Nov 232013
 

 
Weil ich bei meiner Wanderung um das Cap Ferrat mein Herz in der Bucht von Villefranche gelassen hatte, fuhr ich am nächsten Tag noch einmal hin, um es wieder abzuholen. Diesmal ging es direkt in den Ort hinein, der sich größtenteils an der Westküste der Bucht, also gegenüber meiner neuen Lieblingshalbinsel entlang zieht. Auch Villefranche erreicht man mit der Linie 81 in Richtung Port de Sant-Jean oder mit der Linie 100 in Richtung Monaco oder Menton, wobei letzteres aus schon benannten Gründen nicht empfohlen werden kann. Ausstieg ist jeweils an der Haltestelle “Octroi”, die aufgrund ihrer Größe und der Menschenmassen, die sich hier bewegen, nicht allzu leicht übersehen werden kann. Die Touristeninfo befindet sich an der Nordseite des Platzes (beim Ausstieg aus dem Bus links) und ist ebenfalls gut zu finden. Nachdem ich mich wie üblich mit Kartenmaterial der Gegend eingedeckt hatte, zog es mich erst einmal in den Norden ins Vielle Ville, die Altstadt des Ortes.

Altstädte haben an der Côte d’Azur ja immer etwas Zauberhaftes, aber die Altstadt von Villefranche sticht selbst unter all diesen Schönheiten noch einmal hervor. Sie ist wirklich ein einziges Postkartenmotiv. Man kann die Kamera in nahezu jeden Straßenzug hineinhalten und abdrücken und wird ein makelloses, wunderschönes Foto erhalten. Der Grundaufbau aus engen kleinen Gässchen und pastellfarbenen Häuschen entspricht dem von Vieux Nice, ist hier aber viel organischer und weniger monolithisch umgesetzt. Die Gässchen ziehen sich feingliedrig zwischen den Häusern hindurch. Aufgrund der Topographie verlaufen sie ständig auf unterschiedlichen Höhenebenen, steigen oder senken sich unentwegt und sind durch eine Vielzahl von Treppen miteinander verbunden. Weil die Häuser offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten und mehr oder minder kreuz und quer gebaut wurden, verlaufen die Gassen verwinkelt zwischen und teilweise auch unter den Häusern.

    
  
Vielle Ville.

 
Es ist ein einziges Labyrinth – ein sehr apartes Labyrinth, denn die Häuschen, die seine Mauern bilden, sind alle gut in Schuss gehalten und individuell gestaltet. Oft wird der Postkarteneffekt noch verstärkt, indem die Bewohner große Pflanzenkübel oder einen Gartentisch vor der Tür stehen haben – man sieht, dass hier wirklich Leute wohnen und das nicht nur eine Kulisse für die Touristen ist. Entsprechend ist es abseits einiger weniger Touristenmagnete, die sich vor allem nahe des Wassers finden, auch sehr ruhig und wenig überfüllt – ideal also, um beim Herumstreifen die Seele baumeln zu lassen. Insgesamt erscheint das Vielle Ville als das menschengemachte Gegenstück zur westlichen, von idyllischen Buchten durchzogenen Steilküste von Cap Ferrat. Man entdeckt alle 10 Meter eine neue malerische Ecke, die alles zuvor Gesehene in den Schatten stellt.

Eine sehenswerte Besonderheit in der an Sehenswertem nicht armen Altstadt ist die Rue Obscure, eine 130 Meter lange unterirdische Gasse, die parallel zur Uferstraße verläuft. Die Rue Obscure wurde schon 1260 als Wehrgang gebaut, auf dem sich Soldaten unbemerkt in der Stadt bewegen konnten. Zwischenzeitlich war sie sogar zugeschüttet worden, wurde dann aber wieder freigelegt und ist seit 1932 denkmalgeschützt. Die Rue verbreitet mit ihrem Wechsel vom sonnigen Tag in das schattige, nur von einigen Glühbirnen erleuchtete Dreivierteldunkel einen sehr morbiden, faszinierenden Charme, in dem plötzlich alles fotogen wird – selbst der Müllhaufen des Restaurants in der Seitengasse.

  
  
Rue Obscure.

 
Eine weitere Sehenswürdigkeit im Osten der Altstadt, direkt am Hafen, ist die Chapelle Saint-Pierre. Diese kleine Kapelle wurde 1957 im Inneren von John Cocteau vollständig mit Fresken bemalt. John Cocteau war Schriftsteller, Regisseur und Maler und einer der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, der unter anderem mit Pablo Picasso zusammenarbeitete. Cocteau hielt sich während eines (letztlich erfolglosen) Opiumentzugs längere Zeit in Villefranche auf und verliebte sich dabei in die Stadt (und wie könnte er auch nicht?). Eines Tages bat er die Bewohner, ihm die Schlüssel für die kleine, aus dem 14. Jahrhundert stammende und heruntergekommene Kapelle zu überlassen, und begann, sie innen mit Bildern der Lebensgeschichte von Petrus zu bemalen – verwoben mit Motiven aus seinem eigenen filmischen Schaffen und seines persönlichen Umfelds. Herausgekommen sind großformatige Strichzeichnungen, die teilweise mit pastellfarbenen Flächen gefüllt sind. Die Farbflächen sind derart zart aufgetragen, dass sich die Augen erst einige Minuten an die Dämmerung in der Kapelle gewöhnen müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. Das Ganze ist schon sehr stilvoll, allerdings sollte man sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die 2,50 € Eintritt zu bezahlen. Die Kapelle ist nämlich wirklich sehr klein, besteht nur aus einem einzigen Raum und enthält nur etwa 3 großformatige Szenen – eine an der Wand links, eine an der Wand rechts und eine vorne im Altarbereich. Wer sich nicht allzu sehr für Kunst oder den Surrealismus interessiert, kann sich das Eintrittsgeld durchaus sparen.


Chapelle Saint-Pierre.

 
Ebenfalls als Sehenswürdigkeit angepriesen wird die Citadelle Saint-Elme. Die Festung wurde ab 1557 zur Verteidigung des strategisch wichtigen Handelshafens von Villefranche erbaut. Heute beherbergt sie ein Hotel, das Rathaus des Ortes, vier Museen, einen Garten und ein Freilufttheater. Ich war an einem Sonntag in Villefranche, so dass zwei der vier Museen leider geschlossen waren. Geöffnet waren nur das Volti-Museum und das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie. Das Volti-Museum beherbergt ausschließlich Fruchtbarkeits- und Weiblichkeitsstatuen aus allen Ecken und Enden der Welt, aus verschiedensten Materialien und Epochen. Das ist bei den ersten 5-10 Exponaten noch ganz interessant, spätestens nach der hundertsten Statue sollte aber auch der Letzte begriffen haben, dass Weiblichkeit offensichtlich weltumfassend mit Brüsten und ausladenden Hüften assoziiert wird. Allzu spannend war das also nicht. Gleiches muss man über das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie sagen. Das “Museum” ist letztlich nur ein einziger mittelgroßer Raum, in dem wie in jeder militärischen Ausstellung irgendwelche Uniformen der Einheit, Abzeichen und Dokumente, Bilder und Gemälde berühmter Offiziere und ähnliches präsentiert wurde.

  
Die Zitadelle.
  
Ausstellungsstücke des Volti-Museums.

 
Leider geschlossen hatte das Musée Goetz-Boumeester, eine von den Künstlern Christine Boumeester und Henri Goetz zusammengetragene Sammlung von Kunstwerken unter anderem von Picasso, Picabia, Mio und Hartung. Ebenfalls nicht zu besichtigen war die Collection Roux, eine Art Heimatmuseum, in dem anhand historischer Dokumente der Lebensalltag der Region im Mittelalter und in anderen Epochen plastisch dargestellt wird. Alle Museen können ohne Eintritt besucht werden, allerdings lohnt sich das zumindest bei den beiden von mir gesehenen Ausstellungen kaum. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass insbesondere das Musée Goetz-Boumeester doch einen Abstecher wert wäre und werde bei meinem nächsten Besuch mein Glück noch einmal versuchen.

Die Innenhöfe der Zitadelle lassen sich ansonsten vollkommen frei erlaufen, man kann auch in einen der kleinen Verteidigungserker klettern und durch die Schießscharten auf den Hafen schauen. Der Ausblick ist durchaus sehenswert, man sieht zum Beispiel einen südlich der Zitadelle angelegten Yachthafen, der vom Dorf aus eher nicht einsehbar ist, und man hat auch einen schönen Blick über Cap Ferrat, mit dessen höchsten Erhebungen man sich hier in etwa auf einer Höhe befindet. Der schönste Blick über das Dorf und über die Bucht ist das aber nicht. Um den zu bekommen, muss man bis zur Bahnstation laufen, die sich direkt hinter dem gut besuchten Badestrand an der zentralsten Küstenstelle der Bucht befindet, dann einige Treppen mit sehr vielen Stufen hinaufklettern, die sich zwischen Villen, die sich an den Hang schmiegen, hinaufführen, um schließlich auf der Basse Corniche herauszukommen, der niedrigsten der drei Küstenstraßen, die von Nizza über Monaco nach Menton führen. Hier überblickt man tatsächlich die ganze Bucht, beginnend mit dem Mont Boron im Westen, der sich an die felsigen Hänge schmiegenden Altstadt, dem azurblauen Wasser unter einem, bis zum Cap Ferrat auf der Ostseite und darüber hinaus, auf die nächsten Berge und Buchten, die sich die weitere Côte d’Azur entlangziehen.

  
Blick von der Basse Corniche auf Cap Ferrat und Villefranche.

 
Nachdem ich einmal dort oben war, lief ich die Basse Corniche bis zu meinem Ausgangspunkt, dem Octroi zurück, und schließlich noch ein wenig darüber hinaus, bis ich mich unterhalb des Mont Boron befand. Auch von hier hatte man nochmal einen schönen Blick in die Bucht hinein, über Cap Ferrat hinüber und die weitere Küstenlinie entlang. Auf dem Rückweg hielt ich Ausschau nach einer Haltestelle der 81, die sich laut meiner Karte eigentlich hier befinden sollte. Glücklicherweise, wie ich aus heutiger Perspektive sagen muss, fand ich keine und lief zum Octroi zurück. Hier warteten schon einige Menschen an der Haltestelle auf den Bus, der seinerseits auf sich warten ließ. Als schließlich eine 81 kam, war diese schon so gefüllt, dass nicht mehr alle Wartenden hinein passten – natürlich war auch ich unter denen, die zurückgelassen werden mussten. Der nächste Bus fuhr dann schon mit dem leuchtenden “Fermee”-Schriftzug, dem Zeichen, dass er überfüllt sei, an die Haltestelle heran und auch direkt an ihr vorbei. Erst bei Nummer drei, einem auch schon gut gefüllten Bus der Linie 100, hatte ich dann Glück und erwischte den letzten Gangplatz direkt vorne beim Fahrer. Entsprechend fuhr auch dieser Bus ab jetzt mit dem “Fermee”-Schriftzug und ich hätte, wenn ich an einer der späteren Haltestelle gewartet hätte, wohl noch sehr lange das Nachsehen gehabt, bevor sich eine Rückfahrgelegenheit ergeben hätte.

Die Rückfahrt dauerte aufgrund des mittlerweile eingesetzten Feierabendverkehrs und einer sehr seltsamen Ampelschaltung, die den Verkehr auf der nur einspurig ausgebauten Küstenstraße in regelmäßigen Abständen völlig zum Erliegen brachte, dennoch eine gute Stunde, obwohl nur 6 km zu überwinden waren. Es war schon kurz vor 20 Uhr, als ich ziemlich entnervt in Nizza ankam, und erstmal ins Hostel fuhr, um etwas Ordentliches zu Abend zu essen. Dennoch kann ich einen Ausflug nach Villefranche prinzipiell empfehlen, zumindest unter zwei Bedingungen: Man sollte sich für die stressfreiere Anreise per Zug entscheiden, auch wenn diese etwas teurer sein mag. Und man sollte nicht erwarten, in Villefranche einen ganzen Tag mit Sightseeing verbringen zu können, einfach weil es dafür dann doch nicht so viel zu sehen gibt. Aber man kann ja auch daran denken, seine Badesachsen mitzunehmen, und den Nachmittag mit der Entdeckung der nassen Seite der Bucht verbringen.

Mehr Bilder von Villefranche gibt es hier.

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