Nov 232013
 

 
Weil ich bei meiner Wanderung um das Cap Ferrat mein Herz in der Bucht von Villefranche gelassen hatte, fuhr ich am nächsten Tag noch einmal hin, um es wieder abzuholen. Diesmal ging es direkt in den Ort hinein, der sich größtenteils an der Westküste der Bucht, also gegenüber meiner neuen Lieblingshalbinsel entlang zieht. Auch Villefranche erreicht man mit der Linie 81 in Richtung Port de Sant-Jean oder mit der Linie 100 in Richtung Monaco oder Menton, wobei letzteres aus schon benannten Gründen nicht empfohlen werden kann. Ausstieg ist jeweils an der Haltestelle “Octroi”, die aufgrund ihrer Größe und der Menschenmassen, die sich hier bewegen, nicht allzu leicht übersehen werden kann. Die Touristeninfo befindet sich an der Nordseite des Platzes (beim Ausstieg aus dem Bus links) und ist ebenfalls gut zu finden. Nachdem ich mich wie üblich mit Kartenmaterial der Gegend eingedeckt hatte, zog es mich erst einmal in den Norden ins Vielle Ville, die Altstadt des Ortes.

Altstädte haben an der Côte d’Azur ja immer etwas Zauberhaftes, aber die Altstadt von Villefranche sticht selbst unter all diesen Schönheiten noch einmal hervor. Sie ist wirklich ein einziges Postkartenmotiv. Man kann die Kamera in nahezu jeden Straßenzug hineinhalten und abdrücken und wird ein makelloses, wunderschönes Foto erhalten. Der Grundaufbau aus engen kleinen Gässchen und pastellfarbenen Häuschen entspricht dem von Vieux Nice, ist hier aber viel organischer und weniger monolithisch umgesetzt. Die Gässchen ziehen sich feingliedrig zwischen den Häusern hindurch. Aufgrund der Topographie verlaufen sie ständig auf unterschiedlichen Höhenebenen, steigen oder senken sich unentwegt und sind durch eine Vielzahl von Treppen miteinander verbunden. Weil die Häuser offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten und mehr oder minder kreuz und quer gebaut wurden, verlaufen die Gassen verwinkelt zwischen und teilweise auch unter den Häusern.

    
  
Vielle Ville.

 
Es ist ein einziges Labyrinth – ein sehr apartes Labyrinth, denn die Häuschen, die seine Mauern bilden, sind alle gut in Schuss gehalten und individuell gestaltet. Oft wird der Postkarteneffekt noch verstärkt, indem die Bewohner große Pflanzenkübel oder einen Gartentisch vor der Tür stehen haben – man sieht, dass hier wirklich Leute wohnen und das nicht nur eine Kulisse für die Touristen ist. Entsprechend ist es abseits einiger weniger Touristenmagnete, die sich vor allem nahe des Wassers finden, auch sehr ruhig und wenig überfüllt – ideal also, um beim Herumstreifen die Seele baumeln zu lassen. Insgesamt erscheint das Vielle Ville als das menschengemachte Gegenstück zur westlichen, von idyllischen Buchten durchzogenen Steilküste von Cap Ferrat. Man entdeckt alle 10 Meter eine neue malerische Ecke, die alles zuvor Gesehene in den Schatten stellt.

Eine sehenswerte Besonderheit in der an Sehenswertem nicht armen Altstadt ist die Rue Obscure, eine 130 Meter lange unterirdische Gasse, die parallel zur Uferstraße verläuft. Die Rue Obscure wurde schon 1260 als Wehrgang gebaut, auf dem sich Soldaten unbemerkt in der Stadt bewegen konnten. Zwischenzeitlich war sie sogar zugeschüttet worden, wurde dann aber wieder freigelegt und ist seit 1932 denkmalgeschützt. Die Rue verbreitet mit ihrem Wechsel vom sonnigen Tag in das schattige, nur von einigen Glühbirnen erleuchtete Dreivierteldunkel einen sehr morbiden, faszinierenden Charme, in dem plötzlich alles fotogen wird – selbst der Müllhaufen des Restaurants in der Seitengasse.

  
  
Rue Obscure.

 
Eine weitere Sehenswürdigkeit im Osten der Altstadt, direkt am Hafen, ist die Chapelle Saint-Pierre. Diese kleine Kapelle wurde 1957 im Inneren von John Cocteau vollständig mit Fresken bemalt. John Cocteau war Schriftsteller, Regisseur und Maler und einer der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, der unter anderem mit Pablo Picasso zusammenarbeitete. Cocteau hielt sich während eines (letztlich erfolglosen) Opiumentzugs längere Zeit in Villefranche auf und verliebte sich dabei in die Stadt (und wie könnte er auch nicht?). Eines Tages bat er die Bewohner, ihm die Schlüssel für die kleine, aus dem 14. Jahrhundert stammende und heruntergekommene Kapelle zu überlassen, und begann, sie innen mit Bildern der Lebensgeschichte von Petrus zu bemalen – verwoben mit Motiven aus seinem eigenen filmischen Schaffen und seines persönlichen Umfelds. Herausgekommen sind großformatige Strichzeichnungen, die teilweise mit pastellfarbenen Flächen gefüllt sind. Die Farbflächen sind derart zart aufgetragen, dass sich die Augen erst einige Minuten an die Dämmerung in der Kapelle gewöhnen müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. Das Ganze ist schon sehr stilvoll, allerdings sollte man sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die 2,50 € Eintritt zu bezahlen. Die Kapelle ist nämlich wirklich sehr klein, besteht nur aus einem einzigen Raum und enthält nur etwa 3 großformatige Szenen – eine an der Wand links, eine an der Wand rechts und eine vorne im Altarbereich. Wer sich nicht allzu sehr für Kunst oder den Surrealismus interessiert, kann sich das Eintrittsgeld durchaus sparen.


Chapelle Saint-Pierre.

 
Ebenfalls als Sehenswürdigkeit angepriesen wird die Citadelle Saint-Elme. Die Festung wurde ab 1557 zur Verteidigung des strategisch wichtigen Handelshafens von Villefranche erbaut. Heute beherbergt sie ein Hotel, das Rathaus des Ortes, vier Museen, einen Garten und ein Freilufttheater. Ich war an einem Sonntag in Villefranche, so dass zwei der vier Museen leider geschlossen waren. Geöffnet waren nur das Volti-Museum und das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie. Das Volti-Museum beherbergt ausschließlich Fruchtbarkeits- und Weiblichkeitsstatuen aus allen Ecken und Enden der Welt, aus verschiedensten Materialien und Epochen. Das ist bei den ersten 5-10 Exponaten noch ganz interessant, spätestens nach der hundertsten Statue sollte aber auch der Letzte begriffen haben, dass Weiblichkeit offensichtlich weltumfassend mit Brüsten und ausladenden Hüften assoziiert wird. Allzu spannend war das also nicht. Gleiches muss man über das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie sagen. Das “Museum” ist letztlich nur ein einziger mittelgroßer Raum, in dem wie in jeder militärischen Ausstellung irgendwelche Uniformen der Einheit, Abzeichen und Dokumente, Bilder und Gemälde berühmter Offiziere und ähnliches präsentiert wurde.

  
Die Zitadelle.
  
Ausstellungsstücke des Volti-Museums.

 
Leider geschlossen hatte das Musée Goetz-Boumeester, eine von den Künstlern Christine Boumeester und Henri Goetz zusammengetragene Sammlung von Kunstwerken unter anderem von Picasso, Picabia, Mio und Hartung. Ebenfalls nicht zu besichtigen war die Collection Roux, eine Art Heimatmuseum, in dem anhand historischer Dokumente der Lebensalltag der Region im Mittelalter und in anderen Epochen plastisch dargestellt wird. Alle Museen können ohne Eintritt besucht werden, allerdings lohnt sich das zumindest bei den beiden von mir gesehenen Ausstellungen kaum. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass insbesondere das Musée Goetz-Boumeester doch einen Abstecher wert wäre und werde bei meinem nächsten Besuch mein Glück noch einmal versuchen.

Die Innenhöfe der Zitadelle lassen sich ansonsten vollkommen frei erlaufen, man kann auch in einen der kleinen Verteidigungserker klettern und durch die Schießscharten auf den Hafen schauen. Der Ausblick ist durchaus sehenswert, man sieht zum Beispiel einen südlich der Zitadelle angelegten Yachthafen, der vom Dorf aus eher nicht einsehbar ist, und man hat auch einen schönen Blick über Cap Ferrat, mit dessen höchsten Erhebungen man sich hier in etwa auf einer Höhe befindet. Der schönste Blick über das Dorf und über die Bucht ist das aber nicht. Um den zu bekommen, muss man bis zur Bahnstation laufen, die sich direkt hinter dem gut besuchten Badestrand an der zentralsten Küstenstelle der Bucht befindet, dann einige Treppen mit sehr vielen Stufen hinaufklettern, die sich zwischen Villen, die sich an den Hang schmiegen, hinaufführen, um schließlich auf der Basse Corniche herauszukommen, der niedrigsten der drei Küstenstraßen, die von Nizza über Monaco nach Menton führen. Hier überblickt man tatsächlich die ganze Bucht, beginnend mit dem Mont Boron im Westen, der sich an die felsigen Hänge schmiegenden Altstadt, dem azurblauen Wasser unter einem, bis zum Cap Ferrat auf der Ostseite und darüber hinaus, auf die nächsten Berge und Buchten, die sich die weitere Côte d’Azur entlangziehen.

  
Blick von der Basse Corniche auf Cap Ferrat und Villefranche.

 
Nachdem ich einmal dort oben war, lief ich die Basse Corniche bis zu meinem Ausgangspunkt, dem Octroi zurück, und schließlich noch ein wenig darüber hinaus, bis ich mich unterhalb des Mont Boron befand. Auch von hier hatte man nochmal einen schönen Blick in die Bucht hinein, über Cap Ferrat hinüber und die weitere Küstenlinie entlang. Auf dem Rückweg hielt ich Ausschau nach einer Haltestelle der 81, die sich laut meiner Karte eigentlich hier befinden sollte. Glücklicherweise, wie ich aus heutiger Perspektive sagen muss, fand ich keine und lief zum Octroi zurück. Hier warteten schon einige Menschen an der Haltestelle auf den Bus, der seinerseits auf sich warten ließ. Als schließlich eine 81 kam, war diese schon so gefüllt, dass nicht mehr alle Wartenden hinein passten – natürlich war auch ich unter denen, die zurückgelassen werden mussten. Der nächste Bus fuhr dann schon mit dem leuchtenden “Fermee”-Schriftzug, dem Zeichen, dass er überfüllt sei, an die Haltestelle heran und auch direkt an ihr vorbei. Erst bei Nummer drei, einem auch schon gut gefüllten Bus der Linie 100, hatte ich dann Glück und erwischte den letzten Gangplatz direkt vorne beim Fahrer. Entsprechend fuhr auch dieser Bus ab jetzt mit dem “Fermee”-Schriftzug und ich hätte, wenn ich an einer der späteren Haltestelle gewartet hätte, wohl noch sehr lange das Nachsehen gehabt, bevor sich eine Rückfahrgelegenheit ergeben hätte.

Die Rückfahrt dauerte aufgrund des mittlerweile eingesetzten Feierabendverkehrs und einer sehr seltsamen Ampelschaltung, die den Verkehr auf der nur einspurig ausgebauten Küstenstraße in regelmäßigen Abständen völlig zum Erliegen brachte, dennoch eine gute Stunde, obwohl nur 6 km zu überwinden waren. Es war schon kurz vor 20 Uhr, als ich ziemlich entnervt in Nizza ankam, und erstmal ins Hostel fuhr, um etwas Ordentliches zu Abend zu essen. Dennoch kann ich einen Ausflug nach Villefranche prinzipiell empfehlen, zumindest unter zwei Bedingungen: Man sollte sich für die stressfreiere Anreise per Zug entscheiden, auch wenn diese etwas teurer sein mag. Und man sollte nicht erwarten, in Villefranche einen ganzen Tag mit Sightseeing verbringen zu können, einfach weil es dafür dann doch nicht so viel zu sehen gibt. Aber man kann ja auch daran denken, seine Badesachsen mitzunehmen, und den Nachmittag mit der Entdeckung der nassen Seite der Bucht verbringen.

Mehr Bilder von Villefranche gibt es hier.

Nov 162013
 

 
Die Halbinsel Cap Ferrat erstreckt sich östlich von Villefranche ins Mittelmeer. Eigentlich handelt es sich um zwei Halbinseln: Von der eigentlichen Landzunge geht in östlicher Richtung nochmal ein kleinerer Arm ab, quasi eine Landzungenzunge oder Landzungenpapille. Die Halbinsel ist in weiten Teilen bewaldet, nur am Übergang zum Festland findet man das Dorf Saint-Jean-Cap-Ferrat. Allerdings schauen aus dem Blätterdach im äußeren Teil von Cap Ferrat auch hier und da die weiß schimmernden oberen Stockwerke diverser Luxusvillen heraus, so dass die Gegend leider nicht nach Belieben durchstreift werden kann, sondern man sich darauf beschränken muss, die Rundgänge an der Küste zu laufen.

Nach Saint-Jean-Cap-Ferrat kommt man mit der Linie 81 in Richtung Port de Saint-Jean, die wie die Linie 82 nach Èze von der Rue Catherine Segurane startet. Ich erzählte schon, dass die Busse innen keine Haltestellenanzeige haben und auch nicht zwangsläufig an jeder Haltestelle halten. Diesmal wurde mir das zum Verhängnis. Eigentlich wollte ich an der Haltestelle “Passable” aussteigen. Von hier hätte man einerseits Zugang zum “Passable Plage” gehabt, einem Strand am westlichen Rumpf der Halbinsel, auch der Beginn des Rundweges um die große Halbinsel startet hier. Andererseits befindet sich die Haltestelle direkt vor der Villa Ephrussi de Rothschild, einer Belle-Époque-Villa die einst einer exzentrischen Adeligen gehörte und heute als Museum besucht werden kann. Hier sollen sich im Inneren diverse Kunstgegenstände, alte Gemälde und Möbel stapeln, während die außen angelegten Themengärten (Spanischer, japanischer, französischer, florentinischer, Stein-, Kaktus- und Rosengarten) zu jeder Jahreszeit zur Entspannung einladen. Leider bemerkte ich erst, dass ich hätte aussteigen sollen, als sich an der Haltestelle der Bus plötzlich merklich leerte und der Busfahrer schon wieder angefahren war. So blieb die Villa Rothschild unbesucht und steht nun auf der Liste der Gründe, wegen denen ich die Côte d’Azur unbedingt noch einmal besuchen muss (von den Offensichtlichen abgesehen, wie, dass es einfach die schönste Gegend ist, die ich kenne). Dieses Schicksal teilt sie sich übrigens mit der Villa Kérylos, die östlich von Cap Ferrat auf dem Festland liegt und bis ins Detail, sogar bis hin zur Möblierung, einer athenischen Villa aus dem 1. Jahrhundert nachempfunden ist.

Ich stieg schließlich an der Endstation am Hafen, dem Port de Saint-Jean, aus. Leicht desorientiert (also wie immer) lief ich dann auf der Suche nach einer Touristeninfo oder einem öffentlichen Stadtplan erstmal in die falsche Richtung und fand mit dem Plage du Cros dei Pin einen schönen kleinen Strand, der sich nördlich an den Hafen anschließt und anscheinend vorwiegend von Einheimischen besucht wird. In dessen Nähe entdeckte ich schließlich einen Wegweiser, der mich zur nächsten Touristeninfo führte, wo ich mir einen Stadtplan der Gegend besorgte.

Mit dem Stadtplan konnte ich mich dann zumindest soweit orientieren, um zu wissen, dass ich mich nördlich der kleinen Landzungenzunge befand, um die es ebenfalls einen Rundweg gab, den “Sentier du Bord de Mer”. Auch das andere Ende des Rundwegs um die große Landzunge war von hier aus gut zu erreichen, so dass ich mich entschloss, zuerst die kleine und dann die große Runde zu laufen. Laut dem Plan sollte die kleine Umrundung auch nur eine halbe Stunde, die Große dann noch einmal anderthalb Stunden dauern. Da wäre noch genügend Zeit geblieben, die Villa Rothschild doch noch zu besuchen. Und der Konjunktiv ist dabei die richtige Zeitform, auf solche Zeitangaben sollte man sich nämlich keinesfalls verlassen, wenn man sich nicht joggend durchs Leben bewegt. Ich hab jedenfalls immer gut das Doppelte der angegeben Zeit benötigt, wobei zugegebenermaßen auch einige Zeit dafür draufging, das dreihundertste tolle Panoramabild aufzunehmen, das dann aufgrund zu starker Helligkeitsunterschiede doch nicht von der Handysoftware verarbeitet werden konnte.

Die kleine Landzungenzunge hat eine grob dreieckige Fläche, ihre Küste zieht sich zuerst in südliche Richtung, dann nach Nordosten und schließlich schnurstracks zurück nach Westen. Dadurch bildet sie auf ihrer westlichen Seite zusammen mit der großen Landzunge eine kleine Bucht, in der sich die beiden Strände “Plage des Fossettes” und “Plage des Fosses” befinden. In der Bucht ankerten auch diverse kleinere und größere Yachten, deren Besitzer das Wochenende bei strahlendem Sonnenschein genossen. Ich lief zu Beginn des Rundwegs an dieser Bucht entlang, so dass ich das Meer immer rechter Hand und die Insel immer linker Hand hatte. Von der Insel selbst sieht man dabei nicht viel. Wie fast alles Land in dieser Gegend nimmt sie von der Küste ins Innere hinein sehr stark an Höhe zu. Die Westküste ist zudem bewaldet, an Süd- und Nordküste wird der Weg durch Mauern vom Inselinneren abgegrenzt. Linker Hand war also nie wirklich viel zu sehen. Rechter Hand dafür umso mehr.

  
DieBucht zwischen Landzunge und Landzungenzunge.

 
Sobald man die erste große Biegung des Rundweges gelaufen ist und sich damit außerhalb der Bucht auf der Südseite der Landzungenzunge befindet, sieht man außer dem Rundweg selbst teilweise absolut kein Land mehr um sich. Stattdessen nur Meer, soweit das Auge reicht. Manchmal wird es durchschnitten von Segelschiffen, Motorbooten oder Jetskis, ansonsten liegt es glatt und unantastbar vor einem, der Übergang von Himmel zu Wasser nur erkennbar an den unterschiedlichen Blautönen, die sich am Horizont treffen. Hier finden sich auch einige “wilde” Badestellen, kleine Steinplateaus, auf denen man sich sonnen kann und von denen man leicht ins Wasser kommt. Zu einigen führen Stufen, bei anderen muss man sich den Zugang zum kühlen Nass erst erklettern. Soweit ich es beurteilen kann, bevorzugen die Einheimischen diese etwas abgelegenen Orte gegenüber den überlaufenden Stränden an der Basis der Landzungenzunge.

  
  
Im Süden der Landzungenzunge.

 
Etwa in der Mitte der Südküste öffnet sich die Mauer linker Hand und gibt einen kleinen schattigen Weg frei, der bergauf ins Landesinnere zur Chapelle de Saint-Hospice führt. Die Kapelle entstand im 17. Jahrhundert als Zentrum einer Festung, von der aus die umliegenden Gewässer und Cap Ferrat vor Plünderern geschützt werden sollten. Die Bedeutung des Ortes als religiöse Stätte beginnt allerdings über tausend Jahre zuvor. Der Legende zufolge soll hier im 6. Jahrhundert ein Einsiedler in den Ruinen eines verlassenen Turmes gewohnt haben, der mit Wunderheilungen von sich reden machte und bald nach seinem Tod in der Umgebung verehrt wurde. Auffälligstes heutiges Merkmal ist die große Statue der Maria mit Kind neben dem Eingang zur Kapelle. Sie wurde im Jahr 1903 zur Erfüllung eines Gelübdes von einem nizzanischen Olivenkaufmann gestiftet und im Jahre 1937 an ihren heutigen Platz gebracht. Etwas unterhalb der Kapelle findet sich außerdem ein kleiner Friedhof, der bei meiner Ankunft leider verschlossen war, von dem man vermutlich aber einen tollen Ausblick über die Bucht zwischen Landzungenzunge und Landzunge hat.

  
  
Die Chapelle de Saint-Hospice.

 
Biegt man am östlichen Ende der Landzungenzunge erneut um die Ecke und läuft an der Nordküste weiter, befindet man sich Auge in Auge mit der gesamten Küstenlinie der Côte d’Azur. Bis zum Horizont reiht sich Berg an Bucht an Berg an Bucht. Wobei man die Buchten irgendwann nur noch erahnt zwischen den Bergen, die sich ins Meer hinein schieben, wie die wulstigen Finger eines Riesen, der sich mit aller Kraft an der Küste festgekrallt hat, um weiterhin diese Schönheit atmen zu können, und dessen Fingerrücken im Laufe der Jahrtausende überwuchert wurden von Bäumen, Häusern und Dörfern, so dass er nun selbst Teil dieser Schönheit ist.

Auf der Nordseite scheinen auch einige Gutbetuchte ihre Zweit- oder Drittvilla zu besitzen. Ab und an wird die Mauer linker Hand von einem gut gesicherten Tor unterbrochen, hinter dem Stufen ins bewaldete Irgendwo führen, das tatsächliche Anwesen nur erahnbar. An einer Stelle hatte sich jemand sogar seinen eigenen Privathafen mit direktem Zugang zum Anwesen angelegt. Am westlichen Ende der Nordküste, am Übergang zur großen Landzunge, geht es hingegen wieder profaner zu – hier befindet sich der “Paloma Plage”, der weithin beworbene Touristrand von Cap Ferrat.

  
Im Norden der Landzungenzunge.

 
Bevor ich mich nun auf den Weg zum großen Rundgang um die Landzunge machte, löschte ich zunächst meinen Durst in dem an der Basis der Landzungenzunge befindlichen “Fontaine Coexist”. Von diesen kunstvoll gestalteten Trinkbrunnen gibt es auf Cap Ferrat drei Stück, sie sollen die Gleichheit und Einheit der drei abrahamischen Religionen Islam, Judentum und Christentum symbolisieren. Das hier abgebildete Exemplar wurde übrigens 2007 von Bono und Tony Blair offiziell eingeweiht. Das Wasser war aber trotzdem klar und sehr erfrischend.
Ich finde es ohnehin praktisch, dass man an der Côte d’Azur fast überall Brunnen findet, deren Wasser ausdrücklich zum Trinken geeignet ist. Das mag man in einer solch sonnenbeschienenen Gegend als Notwendigkeit erachten, zumal es vermutlich billiger ist als sich ständig um dehydrierte Touristen kümmern zu müssen, andererseits habe ich das selbst in südlicher gelegenen Gegenden bisher noch nicht standardmäßig entdeckt. Hier, an der Côte d’Azur, sind diese Wasserstellen teilweise sogar in den Stadtplänen verzeichnet.


La Fontaine Coexist.

 
Nun machte ich mich zunächst immer noch nicht auf den Weg zum großen Rundgang, sondern folgte meinem Stadtplan, der mich auf einen Aussichtspunkt in der Dorfmitte von Saint-Jean-Cap-Ferrat aufmerksam gemacht hatte. Das ist ohnehin das Praktische an solchen Touri-Stadtplänen und der Grund, warum mich mein erster Weg in jedem Dorf erstmal zur nächsten Touristeninformation führte – man entdeckt Sehenswertes, das man sonst übersehen hätte. Zwar hatte ich selbstverständlich auch meinen unschlagbaren Lonely-Planet-Reiseführer im Gepäck, aber der listet natürlich nicht von jedem Dörfchen alle vorhandenen Sehenswürdigkeiten auf. Zwar erhöht sich bei Touri-Stadtplänen die Gefahr, in Touristenfallen zu laufen und das wirkliche Leben hinter den Fassaden zu übersehen, aber solange man sie nur als Ergänzung zur eigentlichen Tagesgestaltung ansieht, ist es das meines Erachtens wert. Der Weg zum Aussichtspunkt war jedenfalls steil, aber kurz, und die Aussicht auf die Landzungenzunge und die sich dahinter ausbreitende Küste der Côte d’Azur auch nett anzusehen. Dann ging es wieder runter zur Küste und diesmal wirklich und endlich auf den großen Rundweg um die große Landzunge.


Blick auf die Landzungenzunge.

 
Ich begann auf der östlichen Seite der Landzunge auf Höhe der kleinen Landzungenzunge, also auf der anderen Seite der schon beschriebenen Bucht. Den Zugang zum Rundweg zu finden war gar nicht so einfach, auf den ersten Blick wirkt die Chemin de la Carrière, die als Startpunkt dient, nämlich wie eine Sackgasse. An ihrem Ende erwartet einen eine große Mauer mit einem verschlossenen Tor. Erst wenn man näher kommt sieht man, dass das Tor nur Autofahrer abhalten soll, und es an den Seiten fußgänger- und motorrollerbreite Lücken in der Mauer gibt. Dahinter erstreckt sich anscheinend eine Art geschützte Wohnanlage, die aber nach einigen hundert Metern buchstäblich im Sand verläuft – die Straße hört plötzlich auf und man steht auf einem staubigen Feldweg inmitten einer sich selbst überlassenen, kargen Landschaft. Etwa 100 Meter rechts von einem hebt sich eine Felswand in den Himmel, links werden die Wellen des Mittelmeers an die Uferbefestigung gespült, und dazwischen stehen ein paar vertrocknete Bäume und in einiger Entfernung ein abbruchreifes Haus.

Zumindest der Blick in die Bucht und auf die Landzungenzunge war nicht sonderlich karg, so dass ich zunächst davon einige Bilder machte. Dann ging ich weiter, in der Hoffnung auf ästhetische Besserung auch auf dieser Seite der Halbinsel. Als ich etwa auf Höhe des Abbruchhauses war, bemerkte ich plötzlich einen dort geparkten Motorroller. Der Besitzer kam gerade aus dem Haus, warf mir einen skeptischen Blick zu, holte dann ein bestimmt ein Meter langes Kameraobjektiv von seinem Gefährt und verschwand wieder ins Haus. Man darf nicht vergessen – in dieser Gegend leben viele Superreiche und die Bucht war an diesem Wochenende mit Yachten gut gefüllt. Augenscheinlich hatte ich einen Paparazzo bei der Vorbereitung seiner Arbeit beobachtet, der auf einer der Yachten einen Yellow-Press-relevanten Abschuss erhoffte. Da er aber nicht sehr zugänglich wirkte, ließ ich ihn mit seiner Arbeit allein und ging weiter.

Die Umgebung diesseits der Bucht wird tatsächlich erst sehenswerter, wenn man die erste große Biegung des Rundweges hinter sich gelassen hat und sich an der Südküste der Halbinsel befindet. Hier hat man einerseits das gleiche Phänomen wie an der Südküste der Landzungenzunge, dass nämlich kein Land (abgesehen von dem, auf dem man steht), den Blick über das Meer trübt, bis zum Horizont sieht man nichts als Wasser. Andererseits ist der Weg nun in ein sehr malerisch aussehendes Meer aus weißen Kalksteinen eingebettet, die still und unbeweglich um einen herumwogen. In der Ferne sieht man das bewaldete bergige Hinterland der Halbinsel und nahe der Küste einen kleinen Leuchtturm, zu dessen Füßen sich dann auch der nächste Fontaine Coexist befindet – eine Erfrischungsmöglichkeit, die man unbedingt wahrnehmen sollte, denn in beide Richtungen des Weges gibt es sonst keine Trinkwasserstelle mehr.

  
Der Süden der Halbinsel.

 
Wirklich atemberaubend wird die Umgebung und der Ausblick aber, wenn man an die Westküste der Halbinsel kommt. Diese Westküste bildet gleichzeitig die östliche Begrenzung der Bucht von Villefranche, in der sich der Rade befindet, der einzige hochseetaugliche Hafen in der Nähe von Nizza. Weil der Hafen von Nizza nicht tief genug ist, legen insbesondere große Kreuzfahrtschiffe oft hier an und bringen ihre Passagiere dann mit kleineren Booten in die Stadt. Zu Spitzenzeiten habe ich drei dieser Giganten im Hafen von Villefranche liegen sehen, bei meiner Tour um das Cap Ferrat erhob sich zumindest einer in der Ferne.

Gleichzeitig ist die Bucht von Villefranche auch eine der schönsten Buchten der Côte d’Azur und der Blick vom Cap Ferrat in die Bucht wiederum einer der Schönsten, den man haben kann. Man sieht die andere Seite der Bucht, die vom bewaldeten Mont Boron gebildet wird. Schweift der Blick weiter in die Bucht hinein, sieht man die malerischen Häuschen des Dorfes Villefranche (von dem ich nächstes Mal mehr erzählen werde) und auf dem Wasser neben den Kreuzfahrtschiffen eine Unmenge kleinerer Yachten, Segelschiffe, Motorboote, Ausflugsdampfer und sonstiger schwimmfähiger Gefährte. Die Uferseite, auf der man sich selbst befindet, ist üppig bewachsen. Man läuft an einer Steilküste 10-20 Meter über dem Meer entlang und passiert dabei eine erkleckliche Anzahl absolut traumhafter Buchten. Auch hier findet man ab und an versteckte, idyllische Badeorte, die in keinem Reiseführer auftauchen, vor allem von den Einheimischen frequentiert werden und selten überlaufen sind. Einige sind durch Treppen zu erreichen, bei anderen muss man einige Kletterfähigkeiten mitbringen und wieder andere sind nur mit dem Boot erreichbar. Auch die Wohlhabenden wissen dieses versteckte Paradies zu schätzen, hier lugt dann zwischen den Baumwipfeln auch schon mal das ein oder andere Villendach hervor und Tore im Zaun, der den Weg zur Landseite hin begrenzt, versperren den Zugang zu kleinen Wegen, die in Richtung eben jener Villendächer streben.

  
  
In der Bucht von Villefranche.

 
Wenn man an der Côte d’Azur ist, sollte man unbedingt nach Cap Ferrat fahren und diesen Teil des Weges laufen. Ich habe noch nie etwas Schöneres gesehen. Ich empfehle auch ausdrücklich, vom Leuchtturm in Richtung Villefranche zu laufen. In dieser Richtung bleibt man jeder Bucht unwillkürlich stehen, um das Panorama in sich aufzusaugen, in dem Glauben nie wieder etwas Vergleichbares zu sehen. Und kaum geht man 10 Meter weiter, wird man eines Besseren belehrt und von einer noch idyllischeren Bucht oder einem noch phantastischeren Panorama überwältigt. Es ist wirklich eine Aneinanderreihung ästhetischer Superlative.

Kurz vor der Basis der Halbinsel endet der Rundweg dann wenig glamourös am überfüllten “Passable Plage” in der Nähe der Station “Passable”. Für einen Besuch der Villa Rothschild war es aber inzwischen zu spät, so dass ich zur Busstation hochlief und ohne größere Zwischenfälle in Nizza ankam. Mein Herz und mein inneres Auge blieben aber noch eine Zeit lang in Cap Ferrat und ergötzten sich an den idyllischen Buchten und den phantastischen Panoramen.

Mehr Bilder von Cap Ferrat gibt es hier.