Oct 132013
 

Keine zwei Wochen nach meinem Spontanurlaub in Hamburg ging es schon wieder auf Reisen. Diesmal allerdings dienstlich, an einen Ort, den ich sonst wohl nie besucht hätte: Lund in der südschwedischen Provinz Skåne. Und wieder mit der Deutschen Bahn. Eine Entscheidung, die ich vor meinem unfreiwilligen Saunagang zwei Wochen zuvor getroffen hatte und nun schon leicht bereute. Diesmal würde ich sogar im Vierer-Schlafabteil eines City-Night-Liners reisen und wäre den psychopathischen Anwandlungen des Schienenverkehrmonopolisten und seiner Angestellten für 15 Stunden ausgeliefert. Wie erwartet, sollte es Schwierigkeiten geben, aber am Ende doch ganz andere als befürchtet.

Der Ärger begann diesmal schon vor der Abreise. Eingedenk der noch frischen Erinnerungen an die Rückfahrt von Hamburg wollte ich mich kurz vor meinem Aufbruch zum Hauptbahnhof versichern, dass der Zug auch wirklich planmäßig fahren würde. Ich ging also auf bahn.de und suchte in der Verspätungsauskunft die Nummer meines City-Night-Liners, der mich über Nacht nach Kopenhagen bringen sollte, von wo ich mit dem Regionalzug in einer dreiviertel Stunde nach Lund fahren könnte. Das Problem war nur: Meinen Zug gab es nicht. Die Eingabe der Zugnummer gab nur eine Fehlermeldung zurück.

Nun gut, dachte ich, vielleicht erfasst die Verbindungsauskunft keine CNLs. Fragen wir doch mal die Online-Verbindungsauskunft, wie ich jetzt am Besten von Dresden nach Kopenhagen käme. Also fragte ich die Verbindungsauskunft und die Verbindungsauskunft schlug vor: Fahren Sie mit dem CNL nach Amsterdam(!) bis nach Berlin Ostbahnhof, kommen Sie da gegen halb 11 an, verbringen Sie die Nacht bis halb 4 auf dem Bahnsteig, zuckeln Sie mit insgesamt 2 Regionalexpressen nach Lübeck und fahren Sie von da mit dem IC bis nach Kopenhagen. Keine Spur von meinem CNL.

Die werden doch nicht still und heimlich eine Verbindung eingestellt haben, dachte ich bei mir. Frustriert probierte ich einige andere Daten aus: Genau eine Woche später, am Samstag, fuhr ein CNL nach Kopenhagen. Am Tag davor, dem Freitag, fuhr auch ein CNL nach Kopenhagen. Ebenso am Donnerstag, Mittwoch, Dienstag und Montag. Am Sonntag? Fuhr ein CNL nach Kopenhagen. Am heutigen Samstag? Dem Tag, für den ich ein Ticket für einen CNL nach Kopenhagen in den Händen hielt? Gab es keinen CNL nach Kopenhagen.

So langsam wurde ich dann doch etwas panisch. Zeit, anderen Menschen mit meinem Problem auf den Geist zu gehen. Nach endloser Suche nach einer kostenlosen Telefonnummer gab ich auf und rief die angepriesene 0180-Servicehotline ein (20 Cent pro Anruf vom Festnetz, bis zu 60 Cent pro Anruf aus dem Mobilnetz – diese geldgierigen Aasgeier!). Es dauerte auch nur etwa 5 Minuten und ich musste nur ein einziges Mal weitergeleitet werden, bevor ich jemanden am Apparat hatte, der mir theoretisch hätte weiterhelfen können. Leider nur theoretisch, denn so wie ich zuvor, so konnte auch die hilfsbereite Dame am anderen Ende der Leitung schlicht meinen Zug nicht in ihrer Datenbank finden. (Wobei es mich jetzt auch nicht überraschen würde, wenn die Leute an der Hotline auch nur die bahn.de-Verbindungsauskunft zur Verfügung hätten.) Zumindest aber hatte sie eine Erklärung dafür, warum der Zug möglicherweise ausfallen könnte: Das Juni-Hochwasser hatte in einigen Gegenden Deutschlands auch die Bahngleise unterspült oder gleich mit sich gerissen, so dass Teile des Streckennetzes nun nicht mehr befahrbar waren, die Züge Ausweichstrecken nehmen mussten und es dabei auch schon einmal zu Stau oder eben Zugausfällen käme. Genaueres könne man mir aber nur am Bahnhof sagen, wohin ich doch einfach aufbrechen solle. Inzwischen war es ohnehin Zeit, also tat ich wie mir geheißen. Ich wollte schließlich meinen Geisterzug nicht verpassen.

Am Bahnhof ging ich direkt zum Infopoint und erklärte mein Problem. Die mich beratende Azubine und ihr Betreuer konnten meine missliche Lage nicht wirklich nachvollziehen. Ihrer Ansicht nach sollte ich einfach in den CNL nach Amsterdam einsteigen (der tatsächlich zur gleichen Uhrzeit abfuhr wie mein Geisterzug). Einige der Wagen würden dann in Hamburg abgekoppelt werden und weiter nach Kopenhagen fahren. Das klang prinzipiell plausibel. Warum der Zug nach Kopenhagen aber aus der Verbindungsauskunft verschwunden war, konnten sie mir auch nicht sagen. Ich war jedoch zumindest soweit beruhigt, dass ich beschloss, in den Zug nach Amsterdam einzusteigen. Auch wenn ich am Ende die Strecke mit nächtlichem Aufenthalt in Berlin und über Lübeck fahrend zurücklegen müsste, würde ich so ja zumindest bis Berlin kommen.

Ich stieg also zu. In meinem Waggon war schon ziemlich viel los, besonders viele halbwüchsige Mädchen rannten herum (norwegische Pfadfinderinnen, wie ich später erfuhr). In meinem Abteil saßen schon zwei Männer und eine Frau. Schnell kamen wir ins Gespräch und ich stellte fest, dass es sich um Schweden handelte, die gerade aus ihrem Urlaub in Bratislava auf dem Weg zurück in die Heimat waren. Später stellte sich sogar heraus, dass sie in Lund und Umgebung wohnten. Wie ungemein praktisch! Wenn es irgendwelche Probleme auf der Fahrt geben sollte, wäre ich also zumindest nicht alleine in der Pampa verschollen. Allerdings entfachten die Schweden auch wieder meine Unsicherheit bezüglich des Geisterzuges. Sie hatten nämlich kurz vor der Rückfahrt auch nochmal nach dem Zug gesucht und nichts gefunden. Janna, der weibliche Part des Trios, hatte daraufhin zu unverschämten Roaming-Gebühren aus Bratislava mehrmals mit der deutschen Hotline telefoniert, ohne jedoch nennenswerte Erkenntnisse zu erlangen. Sie waren wie ich darauf eingestellt, gegebenenfalls die Nacht in Berlin verbringen zu müssen und dann über Lübeck nach Kopenhagen zu fahren. Wir beschlossen, erstmal bis Berlin zu fahren und zu schauen was passieren würde. Außerdem würden wir noch einmal den Schaffner interviewen, wenn sich mal einer zeigen sollte. Bis dahin vertrieben wir uns die Zeit mit Gesprächen.

Janna war Gärtnerin, hatte eine Zeit lang in der deutschsprachigen Schweiz gelebt, wie viele Schweden auch schon in der Schule Deutsch gehabt und konnte sich daher gut auf Deutsch mit mir verständigen. Andreas und Johan machten irgendwas in der IT-Branche. Sie hatten auch Deutsch als zweite Fremdsprache, begnügten sich aber mit dem verstehenden Hören und sprachen Englisch mit mir, was Janna aber wiederum nicht so gut verstand. Sehr schnell waren wir jedenfalls in einer auf Schwedisch, Englisch und Deutsch geführten Diskussion über das deutsche und das schwedische Schulsystem und die Frage, warum die Deutschen im Vergleich zu den Schweden so schlechtes Englisch sprechen (natürlich in Bezug auf die Bahnmitarbeiter und nicht auf mich ;) ). Inzwischen war auch meine deutsche Kollegin hinzugekommen, die ihren Schlafplatz in einem anderen Abteil desselben Wagens hatte. In der Diskussion einigten wir uns darauf, dass es wohl unter anderem an der Synchronisation angelsächischer Filme und Serien in Deutschland liege, während diese in Schweden im Original mit Untertiteln gezeigt würden. Andreas meinte, wenn er synchronisierte Filme sehe, hielte er diese immer gleich für Kinderfilme, weil nur diese in Schweden neu eingesprochen würden.
Wo wir schon beim Thema waren, gab es auch gleich ein wenig schwedische Sprachkunde (siehe Kasten). Janna war sehr überzeugt davon, dass sich Schwedisch und Deutsch total ähnlich seien und wir sie eigentlich gut verstehen müssten. Oft seien die Wörter sogar die Gleichen. Was in der Schriftsprache zu einem gewissen Teil sogar stimmen mag, traf für die Aussprache leider überhaupt nicht zu. Ich konnte nicht einmal einschätzen, wo ein Wort aufhörte und das Nächste begann. Meine diesbezüglichen Beteuerungen überzeugten aber wohl nicht vollständig, denn immer wenn die drei untereinander schwedisch sprachen, spürte ich ab und zu prüfende Blicke von Janna, ob ich nicht doch einige Fetzen verstünde. Als ich von den damals gerade aktuellen Problemen der Bahn im Stellwerk Mainz erzählte und mir das entsprechende englische Wort nicht einfiel, sprach ich es deutsch aus und erntete von Janna ein “Stellwerk. Wie im Schwedischen.” Womit ich schon wieder ein neues schwedisches Wort gelernt hatte, das ich nie wieder brauchen würde.
Letztlich gab sich Janna aber doch damit zufrieden, dass ich sie wohl nicht verstehen würde. Sie verglich es schließlich mit den Dänen, deren Sprache dem Schwedischen ja noch viel ähnlicher sei, die ein Schwede aber auch oft nicht verstehe, weil sie so sehr Nuscheln würden (das mit dem Nuscheln kann ich bestätigen). Andersherum hätten Dänen wohl kein Problem, die Schweden mit ihrer hervorragenden Aussprache zu verstehen (O-Ton Janna).

Kleine schwedische Sprachkunde

Å wird wie O ausgesprochen,
O wird wie U ausgesprochen,
U wird wie eine Mischung aus U und Ü ausgesprochen.
Y wird wie eine Mischung aus Ü und I ausgesprochen. Etwa so, wie die Sachsen das I in Milch aussprechen (“Mülch”).
Sk ist manchmal Sk und machmal sch.

Bier ist öl. Öl ist olja.
Danke heißt Tack. Und Tack sagt man eigentlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Die Zahlen von 1 bis 10:
ett
två
tre
fyra
fem
sex
sju (“[c]hü”, für einen Nichtschweden fast unmöglich auszusprechen. Ein ausländischer Kollege von Andreas hat deshalb irgendwann nur noch „sex plus ett“ gesagt.)
åtta
nio
tio

 
Da die Schweden praktischerweise aus Lund kamen und dorthin unterwegs waren, holten wir auch gleich einige Erkundigungen zum Ort ein. Wir klärten ab, wo unsere Hotels lagen und wie wir vom Bahnhof dort am Besten hinkämen, wo die Uni sei und in welcher Bar man das beste Bier bekäme (Gloria’s gegenüber der Stadsbibliotek). Apropos Bier, wir redeten auch über diverse Besonderheiten wie die hohen Preise für Alkohol im ohnehin schon teuren Schweden und das man alkoholische Getränke nur in speziellen Geschäften, den Systembolagets kaufen könnte. Zwischendurch meinte Andreas relativ unvermittelt, dass wir auch eigentlich gar keine Angst in Lund haben müssten, da sei alles total sicher. Das verwunderte mich etwas, wäre ich doch überhaupt nicht auf die Idee gekommen, es könne in Schweden irgendwie gefährlich sein (außer für meinen Kontostand). Andreas erzählte dann aber, dass es im südlich von Lund gelegenen Malmö häufiger zu Schießereien zwischen Hells Angels und Bandidos käme. Ein Bekannter von ihm, der da wohne, versuche das immer herunterzuspielen. Ja, man hätte zwar mal jemanden in seiner Garage ermordet, meinte dieser Bekannter. Aber das wäre gar nicht so wild gewesen, die Familie sei ohnehin nicht daheim gewesen und als man zurückkam, sei die Leiche schon von der Polizei abgeholt worden.

Zwischendurch schaute tatsächlich einmal ein Schaffner herein, den wir fragten, ob der Zug nach Kopenhagen durchfahren würde. Auch er konnte uns nichts Definitives sagen, hatte aber eine dritte Variante des Reiseverlaufs für uns in petto. Ihm zufolge war es in den letzten Wochen immer so gewesen, dass die Reisenden in Hamburg in einen IC hätten umsteigen müssen, bis dahin aber durchfahren konnten. Ob es an diesem Samstag auch so sei, wisse er nicht.

Letztlich entschlossen wir uns in Berlin, erst einmal Schlafen zu gehen und zu schauen, wo wir am nächsten Tag aufwachen würden. Inzwischen hatte ich mich auch schon mit dem Gedanken arrangiert, eventuell in Amsterdam aufzuwachen. Mein Gott, ist doch auch eine schöne Stadt, da hätte man die Zeit schon auch irgendwie rumbringen können. So weit kam es dann aber gar nicht. Als ich aufwachte, waren wir schon über die dänische Grenze gefahren und also auf dem Weg nach Kopenhagen, wo wir schließlich gegen Mittag ankamen. Die Schweden fuhren mit uns dann noch bis nach Lund und Johan gab mir am Ende seine Nummer, falls wir während unseres Aufenthaltes mal ein Bier trinken gehen wollen würden (wozu es letztlich leider nicht kam).

Am Ende war also die ganze Aufregung umsonst und alles lief wie geplant. Und doch bin ich unzufrieden mit der Bahn. Bis heute weiß ich nicht, warum unser Zug plötzlich zum Geisterzug wurde und aus dem System verschwand. Und es sollte eigentlich nicht sein, dass man in so einem Fall von drei verschiedenen Bahnangestellten (Service-Hotline, Azubine am Infopunkt und Schaffner) drei verschiedene Versionen hört, was passiert ist und wie der Reiseverlauf aussehen wird. Immerhin hat sich davon eine Version als korrekt erwiesen (die der Azubine), und auch noch die Langweiligste, das nämlich alles nach Plan liefe. Aber sind meine Erwartungen an die Bahn schon derart gesunken, dass ich das ernsthaft als positiven Aspekt ansehen kann? Wahrscheinlich schon.

Aug 072013
 

Eine gute Geschichte beginnt am Anfang und führt am Ende zum Anfang zurück. Also beginnt mein Hamburg-Rückblick mit der Reise von und nach Dresden nach und von Hamburg. Zwei Reisen, die ich keinem empfehlen kann – zumindest wenn man sich wie ich auf unser aller liebstes Quasi-Monopol-Unternehmen, die Deutsche Bahn verlässt.

Meine Reise begann am Sonntag um 13 Uhr. Oder hätte beginnen sollen. Auf dem Bahnstieg begrüßte mich nämlich die wohlbekannte Ansage und -zeige, der Zug habe circa 30 Minuten Verspätung. Ungünstig, wenn die Umsteigezeit in Berlin nur 16 Minuten beträgt. Zum Glück verlief die Zugentbindung (also die Entbindung von der Zugbindung, damit ich in Berlin den nächsten ICE nehmen konnte) und die Umbuchung der Sitzplatzreservierung (unbedingt zu empfehlen, sonst steht ihr!) direkt in Dresden problem- und diskussionslos.
Dann kam der Zug – und war ein IC. Okay, das wusst ich natürlich vorher schon. Aber es gibt ja prinzipiell zwei Arten von Waggons, die bei ICs eingesetzt werden. Zum einen etwas Moderne, den REs nicht unähnlich, mit Großraumabteilen und zwei Sitzen auf jeder Seite mit Mittelgang. Und die schon zu Wendezeiten altersschwachen Wagen mit 6er-Abteilen ohne zu öffnendes Fenster, mit meist unzureichender Klimaanlage und Gang an einer Wagenseite. Dreimal dürft ihr raten, mit welcher Variante ich zu reisen das unbeschreibliche Vergnügen hatte.
Die nächsten 2 Stunden verbrachte ich also schwitzend in einem voll besetzten 6er-Abteil, natürlich ohne Klimaanlage und bei 30°C außerhalb (und näherungsweise sicher auch innerhalb) des Zuges. Wie befürchtet kamen wir etwa eine halbe Stunde zu spät in Berlin an. Trotzdem hätte ich meinen Original-Anschlusszug fast noch erreicht, denn der hatte auch etwa eine halbe Stunde Verspätung. Ob die Bahn das mit ihrer Anschlussgarantie meint?
Kurz bevor ich ihn erreichen konnte, fuhr der Zug aber ab. Was letztlich gar nicht so schlecht war. Wahrscheinlich hätte es sonst Stress beispielsweise wegen meiner umgebuchten Sitzplatzreservierung gegeben. Und eine halbe Stunde Aufenthalt im kühlen Berliner Tiefbahnhof war nach dem vorangegangenen mehrstündigen Saunagang auch eine Wohltat. Der zweite Teil der Hinreise, im ICE von Berlin nach Hamburg, verlief dann erstaunlicherweise vollkommen unspektakulär. Wie langweilig.

Den samstäglichen Rückweg konnte ich sogar ohne Umsteigen hinter mich bringen. Leider bedeutete das – wie ich mit Erschrecken beim Blick auf das Ticket feststellte – 4,5 Stunden IC. Hätte bedeuten sollen. Am Ende waren es natürlich eher 5,5 Stunden. Und wieder hatte ich das große Los gezogen und ein 6er-Abteil ergattert. Diesmal funktionierte die Klimaanlage sogar ansatzweise. Leider hatte das bei den 39°C an diesem sonnigen Sommertag nur bedingt Auswirkungen auf die Gartemperatur, äh, Innentemperatur im Zug. Hätte ich nicht am Fenster gesessen und meinen Unterarm von Zeit zu Zeit über den Lüftungsschlitz der Klimaanlage halten können, wäre ich vermutlich nicht unfallfrei in Dresden angekommen.
Mit mir im Abteil saßen Großmutter und Mutter eines ebenfalls anwesenden grundschulaltrigen Jungen. Oma hatte zu DDR-Zeiten viele Jahre als Zugbegleiterin gearbeitet und war von den realexistierenden Zuständen der Jetzt-Zeit entsetzt, die neben schwachbrüstigen Klimaanlagen auch überflutete Toiletten, nicht geleerte Abfallbehälter und von Zeit zu Zeit den Geruch verschmorter Elektronik beinhalteten. Am meisten erregte sie sich aber über die Abwesenheit von Zugpersonal, dem man Getränkegutscheine oder ähnliches zur Linderung der allgemeinen Hitzebeschwerden hätte aus dem Kreuz leiern können.
Folgerichtig hatten wir nach drei Stunden Sauna ohne Aufguß schließlich einen ungeplanten Aufenthalt irgendwo in der brandenburgischen Einöde, weil sich ein Notarzt mal einen der Passagiere näher anschauen wollte. In diesem Zeitraum erwischte Oma auch endlich eine Zugbegleiterin – Typ Mandy – und das große Kino begann. Eingeleitet wurde es mit der Beschwerde, man sei noch gar nicht kontrolliert worden (Ja, wirklich. Deutsche halt.). Mandy insistierte, selbstverständlich habe man den gesamten Waggon kontrolliert und Oma möge doch bitte einmal ihr Ticket zeigen. Anschließend stempelte sie das noch jungfräuliche Ticket ab und wollte sich ohne weitere Worte entfernen. Aufgehalten wurde sie von einer Oma aus dem Nebenabteil, die sich als herzkrank vorstellte und die kostenlose Ausgabe von Getränken einforderte. Mandy entgegnete, sowas könne nur der Zugchef anordnen und aktuell könne man nur das Notfallwasser herausgeben.
Mandy würde diese Information noch bereuen. Wir wussten nun von der Existenz von Notfallwasser! Aber noch war die Zeit der Rache nicht gekommen. Zugbegleiter-Oma hatte sich inzwischen vom ungebührlichen Verhalten der Mandy erholt und forderte sie auf, ein Beschwerdeformular (das Fahrgastrechteformular) sowie ihren Namen herauszugeben. Mandy wies das Ansinnen zurück, man befinde sich in einem tschechischen Zug (seltsam, ich hatte bei der DB gebucht und wir befanden uns eindeutig auf deutschem Hoheitsgebiet), da gäbe es sowas nicht. Man möge sich entsprechende Formulare im Reisecenter am Zielort holen. Und für die Einreichung der Beschwerde sei ihr Name unerheblich, man möge einfach Datum und Zugnummer angeben.
Dann entschwand Mandy in die hinteren Abteile des Zuges, nicht ohne uns jeweils zu informieren, wenn sie auf ihrem Weg jemanden fand, der tatsächlich schon einmal kontrolliert worden war. Ich selbst blieb während des gesamten Vorganges und auch während der weiteren Fahrt selbstverständlich unkontrolliert. Schade eigentlich, ich hätte Mandy gerne nach einem Nachweis ihrer Zugbegleiterinnen-Tätigkeit (einem Ausweis oder Namensschild beispielsweise) gefragt, bevor ich ihr mein Ticket überantwortet hätte.
Zugbegleiter-Oma und Herz-Oma hatten sich inzwischen zusammen getan und putschten sich gegenseitig auf. Früher hätte es das nicht gegeben! Die solle erstmal ein paar Jahre im Nahverkehr arbeiten, bevor man sie in die Fernzüge lasse! Aber Hauptsache pinke Fingernägel! Das hätte noch ein Nachspiel, beschweren würde man sich!
Schließlich ergriff Herz-Oma den Plan, sich zumindest etwas von dem ominösen Notfallwasser zu besorgen. Möglicherweise aus Angst vor körperlichen Übergriffen bat sie mich, sie zu begleiten. Das versprach Spaß, also willigte ich ein. Nach einer längeren Odyssee durch den überhitzten Zug fanden wir schließlich Mandy und den Zugchef und uns bot sich das folgende Bild:

Mandy und der Zugchef und viel Notfallwasser

Da saßen also Mandy und der Zugchef in ihrem 6er-Abteil und hatten in der Ablage über sich Unmengen an Notfallwasser gebunkert, während die Passagiere vor sich hin dörrten. Herz-Oma verlangte die Herausgabe von Wasser für uns und unsere Mithäftlinge, äh, -reisenden im Abteil und missmutig gab der Zugchef etwa 10 Packungen heraus. Mandy sagte zu alledem nichts, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte sie wohl schon mit der Welt oder mindestens ihrer weiteren Berufslaufbahn abgeschlossen.
Triumphierend zogen wir zurück zu unserem Abteil. Auf dem Weg informierten wir jeden, der es wissen wollte und auch jeden, der es nicht wissen wollte, dass es beim Zugpersonal Wasser gäbe und man sich doch bitte zur Abwendung von Gesundheitsrisiken damit eindecken möge. Diese Aufwiegelungstaktik schien Erfolg zu haben, denn keine 15 Minuten später hatten sich Mandy und der Zugchef wohl doch dafür entschieden, heute noch einmal zu arbeiten – sie gingen durch den Zug und verteilten die noch vorhandenen Reserven an Notfallwasser. Wir lehnten dankend ab – wir hatten ja inzwischen genug.

Mit nur einer Stunde Verspätung kamen wir schließlich in Dresden an. Dass ich dadurch keinen offenen Supermarkt mehr fand und mich am nächsten Tag von Brot, Süßigkeiten und einer lang verschollenen Tüte Paprika-Chips ernähren musste, war angesichts unseres triumphalen Siegs über das Wassermanagement der DB fast zu verkraften.