Oct 112013
 

Sozialbeiträge steigen deutlich
2014 kommen auf einige Arbeitnehmer und Arbeitgeber deutlich höhere Sozialabgaben zu. Der Staat hebt die Bemessungsgrenze an und reagiert damit auf die gestiegenen Löhne. Auf einen Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro kommen im Jahr zusätzliche Ausgaben von knapp 45 Euro zu. Auf ein Ehepaar mit zwei Kindern 225 Euro.

Hier mal ein schönes Beispiel für Manipulation durch Information. Was ist passiert? Die Beitragsbemessungsgrenzen für die Sozialabgaben werden wie jedes Jahr angehoben (und im Vergleich zum letzten Jahr noch nicht mal besonders stark). Das ist ein automatischer, gesetzlich geregelter und seit 50 Jahren durchgeführter Prozess. Beitragsbemessungsgrenze ist der höchste Einkommensbetrag, der zur Berechnung der Sozialabgaben herangezogen wird. Das heißt, nur wer mehr verdient als eben jene Beitragsbemessungsgrenzen, zahlt 2014 mehr Sozialabgaben. Die Grenzen steigen in Westdeutschland um 150 € von 5800 € auf 5950 € für Renten- und Arbeitslosenversicherung und um 112,50 € von 3937,50 € auf 4050 € für Kranken- und Pflegeversicherung. Das heißt, wer als kinderloser Single weniger als 3937,50 € verdient, für den ändert sich – nichts.

Was wird daraus im Artikel? Der Autor wählt Beispiele, die über den 3937,50 € liegen und suggeriert dann, dass dies “viele Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber” (Bildunterschrift) beträfe. Wie viel ist denn viel? Laut diesem Brutto-Netto-Rechner, kommt man selbst, wenn man nur die Werbungskostenpauschale als Freibetrag berücksichtigt, auf ein Nettoeinkommen von 2675 €. Das ist laut dieser Einkommensverteilung ein Einkommen, das im oberen Fünftel der Einkommensverteilung angesiedelt ist. Mit den dortigen Worten: “80 Prozent der Erwerbstätigen haben weniger als Sie. Das sind ungefähr 28,6 Mio. Menschen.” Entsprechend dieser Zahlen kann man auch ausrechnen, wie viele Arbeitnehmer denn mehr als diese 2675 € netto haben. Es sind 5,72 Millionen Menschen. Das ist also die Anzahl der Menschen, die von der Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze der Sozialabgaben überhaupt betroffen sind. Bei einem Erwerbspersonenpotenzial von 42,9 Millionen (Erwerbstätige + Arbeitslose + nicht arbeitslos gemeldete Erwerbsfähige wie Hausfrauen oder -männer) klingt das irgendwie nicht wirklich “viel”. Zum Vergleich: Aktuell liegt die Grenze, aber der man einen kinderlosen Single nicht mehr der Mittelschicht, sondern der Oberschicht zuordnet, in Deutschland bei etwa 2000 € Monatsnettoeinkommen (Quelle).

“2014 kommen auf einige Arbeitnehmer und Arbeitgeber deutlich höhere Sozialabgaben zu.” Was ist denn “deutlich”? “Auf einen Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro kommen im Jahr zusätzliche Ausgaben von knapp 45 Euro zu.” Die Zahlen sind korrekt, aber irreführend, weil unterschiedlich lange Zeiträume gegenübergestellt werden. Die Einkommensgröße wird “optisch” gesenkt, in dem das Monatseinkommen angegeben wird, die Ausgabengröße wird gesteigert, in dem sie auf ein ganzes Jahr bezogen angegeben wird. “Ein Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro muss monatlich 3,75€ mehr zahlen” wäre genauso korrekt gewesen wie “Ein Single mit einem Jahreslohn von 48.000 Euro muss jährlich knapp 45 Euro mehr zahlen”. Aber das wäre wohl nicht schlagzeilenträchtig genug gewesen. Gleiches gilt für “Verdient er 5500 Euro [66.000 € jährlich] und lebt im Westen, muss er 73 Euro [6,08 € im Monat] zusätzlich zahlen. Wohnt er im Osten, muss er 175 Euro [14,58 € im Monat] mehr zahlen.” In eckigen Klammern stehen jeweils die Vergleichszahlen für Jahr und Monat. Interessanterweise werden hier die unterschiedlichen Zeiträume (Monatseinkommen werden mit Jahresausgaben verglichen) noch nicht einmal mehr explizit benannt. Wenn es um Ehepaare geht (“Bei Ehepaaren mit zwei Kindern ist es ähnlich. Während im Osten die Abgaben maximal um 174 Euro steigen, müssen Westdeutsche mit höheren Belastungen von 225 Euro rechnen. Hat das Paar keine Kinder, steigen die Abgaben sogar um maximal 251 Euro (West) und 196 Euro (Ost).”), wird das zugrundeliegende Einkommen gleich völlig ausgeblendet. Hier scheint dem Autor selbst aufgefallen zu sein, dass er mit Jahreseinkommen jongliert, die kaum jemand in diesem Land erreicht.

Interessant ist auch, dass der Autor die historische Entwicklung der Beitragsbemessungsgrenze, die es schon seit 1962 gibt, nicht berücksichtigt. Beispielsweise gab es im Vorjahr, von 2012 zu 2013, eine Erhöhung der Grenze für Renten- und Arbeitslosenversicherung um 200 € und eine Erhöhung für Kranken- und Pflegeversicherung um 112,50 € (jeweils West). Im Jahr davor (2011 zu 2012) gab es Erhöhungen um 100 € bzw. 112,50 € (Quelle und weiter zurückliegende Werte). Es handelt sich also in keinster Weise um einen besonders starken Anstieg, sondern eher um ein langjähriges Mittel des bisherigen Zuwachses.

Zudem muss man sich auch einmal inhaltlich fragen, was Beitragsbemessungsgrenzen bedeuten. Es bedeutet, dass man ab einem bestimmten Einkommen nur noch einen bestimmten Betrag an Sozialabgaben abführt, unabhängig vom tatsächlichen Einkommen. Bis zu dieser Grenze wachsen die absoluten Ausgaben linear mit dem Einkommen. Jemand, der die Hälfte von 3937,50 € verdient, muss auch nur die Hälfte an Sozialabgaben abführen wie der, der 3937,50 € verdient. Ab dieser Grenze bleiben die Ausgaben gleich. Wer das Doppelte von 3937,50 € verdient, zahlt trotzdem genauso viel Sozialabgaben* wie derjenige, der 3937,50 € verdient. In relativen Wahrscheinlichkeiten führt er also nur die Hälfte des Prozentsatzes seines Einkommens an die Sozialkassen ab, wie diejenigen, die 3937,50 € oder weniger im Monat verdienen. In dieser Grafik lässt sich dieser Abfall der relativen Belastung durch die Sozialabgaben bei steigendem Einkommen sehr gut nachvollziehen.

Was ist also tatsächlich passiert? Wie schon in den 50 Jahren zuvor, so werden auch in diesem Jahr die Beitragsbemessungsrenzen für die Sozialabgaben angepasst. Dadurch müssen Vermögende nun etwas mehr bezahlen als vorher, aber relativ gesehen immer noch weniger als diejenigen mit Einkommen unterhalb der Bemessungsgrenze. Und was wird im Artikel daraus? “Viele” Arbeitnehmer müssen “deutlich” mehr zahlen als bisher. Die Kommentare darunter gehen dann natürlich in eine entsprechende Richtung. Sowas nennt man dann wohl Manipulation durch Information.

*Das stimmt durch die beiden unterschiedlichen Bemessungsgrenzen nicht ganz, wird zugunsten meiner Wutrede aber jetzt mal kurz unterschlagen. Tatsächlich gleich bleiben die Sozialabgaben erst ab 5800 € Monatseinkommen (ab 2014 5950 €).

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