Oct 042013
 

Bei einer Woche Urlaub in Hamburg war es Ehrensache, auch mindestens einmal an die Nordsee zu fahren. Oder, noch besser, in die Nordsee. Zum Beispiel zur “einzigen Hochseeinsel Deutschlands” (Eigenwerbung), 40 km vor der deutschen Küste und etwa 100 km von Hamburg entfernt. Die Rede ist natürlich von Helgoland, das ich an einem wolkenverhangenen Mittwoch besuchte. Von Hamburg aus kann man mit einem Katamaran direkt dorthin fahren. Ein Tagesausflug kostet dabei ca. 70€, wenn man früh genug und Holzklasse bucht. Wem wie mir erst am Tag vorher einfällt, dass er ja eigentlich auch mal reif für die Insel ist, muss gegebenenfalls 100€ hinblättern, kommt dafür aber in den Genuss der Comfort Class. Die zeichnet sich zum einen durch Panoramafenster am Bug des Schiffes aus, zum anderen sind hier nicht-alkoholische Getränke und Obst im Fahrpreis enthalten. Ich möchte aber gleich vorwegnehmen, dass mein Versuch, die 30€ Kostendifferenz durch exzessives Obstessen und Getränketrinken wieder reinzuholen, wohl leider als gescheitert gelten muss.

Los ging es pünktlich um 9 Uhr (Boarding um 8:30 Uhr). Zuerst fuhren wir die Elbe zu ihrer Mündung hinauf und passierten dabei diverse Hamburger Stadtstrände und -teile, darunter auch das Nobelviertel Blankenese. Später hatten wir dann in erster Linie die niedersächsische Einöde holsteinsche Steppe das norddeutsche Flachland um uns herum, hier und da unterbrochen von der ein oder anderen Sehenswürdigkeit, wie der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal oder, weniger toll, dem AKW Brokdorf. Quasi als Antagonist dazu tauchten mit zunehmender Nähe zur Küste aber auch immer mehr Windkraftparks auf.

  
Links: Blankenese. Rechts: Einsamer Elbstrand.

Norddeutsches Mehr-oder-weniger-Nichts.
  
Links: Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal. Rechts: Windradansammlung.

 
Auf dem Weg teilten wir uns die Elbe vor allem mit Fischern und Hobbyseglern, ab und zu begegnete uns aber auch ein Containerschiff, das gerade den Hamburger Hafen anlief. In solchen Fällen drosselte der Katamaran seine Geschwindigkeit, um die erzeugte Bugwelle des Riesenschiffes erst einmal abzuwarten, bevor es dann weiterging. Irgendwann erreichten wir die Elbmündung und unseren Zwischenstopp Cuxhafen, in dem einige Passagiere zustiegen. Zufällig hatten wir damit auch schon Helgoland erreicht. Allerdings nicht die Insel, sondern das gleichnamige Patrouillenboot der deutschen Küstenwache, das gerade in Richtung Nordsee auslief (und das wir später noch ein- und überholen sollten).

    
Elbverkehr.
  
Links: Containerschiffe am Horizont. Rechts: “Helgoland” in Cuxhafen.

 
Nun ging es raus auf die offene See, wo der Kapitän endlich die angezogene Handbremse löste und der Katamaran mit knapp 60 Stundenkilometer über das Wasser zu schießen begann. Trotz des guten Wetters leerte sich das Freideck am Heck des Schiffes daraufhin ziemlich schlagartig, auf Fahrtwind und Gischtgespritze hatte wohl keiner so richtig Lust.

Nach etwas unter vier Stunden erreichten wir Helgoland, dass sich zuerst fatamorgana-gleich im bläulichen Schimmer des Horizonts versteckte, mehr Ahnung als Wirklichkeit. Dann aber immer weiter anwuchs und sich grün-bunt einfärbte, bis man schließlich die Hauptinsel von der flachen Nebeninsel “Düne” unterscheiden konnte und schlußendlich im Hafen anlandete.

  
  
Näher. Näher. Näher. Und da.

 
Helgoland hat eine wechselvolle Geschichte. Eine erste Besiedlung gab es schon in der Jungsteinzeit, als das Gebiet noch über eine Landbrücke mit dem Festland verbunden und leicht erreichbar war. Infolge eines Anstiegs des Meeresspiegels wurde diese Landbrücke jedoch bald überspült und Wind, Wetter und Wasser begannen, die Insel nach ihren Vorstellungen zu formen. Dabei gingen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Teile der ursprünglichen Landmasse durch Verwitterung und Überspülung verloren, erst dann wurden die empfindlichen Buntsandsteinfelsen durch eine Schutzmauer von der Brandung geschützt. Die größte optische Veränderung der Insel datiert auf das Jahr 1721, als bei einer Sturmflut die bis dahin bestehende Landverbindung zwischen der Hauptinsel und dem “Witte Kliff” (heute: Die Düne) überspült wurde und so die bis heute bestehende duale Insellage schuf. Erst im Juni 2011 sprach sich übrigens die Helgoländer Bevölkerung in einem Bürgerentscheid dagegen aus, beide Inselteile wieder durch Sandaufspülungen zu verbinden.


Blick vom Oberland auf die Düne.

 
In der Neuzeit war Helgoland vor allem Warenumschlagplatz, Seeräubernest, Schmuggelplatz und Seefestung. Seit dem 7. Jahrhundert wurde es von Friesen bewohnt. Ab 1714 stand die Insel unter dänischer Herrschaft, 1807 wurde sie von britischen Truppen besetzt und als Kolonie in das Commonwealth eingegliedert, entwickelte sich danach aber zu einem beliebten Ziel deutscher Schriftsteller und Intellektueller. 1890 ging Helgoland im Helgoland-Sansibar-Vertrag an das Königreich Preußen über. Kaiser Wilhelm II ließ die Insel daraufhin zum Marinestützpunkt ausbauen, im ersten Weltkrieg fanden dann mehrere Seegefechte in den umliegenden Gewässern statt. Die Insel wurde 1914 evakuiert, erst 1918 konnten die Bewohner zurückkehren. Die militärischen Anlagen wurden zurückgebaut, aber nicht zerstört, und ab 1935 schließlich wieder ausgebaut. Im zweiten Weltkrieg spielte Helgoland militärisch keine große Rolle mehr und war deshalb auch kaum von Bombardierungen der Alliierten betroffen. Wenige Wochen vor der Kapitulation Deutschlands wurde die Insel jedoch Ziel eines britischen Flächenbombardements, bei dem etwa 7.000 Bomben abgeworfen wurden. Die Bevölkerung überlebte in den Luftschutzbunkern, doch die Insel war nun unbewohnbar und die Bevölkerung wurde evakuiert.

Die britische Armee sprengte die militärischen Anlagen der Deutschen und benutzte die Insel bis 1952 als Bombenabwurfplatz. Mehrere Initiativen der Bewohner zur Wiederbesiedlung, darunter sogar eine Anrufung der Vereinten Nationen 1948, scheiterten. Im Dezember 1950 besetzten zwei Heidelberger Studenten und ein Heidelberger Dozent die Insel und hissten die deutsche und die helgoländische Flagge sowie die Flagge der europäischen Bewegung. Die Besetzer wurden im Januar 1951 von der britischen Armee der Insel verwiesen, jedoch hatte die Aktion eine breite öffentliche Debatte in Deutschland und Großbritannien zur Folge, so dass der Deutsche Bundestag im Januar 1951 einstimmig die Freigabe Helgolands forderte und es am 01. März 1952 von den Briten zurückgegeben wurde. Seitdem ist der erste März auf Helgoland ein Feiertag.

  
Detonationskrater unterschiedlicher Größe.

 
Die heutige Bebauung stammt im Wesentlichen aus den 50er Jahren und wurde mehr oder weniger in einem Guss geplant und hochgezogen. Dennoch wurde auf die Gegebenheiten vor Ort und die Ausrichtung der früheren Häuser Rücksicht genommen, so dass das sich auf Mittel- und Unterland der Hauptinsel ausbreitende Dorf dennoch sehr verwinkelt und harmonisch gewachsen wirkt. Charakteristisch sind dabei die nach der Windrichtung ausgerichteten asymmetrischen Giebeldächer und die in kräftigen Farben gestrichenen Holzwände.

  
Links: Blick in einen Hinterhof. Rechts: Farbenfrohe Häuserwände am Strand.

 
Wenn man aus dem Hafen auf das Dorf zuläuft, kommt man zuerst an den sogenannten Hummerbuden vorbei, die früher Arbeits- und Wohnort der Fischer waren, inzwischen aber wie vieles auf der Insel vorrangig dem Tourismus dienen. Linkerhand erreicht man hier einen steilen Pfad, der schließlich in eine Treppe übergeht und einen aufs Oberland führt, den ca. 50m hoch gelegenen westlichen und nördlichen Teil der Insel, der abgesehen von einem Leuchtturm und einem Funkturm weitgehend unbebaut ist. Im Unterland selbst gibt es auch einen Fahrstuhl, der nach Oberland führt, allerdings muss man dazu erst ziemlich weit ins Dorf reinlaufen. Vom Aussichtspunkt oberhalb der Treppen am Hafen hat man jedenfalls schon einmal einen tollen Blick auf den Hafen, die Hummerbuden und auch die Düne.

  
Links: Blick auf die Hummerbuden im Hafen. Rechts: Blick auf die Düne.

 
Nun kann man auf dem Küstenwanderweg laufen, der einen einmal komplett an der gesamten helgoländischen Steilküste entlangführt. Der Weg folgt dem zerklüfteten Küstenverlauf, so dass man von vielen Stellen einen tollen Blick auf die Nordspitze Helgolands und die “Lange Anna” hat. Die lange Anna existiert erst seit etwa 140 Jahren. Es handelt sich um ein Stück Küste, das einst mit dem restlichen Küstenverlauf verbunden war. Dieses Verbindungsstück wurde mit der Zeit aber unterspült und brach ein, wodurch ein fast 50m hoher, gerade in den Himmel aufragender Fels entstand – die lange Anna eben.

  
  
Buntsandsteinküste und Lange Anna. Das Weiße sind übrigens keine Sedimentablagerungen, das ist Vogelscheiße.

 
Gleichzeitig hat man von hier oben auch einen tollen Blick aufs Meer und manchmal, wie bei meinem Besuch, auch auf ein einsames Fischer- oder Ausflugsboot, das langsam seine Runden drehte.

  

 
Aber auch rechter Hand bieten sich tolle Fotomotive. Durch die diversen Detonationskrater ist das Oberland recht hügelig, und wenn man Leucht- und Funkturm erst einmal hinter sich hat, sieht man auf der rechten Seite oft nur noch grün bewachsene Weite, und vielleicht noch etwas Meer am Horizont. Man könnte sich in Irland wähnen, wäre man nicht von sächselnden und schwäbelnden Touristen umgeben. Aber auch wenn die Dächer des Dorfes in den Blick geraten, ist es sehr malerisch. Wie sie sich in die Hänge ducken, nur der Kirchturm hochaufragend zwischen ihnen, wachend über seine Schäfchen – und apropos Schäfchen und andere Gewölleträger – die gibt es natürlich auch.

  
  
Blicke ins Oberland

 
Womit wir schon bei der helgoländischen Fauna wären. Helgoland ist mitnichten für seine Schafe und Ziegen bekannt. Stattdessen pilgern viele Ornithologen hierher, um einige Vogelarten zu beobachten, die in deutschen Gefilden ausschließlich hier nisten. Dazu gehören die Dreizehenmöwe, der Basstölpel und die Trottellumme. Letztere gab dem Brutgebiet, das sich auf einen kleinen Teil der helgoländischen Westküste beschränkt, auch seinen Namen: der Lummenfelsen, das kleinste Naturschutzgebiet Deutschlands.

  
Lummenfelsen aus der Ferne und der Nähe.

 
Die hier lebenden Tiere sind sehr an den Menschen gewöhnt und lassen sich von ihm in ihren Brut- und Jungvogelerziehungsangelegenheiten überhaupt nicht stören. Speziell die Dreizehenmöwen suchen den Kontakt zum Menschen, um etwas Futter abzustauben. Dazu landen sie majestätisch in der Nähe eines potenziellen Futterspenders, zum Beispiel jemandem, der gerade ein Brötchen oder Kekse ist. Anschließend werden ein paar fotogene Posen eingenommen und dem potentiellen Futterspender und seinen Artgenossen Gelegenheit gegeben, ein paar Erinnerungsfotos zu schießen. Anschließend wird als Gegenleistung etwas zu Fressen erwartet. Gibt es etwas, wird zur Zugabe noch ein wenig posiert. Wenn nicht, fliegt man beleidigt davon.

  
Links: Eine Dreizehenmöwe streckt mir die Zunge raus. Rechts: Hungrige Basstölpel.

 
Selbst wenn man wie ich ständig stehen bleibt und begeistert das hundertste Bild eines Basstölpels knipst, kann man den Rundweg bequem in zwei Stunden zurücklegen. Selbst wenn man dabei zwischendurch noch einmal umkehrt, um auf die höchste Erhebung Helgolands, den Pinneberg (sagenhafte 62 m über NN!) zu klettern, der gleichzeitig die höchste Erhebung des Landkreises Pinneberg in Schleswig-Holstein (Luftlinie etwa 100km entfernt) ist, zu dem die Insel verwaltungsrechtlich gehört. Zollrechtlich handelt es sich hier übrigens um Freihandelsgebiet, man kann also (entsprechend der jeweils gültigen Freimengen) günstig, weil zoll- und steuerfrei shoppen gehen.

Auf dem Rückweg bin ich dann auch nochmal kurz durch Mittel- und Unterland gelaufen und war nach dreieinhalb Stunden wieder im Hafen. Alles gesehen habe ich dabei natürlich nicht von der Insel, aber man braucht ja auch einen Grund, um wiederzukommen. Anschließend ging es dann wieder auf die vierstündige Rückfahrt, die, abgesehen von einem relativ heftigen Gewitter auf Höhe des Fähranlagers Wedel (Kreis Pinneberg, übrigens) und anschließendem Platzregen bis nach Hamburg rein, relativ unspektakulär verlief. Im Gegensatz zur schon erwähnten Sintflutprobe am nächsten Tag konnte ich mich an diesem Abend noch damit retten, von den Landungsbrücken schnell in die U-Bahn zu schlüpfen und mich von ihr bis vor die Tür meines Hotels fahren zu lassen.

Im Grunde, und das ist mir auch klar, hätte ich mir diesen ganzen langen Text auch sparen können. Die Bilder sollten Gelegenheit genug sein, euch den Mund wässrig zu machen. Helgoland ist eine atemberaubend schöne Insel und definitiv einen Besuch wert. Sei es zum Vögel beobachten, zum Shoppen, zum 50er-Jahre-Architektur bewundern, zum in die Weite des Meeres schauen, zum auf den Pinneberg klettern oder, was ich alles leider nicht geschafft habe, zum unterirdische Bunkeranlagen erkunden, Kegelrobben auf der Düne beobachten oder am Sandstrand auf der Düne baden. Wenn ihr mal in der Nähe seid, schaut vorbei. Wenn ihr nicht in der Nähe seid, fahrt in die Nähe und schaut dann vorbei. Helgoland wird euch bezaubern.

Mehr Fernweh erzeugende Bilder gibt es hier.

  One Response to “Hach, Helgoland”

  1. Vielen Dank. :D

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