Sep 142013
 

Ich bin nach meinem Urlaub gerade dabei, mich bei meinen Lieblingsblogs wieder auf den aktuellen Stand zu bringen, und habe dabei beim Nuf eines meiner persönlichen Lieblingsthemen entdeckt: Die deutsche Eigenart, ungeachtet der tatsächlichen Verkehrssituation an roten Ampeln stehen zu bleiben. Ich habe bei diesem Thema ein interessantes Nord-Süd-Gefälle festgestellt.
In Südfrankreich, wo ich gerade eine Woche verbracht hat, bedeutet eine rote Ampel, dass man nach links und rechts schaut, bevor man die Straße überquert. Niemand käme auf die Idee, bei freier Straße an einer roten Ampel auf Grün zu warten. Kein Kind, kein Rentner, kein Polizist, einfach niemand. Es kommt trotzdem nicht zu Unfällen, weil die Autofahrer auf dieses Verhalten eingestellt sind und Fußgängerampeln immer entsprechend vorsichtig anfahren. Und weil im Gegenzug die Fußgänger auch einmal freiwillig warten, wenn sich gerade eine Fahrzeugschlange durch die Straße schiebt. In Genf, das meine dortige Gastgeberin treffenderweise als “Frankreich mit Schweizer Bürokratie” beschrieb, war es schon etwas heikler, eine rote Ampel zu queren. Nicht wegen der anderen Passanten, das Verhalten war durchaus gängig. Sondern wegen der Autofahrer, die sich nicht darum scherten, wenn vor ihnen jemand über die Straße lief. Und in Good old Germany, genauer in Regensburg, war dann wieder alles beim Alten. Passanten standen vor ansonsten menschenleeren Straßen und warteten stoisch darauf, dass das grüne Ampelmännchen ihnen die Überquerung der Straße erlaubte. Autofahrer hingegen beharrten auf der ihnen durch das Grünzeichen ausgesprochenen Allmacht und gaben auch gerne noch einmal Gas, wenn es ein verkommenes Subjekt wagen sollte, das Panorama vor ihrem Kühlergrill mit seiner Existenz zu verschandeln.

Wer mich kennt, wird wissen, dass ich nichts davon halte, Gesetze zu befolgen nur weil sie nun einmal existieren. Sie müssen einen für mich nachvollziehbaren Zweck erfüllen und sich an den Normen und Werten messen lassen, mit denen ich mich in dieser Welt bewege. Wenn sie an diesem Vergleich scheitern, befolge ich sie nicht. Ich verstehe mich dabei als auf postkonventioneller Ebene von Kohlbergs Moralentwicklungsschema agierend.
Damit stellt sich die Frage: Was ist der Zweck einer roten Ampel? Den schwachen Fußgänger vor dem starken Autofahrer zu schützen, könnte man antworten. Aber warum muss der schwache Fußgänger vor dem starken Autofahrer geschützt werden? Warum erlauben wir dem Autofahrer, seine Stärke auszuleben? Wird man zu etwas Besseren in dem Moment, in dem man in eine tonnenschwere Blechkiste steigt? Ist mit einem Autokauf das Recht auf allzeit freie Fahrt verbunden?

Als Fußgänger in einer Fußgängerzone oder auf einem belebten Platz muss ich auf meinem Weg Rücksicht auf die anderen Passanten nehmen. Jeder möchte woanders hin, jeder nimmt einen anderen Weg und des Öfteren kreuzen sich diese Wege. Ich kann nicht einfach stur geradeaus laufen, ich muss auf die Leute links, rechts und vor mir achten, gegebenenfalls auch mal meinen Weg ändern oder kurz stehen bleiben. Wir alle müssen das. Warum wenden wir uns von diesem Prinzip ab, sobald es um das Miteinander von Fußgängern und Autos geht?
Meine Erfahrungen in Südfrankreich zeigen, dass es auch anders geht. Wenn sich Fußgänger und Autofahrer auf Augenhöhe begegnen, gibt es keinen Grund für ordnende Verkehrsanlagen, die deshalb auch getrost ignoriert werden können. Aus der Verantwortung heraus, sich und andere nicht zu gefährden, nehmen die Menschen Rücksicht aufeinander. Experimente mit Shared Spaces in ganz Europa, bei denen die räumliche Trennung zwischen verschiedenen Fortbewegungsarten auf der Straße bewusst aufgehoben wird, zeigen dies ebenfalls, genauso wie die vielen Youtube-Videos von ungeregelten Kreuzungen im asiatischen Raum. Ohne Ampel und andere Regelungen kann die Verantwortung für das eigene Handeln nicht mehr abgegeben werden, also verhält man sich verantwortungsbewusster.

In Dresden gibt es am Goldenen Reiter eine stark befahrene T-Kreuzung. Eine Ampelanlage und Fußgängertunnel sorgen normalerweise dafür, dass sich Passanten, Autos und die Straßenbahn nicht ins Gehege kommen. Infolge des Junihochwassers 2013 liefen die Tunnel jedoch voll und die Ampelanlage fiel aus. Für einige Wochen herrschten dort also quasi asiatische Verhältnisse. Und was soll man sagen? Auch die Deutschen können sich verantwortungsbewusst fortbewegen, wenn sie von den Umständen dazu gezwungen werden. Das befürchtete Verkehrschaos blieb aus. Stattdessen berichteten viele Fußgänger wie Autofahrer, dass sie dieses Nadelöhr im städtischen Verkehrsfluss noch nie so schnell überwunden hätten wie in diesen Tagen (DNN-Artikel, hier vor allem die Kommentare lesen). Denn die Ampel hatte Fußgängern natürlich auch mal rot gezeigt, wenn die Straße gähnend leer war oder Autofahrer aufgehalten, wenn weder Passanten noch Querverkehr in Sicht waren. In dem nun herrschenden quasi-anarchischen Zustand mussten die Leute nun Rücksicht aufeinander nehmen. Es ging für alle langsamer voran, aber dafür ging es für alle gleichermaßen und kontinuierlich voran. Passanten und Autofahrer mussten sich auf Augenhöhe begegnen und bekamen dadurch überhaupt erst einmal die Möglichkeit, kooperativ zu interagieren.

Womit wir im Umkehrschluss bei einer wenig rühmlichen Erklärung dafür sind, warum das Ampel-Stehen deutscher Volkssport ist: Wir scheinen noch immer einen starken Drang nach Ordnung und Führung zu haben. Wir wollen die Verantwortung für unser Handeln an eine höhere Instanz abgeben, die uns leitet. Eigenverantwortung (und ich verwende das Wort hier nicht in der neoliberalen Bedeutungsverdrehung) und daraus resultierend gegebenenfalls auch ein etwas höheres Lebensrisiko sind den Deutschen suspekt. Genauso suspekt wie für manchen Autofahrer das Bremspedal.

  2 Responses to “Die rote Ampel”

  1. Ich meine, diesbezüglich im deutschsprachigen Raum ebenfalls einen Nord-Süd-Unterschied festgestellt zu haben – allerdings genau andersherum als im Rest von Europa:
    Im Süden wartet man, weil Regeln nunmal Regeln sind (ich behaupte sogar, ein aufrecht-konservativer Süddeutscher fühlt körperlichen Schmerz, wenn Zeuge davon wird, wie jemand das rote Licht ignoriert), während man sich im Norden (den Osten zähle ich dabei explizit dazu) doch eher mal erdreistet, selbst zu entscheiden, ob einem beim Versuch, die Straße zu überqueren, Gefahr droht oder nicht.

    • In Deutschland hast du definitiv recht. Deshalb muss ich immer so feixen, wenn sich wahlweise München oder Regensburg als die “nördlichste Stadt Italiens” bezeichnen, wo Deutschtümelei doch nirgendwo größer geschrieben wird als dort.

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