Oct 192013
 

Das Schöne am Wissenschaftlerleben sind ja die vielen Dienstreisen, zu Konferenzen oder Kooperationspartnern. Natürlich besucht man dabei nicht nur europäische Metropolen wie Paris, Marseille oder Wien, sondern ist manchmal zum Beispiel auch in der schwedischen Provinz unterwegs, wenn die Konferenz eben nun einmal dort stattfindet. Also fand ich mich Mitte August im südschwedischen Lund wieder, um mir eine knappe Woche lang Vorträge und Posterpräsentationen zu Blickbewegungsforschung anzuhören und nicht zuletzt auch meine eigenen Forschungsergebnisse vorzustellen. Die Anreise begann schon sehr ereignisreich und brachte mir die Bekanntschaft mit drei Einheimischen ein, die in ihrer freundlichen und offenen Art dem Klischee des verschlossenen und wortkargen Nordländers so überhaupt nicht entsprechen wollten. Nach einer im Zug verbrachten Nacht erreichten wir Lund sonntags gegen halb zwei Uhr mittags.

Als ich mir daheim den Weg vom Bahnhof zum Hotel auf Google Maps angeschaut hatte, sah die Strecke etwas weit, aber doch laufbar aus. Zehn Minuten zu Fuß, so schätzte ich damals. Die Strecke vom Hotel zum Universitätscampus, wo die Konferenz stattfinden würde, schien etwa 15 Minuten Gehzeit zu entsprechen. Die Wegbeschreibung der drei Schweden, mit denen ich mir auf der Hinfahrt das Abteil geteilt hatte, klang nach ebensolchen Entfernungen, wie man sie eben in einer mittelgroßen Stadt zurückzulegen hat. Man kann sich also meine Überraschung vorstellen, als wir in Lund ankamen und ich vor allem eines feststellte: Lund ist klein, einfach unglaublich klein. Die 10 Minuten Weg zu meinem Hotel schrumpften zusammen auf 200m. Der Weg vom Hotel zur Konferenz war selbst bei langsamem Gehen in unter fünf Minuten zu bewältigen. Der gesamte Stadtkern ließ sich in unter zwei Stunden erlaufen, inklusive aller versteckten und verwinkelten Nebengässchen. Achtzigtausend Leute sollten hier leben, davon dreißigtausend Studenten. Wo die im Einzelnen wohnen sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Die Innenstadt Lunds wirkte eher wie ein größeres Dorf als wie das Epizentrum der immerhin noch elftgrößten Stadt Schwedens.

  

 
Das Hotel passte sich spielend in diese Umgebung ein: Es war klein, unglaublich klein. Nicht von der Zimmergröße her, die war durchaus großzügig bemessen. Aber das gesamte Hotel hatte nur 7 Zimmer, es war eher ein Einfamilienhaus oder eine Pension als etwas, was ich mit dem Begriff Hotel verbinden würde. Oder, um es mit den Worten meiner Kollegin zu sagen: “Oh mein Gott, wie niiiiiiedlich!”. Entsprechend gab es das mitgebuchte Frühstück auch nicht im Hotel selbst, sondern im Grand Hotel die Straße runter. Das sah dann auch tatsächlich wie ein Hotel aus, mit einem Frühstücksraum, in den mein Hotel bequem im Ganzen reingepasst hätte. Das Buffet war übrigens sehr gut und reichhaltig. Wenn ihr also einmal in die Verlegenheit kommen solltet, in Lund übernachten zu müssen, steigt entweder im Grand Hotel ab oder in einem der Hotels der Umgebung, die ihre Gäste zum Frühstück dorthin schicken.

  
Links: Mein Hotel ist das Hintere der beiden kleinen Häuser. Rechts: Das Grand Hotel. Frühstück gab’s im Wintergarten links des Eingangs.

 
Trotz der Größe (erwähnte ich schon, wie klein Lund ist?) ist der Stadtkern sehr nett anzusehen. Der Großteil der Bebauung stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert und ist entweder in Fachwerkbauweise oder als Backsteinbau ausgeführt. Ich übertreibe nicht (viel), wenn ich behaupte, dass man die Kamera in fast jeden beliebige Straßenzug hineinhalten und abdrücken kann und danach ein malerisches Foto erhalten wird.

  
Hübsche Häuser allerorten …
  
…, abgesehen von der Stadsbiblioteket (rechts).

 
Die Stadt selbst hat über 1000 Jahre auf dem Buckel und gilt damit mit als älteste Stadt Schwedens. Die größte Blütezeit hatte Lund im Mittelalter, als es geistliches und weltliches Zentrum des Dänischen Reiches war, das damals mehr oder minder ganz Skandinavien umfasste. Aus dieser Zeit erhalten sind das kaum veränderte Straßennetz im Zentrum, in dem die Straßen auch weiterhin ausschließlich mit Kopfsteinpflaster befestigt sind, sowie einige mittelalterliche Gebäude, die sich insbesondere um Lundagård, den zentralen Park Lunds gruppieren, an dem auch die Universität liegt.

  
Links: Universität. Rechts: Man beachte – Die Doppelflügel und die Holzornamente sind nur aufgemalt.

 
Dazu gehört das Kungshuset (“Königshaus”), das im 16. Jahrhundert für den Statthalter des dänischen Königs erbaut wurde und in dem auch der König nächtigte, wenn er in der Stadt war. Im 17. Jahrhundert fiel das Haus an die Kirche und wurde Bischofssitz, bevor es im 18. Jahrhundert wieder an den nunmehr schwedischen König ging (Lund wurde wie ganz Südschweden 1658 schwedisch), der Schweden während des Großen Nordischen Krieges von hier regierte. Seit dem 19. Jahrhundert wurde es schließlich von der Universität genutzt, woran sich bis heute nichts geändert hat.

  
Kungshuset.

 
Südlich des Lundagård findet sich außerdem die über 900 Jahre alte Domkyrkan (“Domkirche”), der älteste Dom Skandinaviens. In den ersten Jahrhunderten nach seiner Entstehung hatte der Dom große kulturelle Bedeutung für ganz Skandinavien inklusive Island und Grönland. Nach der Reformation erlosch die Vormachtstellung der Kirche in Dänemark, und der weiterhin kirchlich genutzte Dom wurde auch für weltliche Veranstaltungen geöffnet, beispielsweise wurden hier auch Vorlesungen der nahe gelegenen Universität abgehalten. Dieses vergleichsweise offene Verhältnis zur Religion und zu Kirchengebäuden hat sich bis heute erhalten. So fand in der Domkyrkan während unseres Aufenthaltes ein Gratiskonzert des mir un- aber zumindest meiner Kollegin bekannten Künstlers Moto Boy statt, das wir dann leider wegen Überfüllung und unseres späten Erscheinens nicht sehen konnten (wobei ich mit Blick auf das Video das “leider” eventuell auch wieder zurücknehmen würde). Nun ist es ja inzwischen durchaus auch in Deutschland üblich, Kirchen zu Kulturräumen umzuwidmen, allerdings werden diese vorher ja zumeist entweiht und nicht mehr kirchlich genutzt. Die schwedische Doppelbenutzung fand ich jedenfalls sehr interessant und durchaus übernehmenswert.

  
  
Domkyrkan von außen und innen.

 
Am Beispiel der Domkyrkan sieht man auch, wie sehr die Schweden die Konzepte von Inklusion, Familienfreundlichkeit und Gleichberechtigung leben. So gibt es hier ein Holzmodell der Kirche für Blinde, damit auch diese die Architektur erfahren können. (Schön dabei auch die Aufschrift: “Please don’t touch it if you can see it.”) Auch habe ich hier zum ersten Mal in einer Kirche eine fest installierte Spielecke für Kinder gesehen. Und kleine Hinweise auf das gleichberechtigte Nebeneinander der Geschlechter findet man überall in Lund. Die Stadt ist voll von jungen Paaren mit Kinderwagen und es scheint selbstverständlich zu sein, das der Mann den Kinderwagen schiebt. Auch sieht man sehr viel häufiger Väter alleine mit ihren Sprösslingen unterwegs sein, wahlweise mit Kinderwagen, Buggy oder Tragetuch. Das sieht man zwar inzwischen auch immer häufiger in Deutschland, besonders in den Ballungsgebieten, aber von der Selbstverständlichkeit, mit der die schwedischen Väter Anteil an der Erziehung nehmen, sind wir glaube ich noch meilenweit entfernt.

  
Links: Blindenmodell der Domkyrkan. Rechts: Spielecke.

 
Womit wir dann auch schon bei den Menschen wären. Eingangs erwähnte ich ja schon das Klischee des verschlossenen und wortkargen Nordländers. Ich habe es eigentlich an keiner Stelle bestätigt gefunden. Es mag stimmen, dass die Schweden nicht so zuckersüß heuchlerisch wie beispielsweise die Sachsen sind. Man sieht ihnen an, wenn es ihnen nicht gut geht oder wenn sie genervt sind, aber sie sind trotzdem immer ausgesucht höflich. Und mir gefällt diese etwas direktere und offenere Art allemal besser als das Geschleime und die falsche Freundlichkeit, die beispielsweise das Verkaufspersonal hierzulande oft vor sich herträgt. Dahingehend nehmen sich die Schweden auch nicht viel mit den Hamburgern und anderen Norddeutschen. Wobei ich gerne zugebe, dass mein Eindruck auch davon beeinflusst sein mag, dass mir das Direkte und Offene selbst sehr viel mehr liegt als das Scheinbar-immer-Fröhliche und Aalglatte. Aber, und da schließt sich dann der Kreis, ich bin ja auch gebürtiger Norddeutscher (laut meiner Mutter sogar mit schwedischen Wurzeln, irgendwo jenseits des 17. Jahrhunderts).

Ein anderes Klischee stimmt hingegen uneingeschränkt: Es gibt hier sehr viele große blonde Menschen beiderlei Geschlechts. Und spätestens, wenn einem an einem regnerischen Morgen mit 15°C Außentemperatur eine hübsche hochgewachsene Blondine in einem bauchfreien Top entgegenkommt (Über das Temperaturempfinden der Skandinavier könnte man auch Bücher schreiben – da kommt wahrscheinlich die Wikinger-DNA durch.), einen mit ihren großen wasserblauen Augen anschaut und schließlich breit anlächelt, weiß man, dass es mit der Zurückhaltung der Schweden nicht so weit her sein kann.

Nachdem ich nun derart von den Schweden geschwärmt habe, zum Abschluss vielleicht doch noch ein Punkt, in dem eindeutig die Deutschen die Nase vorne haben: beim Bier brauen. Ich erwähnte ja schon im vorangegangenen Artikel, dass Alkohol in Schweden nur in speziellen Läden, den sogenannten Systembolagets verkauft wird und aufgrund einer hohen Besteuerung selbst für schwedische Verhältnisse sehr teuer ist. Leider führt das offensichtlich nicht zu einer besseren Qualität einheimischer Gerstensafterzeugnisse. Das eine Glas Bier, das ich probierte (mehr traute ich mich dann nicht mehr), schmeckte jedenfalls als hätte man Spülwasser durch einen jahrealten Turnschuh hindurch filtriert, das Ganze dann gelb gefärbt und mit Kohlensäure versetzt und anschließend gekühlt serviert. Ich empfehle daher dringend, sich bei einem Schwedenaufenthalt noch in Deutschland mit entsprechenden Vorräten einzudecken (allein schon wegen dem Preis) oder sich vor Ort mit Wein und Schnaps zu begnügen.


Fahrradstadt Lund.

 
Fazit: Für einen Tagesausflug von Kopenhagen oder Malmö aus ist Lund allemal geeignet. Sollte man dort mehrere Tage verbringen wollen oder müssen, empfiehlt sich das Ausleihen von Rädern, um die Gegend zu erkunden und so einem Lagerkoller vorzubeugen. Außerdem sollte man sich Pläne für eventuelle Schlechtwetterperioden zurecht legen. Denn auch wenn bei meinem Aufenthalt bis auf einen Tag immer gutes Wetter war – wenn es einmal regnet, dann regnet es auch richtig. Einen Schirm braucht man aber dennoch nicht einzupacken. Aufgrund des starken Windes bei regnerischem Wetter ist der ohnehin nutzlos.

Mehr Bilder aus Lund gibt es hier.

P.S.: Lund ist so klein, dass es von der ganzen Stadt nicht einmal zwölf verschiedene Postkartenmotive gibt. Ich war tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben gezwungen, zweimal das gleiche Motiv zu verschicken. Ein Skandal!

Oct 132013
 

Keine zwei Wochen nach meinem Spontanurlaub in Hamburg ging es schon wieder auf Reisen. Diesmal allerdings dienstlich, an einen Ort, den ich sonst wohl nie besucht hätte: Lund in der südschwedischen Provinz Skåne. Und wieder mit der Deutschen Bahn. Eine Entscheidung, die ich vor meinem unfreiwilligen Saunagang zwei Wochen zuvor getroffen hatte und nun schon leicht bereute. Diesmal würde ich sogar im Vierer-Schlafabteil eines City-Night-Liners reisen und wäre den psychopathischen Anwandlungen des Schienenverkehrmonopolisten und seiner Angestellten für 15 Stunden ausgeliefert. Wie erwartet, sollte es Schwierigkeiten geben, aber am Ende doch ganz andere als befürchtet.

Der Ärger begann diesmal schon vor der Abreise. Eingedenk der noch frischen Erinnerungen an die Rückfahrt von Hamburg wollte ich mich kurz vor meinem Aufbruch zum Hauptbahnhof versichern, dass der Zug auch wirklich planmäßig fahren würde. Ich ging also auf bahn.de und suchte in der Verspätungsauskunft die Nummer meines City-Night-Liners, der mich über Nacht nach Kopenhagen bringen sollte, von wo ich mit dem Regionalzug in einer dreiviertel Stunde nach Lund fahren könnte. Das Problem war nur: Meinen Zug gab es nicht. Die Eingabe der Zugnummer gab nur eine Fehlermeldung zurück.

Nun gut, dachte ich, vielleicht erfasst die Verbindungsauskunft keine CNLs. Fragen wir doch mal die Online-Verbindungsauskunft, wie ich jetzt am Besten von Dresden nach Kopenhagen käme. Also fragte ich die Verbindungsauskunft und die Verbindungsauskunft schlug vor: Fahren Sie mit dem CNL nach Amsterdam(!) bis nach Berlin Ostbahnhof, kommen Sie da gegen halb 11 an, verbringen Sie die Nacht bis halb 4 auf dem Bahnsteig, zuckeln Sie mit insgesamt 2 Regionalexpressen nach Lübeck und fahren Sie von da mit dem IC bis nach Kopenhagen. Keine Spur von meinem CNL.

Die werden doch nicht still und heimlich eine Verbindung eingestellt haben, dachte ich bei mir. Frustriert probierte ich einige andere Daten aus: Genau eine Woche später, am Samstag, fuhr ein CNL nach Kopenhagen. Am Tag davor, dem Freitag, fuhr auch ein CNL nach Kopenhagen. Ebenso am Donnerstag, Mittwoch, Dienstag und Montag. Am Sonntag? Fuhr ein CNL nach Kopenhagen. Am heutigen Samstag? Dem Tag, für den ich ein Ticket für einen CNL nach Kopenhagen in den Händen hielt? Gab es keinen CNL nach Kopenhagen.

So langsam wurde ich dann doch etwas panisch. Zeit, anderen Menschen mit meinem Problem auf den Geist zu gehen. Nach endloser Suche nach einer kostenlosen Telefonnummer gab ich auf und rief die angepriesene 0180-Servicehotline ein (20 Cent pro Anruf vom Festnetz, bis zu 60 Cent pro Anruf aus dem Mobilnetz – diese geldgierigen Aasgeier!). Es dauerte auch nur etwa 5 Minuten und ich musste nur ein einziges Mal weitergeleitet werden, bevor ich jemanden am Apparat hatte, der mir theoretisch hätte weiterhelfen können. Leider nur theoretisch, denn so wie ich zuvor, so konnte auch die hilfsbereite Dame am anderen Ende der Leitung schlicht meinen Zug nicht in ihrer Datenbank finden. (Wobei es mich jetzt auch nicht überraschen würde, wenn die Leute an der Hotline auch nur die bahn.de-Verbindungsauskunft zur Verfügung hätten.) Zumindest aber hatte sie eine Erklärung dafür, warum der Zug möglicherweise ausfallen könnte: Das Juni-Hochwasser hatte in einigen Gegenden Deutschlands auch die Bahngleise unterspült oder gleich mit sich gerissen, so dass Teile des Streckennetzes nun nicht mehr befahrbar waren, die Züge Ausweichstrecken nehmen mussten und es dabei auch schon einmal zu Stau oder eben Zugausfällen käme. Genaueres könne man mir aber nur am Bahnhof sagen, wohin ich doch einfach aufbrechen solle. Inzwischen war es ohnehin Zeit, also tat ich wie mir geheißen. Ich wollte schließlich meinen Geisterzug nicht verpassen.

Am Bahnhof ging ich direkt zum Infopoint und erklärte mein Problem. Die mich beratende Azubine und ihr Betreuer konnten meine missliche Lage nicht wirklich nachvollziehen. Ihrer Ansicht nach sollte ich einfach in den CNL nach Amsterdam einsteigen (der tatsächlich zur gleichen Uhrzeit abfuhr wie mein Geisterzug). Einige der Wagen würden dann in Hamburg abgekoppelt werden und weiter nach Kopenhagen fahren. Das klang prinzipiell plausibel. Warum der Zug nach Kopenhagen aber aus der Verbindungsauskunft verschwunden war, konnten sie mir auch nicht sagen. Ich war jedoch zumindest soweit beruhigt, dass ich beschloss, in den Zug nach Amsterdam einzusteigen. Auch wenn ich am Ende die Strecke mit nächtlichem Aufenthalt in Berlin und über Lübeck fahrend zurücklegen müsste, würde ich so ja zumindest bis Berlin kommen.

Ich stieg also zu. In meinem Waggon war schon ziemlich viel los, besonders viele halbwüchsige Mädchen rannten herum (norwegische Pfadfinderinnen, wie ich später erfuhr). In meinem Abteil saßen schon zwei Männer und eine Frau. Schnell kamen wir ins Gespräch und ich stellte fest, dass es sich um Schweden handelte, die gerade aus ihrem Urlaub in Bratislava auf dem Weg zurück in die Heimat waren. Später stellte sich sogar heraus, dass sie in Lund und Umgebung wohnten. Wie ungemein praktisch! Wenn es irgendwelche Probleme auf der Fahrt geben sollte, wäre ich also zumindest nicht alleine in der Pampa verschollen. Allerdings entfachten die Schweden auch wieder meine Unsicherheit bezüglich des Geisterzuges. Sie hatten nämlich kurz vor der Rückfahrt auch nochmal nach dem Zug gesucht und nichts gefunden. Janna, der weibliche Part des Trios, hatte daraufhin zu unverschämten Roaming-Gebühren aus Bratislava mehrmals mit der deutschen Hotline telefoniert, ohne jedoch nennenswerte Erkenntnisse zu erlangen. Sie waren wie ich darauf eingestellt, gegebenenfalls die Nacht in Berlin verbringen zu müssen und dann über Lübeck nach Kopenhagen zu fahren. Wir beschlossen, erstmal bis Berlin zu fahren und zu schauen was passieren würde. Außerdem würden wir noch einmal den Schaffner interviewen, wenn sich mal einer zeigen sollte. Bis dahin vertrieben wir uns die Zeit mit Gesprächen.

Janna war Gärtnerin, hatte eine Zeit lang in der deutschsprachigen Schweiz gelebt, wie viele Schweden auch schon in der Schule Deutsch gehabt und konnte sich daher gut auf Deutsch mit mir verständigen. Andreas und Johan machten irgendwas in der IT-Branche. Sie hatten auch Deutsch als zweite Fremdsprache, begnügten sich aber mit dem verstehenden Hören und sprachen Englisch mit mir, was Janna aber wiederum nicht so gut verstand. Sehr schnell waren wir jedenfalls in einer auf Schwedisch, Englisch und Deutsch geführten Diskussion über das deutsche und das schwedische Schulsystem und die Frage, warum die Deutschen im Vergleich zu den Schweden so schlechtes Englisch sprechen (natürlich in Bezug auf die Bahnmitarbeiter und nicht auf mich ;) ). Inzwischen war auch meine deutsche Kollegin hinzugekommen, die ihren Schlafplatz in einem anderen Abteil desselben Wagens hatte. In der Diskussion einigten wir uns darauf, dass es wohl unter anderem an der Synchronisation angelsächischer Filme und Serien in Deutschland liege, während diese in Schweden im Original mit Untertiteln gezeigt würden. Andreas meinte, wenn er synchronisierte Filme sehe, hielte er diese immer gleich für Kinderfilme, weil nur diese in Schweden neu eingesprochen würden.
Wo wir schon beim Thema waren, gab es auch gleich ein wenig schwedische Sprachkunde (siehe Kasten). Janna war sehr überzeugt davon, dass sich Schwedisch und Deutsch total ähnlich seien und wir sie eigentlich gut verstehen müssten. Oft seien die Wörter sogar die Gleichen. Was in der Schriftsprache zu einem gewissen Teil sogar stimmen mag, traf für die Aussprache leider überhaupt nicht zu. Ich konnte nicht einmal einschätzen, wo ein Wort aufhörte und das Nächste begann. Meine diesbezüglichen Beteuerungen überzeugten aber wohl nicht vollständig, denn immer wenn die drei untereinander schwedisch sprachen, spürte ich ab und zu prüfende Blicke von Janna, ob ich nicht doch einige Fetzen verstünde. Als ich von den damals gerade aktuellen Problemen der Bahn im Stellwerk Mainz erzählte und mir das entsprechende englische Wort nicht einfiel, sprach ich es deutsch aus und erntete von Janna ein “Stellwerk. Wie im Schwedischen.” Womit ich schon wieder ein neues schwedisches Wort gelernt hatte, das ich nie wieder brauchen würde.
Letztlich gab sich Janna aber doch damit zufrieden, dass ich sie wohl nicht verstehen würde. Sie verglich es schließlich mit den Dänen, deren Sprache dem Schwedischen ja noch viel ähnlicher sei, die ein Schwede aber auch oft nicht verstehe, weil sie so sehr Nuscheln würden (das mit dem Nuscheln kann ich bestätigen). Andersherum hätten Dänen wohl kein Problem, die Schweden mit ihrer hervorragenden Aussprache zu verstehen (O-Ton Janna).

Kleine schwedische Sprachkunde

Å wird wie O ausgesprochen,
O wird wie U ausgesprochen,
U wird wie eine Mischung aus U und Ü ausgesprochen.
Y wird wie eine Mischung aus Ü und I ausgesprochen. Etwa so, wie die Sachsen das I in Milch aussprechen (“Mülch”).
Sk ist manchmal Sk und machmal sch.

Bier ist öl. Öl ist olja.
Danke heißt Tack. Und Tack sagt man eigentlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Die Zahlen von 1 bis 10:
ett
två
tre
fyra
fem
sex
sju (“[c]hü”, für einen Nichtschweden fast unmöglich auszusprechen. Ein ausländischer Kollege von Andreas hat deshalb irgendwann nur noch „sex plus ett“ gesagt.)
åtta
nio
tio

 
Da die Schweden praktischerweise aus Lund kamen und dorthin unterwegs waren, holten wir auch gleich einige Erkundigungen zum Ort ein. Wir klärten ab, wo unsere Hotels lagen und wie wir vom Bahnhof dort am Besten hinkämen, wo die Uni sei und in welcher Bar man das beste Bier bekäme (Gloria’s gegenüber der Stadsbibliotek). Apropos Bier, wir redeten auch über diverse Besonderheiten wie die hohen Preise für Alkohol im ohnehin schon teuren Schweden und das man alkoholische Getränke nur in speziellen Geschäften, den Systembolagets kaufen könnte. Zwischendurch meinte Andreas relativ unvermittelt, dass wir auch eigentlich gar keine Angst in Lund haben müssten, da sei alles total sicher. Das verwunderte mich etwas, wäre ich doch überhaupt nicht auf die Idee gekommen, es könne in Schweden irgendwie gefährlich sein (außer für meinen Kontostand). Andreas erzählte dann aber, dass es im südlich von Lund gelegenen Malmö häufiger zu Schießereien zwischen Hells Angels und Bandidos käme. Ein Bekannter von ihm, der da wohne, versuche das immer herunterzuspielen. Ja, man hätte zwar mal jemanden in seiner Garage ermordet, meinte dieser Bekannter. Aber das wäre gar nicht so wild gewesen, die Familie sei ohnehin nicht daheim gewesen und als man zurückkam, sei die Leiche schon von der Polizei abgeholt worden.

Zwischendurch schaute tatsächlich einmal ein Schaffner herein, den wir fragten, ob der Zug nach Kopenhagen durchfahren würde. Auch er konnte uns nichts Definitives sagen, hatte aber eine dritte Variante des Reiseverlaufs für uns in petto. Ihm zufolge war es in den letzten Wochen immer so gewesen, dass die Reisenden in Hamburg in einen IC hätten umsteigen müssen, bis dahin aber durchfahren konnten. Ob es an diesem Samstag auch so sei, wisse er nicht.

Letztlich entschlossen wir uns in Berlin, erst einmal Schlafen zu gehen und zu schauen, wo wir am nächsten Tag aufwachen würden. Inzwischen hatte ich mich auch schon mit dem Gedanken arrangiert, eventuell in Amsterdam aufzuwachen. Mein Gott, ist doch auch eine schöne Stadt, da hätte man die Zeit schon auch irgendwie rumbringen können. So weit kam es dann aber gar nicht. Als ich aufwachte, waren wir schon über die dänische Grenze gefahren und also auf dem Weg nach Kopenhagen, wo wir schließlich gegen Mittag ankamen. Die Schweden fuhren mit uns dann noch bis nach Lund und Johan gab mir am Ende seine Nummer, falls wir während unseres Aufenthaltes mal ein Bier trinken gehen wollen würden (wozu es letztlich leider nicht kam).

Am Ende war also die ganze Aufregung umsonst und alles lief wie geplant. Und doch bin ich unzufrieden mit der Bahn. Bis heute weiß ich nicht, warum unser Zug plötzlich zum Geisterzug wurde und aus dem System verschwand. Und es sollte eigentlich nicht sein, dass man in so einem Fall von drei verschiedenen Bahnangestellten (Service-Hotline, Azubine am Infopunkt und Schaffner) drei verschiedene Versionen hört, was passiert ist und wie der Reiseverlauf aussehen wird. Immerhin hat sich davon eine Version als korrekt erwiesen (die der Azubine), und auch noch die Langweiligste, das nämlich alles nach Plan liefe. Aber sind meine Erwartungen an die Bahn schon derart gesunken, dass ich das ernsthaft als positiven Aspekt ansehen kann? Wahrscheinlich schon.

Oct 112013
 

Sozialbeiträge steigen deutlich
2014 kommen auf einige Arbeitnehmer und Arbeitgeber deutlich höhere Sozialabgaben zu. Der Staat hebt die Bemessungsgrenze an und reagiert damit auf die gestiegenen Löhne. Auf einen Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro kommen im Jahr zusätzliche Ausgaben von knapp 45 Euro zu. Auf ein Ehepaar mit zwei Kindern 225 Euro.

Hier mal ein schönes Beispiel für Manipulation durch Information. Was ist passiert? Die Beitragsbemessungsgrenzen für die Sozialabgaben werden wie jedes Jahr angehoben (und im Vergleich zum letzten Jahr noch nicht mal besonders stark). Das ist ein automatischer, gesetzlich geregelter und seit 50 Jahren durchgeführter Prozess. Beitragsbemessungsgrenze ist der höchste Einkommensbetrag, der zur Berechnung der Sozialabgaben herangezogen wird. Das heißt, nur wer mehr verdient als eben jene Beitragsbemessungsgrenzen, zahlt 2014 mehr Sozialabgaben. Die Grenzen steigen in Westdeutschland um 150 € von 5800 € auf 5950 € für Renten- und Arbeitslosenversicherung und um 112,50 € von 3937,50 € auf 4050 € für Kranken- und Pflegeversicherung. Das heißt, wer als kinderloser Single weniger als 3937,50 € verdient, für den ändert sich – nichts.

Was wird daraus im Artikel? Der Autor wählt Beispiele, die über den 3937,50 € liegen und suggeriert dann, dass dies “viele Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber” (Bildunterschrift) beträfe. Wie viel ist denn viel? Laut diesem Brutto-Netto-Rechner, kommt man selbst, wenn man nur die Werbungskostenpauschale als Freibetrag berücksichtigt, auf ein Nettoeinkommen von 2675 €. Das ist laut dieser Einkommensverteilung ein Einkommen, das im oberen Fünftel der Einkommensverteilung angesiedelt ist. Mit den dortigen Worten: “80 Prozent der Erwerbstätigen haben weniger als Sie. Das sind ungefähr 28,6 Mio. Menschen.” Entsprechend dieser Zahlen kann man auch ausrechnen, wie viele Arbeitnehmer denn mehr als diese 2675 € netto haben. Es sind 5,72 Millionen Menschen. Das ist also die Anzahl der Menschen, die von der Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze der Sozialabgaben überhaupt betroffen sind. Bei einem Erwerbspersonenpotenzial von 42,9 Millionen (Erwerbstätige + Arbeitslose + nicht arbeitslos gemeldete Erwerbsfähige wie Hausfrauen oder -männer) klingt das irgendwie nicht wirklich “viel”. Zum Vergleich: Aktuell liegt die Grenze, aber der man einen kinderlosen Single nicht mehr der Mittelschicht, sondern der Oberschicht zuordnet, in Deutschland bei etwa 2000 € Monatsnettoeinkommen (Quelle).

“2014 kommen auf einige Arbeitnehmer und Arbeitgeber deutlich höhere Sozialabgaben zu.” Was ist denn “deutlich”? “Auf einen Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro kommen im Jahr zusätzliche Ausgaben von knapp 45 Euro zu.” Die Zahlen sind korrekt, aber irreführend, weil unterschiedlich lange Zeiträume gegenübergestellt werden. Die Einkommensgröße wird “optisch” gesenkt, in dem das Monatseinkommen angegeben wird, die Ausgabengröße wird gesteigert, in dem sie auf ein ganzes Jahr bezogen angegeben wird. “Ein Single mit einem Monatslohn von 4000 Euro muss monatlich 3,75€ mehr zahlen” wäre genauso korrekt gewesen wie “Ein Single mit einem Jahreslohn von 48.000 Euro muss jährlich knapp 45 Euro mehr zahlen”. Aber das wäre wohl nicht schlagzeilenträchtig genug gewesen. Gleiches gilt für “Verdient er 5500 Euro [66.000 € jährlich] und lebt im Westen, muss er 73 Euro [6,08 € im Monat] zusätzlich zahlen. Wohnt er im Osten, muss er 175 Euro [14,58 € im Monat] mehr zahlen.” In eckigen Klammern stehen jeweils die Vergleichszahlen für Jahr und Monat. Interessanterweise werden hier die unterschiedlichen Zeiträume (Monatseinkommen werden mit Jahresausgaben verglichen) noch nicht einmal mehr explizit benannt. Wenn es um Ehepaare geht (“Bei Ehepaaren mit zwei Kindern ist es ähnlich. Während im Osten die Abgaben maximal um 174 Euro steigen, müssen Westdeutsche mit höheren Belastungen von 225 Euro rechnen. Hat das Paar keine Kinder, steigen die Abgaben sogar um maximal 251 Euro (West) und 196 Euro (Ost).”), wird das zugrundeliegende Einkommen gleich völlig ausgeblendet. Hier scheint dem Autor selbst aufgefallen zu sein, dass er mit Jahreseinkommen jongliert, die kaum jemand in diesem Land erreicht.

Interessant ist auch, dass der Autor die historische Entwicklung der Beitragsbemessungsgrenze, die es schon seit 1962 gibt, nicht berücksichtigt. Beispielsweise gab es im Vorjahr, von 2012 zu 2013, eine Erhöhung der Grenze für Renten- und Arbeitslosenversicherung um 200 € und eine Erhöhung für Kranken- und Pflegeversicherung um 112,50 € (jeweils West). Im Jahr davor (2011 zu 2012) gab es Erhöhungen um 100 € bzw. 112,50 € (Quelle und weiter zurückliegende Werte). Es handelt sich also in keinster Weise um einen besonders starken Anstieg, sondern eher um ein langjähriges Mittel des bisherigen Zuwachses.

Zudem muss man sich auch einmal inhaltlich fragen, was Beitragsbemessungsgrenzen bedeuten. Es bedeutet, dass man ab einem bestimmten Einkommen nur noch einen bestimmten Betrag an Sozialabgaben abführt, unabhängig vom tatsächlichen Einkommen. Bis zu dieser Grenze wachsen die absoluten Ausgaben linear mit dem Einkommen. Jemand, der die Hälfte von 3937,50 € verdient, muss auch nur die Hälfte an Sozialabgaben abführen wie der, der 3937,50 € verdient. Ab dieser Grenze bleiben die Ausgaben gleich. Wer das Doppelte von 3937,50 € verdient, zahlt trotzdem genauso viel Sozialabgaben* wie derjenige, der 3937,50 € verdient. In relativen Wahrscheinlichkeiten führt er also nur die Hälfte des Prozentsatzes seines Einkommens an die Sozialkassen ab, wie diejenigen, die 3937,50 € oder weniger im Monat verdienen. In dieser Grafik lässt sich dieser Abfall der relativen Belastung durch die Sozialabgaben bei steigendem Einkommen sehr gut nachvollziehen.

Was ist also tatsächlich passiert? Wie schon in den 50 Jahren zuvor, so werden auch in diesem Jahr die Beitragsbemessungsrenzen für die Sozialabgaben angepasst. Dadurch müssen Vermögende nun etwas mehr bezahlen als vorher, aber relativ gesehen immer noch weniger als diejenigen mit Einkommen unterhalb der Bemessungsgrenze. Und was wird im Artikel daraus? “Viele” Arbeitnehmer müssen “deutlich” mehr zahlen als bisher. Die Kommentare darunter gehen dann natürlich in eine entsprechende Richtung. Sowas nennt man dann wohl Manipulation durch Information.

*Das stimmt durch die beiden unterschiedlichen Bemessungsgrenzen nicht ganz, wird zugunsten meiner Wutrede aber jetzt mal kurz unterschlagen. Tatsächlich gleich bleiben die Sozialabgaben erst ab 5800 € Monatseinkommen (ab 2014 5950 €).

Oct 042013
 

Bei einer Woche Urlaub in Hamburg war es Ehrensache, auch mindestens einmal an die Nordsee zu fahren. Oder, noch besser, in die Nordsee. Zum Beispiel zur “einzigen Hochseeinsel Deutschlands” (Eigenwerbung), 40 km vor der deutschen Küste und etwa 100 km von Hamburg entfernt. Die Rede ist natürlich von Helgoland, das ich an einem wolkenverhangenen Mittwoch besuchte. Von Hamburg aus kann man mit einem Katamaran direkt dorthin fahren. Ein Tagesausflug kostet dabei ca. 70€, wenn man früh genug und Holzklasse bucht. Wem wie mir erst am Tag vorher einfällt, dass er ja eigentlich auch mal reif für die Insel ist, muss gegebenenfalls 100€ hinblättern, kommt dafür aber in den Genuss der Comfort Class. Die zeichnet sich zum einen durch Panoramafenster am Bug des Schiffes aus, zum anderen sind hier nicht-alkoholische Getränke und Obst im Fahrpreis enthalten. Ich möchte aber gleich vorwegnehmen, dass mein Versuch, die 30€ Kostendifferenz durch exzessives Obstessen und Getränketrinken wieder reinzuholen, wohl leider als gescheitert gelten muss.

Los ging es pünktlich um 9 Uhr (Boarding um 8:30 Uhr). Zuerst fuhren wir die Elbe zu ihrer Mündung hinauf und passierten dabei diverse Hamburger Stadtstrände und -teile, darunter auch das Nobelviertel Blankenese. Später hatten wir dann in erster Linie die niedersächsische Einöde holsteinsche Steppe das norddeutsche Flachland um uns herum, hier und da unterbrochen von der ein oder anderen Sehenswürdigkeit, wie der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal oder, weniger toll, dem AKW Brokdorf. Quasi als Antagonist dazu tauchten mit zunehmender Nähe zur Küste aber auch immer mehr Windkraftparks auf.

  
Links: Blankenese. Rechts: Einsamer Elbstrand.

Norddeutsches Mehr-oder-weniger-Nichts.
  
Links: Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal. Rechts: Windradansammlung.

 
Auf dem Weg teilten wir uns die Elbe vor allem mit Fischern und Hobbyseglern, ab und zu begegnete uns aber auch ein Containerschiff, das gerade den Hamburger Hafen anlief. In solchen Fällen drosselte der Katamaran seine Geschwindigkeit, um die erzeugte Bugwelle des Riesenschiffes erst einmal abzuwarten, bevor es dann weiterging. Irgendwann erreichten wir die Elbmündung und unseren Zwischenstopp Cuxhafen, in dem einige Passagiere zustiegen. Zufällig hatten wir damit auch schon Helgoland erreicht. Allerdings nicht die Insel, sondern das gleichnamige Patrouillenboot der deutschen Küstenwache, das gerade in Richtung Nordsee auslief (und das wir später noch ein- und überholen sollten).

    
Elbverkehr.
  
Links: Containerschiffe am Horizont. Rechts: “Helgoland” in Cuxhafen.

 
Nun ging es raus auf die offene See, wo der Kapitän endlich die angezogene Handbremse löste und der Katamaran mit knapp 60 Stundenkilometer über das Wasser zu schießen begann. Trotz des guten Wetters leerte sich das Freideck am Heck des Schiffes daraufhin ziemlich schlagartig, auf Fahrtwind und Gischtgespritze hatte wohl keiner so richtig Lust.

Nach etwas unter vier Stunden erreichten wir Helgoland, dass sich zuerst fatamorgana-gleich im bläulichen Schimmer des Horizonts versteckte, mehr Ahnung als Wirklichkeit. Dann aber immer weiter anwuchs und sich grün-bunt einfärbte, bis man schließlich die Hauptinsel von der flachen Nebeninsel “Düne” unterscheiden konnte und schlußendlich im Hafen anlandete.

  
  
Näher. Näher. Näher. Und da.

 
Helgoland hat eine wechselvolle Geschichte. Eine erste Besiedlung gab es schon in der Jungsteinzeit, als das Gebiet noch über eine Landbrücke mit dem Festland verbunden und leicht erreichbar war. Infolge eines Anstiegs des Meeresspiegels wurde diese Landbrücke jedoch bald überspült und Wind, Wetter und Wasser begannen, die Insel nach ihren Vorstellungen zu formen. Dabei gingen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Teile der ursprünglichen Landmasse durch Verwitterung und Überspülung verloren, erst dann wurden die empfindlichen Buntsandsteinfelsen durch eine Schutzmauer von der Brandung geschützt. Die größte optische Veränderung der Insel datiert auf das Jahr 1721, als bei einer Sturmflut die bis dahin bestehende Landverbindung zwischen der Hauptinsel und dem “Witte Kliff” (heute: Die Düne) überspült wurde und so die bis heute bestehende duale Insellage schuf. Erst im Juni 2011 sprach sich übrigens die Helgoländer Bevölkerung in einem Bürgerentscheid dagegen aus, beide Inselteile wieder durch Sandaufspülungen zu verbinden.


Blick vom Oberland auf die Düne.

 
In der Neuzeit war Helgoland vor allem Warenumschlagplatz, Seeräubernest, Schmuggelplatz und Seefestung. Seit dem 7. Jahrhundert wurde es von Friesen bewohnt. Ab 1714 stand die Insel unter dänischer Herrschaft, 1807 wurde sie von britischen Truppen besetzt und als Kolonie in das Commonwealth eingegliedert, entwickelte sich danach aber zu einem beliebten Ziel deutscher Schriftsteller und Intellektueller. 1890 ging Helgoland im Helgoland-Sansibar-Vertrag an das Königreich Preußen über. Kaiser Wilhelm II ließ die Insel daraufhin zum Marinestützpunkt ausbauen, im ersten Weltkrieg fanden dann mehrere Seegefechte in den umliegenden Gewässern statt. Die Insel wurde 1914 evakuiert, erst 1918 konnten die Bewohner zurückkehren. Die militärischen Anlagen wurden zurückgebaut, aber nicht zerstört, und ab 1935 schließlich wieder ausgebaut. Im zweiten Weltkrieg spielte Helgoland militärisch keine große Rolle mehr und war deshalb auch kaum von Bombardierungen der Alliierten betroffen. Wenige Wochen vor der Kapitulation Deutschlands wurde die Insel jedoch Ziel eines britischen Flächenbombardements, bei dem etwa 7.000 Bomben abgeworfen wurden. Die Bevölkerung überlebte in den Luftschutzbunkern, doch die Insel war nun unbewohnbar und die Bevölkerung wurde evakuiert.

Die britische Armee sprengte die militärischen Anlagen der Deutschen und benutzte die Insel bis 1952 als Bombenabwurfplatz. Mehrere Initiativen der Bewohner zur Wiederbesiedlung, darunter sogar eine Anrufung der Vereinten Nationen 1948, scheiterten. Im Dezember 1950 besetzten zwei Heidelberger Studenten und ein Heidelberger Dozent die Insel und hissten die deutsche und die helgoländische Flagge sowie die Flagge der europäischen Bewegung. Die Besetzer wurden im Januar 1951 von der britischen Armee der Insel verwiesen, jedoch hatte die Aktion eine breite öffentliche Debatte in Deutschland und Großbritannien zur Folge, so dass der Deutsche Bundestag im Januar 1951 einstimmig die Freigabe Helgolands forderte und es am 01. März 1952 von den Briten zurückgegeben wurde. Seitdem ist der erste März auf Helgoland ein Feiertag.

  
Detonationskrater unterschiedlicher Größe.

 
Die heutige Bebauung stammt im Wesentlichen aus den 50er Jahren und wurde mehr oder weniger in einem Guss geplant und hochgezogen. Dennoch wurde auf die Gegebenheiten vor Ort und die Ausrichtung der früheren Häuser Rücksicht genommen, so dass das sich auf Mittel- und Unterland der Hauptinsel ausbreitende Dorf dennoch sehr verwinkelt und harmonisch gewachsen wirkt. Charakteristisch sind dabei die nach der Windrichtung ausgerichteten asymmetrischen Giebeldächer und die in kräftigen Farben gestrichenen Holzwände.

  
Links: Blick in einen Hinterhof. Rechts: Farbenfrohe Häuserwände am Strand.

 
Wenn man aus dem Hafen auf das Dorf zuläuft, kommt man zuerst an den sogenannten Hummerbuden vorbei, die früher Arbeits- und Wohnort der Fischer waren, inzwischen aber wie vieles auf der Insel vorrangig dem Tourismus dienen. Linkerhand erreicht man hier einen steilen Pfad, der schließlich in eine Treppe übergeht und einen aufs Oberland führt, den ca. 50m hoch gelegenen westlichen und nördlichen Teil der Insel, der abgesehen von einem Leuchtturm und einem Funkturm weitgehend unbebaut ist. Im Unterland selbst gibt es auch einen Fahrstuhl, der nach Oberland führt, allerdings muss man dazu erst ziemlich weit ins Dorf reinlaufen. Vom Aussichtspunkt oberhalb der Treppen am Hafen hat man jedenfalls schon einmal einen tollen Blick auf den Hafen, die Hummerbuden und auch die Düne.

  
Links: Blick auf die Hummerbuden im Hafen. Rechts: Blick auf die Düne.

 
Nun kann man auf dem Küstenwanderweg laufen, der einen einmal komplett an der gesamten helgoländischen Steilküste entlangführt. Der Weg folgt dem zerklüfteten Küstenverlauf, so dass man von vielen Stellen einen tollen Blick auf die Nordspitze Helgolands und die “Lange Anna” hat. Die lange Anna existiert erst seit etwa 140 Jahren. Es handelt sich um ein Stück Küste, das einst mit dem restlichen Küstenverlauf verbunden war. Dieses Verbindungsstück wurde mit der Zeit aber unterspült und brach ein, wodurch ein fast 50m hoher, gerade in den Himmel aufragender Fels entstand – die lange Anna eben.

  
  
Buntsandsteinküste und Lange Anna. Das Weiße sind übrigens keine Sedimentablagerungen, das ist Vogelscheiße.

 
Gleichzeitig hat man von hier oben auch einen tollen Blick aufs Meer und manchmal, wie bei meinem Besuch, auch auf ein einsames Fischer- oder Ausflugsboot, das langsam seine Runden drehte.

  

 
Aber auch rechter Hand bieten sich tolle Fotomotive. Durch die diversen Detonationskrater ist das Oberland recht hügelig, und wenn man Leucht- und Funkturm erst einmal hinter sich hat, sieht man auf der rechten Seite oft nur noch grün bewachsene Weite, und vielleicht noch etwas Meer am Horizont. Man könnte sich in Irland wähnen, wäre man nicht von sächselnden und schwäbelnden Touristen umgeben. Aber auch wenn die Dächer des Dorfes in den Blick geraten, ist es sehr malerisch. Wie sie sich in die Hänge ducken, nur der Kirchturm hochaufragend zwischen ihnen, wachend über seine Schäfchen – und apropos Schäfchen und andere Gewölleträger – die gibt es natürlich auch.

  
  
Blicke ins Oberland

 
Womit wir schon bei der helgoländischen Fauna wären. Helgoland ist mitnichten für seine Schafe und Ziegen bekannt. Stattdessen pilgern viele Ornithologen hierher, um einige Vogelarten zu beobachten, die in deutschen Gefilden ausschließlich hier nisten. Dazu gehören die Dreizehenmöwe, der Basstölpel und die Trottellumme. Letztere gab dem Brutgebiet, das sich auf einen kleinen Teil der helgoländischen Westküste beschränkt, auch seinen Namen: der Lummenfelsen, das kleinste Naturschutzgebiet Deutschlands.

  
Lummenfelsen aus der Ferne und der Nähe.

 
Die hier lebenden Tiere sind sehr an den Menschen gewöhnt und lassen sich von ihm in ihren Brut- und Jungvogelerziehungsangelegenheiten überhaupt nicht stören. Speziell die Dreizehenmöwen suchen den Kontakt zum Menschen, um etwas Futter abzustauben. Dazu landen sie majestätisch in der Nähe eines potenziellen Futterspenders, zum Beispiel jemandem, der gerade ein Brötchen oder Kekse ist. Anschließend werden ein paar fotogene Posen eingenommen und dem potentiellen Futterspender und seinen Artgenossen Gelegenheit gegeben, ein paar Erinnerungsfotos zu schießen. Anschließend wird als Gegenleistung etwas zu Fressen erwartet. Gibt es etwas, wird zur Zugabe noch ein wenig posiert. Wenn nicht, fliegt man beleidigt davon.

  
Links: Eine Dreizehenmöwe streckt mir die Zunge raus. Rechts: Hungrige Basstölpel.

 
Selbst wenn man wie ich ständig stehen bleibt und begeistert das hundertste Bild eines Basstölpels knipst, kann man den Rundweg bequem in zwei Stunden zurücklegen. Selbst wenn man dabei zwischendurch noch einmal umkehrt, um auf die höchste Erhebung Helgolands, den Pinneberg (sagenhafte 62 m über NN!) zu klettern, der gleichzeitig die höchste Erhebung des Landkreises Pinneberg in Schleswig-Holstein (Luftlinie etwa 100km entfernt) ist, zu dem die Insel verwaltungsrechtlich gehört. Zollrechtlich handelt es sich hier übrigens um Freihandelsgebiet, man kann also (entsprechend der jeweils gültigen Freimengen) günstig, weil zoll- und steuerfrei shoppen gehen.

Auf dem Rückweg bin ich dann auch nochmal kurz durch Mittel- und Unterland gelaufen und war nach dreieinhalb Stunden wieder im Hafen. Alles gesehen habe ich dabei natürlich nicht von der Insel, aber man braucht ja auch einen Grund, um wiederzukommen. Anschließend ging es dann wieder auf die vierstündige Rückfahrt, die, abgesehen von einem relativ heftigen Gewitter auf Höhe des Fähranlagers Wedel (Kreis Pinneberg, übrigens) und anschließendem Platzregen bis nach Hamburg rein, relativ unspektakulär verlief. Im Gegensatz zur schon erwähnten Sintflutprobe am nächsten Tag konnte ich mich an diesem Abend noch damit retten, von den Landungsbrücken schnell in die U-Bahn zu schlüpfen und mich von ihr bis vor die Tür meines Hotels fahren zu lassen.

Im Grunde, und das ist mir auch klar, hätte ich mir diesen ganzen langen Text auch sparen können. Die Bilder sollten Gelegenheit genug sein, euch den Mund wässrig zu machen. Helgoland ist eine atemberaubend schöne Insel und definitiv einen Besuch wert. Sei es zum Vögel beobachten, zum Shoppen, zum 50er-Jahre-Architektur bewundern, zum in die Weite des Meeres schauen, zum auf den Pinneberg klettern oder, was ich alles leider nicht geschafft habe, zum unterirdische Bunkeranlagen erkunden, Kegelrobben auf der Düne beobachten oder am Sandstrand auf der Düne baden. Wenn ihr mal in der Nähe seid, schaut vorbei. Wenn ihr nicht in der Nähe seid, fahrt in die Nähe und schaut dann vorbei. Helgoland wird euch bezaubern.

Mehr Fernweh erzeugende Bilder gibt es hier.

Sep 282013
 

Hier nochmal ein kurzer Überblick über die Artikel, die ich in den letzten anderthalb Monaten zu meinem Ausflug nach Hamburg geschrieben habe. Damit ihr euch sicher sein könnt, dass ihr auch nichts Wichtiges verpasst oder überlesen habt.

Hamburg (I) – Die fürchterliche Reise in die wunderbare Stadt
Hamburg St. Georg – Auf den Spuren des Herrn Buddenbohm
Hamburg allgemein – Über Grünzeug und Wasser, Menschen und Ampeln | Nachtrag zu Ampeln in Hamburg
Hamburg – Die Alster vs. Planten un Blomen
Hamburg – Eine Tour durch St. Pauli
Hamburg – Die Innenstadt
Der Hamburger Hafen
Hamburg – Speicherstadt und Hafencity

Alle Bilder findet ihr thematisch sortiert in meinem großen Hamburg-Album.