Nov 092013
 

 
Mein erster Ausflug in die Peripherie von Nizza führte mich in das kleine Dörfchen Èze, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Nizza. Dorthin gibt es eine direkte Busverbindung, die vom Place Garibaldi startet. Am Place Garibaldi befand sich früher der zentrale Busbahnhof, der jedoch vor einigen Jahren bei der Neugestaltung und Umwandlung des Platzes in eine Fußgängerzone abgerissen wurde. Heute halten die Straßenbahnen nördlich des Platzes in der Avenue de la République, während die Überlandbusse nach Èze, Villefranche oder auch Monaco und Menton in der südöstlichen Seitenstraße Rue Catherine Segurane starten. Wenn man das nicht weiß, irrt man erst einmal ein wenig umher.

  
Place Garibaldi.

 
Wenn man in der Rue Catherine Segurane ist, erkennt man die richtige Haltestelle daran, dass dort immer eine große Menschentraube steht. Die meisten dieser Menschen warten auf die Linie 100, die sie nach Monaco bringen soll. Man kann diese Linie prinzipiell auch nutzen, um nach Èze zu kommen, allerdings kommt man dann im Badeort Èze-sur-Mer raus. Das Gleiche gilt übrigens, wenn man den Zug von Nizza nach Èze nimmt. Wer wie ich in den Ortsteil Èze-Village auf 430m Höhe will, muss die Linie 82 in Richtung Èze Plateau de la Justice nehmen und an der Haltestelle Èze Village aussteigen. Das hat den Vorteil, dass die Busse hier nicht so überfüllt sind wie auf der Linie 100 und man in Nizza gekaufte Einzelfahrt- oder Wochenendtickets nutzen kann. Außerdem führt die Route auf der Moyenne Corniche entlang, der mittleren der drei Küstenstraßen an der Côte d’Azur, von der man einen tollen Ausblick auf die Küste hat.

Vom Busfahren in Südfankreich hatte ich ja schon ein wenig erzählt. Es gibt Busfahrpläne mit Abfahrts- und Ankunftszeiten zumindest für die Endhaltestellen, aber die sind eher als Richtwerte zu verstehen und von der allgemeinen Verkehrslage und der Laune des Fahrers abhängig. Zumindest stehen auf den Plänen aber die Namen der einzelnen Haltestellen. Das ist sehr nützlich, denn in den meisten Bussen gibt es keine Anzeige des nächsten Haltes. Ein Abzählen der Haltestellen ist auch nicht ohne weiteres möglich, denn wenn niemand den Haltewunschknopf drückt und auch niemand an der Haltstelle steht, fährt der Bus einfach durch. Statt also die schöne Aussicht zu genießen, ist man die meiste Zeit damit beschäftigt, nach der nächsten Haltestelle zu spähen und zu versuchen, im Vorbeifahren ihren Namen zu entziffern, um die Orientierung nicht zu verlieren.

Nach etwa 30 Minuten erreichten wir Èze-Village. Dieser Teil von Èze ist im Wesentlichen für drei Sachen bekannt: das mittelalterliche Dorf in 430m Höhe, das sich im Dorf befindende 5-Sterne Hotel Château Eza (Das Doppelzimmer schon ab supergünstigen 360€ die Nacht!) und den Jardin exotique d’Èze auf dem Gipfel des Berges, an den sich das mittelalterliche Dorf schmiegt.

Um zum eigentlichen Dorfkern zu gelangen, muss man eine steile Zufahrtsstraße hinauflaufen, vorbei an diversen Souvenirläden, Eiscafes und Restaurants und dem Eingang zum Château Eza. Schließlich betritt man das eigentliche Dorf durch ein Burgtor und ist erstmal geplättet – nicht von der Aussicht, wie sonst oft in diesen Breitengraden – denn von Aussicht ist überhaupt nichts zu sehen. Sondern von den kleinen steingepflasterten Gässchen von vielleicht ein, zwei Meter Breite (entsprechend fährt hier auch nichts Motorisiertes), die sich durch das Dorf ziehen und mit den unzähligen Treppen, Abzweigungen und plötzlichen Richtungswechseln ein kleines Labyrinth bilden. Gesäumt sind sie von kleinen Natursteinhäusern, für die es nur einen korrekten Ausdruck gibt: Wiiiiieeeeee niiiiieeeeedlich. Wenn man dann noch weiß, dass Walt Disney hier einige Zeit verbracht hat, versteht man auch, warum einem hier alles so bekannt vorkommt – so ziemlich jedes mittelalterliche Dorf, das in einem Disney-Zeichentrickfilm vorkommt, scheint von Èze-Village inspiriert worden zu sein. Aber letztlich können Worte den Zauber dieses Ortes ohnehin nicht beschreiben, daher hier einige Bilder:

  
    
  
Èze Village.

 
Die Gegend um Èze wurde schon vor 4000 Jahren besiedelt. Insbesondere die Bergkuppe hatte schon immer eine strategische Bedeutung, weil man von ihr die gesamte umliegende Küste beobachten und weit ins bergige Hinterland schauen konnte. Der überwiegende Teil der Bebauung stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist bis heute weitgehend unverändert geblieben. Heutzutage wird der Großteil des Dorfes touristisch genutzt, man findet viele Souvenirläden, Galerien, Künstlerwerkstätten und hochpreisige Restaurants. Wirklich im Dorf zu leben scheinen nur Wenige, der Großteil der Einwohner lebt entweder ein Stückchen talwärts oder direkt unten in der Bucht von Èze-sur-Mer.

Nachdem ich ein wenig durch das Dorf gestromert war und kurz vor einem Niedlichkeits-Schock stand (Symptome: Vergrößerte glänzende Augen, ein Grinsen von einem Ohr zum Anderen und ein manisches Kichern. Das Sprachzentrum ist gestört und lässt nur einzelne Laute des Entzückens zu.), fand ich durch Zufall den Eingang zum Jardin exotique. Es handelt sich um einen nach dem zweiten Weltkrieg auf dem Gipfel angelegten Garten, der Kakteen und Sukkulenten aus aller Welt beherbergt. Was zugegebenermaßen eine Verschwendung ist, denn so ziemlich jeder, der den Eintritt von 2,50€ (für Studenten) zahlt, tut das nicht wegen der Pflanzen, sondern wegen des unvergleichlichen Ausblicks, der sich einem von dort oben bietet. Während man im Dorf durch die enge Bebauung nämlich überhaupt nichts von der Umgebung sieht, öffnet sich hier der Blick auf eines der vermutlich schönsten Panoramen der Welt. In Richtung Westen sieht man die Halbinsel Cap Ferrat, die Bucht von Villefranche und über den Mont Boron hinweg sogar den westlichen Teil der Bucht von Nizza inklusive dem Flughafen. Nördlich davon blickt man auf das bergige, grüne Hinterland, das von den gelblichen Schlangenlinien der sich den Berg hinaufwindenden Serpentinen unterbrochen wird. Im Osten schließlich versperrt ein weiterer Berg den Blick auf das sich irgendwo dahinter ausbreitende Monaco, wie kleine Sprenkel lugen hell verputzte Häusermauern durch das ihn bedeckende Grün.

  
Blick nach Westen mit Château Eza und Cap Ferrat.
  
Links: Blick auf den Flughafen in Nizza. Rechts: Blick nach Osten.

 
 
Vor lauter Panorama sollte man aber auch den Garten selbst nicht übersehen. Neben den verschiedenen Kakteenarten säumen kleine Statuen die Wege. Auf dem Gipfel des Berges finden sich die Ruinen einer alten Burganlage und etwas darunter gelegen, auf der Westseite des Hanges, lädt ein kleiner Zengarten mit einem künstlichen Wasserfall zum Verweilen ein. Man sollte sich übrigens zweimal überlegen, ob man den Jardin exotique in den frühen Nachmittagsstunden besuchen möchte. Während sich zwischen den engen Häuserfluchten im Ort nämlich immer ein schattiges Plätzchen findet, so sind diese im Garten selbst Mangelware, und die Mittelmeersonne kann auch Ende August noch ziemlich erbarmungslos sein.

  
Links: Statue vor Panorama. Rechts: Ruinen auf Bergkuppe.
  
Kakteen im Jardin exotique.

 
Wenn man sich an dem Garten und dem Dorf satt gesehen hat und noch nach ein wenig körperlicher Betätigung sucht, kann man die Zufahrtsstraße wieder bis auf halbe Höhe hinunterlaufen und direkt unter dem Eingang zum Château Eza rechts (von unten kommend also links) abbiegen. Läuft man jetzt geradeaus, so kommt man an einen kleinen Ausblickspunkt, von dem man von unten auf die Außenmauern des Dorfes und in den Terrassengarten des Chateaus schauen kann, und nochmal einen schönen Blick auf das Mittelmeer erhält. Wendet man sich hingegen nach links, so gelangt man auf den “Chemin de Nietzsche”, den “Weg des Nietzsche”, der genau das ist, was der Name suggeriert. Friedrich Nietzsche lebte in den 1880er Jahren einige Zeit in Èze und schrieb hier unter anderem den Beginn des dritten Teils seines philosopischen Hauptwerkes “Also sprach Zarathustra”. Angeblich liebte er es, diesen Weg entlangzugehen, der Èze-Village mit Èze-sur-Mer verbindet und dabei über 400 Höhenmeter überbrückt. Wer auf den Spuren Nietzsches wandeln möchte, sollte der Beschilderung am Wegesanfang vertrauen und festes Schuhwerk dabei haben. Ich bin zwar auch mit Sandalen heil runter und wieder hoch gekommen, aber spätestens mit Flip-Flops ist man vermutlich verloren.

  

 
Am Anfang und am Ende besteht der Weg aus gut begehbaren Steinstufen, zwischendrin wird er stellenweise aber auch zu einer Geröllhalde, bei der man seine Schritte vorsichtig setzen sollte, wenn man nicht Gefahr laufen will, schneller als gewünscht im Tal anzukommen. Trotz des teilweise schlechten Zustands erfreute sich der Weg einiger Beliebtheit. Mir begegneten mehrmals Jogger, die anscheinend völlig unbeeindruckt von der allgegenwärtigen Gefahr eines multiplen Knöchelbruchs inklusive Freiflug ins Tal munter den Weg hinunter oder hinauf liefen. Andere Spaziergänger kamen mir sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg entgegen, bei letzterem mit einer Tüte in der Hand, man hatte wohl mal kurz in Èze-Village eingekauft. Wirklich sprachlos machten mich aber die zwei Wohnhäuser, die ziemlich mittig am Berg lagen und anscheinend nur über den Chemin de Nietzsche zu erreichen waren. Da wird dann jeder Gang aus dem Haus zu einer sportlichen Herausforderung.

  
  
Chemin de Nietzsche.

 
Der Weg schlängelt sich zuerst auf der Ostseite des Berges hinunter, biegt dann auf halber Höhe nach Süden ab und schlängelt sich dann dort wieder in Serpentinen ins Tal. In der unteren Hälfte öffnet sich dann auch immer wieder das Blätterdach der am Wegesrand wachsenden Bäume und gibt den Blick auf die Bucht von Èze-sur-Mer und, weiter hinten, Cap Ferrat frei. Am oberen Ende des Weges war die Dauer bis nach unten mit 45 Minuten angegeben. Summa summarum, mit allem Stehenbleiben fürs Fotografieren oder fürs Jogger-vorbei-lassen, brauchte ich etwa 75 Minuten. Dort ging es dann erstmal direkt an den Strand, um wenigstens einmal kurz die Füße in das Mittelmeer zu halten, dass mich schon die ganze Zeit so erwartungsvoll angefunkelt hatte. Danach lief ich die ganze Küstenstraße bis zum Westende der Bucht ab, um etwas Kühles zu Trinken zu finden. Am Ende fand ich leider nur einen Imbisswagen, der mir für 0,33l Cola unverschämte 2,80€ abnahm. Auf dem Weg zurück zum Anfang des Chemin de Nietzsche, der direkt neben dem Bahnhof lag, überlegte ich ernsthaft, den Aufstieg abzublasen und direkt wieder nach Nizza zurückzufahren. Nach drei Tagen, in denen ich fast durchgängig zu Fuß unterwegs war, machte sich der erste Muskelkater bemerkbar, und der Abstieg hatte ihn nicht gerade besser gemacht. Außerdem nervte die Sonne immer noch, obwohl es inzwischen schon gegen 17 Uhr war. Nach einigem Hin und Her siegte aber doch mein Stolz (So ein Scheiß-Weg kriegt mich doch nicht klein!) und ich begann den Aufstieg. Der Wegweiser am Anfang hatte anderthalb Stunden als Dauer angegeben und ich war fest entschlossen, wenigstens den 19-Uhr-Bus nach Nizza zu erwischen. Tatsächlich ging mir der Aufstieg dann aber erstaunlich leicht von der Hand (bzw. dem Fuß) und schon nach 45 Minuten war ich wieder in Èze-Village. So erwischte ich dann sogar den 18-Uhr-Bus nach Nizza, nutzte die gewonnene Zeit für einen weiteren Besuch bei Fenocchio und schaute dann auf dem Place Masséna noch einigen Breakdancern zu, bevor ich zurück ins Hostel fuhr.

  
Èze-sur-Mer
  
Auf geht’s zurück.

 
Fazit: Èze ist eine Perle, die nicht unentdeckt bleiben sollte, wenn man an der Côte d’Azur unterwegs ist. Der Ausblick vom Jardin exotique ist atemberaubend, und wer das nötige Kleingeld hat, sollte auch unbedingt mal im Château Eza übernachten oder zumindest im angeschlossenen Restaurant essen. Ich stelle es mir jedenfalls sagenhaft vor, nach dem Aufstehen aus dem Fenster zu schauen und dieses Panorama vor mir ausgebreitet zu sehen. Wer weniger Kleingeld in der Tasche hat, dafür aber gut zu Fuß ist, findet in Èze-sur-Mer sicherlich eine günstige Unterkunft und kann den Chemin de Nietzsche nehmen, um Èze-Village zu sehen. Abends kann man die geschundenen Füße dann im Mittelmeer kühlen und sich am nicht sonderlich überlaufenen Kieselstrand von Èze-sur-Mer entspannen.

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