur auf der Reeperbahn entlangzustolpern, hatte ich für einen Abend eine Stadtteilführung beim St. Pauli Tourist Office gebucht. Dort führen Einheimische Touristengruppen durch den Kiez und erzählen – teils in Abhängigkeit von der Interessenlage des jeweiligen Guides- von der Geschichte und dem Leben in St. Pauli. In unserem Fall war das eine gerade fertig gewordene Studentin der Kulturwissenschaften und gebürtige Hamburgerin mit zwei Psychoanalytiker-Eltern und einem Faible für Peru (Wir haben nach der Tour noch ein wenig getrunken und gequatscht – erwähnte ich schon, dass ich die Norddeutschen als sehr offen und zugänglich erlebt habe?), die uns zunächst erstmal mit der Geschichte des Kiezes vertraut machte.
St. Pauli war viele Jahre lang nur Vorort von Hamburg und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingemeindet. Zuvor war es eine Art Pufferzone zwischen dem östlich gelegenen Hamburg und dem westlich gelegenen und lange Zeit von den Dänen besetzten Altona. Das bedeutete, dass der Stadtteil beispielsweise regelmäßig niedergerissen wurde, um eine freie Flugschneise für Kanonenkugeln in Richtung der gerade verfeindeten Stadt zu haben. Wenn der Stadtteil gerade nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde, wurden hier vor allem die in der Stadt Unerwünschten angesiedelt. Beginnend mit dem Pesthof und Anstalten für psychisch Kranke, wurden bald auch unliebsame weil beispielsweise geruchsbelästigende Handwerkszweige wie Gerbereien, Tranbrennereien, aber auch Seilmacher (Reepschläger, daher der Name Reeperbahn) aus der Stadt ausgelagert. Das gleiche Schicksal traf auch diverse Amüsierbetriebe und die Prostitution, die im moralisch integren Hamburg natürlich nichts zu suchen hatte. Großen Zuwachs erhielt dieser Berufszweig, nachdem der Hamburger Hafen sich für den internationalen Schiffsverkehr öffnete und große Ladungen monatelang sexuell ausgehungerter Matrosen das Viertel überschwemmten.
Heute konzentriert sich die Prostitution zum einen auf Bordelle und zum anderen auf den Straßenstrich zwischen Davidstraße, Hans-Albers-Platz und Herbertstraße. Deutschlandtypisch ist dabei alles bis ins kleinste Detail geregelt. Die Prostituierten dürfen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ihre Dienste anbieten. Sie müssen dabei einen halben Meter Abstand zueinander einhalten und dürfen sich nur wenige Schritte von ihrem Platz entfernen, wenn sie beispielsweise einen Mann ansprechen wollen. Damit die Chancen gleich verteilt sind, werden gute und weniger gute Stehplätze regelmäßig untereinander getauscht. Eine Besonderheit bildet die Herbertstraße. Diese Parallelstraße zur Reeperbahn ist nur wenige 100 Meter lang. Sie ist durch Sichtblenden von der Straße getrennt und darf nur von Männern über 18 betreten werden (und Prostituierten natürlich). Es handelt sich dabei um kein juristisches Verbot, allerdings bekommt man als Frau wohl wenig schmeichelhafte Dinge von den Prostituierten an den Kopf geworfen, wenn man das Verbot missachtet – jedes weibliche Wesen wird als Konkurrenz fürs eigene Geschäft wahrgenommen. Ich bin mit dem männlichen Teil unserer Stadtteilführung auch einmal durch die Straße gelaufen – die Frauen und Minderjährigen inklusive unserer Führerin gingen außen herum – und viel zu sehen gibt es eigentlich nicht. Die Prostituierten sitzen in Unterwäsche in den Schaufenstern rechts und links der Straße und versuchen, die vorbeigehenden Männer zu sich zu locken und zu einem Stelldichein zu verführen. Im Endeffekt haben wir Männer uns sehr über die entgegengebrachte Aufmerksamkeit gefreut, aber peinlich darauf geachtet, möglichst in der Mitte der Straße zu laufen und das Ende der Straße vollzählig zu erreichen, was uns auch gelungen ist. Dort mussten wir erstmal auf die Frauen warten und vertrieben uns die Zeit, indem wir mit einem gerade vorbeikommenden Junggesellinnenabschied ein paar Schnäpse tranken.


Herbertstraße bei Tag aus dem Doppelstockbus fotografiert. Wie man sieht, sieht man nichts.

 
Natürlich siedeln sich in so einer Umgebung auch viele Stripclubs und Sexshops an. Aber wie es falsch ist, St. Pauli auf die Reeperbahn zu reduzieren, so ist es auch falsch, die Reeperbahn auf Prostitution zu reduzieren. Letztlich handelt es sich bei der Straße und den angrenzenden Nebenstraßen um ein ganz normales Vergnügungs- und Szeneviertel ähnlich der Dresdner Neustadt. Es gibt eine Menge Kneipen, Clubs und Diskotheken, Theater und Kinos und sogar ein Musical-Theater. Auch wer kein Interesse an käuflichem Sex hat, kann sich hier also amüsieren. Wenn man sich dabei außerhalb der üblichen Touristenfallen bewegen will (die sich besonders in dem Bereich der Reeperbahn zwischen Hamburger Berg und Großer Freiheit befinden sollen), sollte in eine der zahlreichen kleinen Bars am Hamburger Berg (“Berg” im norddeutschen Sinne, also vielleicht 20m über Normalnull) gehen und sich dort ein Astra und einen Mexikaner bestellen. Letzterer ist ein in Hamburg erfundener Schnaps aus Tomatensaft und Korn oder Wodka mit dem Geschmack von Nudeltomatensoße, den hier jede Bar selbst nach Geheimrezept mischt und der deshalb überall ein wenig anders schmeckt. Man kann also auch versuchen, möglichst viele Geschmacksvariationen an einem Abend kennenzulernen. Da ich just an jenem Abend aber mit nüchternem Magen unterwegs war, musste ich einen entsprechenden Versuch schon nach der vierten Bar abbrechen (zumal da auch noch die Schnäpse von dem Junggesellinnenabschied und diverse Astra reinspielten).

  
Im Vergnügungsviertel kann es auch mal Stress geben. Waffen sind daher im Bereich der Reeperbahn verboten (links). Allerdings kann man weiterhin Waffen im auf der Reeperbahn angesiedelten Gunshop kaufen (rechts). Man erhält sie dann wohl in einer braunen Papiertüte ausgehändigt.

 
Als ganz normales Szeneviertel, das früher in der besseren Gesellschaft eher verpönt war und daher vor allem sozial Schwache, Künstler und Studenten anzog, hat natürlich auch St. Pauli mit Gentrifizierung zu kämpfen. Was in St. Georg noch am Anfang steht, hat St. Pauli schon fest in der Hand. Die Gentrifizierung hat sich hier sogar ihr eigenes Mahnmal errichtet, die sogenannte Hafenkrone. Auf dem ehemaligen Gelände der Astra-Brauerei gelegen, wurden mitten im quirligen St. Pauli Hochhäuser mit hochpreisigen Eigentumswohnungen, Geschäfts- und Büroräumen hingestellt. Der Kontrast zur Umgebung ist frappierend. Auf der einen Seite die abgewohnten aber liebevoll gestalteten Wohnhäuser, dazwischen viele Menschen und viel Trubel, auf der anderen Seite Hochglanzprospektbauten – und Stille. Wenn man durch die Straßen zwischen den Hochhäusern läuft, trifft man kaum eine Menschenseele. Große Teile des Areals scheinen ausgestorben, leben wollen hier anscheinend die Wenigsten.
Aber die Gentrifizierung macht hier natürlich nicht halt. Neuestes Spekulationsobjekt ist das direkt nördlich der Hafenkrone liegende Esso-Areal, ein aus mehreren Sozialbauten bestehender Komplex, dessen beherrschendes Element jedoch die Esso-Tankstelle mitten im Kiez, kurz die Kiez-Tanke ist. Angeblich handelt es sich hierbei um die umsatzstärkste Tankstelle Deutschlands, was aber weniger am Treibstoffverkauf als vielmehr am längsten Bierregal Deutschlands liegen dürfte. Hier kann man sich nachts mit neuem Alkohol und sonstigem Bedarf eindecken und unserer Führerin meinte, man könne hier ganze Nächte verbringen und einfach nur die vielen Nachtschwärmer beobachten, die sich hier die Klinke in die Hand geben – von Einheimischen über Kiezgrößen bis zum Touristen sei da alles dabei. Die Essotankstelle hatte fast 50 Jahre lang durchgehend geöffnet (und zwar durchgehend im Sinne von 24 Stunden, jeden Tag). Als sie 1999 kurzzeitig geschlossen werden musste, weil beim Abriss der Astra-Brauerei eine alte Fliegerbombe entdeckt wurde und entschärft werden musste, musste erst einmal ein Schlüsseldienst kommen und das Schloss austauschen, weil der alte Schlüssel nicht mehr auffindbar war. Seitdem hat die Kieztanke wieder durchgehend geöffnet. Doch damit wird es in wenigen Jahren vorbei sein. Denn das ganze Areal inklusive der Sozialwohnungen und der Tankstelle wurde von einer bayerischen Investorengruppe gekauft. Die Wohnungen sollen luxussaniert werden, die Kieztanke soll verschwinden.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend, denn die Bewohner des Esso-Areals geben sich kämpferisch, und dies ist eine Eigenschaft, die man bei vielen Paulianern (um mal die Selbstbezeichnung zu gebrauchen) antrifft. St. Pauli ist ein genuin linker Stadtteil, und das sieht man an jeder Ecke. Besonders deutlich aber wird es, wenn man darauf achtet, wie viele Häuser in der Gegend besetzt sind. Paradebeispiel hierfür sind die Häuser an der Hafenstraße, direkt an den St.-Pauli-Landungsbrücken, die seit über 30 Jahren besetzt sind und selbstbestimmt verwaltet und bewohnt werden. Versuche der Räumung führten in der Vergangenheit regelmäßig zu tagelangen Ausschreitungen und einer großen Solidarisierungswelle der Einheimischen mit den Besetzern. Gegenwärtig werden die Bewohner daher wohl geduldet.

  
Besetzte Häuser in der Hafenstraße.

 
Anderswo entzündet sich der Protest an kleineren Ereignissen und findet kreative Ausdrucksformen. Hans Albers war ein berühmter deutscher Schauspieler, der St. Pauli mit vielen seiner Filme bekannt machte (“Auf der Reeperbahn nachts um halb 1″) und wohl auch privat gerne auf dem Kiez verkehrte. Nach seinem Tod wurde ein Platz nach ihm benannt und einige Jahrzehnte später fertigte der Künstler Jörg Immendorf eine Statue von Albers, die auf dem Platz aufgestellt wurde. Weil die Stadt sich jedoch nicht an die Zusage hielt, im Gegenzug den Platz zu sanieren, holte Immendorf die Statue 9 Jahre später zu sich nach Düsseldorf. Zurück blieb nur ein leerer Sockel, über den sich die Anwohner ärgerten. Aus Protest stellten sie eine 2 Meter große Micky-Maus-Statue auf das Podest. Erst daraufhin wurde die Stadt aktiv, bestellte bei Immendorf eine Kopie der Originalstatue und stellte diese auf. Das Original aber steht weiter in Düsseldorf und blickt auf den Rhein.


Kopie der Hans-Albers-Statue auf dem Hans-Albers-Platz.

 
Und manchmal, da scheint die kämpferische Natur des Paulianers sogar auf Menschen überzuspringen, denen man das sonst gar nicht zutraut. So steht auf der Großen Freiheit, zwischen Sexshops und Stripclubs und mit direktem Blick auf den (illegalen) Transgender-Strich in der Schmuckstraße, noch immer eine katholische Kirche. Links vom Eingangstor ist ein Stein mit einer Inschrift eingelassen, die da lautet: “Es gibt nichts, mit dem Jesus nicht fertig wird”.

In diesem Sinne kann ich zumindest für die Bewohner der Sozialwohnungen im Esso-Areal nur hoffen, dass sie nach der Sanierung ihre Wohnungen zu akzeptablen Konditionen wieder beziehen können. Für die Kieztanke aber scheint jede Hilfe zu spät zu kommen – in den Sanierungsplänen ist sie nicht mehr enthalten.

Weitere Bilder gibt es hier.

  2 Responses to “Hamburg – Eine Tour durch St. Pauli”

  1. [...] … vorausgesetzt natürlich, es läuft gerade ein Mensch vorbei. Denn ähnlich wie bei der Hafenkrone in St. Pauli scheint auch hier die wohlhabende Anwohnerschaft nie zu Hause zu sein oder sich immer [...]

  2. [...] Menschen und Ampeln | Nachtrag zu Ampeln in Hamburg Hamburg – Die Alster vs. Planten un Blomen Hamburg – Eine Tour durch St. Pauli Hamburg – Die Innenstadt Der Hamburger Hafen Hamburg – Speicherstadt und [...]

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