Sep 282013
 

So langsam nähern wir uns dem Ende der Hamburg- Oktologie. Zum Abschluss möchte ich euch von zwei Vierteln berichten, die direkt nebeneinander liegen und ohne Vorwarnung ineinander übergehen, aber so unterschiedlich sind wie man es sich nur vorstellen kann. Die Rede ist von der Speicherstadt auf der einen und der Hafencity auf der anderen Seite.
Eigentlich ist diese Einleitung schon falsch, denn die Hafencity ist Teil der Speicherstadt. Genauer gesagt, sie ist Teil des Aufwertungskonzepts der Speicherstadt. Wir sind also mal wieder beim leidigen Thema Gentrifizierung, bei absurd teuren Eigentumswohnungen, geleckten Prachtstraßen und pseudohanseatischem Chic. Aber bevor ich mich jetzt unnötig in das Thema hineinsteigere, will ich erst einmal versuchen, euch ein Bild der beiden Gebiete an die Hand zu geben – so sachlich und objektiv, wie es mir eben möglich ist.

Die Speicherstadt ist ein komplett auf dem Wasser, d.h. auf Millionen Eichenstämmen mitten in der Elbe stehender Lagerhauskomplex, der Ende des 19. Jahrhunderts östlich des Hamburger Hafens errichtet wurde. Dazu wurden die seit dem 16. Jahrhundert hier entstandenen Siedlungen auf den Inseln Kehrwieder und Wandrahm abgerissen und die Bevölkerung zwangsumgesiedelt. Die Speicherstadt wurde benötigt, weil sich Hamburg mit der Gründung des deutschen Reiches in die Pflicht genommen sah, baldmöglichst auch dem deutschen Zollverein beizutreten. Gleichzeitig beharrten aber viele der ansässigen Händler und Kaufleute darauf, weiterhin zollfrei Importgüter zu lagern, zu veredeln und zu verarbeiten. Um also den Überseehandel weiter zollfrei abwickeln zu können, wurde die Speicherstadt gebaut und bei der Fertigstellung des ersten Teilstücks 1888 zum Freihafengebiet erklärt, so dass die deutsche Zollgesetzgebung hier keine Anwendung finden konnte.
Baulich handelt es sich um sieben- bis achtstöckige neugotische Backsteinhäuser, die jeweils an einer Seite an der Straße und an der anderen Seite an einer der zahlreichen Wasserstraßen liegen, die sich durch das Viertel ziehen. Durch diese Lage konnten die Waren immer direkt vom Schiff in die Lager und später bei der Auslieferung dann auf der anderen Seite auf Pferdefuhrwerke und später Autos verladen werden. Das Gebiet war also in erster Linie Arbeits- und nicht Wohnort.

  
Speicherstadt.

 
Dennoch oder gerade deswegen ist die Speicherstadt sehr malerisch anzusehen. Die langgezogenen Klinkerbauten scheinen direkt im Wasser zu stehen, getrennt von unzähligen, teilweise doppelstöckigen Brücken, mit denen man die Straßen zwischen den Häusern, aber auch verschiedene Ebenen in den Häusern selbst erreichen kann. Alles ist in seiner Formensprache sehr streng und funktional gehalten und wirkt dennoch anheimelnd anachronistisch. Da sind die metallern glänzenden Giebelhauben, die auf der Wasserseite die Dachkonstruktion jedes Lagers in regelmäßigen Abständen unterbrechen. Darunter hängen die Seilwinden, die früher zum Heraufziehen der Waren von den Booten genutzt werden, seltsam nutzlos im Wind. Als Lager genutzt wird das Areal kaum noch. Einige Teppichhändler haben hier noch ihre Warenhäuser. Ansonsten wird das große Platzangebot auf mehreren Ebenen vor allem von diversen Museen genutzt, von der größten Modelleisenbahnanlage der Welt, dem Hamburg Dungeon, der Hafenbehörde, einer Schule für Musicaldarsteller und diversen Werbeagenturen und Internet-Start-Ups.

  
  
Mehr Speicherstadt.

 
Deren Mitarbeiter und Besitzer können inzwischen auch direkt an der Speicherstadt wohnen. Seit Ende der 90er wird nämlich direkt dahinter und teilweise auch darauf die sogenannte Hafencity errichtet, ein vollkommen neuer Stadtteil direkt an der Elbe, der einmal Wohneinheiten für 12.000 Personen und Arbeitsplätze für bis zu 40.000 Personen schaffen soll. Was in der Theorie gar nicht schlecht klingt, scheitert im (Zwischen-)Ergebnis leider an der Geschmacklosigkeit der beteiligten Architektenbüros (oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass die Häuser aussehen, wie sie aussehen). Aber macht euch erstmal selbst ein Bild:

  
Links: Hafencity-Skyline. Rechts: Die große Plage des 21. Jahrhunderts – runde Ecken.

 
Die neuen Häuser sind optisch vollkommen inkompatibel zueinander. Man hat das Gefühl, jedes Einzelne versuche sich zu profilieren und in den Vordergrund zu spielen. Eine Harmonie wie bei der gleichförmigen und dennoch nicht langweiligen Bebauung der historischen Speicherstadt ist überhaupt nicht gegeben. Zudem beinhalten die Wohnhäuser vornehmlich Eigentumswohnungen und öffnen so mal wieder Tür und Tor für die Seggregierung der betuchten Einwohnerschaft Hamburgs vom Rest der Bevölkerung. Schon vor Fertigstellung der Anlage, die für die 2020er Jahre geplant ist, mausert sich das Gebiet zum Nobelviertel. Fast schon absurd muten da die Versuche an, den maritimen Charme der Gegend zu erhalten (wie gesagt, wir befinden uns faktisch auf dem Wasser). Da wird auch schon mal ein alter Verladekran auf die Promenade gepflanzt, dessen Schienensystem genau 2 m rechts und links von ihm endet und der also bewegungsamputiert und nutzlos mit dem Wind um die Wette heult und traurig auf die Menschen unter ihm herabschaut …

  
Links: Trauriger Verladekran. Rechts: Neu gebauter “Traditionsschiffhafen”.

 
… vorausgesetzt natürlich, es läuft gerade ein Mensch vorbei. Denn ähnlich wie bei der Hafenkrone in St. Pauli scheint auch hier die wohlhabende Anwohnerschaft nie zu Hause zu sein oder sich immer sofort in ihre Behausungen zu verkriechen. Auf den Straßen und Promenaden ist jedenfalls unglaublich wenig los, lediglich die Touristen scheinen hier etwas Leben hinzubringen.

Die Touristen wiederum sind meistens aus einem von zwei Gründen in der Hafencity: entweder wollten sie sich die Speicherstadt ansehen, sind zu weit gelaufen und blicken nun entsetzt auf das Architekturmassaker vor sich. Oder sie wollen sich eins der Top3-gescheiterten -verzögerten Großbauprojekte anschauen: Die Elbphilharmonie.
Beziehungsweise die Baustelle der Elbphilharmonie. Theoretisch sollte die Elbphilharmonie zwar schon 2010 fertiggestellt sein, inzwischen geht man jedoch von einer Eröffnung 2017 aus. Angeblich gibt es für die erste Spielzeit schon Karten zu kaufen und ganz Optimistische kaufen die wohl sogar. Die Kosten für den Bau sollten ursprünglich 77 Millionen Euro betragen, inzwischen ist man bei 575 Millionen (Plus Mehrwertsteuer. Ja, wirklich.).
Architektonisch kann man den Bau gut finden, muss aber nicht. Die Basis bildet der ehemalige Kaispeicher A, der auch nach dem Bau noch erkennbar sein soll. Vor Ort konnte ich mich davon nicht überzeugen, weil der gesamte untere Bereich eingerüstet war. Oben auf den Speicher wurde dann eine riesige Stahl- und Glas-Konstruktion gesetzt, die in ihrem wellenförmigen Verlauf wohl das Wasser repräsentieren soll. Das hat durchaus etwas, allerdings finde ich den ganzen Komplex mit an der Spitze 110m (und damit nach seiner Fertigstellung das höchste bewohnte Gebäude Hamburgs) etwas überdimensioniert. Zumal er durch seine prominente Platzierung an der Kehrwiederspitze auch von vielen Punkten der Stadt und insbesondere im Hafen gesehen werden kann und man nach einiger Zeit vom Anblick ziemlich übersättigt ist.

  
  
Elbphilharmonie in diversen Variationen.

 
Was bleibt als Fazit? Die Speicherstadt ist definitiv einen Besuch wert. Nicht nur, aber auch wegen der Architektur. Aber auch der Hamburg Dungeon und die Modelleisenbahnlandschaft sollen durchaus sehenswert sein, wobei ich mich davon nicht selbst überzeugt habe. Einen Blick in die Hafencity kann man auch mal werfen. Und wenn es nur ist, um zu schauen, ob sich die Kräne an der Elbphilharmonie denn etwas drehen und Geschäftigkeit simulieren. (Taten sie bei meinem Besuch nicht.) In jedem Fall sollte man sich in diesem Bereich der Stadt aber vor Oberklassewagen mit eingebauter Vorfahrt in Acht nehmen, die einen unerwünschterweise ein Stück mitnehmen wollen. Beide Fast-Überfahr-Erlebnisse, die ich in Hamburg in dieser Woche hatte, fanden in der Hafencity statt.

  
Alt und neu im Ensemble.

 

Damit endet die Hamburg-Oktologie. Die Bilder zu Speicherstadt und Hafencity findet ihr hier. Es folgt noch ein Beitrag zu meinem Tagesausflug nach Helgoland und dann wenden wir uns erstmal wieder anderen Zielen zu.

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