Sep 122013
 

Natürlich kommt eine Reise nach Hamburg nicht ohne einen Bummel durch die Innenstadt aus. Im Gegensatz zu meiner Euphorie bezüglich Alster und Planten un Blomen auf der einen Seite und St. Pauli auf der anderen Seite fällt mein Resümee hier eher gemischt aus. Wenn ich von der Innenstadt spreche, dann meine ich den Bereich, der im Westen an Planten un Blomen, im Norden an die Alster, im Osten an St. Georg und im Süden an den Hafen angrenzt. Hier stehen einige der bekanntesten Bauwerke Hamburgs. Leider nicht nur die. Aber der Reihe nach.

Das Hamburger Rathaus befindet sich südlich der Binnenalster an der sogenannten Kleinen Alster, dem kleinen Reststück Alster hinter dem Staudamm Jungfernstieg kurz vor der Mündung in die Elbe. Es ist Sitz des Senats und der Bürgerschaft, also von Parlament und Regierung des Stadtstaates. 1897 fertiggestellt, ist es eines der wenigen erhaltenen Gebäude des Historismus, bei dem in diesem Fall Elemente italienischer und norddeutscher Renaissance miteinander kombiniert wurden. Der Bau wurde an der Rückseite der Hamburger Börse errichtet, welche als einziges Gebäude in diesem Gebiet den Großen Brand von 1842 überstanden hatte, und ruht auf 4000 in den Boden gerammten Eichenstämmen. In den Fensternischen sind 20 Könige und Kaiser des alten deutschen Reiches abgebildet, darüber thronen im Bereich des Mittelturms die Darstellungen der bürgerlichen Tugenden von Weisheit, Eintracht, Tapferkeit und Frömmigkeit. Dies sollte die Freiheit der Hansestadt gegenüber der damals herrschenden Krone symbolisieren.

  
Hamburger Rathaus.

 
Daneben finden sich in der Innenstadt mehrere bekannte Kirchgebäude. Entlang der Mönckebergstraße, zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, finden sich zwei der fünf evangelischen Hauptkirchen Hamburgs, St. Petri und St. Jacobi. St. Petri liegt an der Ecke Mönckebergstraße und Bergstraße und markiert mit knapp 9,50 m ü. NN den höchsten Punkt der Hamburger Altstadt. (Damit wird auch klar, was Hamburger unter einem Berg verstehen.) Es handelt sich um die älteste Pfarrkirche Hamburgs, deren Vorgängerbauten bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Im 20. Jahrhundert spielte sie mehrere Male eine Rolle im Rahmen von Anti-AKW-Protesten. 1979 wurde die Kirche von 400 Atomkraftgegnern besetzt, die anlässlich des Unfalls in Harrisburg auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam machten. Unter den Besetzern befanden sich 10 Pastoren, von denen einer der heutige Hauptpastor der Kirche ist. Anlässlich einer Demonstration nach Fukushima seilten sich 2011 Aktivisten von Robin Wood an der Kirchenfassade ab und befestigten dabei ein Transparent und ein Banner gegen Atomkraft.
St. Jacobi geht auf eine Kapelle zurück, die an einem der zahlreichen Jakobswege in Europa stand und erhielt daher ihren Namen. Auffällig an ihr ist vor allem der futuristisch gestaltete Kirchturm. Die im 14. Jahrhundert errichtete Kirche wurde im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, der Turm stürzte ein. Beim Wiederaufbau hielt man sich an die mittelalterlichen Baupläne, nur der Turm wurde von einem Architektenbüro neu gestaltet, so dass die Kirche im Panorama von Hamburg nun immer sofort ins Auge fällt.

  
Links: Hauptkirche St. Petri. Rechts: Hauptkirche St. Jacobi.

 
Ein Stück südlich dieser beiden Hauptkirchen finden sich die Überreste der Hauptkirche St. Nicolai, die im zweiten Weltkrieg ebenfalls schwer beschädigt wurde und von der heute mehr oder weniger nur noch der Kirchturm steht. Sie wurde nicht wieder aufgebaut, um als Mahnmal der “Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945″ zu dienen. Zu diesem Zweck wurde in der erhaltenen Krypta der Kirche ein Dokumentationszentrum eingerichtet, mit einer ständigen Ausstellung zu den Bombenangriffen auf Hamburg, aber auch auf Warschau und Coventry. Im Turm befindet sich außerdem ein Panoramalift, der zu einer Aussichtsplattform auf 76 Meter Höhe führt, von der man einen guten Blick über die Hamburger Innenstadt hat.

  
St.-Nicolai-Ruine.
  
Blick vom Kirchturm St. Nicolai.

 
Westlich der Nicolairuine und fast schon in St. Pauli findet man schließlich die bekannteste der Hauptkirchen Hamburgs und gleichzeitig eines der Wahrzeichen der Stadt: St. Michaelis oder kurz Michel. Sie ist dem Erzengel Michael geweiht und gilt als bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands. Der Kirchturm ist mit 132 Metern Höhe der zweithöchste Hamburgs und wie bei der Nicolaikirche gibt es eine Aussichtsplattform, diesmal auf 106 Metern Höhe. Von hier aus sieht man nicht nur die Innenstadt, sondern auch nach St. Pauli und bis zur Sternschanze, zum Hafen und in die Speicherstadt. Der Michel beherbergt die größte Kirchturmuhr Deutschlands, mit Zifferblättern von 8 Meter Durchmesser und jeweils über 100 kg schweren und mit Blattgold ummantelten Zeigern und Ziffern.

  
Hauptkirche St. Michaelis, auch Michel genannt.

 
Auch neben diesen Sehenswürdigkeiten gibt es einige schöne Flecken in der Innenstadt. Sie ist von vielen Kanälen und Kanälchen durchzogen, auf denen vermutlich früher Handelswaren bis direkt an die Bürgerhäuser der Händler herantransportiert wurden. Auch diese Bürgerhäuser sind, so sie noch erhalten sind, sehr hübsch anzuschauen. Einige davon habe ich euch schon gezeigt, als ich meinen allgemeinen Eindruck von Hamburg schilderte. Die Kanäle und Kanälchen werden von unzähligen Brücken überspannt (wie schon erwähnt ist Hamburg Brückenhauptstadt Europas), die in teils malerische verwinkelte kleine Gässchen münden. Alles könnte so schön sein …

  
Stadthäuser am Wasser.

 
… gäbe es hier nicht auch gefühlt 12 Millionen Einkaufszentren und Shoppingareale. Das fängt auf der Mönckebergstraße an, die sich vom Hauptbahnhof zum Rathaus zieht, geht weiter über die “Europa-Passage”, die Mönckebergstraße und Jungfernstieg verbindet, auf dem Jungfernstieg selbst natürlich ebenfalls, bevor sich dann in Richtung Hafen die Alsterarkaden, und die Bleichenhof-Passage und in Richtung Gänsemarkt die Gänsemarkt-Passage anschließen. Diese Komplexe sind dann von außen zumeist als die allgemein bekannten Stahl- und Glaskonstruktionen ersichtlich, die sich in keinster Weise harmonisch in die Umgebung integrieren, sondern sie im Gegenteil beherrschen. Folgerichtig kann man nach dem Sightseeing in der Hamburger Innenstadt eigentlich nur noch hochpreisig shoppen. Wer das nicht will, hat schnell mit Langeweile zu kämpfen. Und ebenso folgerichtig ist der Großteil der Innenstadt abends oder am Sonntag wie ausgestorben, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Ich habe nach meiner Ankunft am Sonntag abend einen kleinen Bummel durch die Innenstadt machen wollen und bin dabei kaum einer Menschenseele begegnet. Es war gespenstisch. (Und richtig gruselig wurde es, als ich plötzlich vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude stand. Da hab ich mich erstmal erschrocken …)

Aber zumindest einen kleinen Lichtblick gibt es in der trostlosen Glasfassadeneinöde – das Gängeviertel zwischen Gänsemarkt und Planten un Blomen. Hier stehen noch einige wenige der kleinen und verwinkelt angeordneten Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die früher große Teile der Innenstadt überzogen und in denen vor allem Leute mit niedrigem oder mittlerem Einkommen wohnten, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahhrunderts hinein aber weitestgehend abgerissen worden waren. Der Rest verfiel zusehends, weil die Gebäude für den heutigen Eigenheiminteressenten zu klein waren, aber aufgrund des Denkmalschutzes auch nicht abgerissen oder umgebaut werden durften. Als sich schließlich ein Großinvestor für das Areal zu interessieren begann und große Teile der vorhandenen Bebauung weichen sollten, wurden die Gebäude von Studenten und Künstlern besetzt, die das Viertel seitdem farbenfroh gestalten und so einen kleinen Rückzugsort inmitten des urbanen Konsumexzesses schufen.

  
  
Kunst im Gängeviertel.

 
Etwas Gutes konnte ich den Einkaufszentren eines abends dann doch noch abgewinnen. Nachdem es das Wetter tagelang gut mit mir gemeint hatte, brach am Donnerstag abend nämlich die Regenhölle über Hamburg herein. Und wenn es in Hamburg regnet, dann regnet es richtig. Ein einziger Wasserfall ergießt sich über die ganze Stadt. Dazu dann noch der Wind, der den Einsatz eines Schirms mehr oder weniger sinnlos werden lässt, weil das Wasser mal von oben, kurz danach aber von vorne oder hinten kommt. Ich war zu Beginn der Sintflutprobe gerade im Bereich des Gängeviertels unterwegs – der Witterung entsprechend in kurzen Hosen und Sandalen – und musste nun irgendwie wieder zu meinem Hotel am Hauptbahnhof zurück. D.h., einmal über den Jungfernstieg und über die Mönckebergstraße auf die andere Bahnhofsseite und ins Hotel. Im Grunde war ich nach der Überqerung de Jungfernstieges schon nass bis auf die Knochen. Dennoch empfand ich es sehr wohltuend, dass ich das Stück zwischen Stieg und Mönckebergstraße im Trockenen laufen konnte, indem ich die Europa-Passage durchquerte. Ein wenig hätte ich mir gewünscht, dass auch die Mönckebergstraße selbst überdacht gewesen wäre. So musste ich von Unterstand zu Unterstand hetzen, den Bahnhof durchqueren und erreichte schließlich – immer noch vollkommen durchnässt – das Hotel. Dennoch: als Regenunterstand sind die Einkaufspassagen durchaus zu gebrauchen.

Abgesehen von den beschriebenen Lichtblicken handelt es sich bei der Innenstadt aber leider um eines der langweiligsten und durchgentrifiziertesten Viertel der Stadt. Ein längerer Aufenthalt kann nicht empfohlen werden.

Hier gibt es weitere Bilder der Innenstadt und von Streetart in Hamburg. Letztere hat sich leider etwas vor mir versteckt, ich war wohl nicht an den richtigen Spots unterwegs.

  One Response to “Hamburg – Die Innenstadt”

  1. [...] anschließendem Platzregen bis nach Hamburg rein, relativ unspektakulär verlief. Im Gegensatz zur schon erwähnten Sintflutprobe am nächsten Tag konnte ich mich an diesem Abend noch damit retten, von den Landungsbrücken [...]

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