Oct 262013
 

Ende August war es mal wieder Zeit für einen längeren Urlaub. Das mag für jene, die meine Reiseberichte hier lesen, im ersten Moment komisch klingen. Aber tatsächlich war mein Ausflug nach Hamburg mein erster Urlaub in diesem Jahr, nun sollte der Zweite folgen. Geplant war, mit dem Flugzeug nach Nizza zu fliegen, dann 9 Tage an der Côte d’Azur zu genießen, anschließend mit dem TGV nach Genf zu fahren und dort einige Tage bei einer Freundin zu verbringen, bevor es zum Abschluss der Reise noch einmal nach Regensburg gehen würde, um eine weitere Freundin zu besuchen.

Der Flug startete halb 9 vom Flughafen Dresden, was unter Einbeziehung der Hinfahrt und der obligatorischen Stunde, die man vorher da zu sein hatte, ein Weckerklingeln gegen 6 Uhr bedeutete. Vielleicht war es auch noch früher. Jedenfalls handelte es sich um eine Uhrzeit, die es in einer besseren Welt nicht geben würde. Entsprechend gut gelaunt brach ich zum Flughafen auf. Fliegen würde ich mit “deutscheflügel”. Wie mir später klar wurde, war das mein erster Flug mit einer Billigairline – und würde auch mein letzter sein, wie ich mir danach schwor. Von Dresden sollte es zum Flughafen Köln-Bonn gehen, und von dort nach anderthalb Stunden Aufenthalt dann direkt nach Nizza.


70er-Jahre-Design an der Terminaldecke in Köln-Bonn

 
Schon bei der Buchung war mir sauer aufgestoßen, dass nach Einberechnung von Gepäckaufschlag und diversen Gebühren aus dem ursprünglich günstigen Angebot ein immer noch akzeptables, aber von den Konkurrenten preislich nicht mehr weit entferntes Entgelt unter dem Strich stand. An Bord des ersten Fliegers war mir dann die schöne Aufschrift: “Extra für Sie: Mehr Beinfreiheit” aufgefallen – an einem Sitzplatz, den ich anhand meiner bisherigen Flugerfahrungen nicht als sehr beinfrei eingestuft hätte. Was damit gemeint war, wurde mir im zweiten Flieger klar – da gab es die Aufschrift nämlich nicht, dafür stieß mein Knie hier bei normaler Sitzposition an den Vordersitz. Es war einfach unglaublich eng. Passend dazu ein Fensterplatz. Glücklicherweise waren meine Sitznachbarn – ein älteres Ehepaar irgendwo jenseits der 70 – nicht sehr voluminös, sonst wäre das Konserven-Feeling perfekt gewesen.

Während des Fluges rutschte mir zu allem Überfluss auch noch eine meiner Kontaktlinsen unters Augenlid, just in dem Moment, in dem die Flugbegleiter Getränke verkauften. Da konnte natürlich die Airline nichts für, dennoch war es erst einmal nervig, das alte Ehepaar aufzuscheuchen, mich dann am Steward und seinem Servierwagen vorbeizudrücken und die Kontaktlinse auf der Flugzeugtoilette aus meinem Auge zu bergen. Erstaunlicherweise klappte das recht problemlos und die leicht zerknitterte Linse ließ sich sogar wieder an die richtige Stelle ins Auge einsetzen. Dann ging es wieder zurück an den Platz, natürlich wieder vorbei am Steward und seinem Getränkewägelchen sowie dem alten Ehepaar.

Um nicht nur über den Flug zu mosern: Die Route war durchaus sehr malerisch (was aber wiederum nicht der Airline zugute zu halten ist) und während unseres Überfluges hatte ich einen schönen Ausblick auf die Alpen, die mit ihren grünen Tälern und schneebedeckten Gipfeln ab und an unter der aufbrechenden Wolkendecke hervorlugten. Beim Anflug auf Nizza verstand ich dann auch, warum in meinem Reiseführer die Rede war von den “französischen Seealpen” und warum die ganze Region als Alpes-Maritime bekannt ist. Hier fallen die französischen Alpen nämlich tatsächlich mehr oder weniger unerwartet einfach so ins Mittelmeer. Plumps. Dadurch finden sich dann direkt am Meer und nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Stränden entfernt Berge mit Höhen von 500 Meter und mehr. Berge und Meer – was will ich mehr?

  
Fensterplätze haben auch ihr Gutes.

 
Der Flughafen von Nizza liegt am westlichen Ende der Bucht, an die sich die Stadt schmiegt, und ist mehr oder minder auf dem Wasser gebaut. Man hat also bis kurz vor dem Aufsetzen der Maschine auf dem Rollfeld das Mittelmeer unter dem Flugzeugrumpf, was der Landung ein Stück weit Nervenkitzel einhaucht.
Am Flughafen rannte ich dann – wie ich es halt immer mache – erstmal schnurstracks in die falsche Richtung, auf der Suche nach meinem Bus, der mich einen Großteil der 7km zu meinem Hostel fahren würde. Der Bus brachte mich dann auch problemlos in das bergige Hinterland von Nizza, wo das alte umgebaute Kloster stand, dass nun als Hostel diente. Dort angekommen dauerte es noch etwas, bis ich in mein Zimmer konnte, so dass ich mich erstmal in die alte Kapelle zurückzog, die als Gemeinschaftsraum mit angeschlossener Küche und Bar diente.


Gemeinschaftsraum im Hostel: Die umgebaute Kapelle.

 
Man mag es kaum glauben, aber das war tatsächlich das erste Mal, dass ich auf Reisen in einem Hostel schlief. Als Einsteiger hatte ich das Zwölferzimmer noch als etwas überfordernd eingestuft und stattdessen ein Bett in einem Viererzimmer inlusive Bad gebucht. Und im Rückblick kann ich sagen: Alles richtig gemacht. Im Laufe der 9 Tage, die ich hier verbrachte, teilte ich mir das Zimmer (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) mit zwei jungen Amerikanerinnen auf Europa-Tour, einem britischen Journalisten mittleren Alters der für irgendeine Fußballstory recherchierte, einem australischen Backpacker-Pärchen, einem Slowenen und zwei Kuwaitis.

Auch sonst konnte man im Hostel in kurzer Zeit viele Leute kennenlernen. Der Smalltalk beschränkte sich dabei meist auf die drei Fragen “Wo kommst du her?”, “Wie lange bist du schon da?”, “Wie lange bleibst du/Wo gehts als nächstes hin?”. Spätestens dann hatte man ein interessantes Gesprächsthema gefunden. So plauderte ich mit dem britischen Journalisten, der mit seinen Recherchen auch schon einmal Fehler bei der Aufklärung eines Mordes nachgewiesen und damit fünf Unschuldige rehabilitiert hatte, über staatliches und Polizeiversagen. Der Slowene, der als nächstes Reiseziel Deutschland im Blick hatte, fragte mich nach der besten Biersorte, die er seinen Freunden daheim mitbringen wollte (Ich konnte ihm leider keine vernünftige Antwort geben, was ist denn die beste deutsche Biersorte?). Und einer der beiden Kuwaiti-Brüder war ein großer Fan der deutschen Kultur und unterhielt mich mit einigen Brocken Deutsch (Das Spiel bestand darin, zu erkennen, was er einem sagen wollte – der deutsche Akzent eines Kuwaitis ist schon sehr speziell.).

Ab und zu konnte man sogar noch ein paar Tipps für Tagesausflüge abstauben. So empfahl mir ein deutsches Pärchen einen Canyon, der sich westlich zwischen Nizza und Antibes befinden und sehr spektakulär sein sollte. Drei Jungs empfahlen mir den Sandstrand bei Cap d’Ail, der total malerisch sein sollte. Aus Zeitgründen konnte ich am Ende leider beide Tipps nicht berücksichtigen, aber für einen definitiv geplanten weiteren Besuch stehen sie auf jeden Fall auf der Liste. Umgekehrt konnte ich einem Australier, der schon seit 4 Monaten im Hostel arbeitete, einige schöne Flecken in der Umgebung empfehlen, insbesondere die versteckten Buchten am Cap Ferrat und meinen neuen Lieblingsort auf der Welt, das kleine Städtchen Menton an der französisch-italienischen Grenze.

Nachdem ich meine Sachen in meinem Zimmer geparkt und meine Jeans gegen eine für die 30°C Lufttemperatur angemessenere kurze Hose getauscht hatte, ging ich das erste Mal in die Stadt. Und Gehen ist hier das richtige Wort, ich hatte zu dem Zeitpunkt nämlich noch keine Vorstellung von der Größe der Stadt und dachte, die Entfernungen wären ohne größere Probleme fußläufig zu überwinden. Anderthalb Stunden später war ich endlich am Meer und eines besseren belehrt. Am nächsten Tag kaufte ich mir für 15 € ein Wochenticket, das sich bei 1,50 € Kosten für eine Einzelfahrt schon bald rentiert hatte.

Über Nizza, die Sehenswürdigkeiten und den Eisladen mit den 99 Eissorten werde ich nächste Woche schreiben. Hier sollen jetzt erst einmal ein paar allgemeine Beobachtungen folgen, die ich im Laufe der Woche in der Stadt gemacht habe, teilweise ungeordnet und nicht immer ganz ernst gemeint.

Was mir in Nizza sofort auffiel, war der Geruch. Es riecht überall leicht süßlich. Und es liegt nicht nur an den Franzosen, denen man vielleicht einen Hang zur Überparfümierung nachsagen möchte – der Geruch hing auch in vollkommen menschenleeren Gegenden. Ich mochte ihn jedenfalls. Bis heute frage ich mich, ob er vielleicht aus Grasse herangeweht wurde, der nicht weit von Nizza entfernt im Westen liegenden “Hauptstadt des Parfüms”, in der angeblich immer noch 75% aller Parfüms weltweit hergestellt oder veredelt werden (was ich mir ehrlich gesagt nicht wirklich vorstellen kann).

Die Franzosen, oder mindestens die Niçoise (Einwohner Nizzas), haben einen erfrischenden Hang zur Regellosigkeit und Anarchie. Rote Fußgängerampeln sind zum Beispiel ein Hinweis, doch zumindest nach links und rechts zu schauen, bevor man die Straße überquert. Busfahrpläne haben eher einen empfehlenden Charakter. Es sind zumeist ohnehin nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten an den Endhaltestellen bekannt gegeben, und selbst die werden nach Tagesform des Fahrers ausgelegt. Busfahrten in die Dörfer in Nizzas Umgebung sind übrigens mindestens abends und am Wochenende mit überfüllten Bussen und langen Staus auf den Küstenstraßen verbunden, die die meisten Linien benutzen. Volle Busse fahren auch gerne mal an Haltstellen vorbei, so dass man im ungünstigsten Fall zwei bis drei Busse (oder umgerechnet eine Stunde) warten muss, bis man mitgenommen wird. Die Alternative ist der Zug, der allerdings eine wesentlich weniger malerische Strecke fährt und außerdem teurer ist als die 1,50€ für die Einzelfahrt.

Damit es nicht allzu chaotisch wird, ist im öffentlichen Raum die Polizei recht präsent, in Museen und im Busverkehr übernehmen einzelne Sicherheitsunternehmen diese Aufgabe. Die Polizei nutzt dafür auch gerne mal Segways, um in den engen Gassen der Altstadt Nizzas (Vieux Nice) voranzukommen.


Eine neue Stufe der Evolution: Der Segway-Cop.

 
In der Straßenbahn war eine ältere Dame ganz begeistert und zutiefst dankbar, als ich ihr aus freien Stücken meinen Sitzplatz anbot. Das scheint hier kein Standard zu sein. Viele ältere Leute müssen oft erst ihren Senioren- oder Behindertenausweis vorzeigen, bevor ihnen ein Platz überlassen wird.

Franzosen lieben Hunde und fast jeder hat einen. Allerdings scheinen die meisten Wohnungen in Nizza sehr klein zu sein oder nur Kleintierhaltung zuzulassen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier fast ausschließlich Fußhupen rumlaufen. Also die Sorte Hund, die man beim zu tiefen Einatmen auch mal aus Versehen verschlucken kann.

Junge männliche Franzosen tragen gerne Herrenhandtaschen. Punkt. Was soll man da auch weiter zu sagen?

Niçoise lieben es, Dinge neonblau zu beleuchten. Ich stand zuerst immer relativ fassungslos vor dieser ästhetischen Abscheulichkeit. Irgendwann ging mir auf, dass das möglicherweise eine missglückte Reminiszenz an die Côte d’Azur sein soll. Was den Anblick nicht weniger schrecklich macht, aber zumindest etwas Verständnis in mir aufkeimen ließ.


Das neonblaue Grauen.

 
Wenn einem in Paris jemand im Weg stand, machte man ihn mit “Pardon!” auf seine Missetat aufmerksam (übrigens auch in Genf). In Nizza wird dafür eher “Excusez moi!” verwendet. “Pardon”, insbesondere mit einem Fragezeichen am Ende, wird eher als Aufforderung zur Wiederholung des eben Gesagten verstanden. In dem Zusammenhang: Wenn man seinem Gesprächspartner mitteilen möchte, dass man gerade kein Wort versteht, ist ein “Pardon” eher kontraproduktiv. Besser ist hier die Frage “Parlez-vous anglais?”, um den Redeschwall des Gegenübers zu unterbrechen. In 50% der Fälle ist das Gespräch damit auch beendet, denn der durchschnittliche Franzose spricht kein Englisch. In 40% der Fälle wird das Gespräch mit Händen und Füßen (also Gesten, keinen Kampfhandlungen) fortgeführt, und in 10% der Fälle sogar in Englisch.

Wenn man sich etwas näher kennt und auf der Straße begegnet oder verabschiedet, tut man dies mit Küsschen links, Küsschen rechts. Dabei ist das Geschlecht der beteiligten Personen unerheblich. Meine erste Begegnung mit dieser Abschiedszeremonie hatte ich in Nizza mit einer jungen, sehr süßen Pariserin, die mit ihrer Stupsnase und den schwarzen schulterlangen Haaren an eine junge, unzickige Victoria Beckham erinnerte. Ihre plötzliche Annäherung, nachdem wir uns gerade zwei Stunden gekannt hatten, irritierte mich kurzzeitig, so dass ich ziemlich starr (ich schreibe bewusst nicht steif) dastand, während sie mir die zwei Küsschen auf die Wangen hauchte. Was wahrscheinlich ganz gut war, denn im ersten Moment hatte ich die Annäherung fehlinterpretiert und hätte wohl etwas getan, was uns beiden danach peinlich gewesen wäre. Später konnte ich in dem Bereich zum Glück wesentlich souveräner agieren. Der Unterschied zur französischen Schweiz übrigens: In der Schweiz (oder in Genf) küsst man dreimal – rechts, links, rechts (oder andersrum).

Das mit Abstand beste Fortbewegungsmittel auf den bergigen und kurvigen Küstenstraßen (Corniches), die die Dörfer und Städte der Côte d’Azur verbinden, wie auch in den schmalen Gassen insbesondere der Altstadtviertel, ist der Motorroller. Damit kann man an jedem Stau vorbeifahren – und wenn es auf dem Gehweg ist. Zudem kommt man damit Steigungen hoch, die jedes Vierradgefährt vor eine unlösbare Aufgabe stellen würden. Sogar Treppenstufen lassen sich überwinden, wenn diese schräg angeordnet und weit genug voneinander entfernt sind.


Sind überall: Motorroller.

 
Mehr Bilder gibt es erst in der nächsten Woche, wenn ich euch Nizza im Detail vorstelle. Ab dann gibt es jede Woche einen Bericht über ein Dorf oder eine Stadt der Umgebung – je nachdem, wo es mich an jenem Tag gerade hingetrieben hat.

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