Oct 192013
 

Das Schöne am Wissenschaftlerleben sind ja die vielen Dienstreisen, zu Konferenzen oder Kooperationspartnern. Natürlich besucht man dabei nicht nur europäische Metropolen wie Paris, Marseille oder Wien, sondern ist manchmal zum Beispiel auch in der schwedischen Provinz unterwegs, wenn die Konferenz eben nun einmal dort stattfindet. Also fand ich mich Mitte August im südschwedischen Lund wieder, um mir eine knappe Woche lang Vorträge und Posterpräsentationen zu Blickbewegungsforschung anzuhören und nicht zuletzt auch meine eigenen Forschungsergebnisse vorzustellen. Die Anreise begann schon sehr ereignisreich und brachte mir die Bekanntschaft mit drei Einheimischen ein, die in ihrer freundlichen und offenen Art dem Klischee des verschlossenen und wortkargen Nordländers so überhaupt nicht entsprechen wollten. Nach einer im Zug verbrachten Nacht erreichten wir Lund sonntags gegen halb zwei Uhr mittags.

Als ich mir daheim den Weg vom Bahnhof zum Hotel auf Google Maps angeschaut hatte, sah die Strecke etwas weit, aber doch laufbar aus. Zehn Minuten zu Fuß, so schätzte ich damals. Die Strecke vom Hotel zum Universitätscampus, wo die Konferenz stattfinden würde, schien etwa 15 Minuten Gehzeit zu entsprechen. Die Wegbeschreibung der drei Schweden, mit denen ich mir auf der Hinfahrt das Abteil geteilt hatte, klang nach ebensolchen Entfernungen, wie man sie eben in einer mittelgroßen Stadt zurückzulegen hat. Man kann sich also meine Überraschung vorstellen, als wir in Lund ankamen und ich vor allem eines feststellte: Lund ist klein, einfach unglaublich klein. Die 10 Minuten Weg zu meinem Hotel schrumpften zusammen auf 200m. Der Weg vom Hotel zur Konferenz war selbst bei langsamem Gehen in unter fünf Minuten zu bewältigen. Der gesamte Stadtkern ließ sich in unter zwei Stunden erlaufen, inklusive aller versteckten und verwinkelten Nebengässchen. Achtzigtausend Leute sollten hier leben, davon dreißigtausend Studenten. Wo die im Einzelnen wohnen sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Die Innenstadt Lunds wirkte eher wie ein größeres Dorf als wie das Epizentrum der immerhin noch elftgrößten Stadt Schwedens.

  

 
Das Hotel passte sich spielend in diese Umgebung ein: Es war klein, unglaublich klein. Nicht von der Zimmergröße her, die war durchaus großzügig bemessen. Aber das gesamte Hotel hatte nur 7 Zimmer, es war eher ein Einfamilienhaus oder eine Pension als etwas, was ich mit dem Begriff Hotel verbinden würde. Oder, um es mit den Worten meiner Kollegin zu sagen: “Oh mein Gott, wie niiiiiiedlich!”. Entsprechend gab es das mitgebuchte Frühstück auch nicht im Hotel selbst, sondern im Grand Hotel die Straße runter. Das sah dann auch tatsächlich wie ein Hotel aus, mit einem Frühstücksraum, in den mein Hotel bequem im Ganzen reingepasst hätte. Das Buffet war übrigens sehr gut und reichhaltig. Wenn ihr also einmal in die Verlegenheit kommen solltet, in Lund übernachten zu müssen, steigt entweder im Grand Hotel ab oder in einem der Hotels der Umgebung, die ihre Gäste zum Frühstück dorthin schicken.

  
Links: Mein Hotel ist das Hintere der beiden kleinen Häuser. Rechts: Das Grand Hotel. Frühstück gab’s im Wintergarten links des Eingangs.

 
Trotz der Größe (erwähnte ich schon, wie klein Lund ist?) ist der Stadtkern sehr nett anzusehen. Der Großteil der Bebauung stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert und ist entweder in Fachwerkbauweise oder als Backsteinbau ausgeführt. Ich übertreibe nicht (viel), wenn ich behaupte, dass man die Kamera in fast jeden beliebige Straßenzug hineinhalten und abdrücken kann und danach ein malerisches Foto erhalten wird.

  
Hübsche Häuser allerorten …
  
…, abgesehen von der Stadsbiblioteket (rechts).

 
Die Stadt selbst hat über 1000 Jahre auf dem Buckel und gilt damit mit als älteste Stadt Schwedens. Die größte Blütezeit hatte Lund im Mittelalter, als es geistliches und weltliches Zentrum des Dänischen Reiches war, das damals mehr oder minder ganz Skandinavien umfasste. Aus dieser Zeit erhalten sind das kaum veränderte Straßennetz im Zentrum, in dem die Straßen auch weiterhin ausschließlich mit Kopfsteinpflaster befestigt sind, sowie einige mittelalterliche Gebäude, die sich insbesondere um Lundagård, den zentralen Park Lunds gruppieren, an dem auch die Universität liegt.

  
Links: Universität. Rechts: Man beachte – Die Doppelflügel und die Holzornamente sind nur aufgemalt.

 
Dazu gehört das Kungshuset (“Königshaus”), das im 16. Jahrhundert für den Statthalter des dänischen Königs erbaut wurde und in dem auch der König nächtigte, wenn er in der Stadt war. Im 17. Jahrhundert fiel das Haus an die Kirche und wurde Bischofssitz, bevor es im 18. Jahrhundert wieder an den nunmehr schwedischen König ging (Lund wurde wie ganz Südschweden 1658 schwedisch), der Schweden während des Großen Nordischen Krieges von hier regierte. Seit dem 19. Jahrhundert wurde es schließlich von der Universität genutzt, woran sich bis heute nichts geändert hat.

  
Kungshuset.

 
Südlich des Lundagård findet sich außerdem die über 900 Jahre alte Domkyrkan (“Domkirche”), der älteste Dom Skandinaviens. In den ersten Jahrhunderten nach seiner Entstehung hatte der Dom große kulturelle Bedeutung für ganz Skandinavien inklusive Island und Grönland. Nach der Reformation erlosch die Vormachtstellung der Kirche in Dänemark, und der weiterhin kirchlich genutzte Dom wurde auch für weltliche Veranstaltungen geöffnet, beispielsweise wurden hier auch Vorlesungen der nahe gelegenen Universität abgehalten. Dieses vergleichsweise offene Verhältnis zur Religion und zu Kirchengebäuden hat sich bis heute erhalten. So fand in der Domkyrkan während unseres Aufenthaltes ein Gratiskonzert des mir un- aber zumindest meiner Kollegin bekannten Künstlers Moto Boy statt, das wir dann leider wegen Überfüllung und unseres späten Erscheinens nicht sehen konnten (wobei ich mit Blick auf das Video das “leider” eventuell auch wieder zurücknehmen würde). Nun ist es ja inzwischen durchaus auch in Deutschland üblich, Kirchen zu Kulturräumen umzuwidmen, allerdings werden diese vorher ja zumeist entweiht und nicht mehr kirchlich genutzt. Die schwedische Doppelbenutzung fand ich jedenfalls sehr interessant und durchaus übernehmenswert.

  
  
Domkyrkan von außen und innen.

 
Am Beispiel der Domkyrkan sieht man auch, wie sehr die Schweden die Konzepte von Inklusion, Familienfreundlichkeit und Gleichberechtigung leben. So gibt es hier ein Holzmodell der Kirche für Blinde, damit auch diese die Architektur erfahren können. (Schön dabei auch die Aufschrift: “Please don’t touch it if you can see it.”) Auch habe ich hier zum ersten Mal in einer Kirche eine fest installierte Spielecke für Kinder gesehen. Und kleine Hinweise auf das gleichberechtigte Nebeneinander der Geschlechter findet man überall in Lund. Die Stadt ist voll von jungen Paaren mit Kinderwagen und es scheint selbstverständlich zu sein, das der Mann den Kinderwagen schiebt. Auch sieht man sehr viel häufiger Väter alleine mit ihren Sprösslingen unterwegs sein, wahlweise mit Kinderwagen, Buggy oder Tragetuch. Das sieht man zwar inzwischen auch immer häufiger in Deutschland, besonders in den Ballungsgebieten, aber von der Selbstverständlichkeit, mit der die schwedischen Väter Anteil an der Erziehung nehmen, sind wir glaube ich noch meilenweit entfernt.

  
Links: Blindenmodell der Domkyrkan. Rechts: Spielecke.

 
Womit wir dann auch schon bei den Menschen wären. Eingangs erwähnte ich ja schon das Klischee des verschlossenen und wortkargen Nordländers. Ich habe es eigentlich an keiner Stelle bestätigt gefunden. Es mag stimmen, dass die Schweden nicht so zuckersüß heuchlerisch wie beispielsweise die Sachsen sind. Man sieht ihnen an, wenn es ihnen nicht gut geht oder wenn sie genervt sind, aber sie sind trotzdem immer ausgesucht höflich. Und mir gefällt diese etwas direktere und offenere Art allemal besser als das Geschleime und die falsche Freundlichkeit, die beispielsweise das Verkaufspersonal hierzulande oft vor sich herträgt. Dahingehend nehmen sich die Schweden auch nicht viel mit den Hamburgern und anderen Norddeutschen. Wobei ich gerne zugebe, dass mein Eindruck auch davon beeinflusst sein mag, dass mir das Direkte und Offene selbst sehr viel mehr liegt als das Scheinbar-immer-Fröhliche und Aalglatte. Aber, und da schließt sich dann der Kreis, ich bin ja auch gebürtiger Norddeutscher (laut meiner Mutter sogar mit schwedischen Wurzeln, irgendwo jenseits des 17. Jahrhunderts).

Ein anderes Klischee stimmt hingegen uneingeschränkt: Es gibt hier sehr viele große blonde Menschen beiderlei Geschlechts. Und spätestens, wenn einem an einem regnerischen Morgen mit 15°C Außentemperatur eine hübsche hochgewachsene Blondine in einem bauchfreien Top entgegenkommt (Über das Temperaturempfinden der Skandinavier könnte man auch Bücher schreiben – da kommt wahrscheinlich die Wikinger-DNA durch.), einen mit ihren großen wasserblauen Augen anschaut und schließlich breit anlächelt, weiß man, dass es mit der Zurückhaltung der Schweden nicht so weit her sein kann.

Nachdem ich nun derart von den Schweden geschwärmt habe, zum Abschluss vielleicht doch noch ein Punkt, in dem eindeutig die Deutschen die Nase vorne haben: beim Bier brauen. Ich erwähnte ja schon im vorangegangenen Artikel, dass Alkohol in Schweden nur in speziellen Läden, den sogenannten Systembolagets verkauft wird und aufgrund einer hohen Besteuerung selbst für schwedische Verhältnisse sehr teuer ist. Leider führt das offensichtlich nicht zu einer besseren Qualität einheimischer Gerstensafterzeugnisse. Das eine Glas Bier, das ich probierte (mehr traute ich mich dann nicht mehr), schmeckte jedenfalls als hätte man Spülwasser durch einen jahrealten Turnschuh hindurch filtriert, das Ganze dann gelb gefärbt und mit Kohlensäure versetzt und anschließend gekühlt serviert. Ich empfehle daher dringend, sich bei einem Schwedenaufenthalt noch in Deutschland mit entsprechenden Vorräten einzudecken (allein schon wegen dem Preis) oder sich vor Ort mit Wein und Schnaps zu begnügen.


Fahrradstadt Lund.

 
Fazit: Für einen Tagesausflug von Kopenhagen oder Malmö aus ist Lund allemal geeignet. Sollte man dort mehrere Tage verbringen wollen oder müssen, empfiehlt sich das Ausleihen von Rädern, um die Gegend zu erkunden und so einem Lagerkoller vorzubeugen. Außerdem sollte man sich Pläne für eventuelle Schlechtwetterperioden zurecht legen. Denn auch wenn bei meinem Aufenthalt bis auf einen Tag immer gutes Wetter war – wenn es einmal regnet, dann regnet es auch richtig. Einen Schirm braucht man aber dennoch nicht einzupacken. Aufgrund des starken Windes bei regnerischem Wetter ist der ohnehin nutzlos.

Mehr Bilder aus Lund gibt es hier.

P.S.: Lund ist so klein, dass es von der ganzen Stadt nicht einmal zwölf verschiedene Postkartenmotive gibt. Ich war tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben gezwungen, zweimal das gleiche Motiv zu verschicken. Ein Skandal!

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