Sep 212013
 

Nun habe ich schon so viel über Hamburg geschrieben, ohne näher auf das Herzstück der Stadt eingegangen zu sein. Die Anlage, die Hamburg den Titel Hansestadt eingebracht hat. Die Anlage, die überhaupt erst dazu geführt hat, dass sich in St. Pauli ein weltbekannter Amüsierbetrieb entwickeln konnte. Die Anlage, die maßgeblich für das multikulturelle Flair Hamburgs verantwortlich ist. Die Anlage, die immerhin 10% der Fläche der Stadt ausmacht. Kurz: Der Hafen.
Der Hafen ist Ausflugsziel, Personenbeförderungsort, Warenumschlagsplatz, Schiffswerkstatt und Fressmeile in einem. Er befindet sich in einem Bereich der Elbe, in dem diese sich mehrfach teilt und viele größere und kleinere Inseln umspült, auf und zwischen denen sich Werften und Hafenanlagen angesiedelt haben. Diese sieht man als zu Fuß gehender Tourist auf der nordelbischen Seite aber teilweise nur am Horizont. Für den gemeinen Besucher ist das Herzstück des Hafens, der Abfahrtsort von Fähren, und Ausflugsschiffen, die St. Pauli-Landungsbrücken.


Hamburger Hafen vom Michel aus gesehen.

 
Von den St. Pauli-Landungsbrücken wiederum sieht man als erstes das Anfang des 20. Jahrhunderts fertiggestellte Abfertigungsgebäude für die damals hier noch verkehrenden Personendampfer der Überseelinien. Von ihnen führen 10 Brücken zum eigentlichen Schiffsanleger hinunter, der auf schwimmenden Pontons ruht und sich daher mit den Gezeiten (hier, in 100km Entfernung zur Nordsee immer noch knapp 4m Unterschied zwischen Ebbe und Flut) hebt und senkt. Hier unten auf den Pontons findet man dann auch viele Cafes, Eisdielen und Restaurants, aber natürlich auch den Fähranleger und die Abfahrtspunkte diverser kleinerer Ausflugsschiffe (beispielsweise nach Helgoland) oder von Barkassen, die Rundfahrten über die Alster, in die Speicherstadt (gezeitenabhängig, nur bei Ebbe) oder durch den Containerhafen anbieten. Die heutigen Kreuzfahrtschiffe legen zwar auch in Hamburg an, wegen ihrer Größe aber nicht mehr an den Landungsbrücken, sondern entweder etwas elbabwärts in Altona oder etwas flußaufwärts im Bereich der Hafencity.


Abfertigungshallen an den Landungsbrücken

 
Im Bereich der Landungsbrücken finden sich auch einige ältere Schiffe, die heute meist als Museums- und/oder Restaurantschiffe fungieren. Dazu gehören die Cap San Diego, ein 1961 gebautes Frachtschiff, das im Liniendienst zwischen Hamburg und Südamerika stand. Seit 1986 wurde sie zum Museumsschiff umgebaut und ist heute das größte noch fahrtüchtige Museumsfrachtschiff der Welt. Daneben liegt hier auch die Rickmer Rickmers. Hierbei handelt es sich um ein dreimastiges, stählernes Frachtsegelschiff, das 1896 von der Reederei Rickmer Clasen Rickmers fertiggestellt und nach dem Enkel des Reeders, Rickmer Rickmers benannt wurde (man beachte die Kreativität bei der Namensfindung). Seit 1983 dient sie als Museumsschiff und blickt auf eine belebte Vergangenheit zurück. Von 1896 bis 1912 fuhr sie für die Reederei Rickmers vor allem nach Asien und Nordamerika. Danach wurde sie an die ebenfalls in Hamburg ansässige Reederei Krabbenhöft verkauft und pendelte nun unter dem Namen “Max” zwischen Europa und Chile. In den Wirren des ersten Weltkriegs wurde sie 1916 vor den Azoren von Portugal beschlagnahmt und unter dem Namen “Flores” zum Kriegsgütertransport nach Großbritannien eingesetzt. Ab 1924 wurde sie als Segelschulschiff der portugiesischen Marine genutzt und dafür in “Sagres” umbenannt. Nach ihrer Außerdienststellung 1962 lag sie als “Santo Andre” in einem Marinehafen bei Lissabon vor Anker. 1978 wurde der Verein “Windjammer für Hamburg” auf das Schiff aufmerksam und tauschte es 1983 gegen die Yacht “Anne Linde” ein.

  
Links: Cap San Diego. Rechts: Rickmer Rickmers.

 
Neben diesen klassischen Museumsschiffen findet sich etwas elbabwärts, in der Nähe der Altonaer Fischauktionshalle, noch eine kleine Rarität: Das Museums-U-Boot U-434. Das U-Boot wurde 1976 gebaut und stand bis 2002 unter sowjetischer bzw. russischer Flagge im Dienst. Es wurde vor allem für Spionageeinsätze genutzt und besitzt daher eine 6cm dicke Gummibeschichtung, die es für Sonar nahezu unsichtbar machen soll. Nach der Außerdienststellung wurde es für eine Million Euro von Investoren gekauft und für eine weitere Million nach Hamburg gebracht.

  
U-434.

 
Womit wir auch schon eine weitere Sehenswürdigkeit des Hafens angesprochen hätten: Die Altonaer Fischauktionshalle am Fischmarkt. Die Halle wurde 1896 nahe des damals neu errichteten Fischereihafens von der eigenständigen Stadt Altona (heute Hamburg-Altona) errichtet, um dem damals noch verfeindeten Hamburg Konkurrenz zu machen. Der Bau ist einer dreischiffigen Basilika nachempfunden und soll an antike römische Markthallen erinnern. Aufgrund der hervorragenden Umsätze der Markthalle errichtete Hamburg bald darauf eine eigene Fischauktionshalle ganz in der Nähe. Beide Bauten wurden im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, doch nur die Altonaer Halle wurde in den 70ern Jahren wieder aufgebaut. Dies war vor allem dem Engagement Hamburger Bürger zu verdanken, die Stadt selber hatte eher mit einem Abriss geliebäugelt.
Die Reste der Hamburger Fischauktionshalle wurden 1971 abgerissen, um Platz für Büro- und Geschäftsbauten zu schaffen. Aus diesen Plänen wurde aber nichts, heute befindet sich hier ein Parkplatz. Auf diesem findet jeden Sonntag von 5 Uhr (im Winter von 7 Uhr) bis 9:30 Uhr ein großer Fisch- und Lebensmittelmarkt statt. Wie sich jeder denken kann, konnte ich diesen aufgrund der unchristlichen Zeit aber nicht besuchen. Die Auktionshalle selbst wird heutzutage für diesen Fischmarkt und ansonsten vor allem für PR-Events genutzt.

  
Fischauktionshalle.

 
Blickt man von den Landungsbrücken über die Elbe, so schaut man auf die Insel Steinwerder, die den östlichen Teil des eigentlichen Hafengeländes bildet. Hier befindet sich eines der Musical-Theater Hamburgs, für das es an Spieltagen immer einen extra Fährshuttle-Service von den Landungsbrücken aus gibt. Flussabwärts daneben sieht man die Docks der Werft Blohme+Voss, die während meines Besuchs gerade einen Tanker generalüberholten. Vor der Werft schwimmt auf der Elbe das sogenannte “Dock 10″, das größte Schwimmdock der Welt. Das Dock kann abgesenkt werden, so dass ein Schiff hineinfahren kann. Anschließend wird es wieder angehoben, so dass das Schiff selbst auf dem Trockenen liegt und an ihm gearbeitet werden kann. Die ganze Konstruktion selbst schwimmt aber weiterhin auf der Elbe.

  
Links: Werft von Blohme+Voss. Rechts: Dock 10.

 
Flussabwärts der Werft geht es linkerhand dann in Richtung des eigentlichen Containerhafens. Hier beladen die großen Kräne, die die Hafenskyline beherrschen, fast vollautomatisch die Schiffe. Dabei werden bis zu 11 Container aufeinander gestapelt. Und das, obwohl die wirklich großen Schiffe gar nicht nach Hamburg fahren. Für sie ist die Fahrrinne in der Elbe bis zum Hafen nämlich zu klein. Daher fahren die hier beladenen Schiffe meist nur im europäischen Raum. Für Fracht nach Übersee müssen die Container noch einmal im großen Hafen von Rotterdam umgeladen werden.

  
Containerhafen.

 
Auf die Insel Steinwerder kommt man sogar trockenen Fußes zu Fuß, indem man unter der Elbe hinüber läuft. An den Landungsbrücken befindet sich nämlich auch der Eingang zum alten Elbtunnel, durch den PKW, Fahrräder und Fußgänger auf die Insel fahren bzw. laufen können (die beiden letzteren sogar kostenlos). Der Tunnel wurde 1911 angelegt und ist über 400m lang. Treppen oder Fahrstühle bringen Mensch und Fahrzeug auf beiden Seiten der Elbe in und aus dem eigentlichen Tunnelschacht. Der Schacht selbst ist sehr schön gestaltet und wird gerade restauriert. Das führt dazu, dass nur eine der beiden Tunnelröhren benutzbar ist. In der Folge herrscht hier für PKW von 5:30 Uhr bis 13 Uhr Einbahnverkehr von den Landungsbrücken nach Steinwerder, von 13 bis 20 Uhr dreht sich die Fahrtrichtung um.
Auf Steinwerder Seite mündet der Tunnel direkt flussaufwärts neben der Blohme+Voss-Werft. Von hier hat man einen tollen Blick auf die Landungsbrücken, die hafennahen Teile der Innenstadt und die Speicherstadt sowie Teile der Hafencity wie der noch unvollendeten Elbphilharmonie. Hier könnte ich stundenlang sitzen und mir den Trubel auf dem Wasser anschauen. Es ist definitiv einer meiner Lieblingsplätze in Hamburg.

  
  
Alter Elbtunnel.

 
Als Ausflugsort kann ich den Hafen nur empfehlen. Auf einer Hafenrundfahrt durch den Containerhafen kommt man richtig nahe an die wirklich großen Schiffe heran und erfährt allerhand Wissenswertes über die Frachtschifffahrt, aber auch über den Schiffsbau und die -instandhaltung (und das die Asiaten durch Preisdrückerei den Hamburger Werften das Leben schwer machen). Allerdings sollte man den von mir begangenen Fehler vermeiden, die Fahrt in der prallen Mittagssonne anzutreten. Man ist nämlich anderthalb Stunden mit einer oben offenen Barkasse unterwegs. Am Ende hatte ich zwar zum Glück keinen Sonnenstich, aber immerhin einen ordentlichen Sonnenbrand.
Auch ansonsten mag ich es, den Trubel und das Treiben am und auf dem Wasser zu beobachten. Auf den Landungsbrücken selbst ist dabei durch die vielen Fressstände für meinen Geschmack aber schon fast wieder zu viel los. Ich hab mich dann lieber auf der Höhe der Fischhalle an die Elbe gesetzt oder bin durch den Elbtunnel noch Steinwerder gegangen, um die Landungsbrücken aus der Ferne zu beobachten. Und wer könnte es mir bei diesem Panorama verdenken?

  

 

Mehr Bilder gibt es hier.

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