Oct 232012
 

Ein Fassadenbild noch, dann geb ich (erstmal) Ruhe:

Dieses Bild finde ich total faszinierend. Wenn ich auf die Fensterfront schaue, sieht die schräg verlaufende Fassade rechts davon aus, als würde sie nach hinten gehen und mit der Fensterfront einen frei stehenden Wohnturm bilden. Dann sieht man plötzlich den Dachfirst, der nach rechts oben verläuft und man ist verwirrt. Und irgendwann begreift man, dass die schräg verlaufende Fassade zu dem Gebäude mit dem First gehört und also tatsächlich ebenfalls auf den Betrachter zu verläuft. Aber selbst wenn man das weiß, reicht ein Blick zurück auf die Fensterfront, um die Illusion zurückkehren zu lassen. :)

Es handelt sich offensichtlich um ein klassisches Kippbild beziehungsweise eine Perspektivillusion. Während solche Kippbilder aber meist nur gezeichnet funktionieren und in der Realität nur, wenn man ein wenig trickst, stammt mein Bild von einem echten, vollkommen normalen Gebäude. Auch wenn der Effekt nicht geplant war, bin ich da doch einigermaßen stolz drauf. Ich werd in Zukunft mal drauf achten, ob sich Ähnliches auch anderswo finden und ablichten lässt.

Oct 192012
 

Überraschenderweise haben mich in Berlin die Hochhaus- und Plattenbaufassaden am meisten fasziniert. Die ständige Wiederholung der immergleichen Bausteine, aus denen sich riesige Wohnkomplexe zusammensetzen. Die aber auch immer wieder unterbrochen werden von Zeichen der Individualität, von Blumen auf dem Balkon oder auch einfach nur einem geöffneten Fenster, wenn alle anderen verschlossen sind. Anonymität und Einzigartigkeit ringen miteinander.

Aus dem richtigen Winkel betrachtet und fotografiert, offenbart sich noch mehr. Die Fassaden zerfallen in einzelne, voneinander abgekoppelte geometrische Formen, um sich gleich danach wieder zusammenzusetzen, zu Balkonen, Geländern und Fenstern. Der Blick findet keinen Halt, unruhig wandert er auf dem Bild umher und sieht doch immer nur das Gleiche. Ein Gefühl der Bewegung entsteht, es fesselt den Betrachter.

Wenn ich diese Bilder anschaue, ergreift mich die gleiche Faszination wie wenn ich auf fließendes Wasser oder in den Himmel schaue. Das ewig Gleiche in unzähligen minimalen Variationen lässt uns das Herz aufgehen. Es ist aber die Bewegung, die uns an Wasser und Wolken fesselt, und also sind ihre starren Fotoabbilder uninteressant. Die Natur ist nur in natura schön. Bei Plattenbaufassaden aber entsteht die Bewegung erst im Stillstand des Fotos. Das Künstliche, Menschgemachte kann nur durch den Fokus eines künstlichen Auges glänzen.

Vielleicht mach ich mal eine kleine Fotoserie zu Fassaden. Einen Vorgeschmack gibts vorerst hier.

Oct 172012
 

Dieser Beitrag entstand ebenfalls noch im Urlaub, direkt nach meiner Ankunft aus Zypern. Etwaige Wahrnehmungsverzerrungen sind der Urlaubshypomanie zuzuschreiben.

Hach, Berlin. Auch so eine Stadt, in der man mal länger leben könnte. Aber das sag ich ja eigentlich auch bei jeder Stadt, die ich kennenlerne – außer vielleicht bei Tomsk, nach Tomsk muss ich nun wirklich nicht nochmal zurück.

Trotz oder gerade wegen all des Gewusels wirken die Menschen in Berlin irgendwie sehr viel entspannter und offener als anderswo. Ich hab auf der Straße noch nie so viele Lächeln geschenkt bekommen, wie in den vergangenen zwei Tagen. Gut, vielleicht haben sich die Leute auch nur über mein sonnenverbranntes Gesicht amüsiert. Aber was solls, ein Lächeln ist ein Lächeln. :)

Am Freitag traf ich mich mit Caro, einer Freundin aus Kindertagen, die es vor etwa 15 Jahren zuerst ins Berliner Umland und dann in die Hauptstadt selbst verschlagen hat. Ich hab sie bei sich zu Hause besucht und wir haben ein wenig gequatscht und sind dann losgezogen, um noch einige Freunde von ihr zu treffen. Zwischendurch hatte sie mir schon zwei Vorschläge zur Abendgestaltung unterbreitet: entweder mit ihr und einigen Freunden zusammen das jüdische Neujahr feiern oder mit einigen anderen Freunden zu einem Bandcontest gehen, an dem einer aus der Clique teilnahm. Tja, so ist Berlin – immer was los und egal für was man sich entscheidet, man verpasst definitiv irgendetwas anderes.

Treffpunkt war ein türkischer Straßenmarkt in Kreuzberg, wo wir dann einigen Straßenmusikern lauschten und quatschten. Auf dem Rückweg bekamen wir dann noch einen riesigen Strauß Gladiolen (es kann auch was anderes potentiell Blühendes mit G gewesen sein, ich kann mir Pflanzennamen einfach nicht merken) geschenkt, den ich dann erstmal in der U-Bahn und dann noch ein Stück bis zum Haus der Freundin tragen durfte. Auch das brachte mir auf der Straße wieder ein paar Lächler ein. Ach, ich glaub ich mag Berliner.

Bei Caros Freundin tranken wir dann noch einen Tee und dann war die Zeit gekommen, mich hinsichtlich meiner Abendgestaltung zu entscheiden. Ich hab mich letztlich gegen das jüdische Neujahrsfest entschieden. Zum Einen, weil der Abend vorwiegend in Hebräisch abgelaufen wäre und meine Hebräisch-Kenntnisse so tendenziell nicht vorhanden sind. Zum Anderen weil ich mir nicht sicher war, ob es die anderen Gäste so toll gefunden hätten, wenn da plötzlich ein Deutscher aufkreuzt, der mit dem ganzen Zeremoniell überhaupt nicht vertraut ist. Auch den Bandcontest hab ich sausen lassen und bin stattdessen zurück ins Hotel, um mein Schlafdefizit endlich einmal abzubauen – das war einfach dringend nötig.

Den Samstag hab ich denn mit Sightseeing-Touri-Kram begonnen. Ich muss wohl nicht näher drauf eingehen, ihr kennt die üblichen Sehenswürdigkeiten sicher auch alle. Auffallend war, dass im “Touri-Areal”, also Regierungsviertel, Potsdamer Platz, Unter den Linden und Alexanderplatz ziemlich viel gebaut wurde. Hätt ich nicht gedacht, wo Berlin doch angeblich kein Geld hat.

  
Potsdamer Platz.
  
Holocaust-Mahnmal.
  
Links: Rotes Rathaus, rechts: Berliner Dom.
  
Links: Fernsehturm, rechts: Reichstag.

 

Nach der Fototour bin ich dann noch ins Dalí-Museum gegangen. Das hatte ich am Vortag zufällig in einer Seitenstraße des Potsdamer Platzes entdeckt und musste natürlich unbedingt hin. Schließlich hab ich ohnehin eine Neigung zum Surrealismus und Dalí ist einer meiner Lieblinge. Das Museum zeigt nicht die üblichen Gemälde, sondern viele Zeichnungen, Radierungen, Lithografien von Salvador, einige seiner Skulpturen (Die Venus von Milo mit Schubladen. Einfach fantastisch. Sowas bräucht ich in Kleiderschrankgröße.) und andere Projekte wie Filme, Magazincover, Medaillen (z.B. die Olympia-Silbermedaillen von Los Angeles 1984) oder ein Kartenspiel. Der Typ wusste schon, wie er möglichst jedes Produkt seines Schaffens zu Geld machen konnte. In jedem Fall eine sehr schöne Ausstellung, kann ich jedem nur ans Herz legen – zumindest, wenn man sich dafür interessiert.

Am Abend war ich dann nochmal im Regierungsviertel, weil nach Einbruch der Dunkelheit eine “Film- und Lichtprojektion” am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus angekündigt war, die sich thematisch mit der Geschichte des Reichstagsgebäudes beschäftigen sollte. Faktisch war es dann ein Lehrfilm über die deutsche Geschichte und die Rolle des Parlaments darin, gewürzt mit ziemlich viel Lokalpatriotismus. Das sind dann die Momente, wo Berlin plötzlich ziemlich provinziell und sich selbst überschätzend wirkt.

Nichtsdestotrotz eine nette Stadt, vor allem mit netten Menschen. Sagte ich schon, dass ich die Menschen hier mag? Leute, die mich anlächeln sind mir definitiv lieber als solche, die mich grimmig anstarren oder durch mich hindurch schauen (nicht wahr, liebe Dresdner?!).

Alle Bilder meines Berlinausflugs gibts hier.

Oct 032012
 

Heute war kein guter Tag und ich hatte keine Lust, mich mit dummen Menschen zu streiten. Daher war ich nicht beim Tag der offenen Tür im Landtag, sondern hab eine kleine Herbstwanderung unternommen. Irgendwie scheint der Herbst sich dieses Jahr etwas Zeit zu lassen, aber an ein paar Stellen kann man ihn schon entdecken.

Alle Bilder auch in der Galerie.

Aug 312012
 

Welche deutsche Stadt hat die Sympathischste aller Hymnen? Genau!

Am Montag also Tagestour nach Gämtz vulgo Gorl-Morgs-Stod (für Non-Natives: Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt). Der Westen Sachsens war mir ja bisher noch fast gänzlich unbekannt. Von Chemnitz kannte ich nur die Abfahrtshalle des Bahnhofs, ein in meinen Augen heißer Kandidat auf den Titel “Hässlichster Zughaltepunkt der Welt”. Entsprechend bodennah waren meine Erwartungen an den Rest der Stadt. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht wirklich vorbereitet hatte und also im Gegensatz zu Dresden keine Ahnung hatte, wo sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt gewöhnlich aufzuhalten pflegen. Aber ich hatte ja Hosentascheninternet dabei und mir zuvor die Adresse www.chemnitz-tourismus.de rausgesucht (soviel Planung musste dann doch sein). Die bieten auf ihrer Seite sogar Online-Stadtführungen an. Davon könnte sich Dresden noch eine Scheibe von abschneiden. Wobei man hier wohl auch nicht mit einem 2001 erbauten Kaufhaus werben würde:

Galeria Kaufhof

2001 eröffneter, fünfstöckiger Warenhausneubau mit beeindruckender Glasfassade. Architekt ist der Deutsch-Amerikaner Helmut Jahn. Die durch das Baumaterial gegebene Transparenz des Gebäudes macht dessen Innenaktivität auch außen erlebbar. Die Kombination aus Glas und Stahlkonstruktionen verleihen dem Kaufhaus eine futuristische Optik.

Ich hatte wirklich vor, mich an den dort beschriebenen Spaziergang in der Innenstadt [PDF] zu halten. Wirklich! Was kann ich denn dafür, dass mein Orientierungssinn davon ausgeht, die Welt sei ein auf links gedrehter Trigondodekaeder?! Also hab ich am Ende das gemacht, was ich jedes Mal mache, wenn ich in einer fremden Stadt auf Fototour bin: mal links und mal rechts abbiegen, alles fotografieren, was irgendwie nach Sehenswürdigkeit aussieht oder sonstwie bemerkenswert ist und später in Wikipedia nachschlagen, was ich da eigentlich abgelichtet habe.

Um meinen Eindruck der Stadt zusammenzufassen: Chemnitz ist für mich eine Stadt der offenen Gegensätze. Natürlich gibt es die monumental wirkend wollenden, aber nur steril wirkenden sozialistischen Kunstwerke und Prachtbauten, allen voran der riesige Marx-Kopf und der dahinterliegende ehemalige SED-Bezirksleitungsdienstsitz.

Karm-Marx-Kopf vor Wandrelief  Blick auf Brückenstraße vor Karl-Marx-Kopf
Sozialistische Skulptur in Chemnitz  Sozialistische Skulptur in Chemnitz - Detail

Und es gibt aus der Zeit als große Industriestadt auch sehr viel Industriebauten, heruntergekommende Fabrikgebäude etc.

Verfallenes Fabrikgebäude in Chemnitz  Die "Zukunft" in Chemnitz?
Gebäude in Chemnitz (verfallen)  Verfallenes Gebäude von innen
Außen pfui …                      … äh, innen auch pfui.

Auf der anderen Seite gibts auch eine Menge schöner Gründerzeit- und Jugendstilbauten, teilweise aufwendig saniert, teilweise auch nicht. Ganze Häuserblöcke könnten, genau so wie sie sind, auch in der Dresdner Neustadt oder in Strehlen stehen.

Jugendstilgebäude in Chemnitz  Gebäude in Chemnitz

Und natürlich hat Chemnitz auch einige Sehenswürdigkeiten zu bieten, über die ich im Laufe des Tages über kurz oder lang gestolpert bin.

Altes Rathaus  Neues Rathaus
Altes und neues Rathaus
Kuppel der Markthalle  Roter Turm
Markthalle                                           Roter Turm

Was mich so fasziniert hat, war das Nebeneinander all dieser architektonischen Strömungen. So befindet sich direkt hinter dem 1498 erbauten alten und dem Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten neuen Rathaus die Stadtkirche St. Jacobi aus dem 14. Jahrhundert, nur 50 Meter weiter steht eine Plattenbauwohneinheit.

Auch in der Bevölkerungsstruktur zeigen sich diese Gegensätze. Der hohe Rentneranteil ist einerseits in den Gesichtern auf der Straße zu sehen, andererseits in der Existenz zweier großer Hörgeräteläden genau gegenüber in der gleichen Straße. Aber auch junge Leute sieht man auf der Straße (was sicherlich auch daran liegt, dass noch Sommerferien waren). An jeder Ecke sieht man Spielplätze und ab und an findet sich auch eine Halfpipe für Skateboarder und Biker.

Skateranlage in Chemnitz

Ich erkläre es mir mit diesen offenen Gegensätzen, dass in der beengenden Weite vor den sozialistischen Prachtbauten, an und um die verfallenen Häuser ein kreatives Potential entstanden ist, das ich so noch nicht gesehen habe. An wirklich jeder Ecke findet sich Streetart. Und das in einer Menge und Qualität, die ich selbst in Sprayer-Hochburgen wie Marseilles noch nicht gesehen hab (oder ich war dort in den falschen Vierteln unterwegs – unwahrscheinlich). Einiges scheinen Auftragsarbeiten zu sein, der Großteil ist wild in die Betonlandschaft gesetzt – und ein beruhigender bunter Gegenpol zu dem sonst teilweise doch sehr dominanten Grau in Grau. Ich weiß nicht, ob die Stadt die Bilder duldet oder ob die Szene einfach sehr aktiv ist und für jedes entfernte Gemälde sofort zwei Neue entstehen. In jedem Fall kann ich jedem, der sich für Streetart interessiert, einen Besuch in Chemnitz nur empfehlen.

Streetart Chemnitz  Streetart Chemnitz
Streetart Chemnitz  Streetart Chemnitz

Die Jungs von Kraftklub wollen ein Viertel von Chemnitz zu einer Künstlerhochburg aufbauen und so der Stadt eine Zukunft geben. Schon weil diese Idee so schön großkotzig ist, ist sie mir ungemein sympathisch. Schließlich kann man die Welt nicht verändern, wenn man nur in den engen Grenzen des Machbaren denkt. Das kreative Potential ist auf jeden Fall vorhanden und ich kann nur hoffen, dass es weiterhin so wunderschön bunte Blüten trägt. Die Stadt hat mich auf jeden Fall nicht zum letzten Mal gesehen. Und beim nächsten Mal nehm ich vielleicht ein paar Stencils mit*.

Bilder wie gehabt direkt auf Flickr.

 

* Ich würde selbstverständlich nie fremdes Eigentum “beschädigen”, indem ich es anmale oder beklebe. Es sei denn, ich hab Bock drauf oder kann den Besitzer nicht leiden.

 

P.S.: Zwei negative Punkte, die mir noch aufgefallen sind und die ich hier jetzt einfach kontextlos einbringe:

  1. Das war das erste Mal, dass ich beinahe überfahren worden wäre, während ich bei Grün über die Straße gehe. Es war wohlgemerkt kein Fahrzeug mit Sonderrechten, dass mich da Hopps nehmen wollte. Aber die Stadt scheint ohnehin sehr KFZ-dominiert zu sein. Rasen bietet sich bei den breiten Prachtstraßen im Zentrum ja auch geradezu an.
  2. Irgendwie war sehr viel Polizei unterwegs. Keine Ahnung, ob das dort immer so ist oder ob denen jemand verraten hat, dass ich in der Stadt bin. Ich fühle mich in Gegenwart von Polizisten jedenfalls nicht sicherer.