Sep 122013
 

Natürlich kommt eine Reise nach Hamburg nicht ohne einen Bummel durch die Innenstadt aus. Im Gegensatz zu meiner Euphorie bezüglich Alster und Planten un Blomen auf der einen Seite und St. Pauli auf der anderen Seite fällt mein Resümee hier eher gemischt aus. Wenn ich von der Innenstadt spreche, dann meine ich den Bereich, der im Westen an Planten un Blomen, im Norden an die Alster, im Osten an St. Georg und im Süden an den Hafen angrenzt. Hier stehen einige der bekanntesten Bauwerke Hamburgs. Leider nicht nur die. Aber der Reihe nach.

Das Hamburger Rathaus befindet sich südlich der Binnenalster an der sogenannten Kleinen Alster, dem kleinen Reststück Alster hinter dem Staudamm Jungfernstieg kurz vor der Mündung in die Elbe. Es ist Sitz des Senats und der Bürgerschaft, also von Parlament und Regierung des Stadtstaates. 1897 fertiggestellt, ist es eines der wenigen erhaltenen Gebäude des Historismus, bei dem in diesem Fall Elemente italienischer und norddeutscher Renaissance miteinander kombiniert wurden. Der Bau wurde an der Rückseite der Hamburger Börse errichtet, welche als einziges Gebäude in diesem Gebiet den Großen Brand von 1842 überstanden hatte, und ruht auf 4000 in den Boden gerammten Eichenstämmen. In den Fensternischen sind 20 Könige und Kaiser des alten deutschen Reiches abgebildet, darüber thronen im Bereich des Mittelturms die Darstellungen der bürgerlichen Tugenden von Weisheit, Eintracht, Tapferkeit und Frömmigkeit. Dies sollte die Freiheit der Hansestadt gegenüber der damals herrschenden Krone symbolisieren.

  
Hamburger Rathaus.

 
Daneben finden sich in der Innenstadt mehrere bekannte Kirchgebäude. Entlang der Mönckebergstraße, zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, finden sich zwei der fünf evangelischen Hauptkirchen Hamburgs, St. Petri und St. Jacobi. St. Petri liegt an der Ecke Mönckebergstraße und Bergstraße und markiert mit knapp 9,50 m ü. NN den höchsten Punkt der Hamburger Altstadt. (Damit wird auch klar, was Hamburger unter einem Berg verstehen.) Es handelt sich um die älteste Pfarrkirche Hamburgs, deren Vorgängerbauten bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Im 20. Jahrhundert spielte sie mehrere Male eine Rolle im Rahmen von Anti-AKW-Protesten. 1979 wurde die Kirche von 400 Atomkraftgegnern besetzt, die anlässlich des Unfalls in Harrisburg auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam machten. Unter den Besetzern befanden sich 10 Pastoren, von denen einer der heutige Hauptpastor der Kirche ist. Anlässlich einer Demonstration nach Fukushima seilten sich 2011 Aktivisten von Robin Wood an der Kirchenfassade ab und befestigten dabei ein Transparent und ein Banner gegen Atomkraft.
St. Jacobi geht auf eine Kapelle zurück, die an einem der zahlreichen Jakobswege in Europa stand und erhielt daher ihren Namen. Auffällig an ihr ist vor allem der futuristisch gestaltete Kirchturm. Die im 14. Jahrhundert errichtete Kirche wurde im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, der Turm stürzte ein. Beim Wiederaufbau hielt man sich an die mittelalterlichen Baupläne, nur der Turm wurde von einem Architektenbüro neu gestaltet, so dass die Kirche im Panorama von Hamburg nun immer sofort ins Auge fällt.

  
Links: Hauptkirche St. Petri. Rechts: Hauptkirche St. Jacobi.

 
Ein Stück südlich dieser beiden Hauptkirchen finden sich die Überreste der Hauptkirche St. Nicolai, die im zweiten Weltkrieg ebenfalls schwer beschädigt wurde und von der heute mehr oder weniger nur noch der Kirchturm steht. Sie wurde nicht wieder aufgebaut, um als Mahnmal der “Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945″ zu dienen. Zu diesem Zweck wurde in der erhaltenen Krypta der Kirche ein Dokumentationszentrum eingerichtet, mit einer ständigen Ausstellung zu den Bombenangriffen auf Hamburg, aber auch auf Warschau und Coventry. Im Turm befindet sich außerdem ein Panoramalift, der zu einer Aussichtsplattform auf 76 Meter Höhe führt, von der man einen guten Blick über die Hamburger Innenstadt hat.

  
St.-Nicolai-Ruine.
  
Blick vom Kirchturm St. Nicolai.

 
Westlich der Nicolairuine und fast schon in St. Pauli findet man schließlich die bekannteste der Hauptkirchen Hamburgs und gleichzeitig eines der Wahrzeichen der Stadt: St. Michaelis oder kurz Michel. Sie ist dem Erzengel Michael geweiht und gilt als bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands. Der Kirchturm ist mit 132 Metern Höhe der zweithöchste Hamburgs und wie bei der Nicolaikirche gibt es eine Aussichtsplattform, diesmal auf 106 Metern Höhe. Von hier aus sieht man nicht nur die Innenstadt, sondern auch nach St. Pauli und bis zur Sternschanze, zum Hafen und in die Speicherstadt. Der Michel beherbergt die größte Kirchturmuhr Deutschlands, mit Zifferblättern von 8 Meter Durchmesser und jeweils über 100 kg schweren und mit Blattgold ummantelten Zeigern und Ziffern.

  
Hauptkirche St. Michaelis, auch Michel genannt.

 
Auch neben diesen Sehenswürdigkeiten gibt es einige schöne Flecken in der Innenstadt. Sie ist von vielen Kanälen und Kanälchen durchzogen, auf denen vermutlich früher Handelswaren bis direkt an die Bürgerhäuser der Händler herantransportiert wurden. Auch diese Bürgerhäuser sind, so sie noch erhalten sind, sehr hübsch anzuschauen. Einige davon habe ich euch schon gezeigt, als ich meinen allgemeinen Eindruck von Hamburg schilderte. Die Kanäle und Kanälchen werden von unzähligen Brücken überspannt (wie schon erwähnt ist Hamburg Brückenhauptstadt Europas), die in teils malerische verwinkelte kleine Gässchen münden. Alles könnte so schön sein …

  
Stadthäuser am Wasser.

 
… gäbe es hier nicht auch gefühlt 12 Millionen Einkaufszentren und Shoppingareale. Das fängt auf der Mönckebergstraße an, die sich vom Hauptbahnhof zum Rathaus zieht, geht weiter über die “Europa-Passage”, die Mönckebergstraße und Jungfernstieg verbindet, auf dem Jungfernstieg selbst natürlich ebenfalls, bevor sich dann in Richtung Hafen die Alsterarkaden, und die Bleichenhof-Passage und in Richtung Gänsemarkt die Gänsemarkt-Passage anschließen. Diese Komplexe sind dann von außen zumeist als die allgemein bekannten Stahl- und Glaskonstruktionen ersichtlich, die sich in keinster Weise harmonisch in die Umgebung integrieren, sondern sie im Gegenteil beherrschen. Folgerichtig kann man nach dem Sightseeing in der Hamburger Innenstadt eigentlich nur noch hochpreisig shoppen. Wer das nicht will, hat schnell mit Langeweile zu kämpfen. Und ebenso folgerichtig ist der Großteil der Innenstadt abends oder am Sonntag wie ausgestorben, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Ich habe nach meiner Ankunft am Sonntag abend einen kleinen Bummel durch die Innenstadt machen wollen und bin dabei kaum einer Menschenseele begegnet. Es war gespenstisch. (Und richtig gruselig wurde es, als ich plötzlich vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude stand. Da hab ich mich erstmal erschrocken …)

Aber zumindest einen kleinen Lichtblick gibt es in der trostlosen Glasfassadeneinöde – das Gängeviertel zwischen Gänsemarkt und Planten un Blomen. Hier stehen noch einige wenige der kleinen und verwinkelt angeordneten Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die früher große Teile der Innenstadt überzogen und in denen vor allem Leute mit niedrigem oder mittlerem Einkommen wohnten, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahhrunderts hinein aber weitestgehend abgerissen worden waren. Der Rest verfiel zusehends, weil die Gebäude für den heutigen Eigenheiminteressenten zu klein waren, aber aufgrund des Denkmalschutzes auch nicht abgerissen oder umgebaut werden durften. Als sich schließlich ein Großinvestor für das Areal zu interessieren begann und große Teile der vorhandenen Bebauung weichen sollten, wurden die Gebäude von Studenten und Künstlern besetzt, die das Viertel seitdem farbenfroh gestalten und so einen kleinen Rückzugsort inmitten des urbanen Konsumexzesses schufen.

  
  
Kunst im Gängeviertel.

 
Etwas Gutes konnte ich den Einkaufszentren eines abends dann doch noch abgewinnen. Nachdem es das Wetter tagelang gut mit mir gemeint hatte, brach am Donnerstag abend nämlich die Regenhölle über Hamburg herein. Und wenn es in Hamburg regnet, dann regnet es richtig. Ein einziger Wasserfall ergießt sich über die ganze Stadt. Dazu dann noch der Wind, der den Einsatz eines Schirms mehr oder weniger sinnlos werden lässt, weil das Wasser mal von oben, kurz danach aber von vorne oder hinten kommt. Ich war zu Beginn der Sintflutprobe gerade im Bereich des Gängeviertels unterwegs – der Witterung entsprechend in kurzen Hosen und Sandalen – und musste nun irgendwie wieder zu meinem Hotel am Hauptbahnhof zurück. D.h., einmal über den Jungfernstieg und über die Mönckebergstraße auf die andere Bahnhofsseite und ins Hotel. Im Grunde war ich nach der Überqerung de Jungfernstieges schon nass bis auf die Knochen. Dennoch empfand ich es sehr wohltuend, dass ich das Stück zwischen Stieg und Mönckebergstraße im Trockenen laufen konnte, indem ich die Europa-Passage durchquerte. Ein wenig hätte ich mir gewünscht, dass auch die Mönckebergstraße selbst überdacht gewesen wäre. So musste ich von Unterstand zu Unterstand hetzen, den Bahnhof durchqueren und erreichte schließlich – immer noch vollkommen durchnässt – das Hotel. Dennoch: als Regenunterstand sind die Einkaufspassagen durchaus zu gebrauchen.

Abgesehen von den beschriebenen Lichtblicken handelt es sich bei der Innenstadt aber leider um eines der langweiligsten und durchgentrifiziertesten Viertel der Stadt. Ein längerer Aufenthalt kann nicht empfohlen werden.

Hier gibt es weitere Bilder der Innenstadt und von Streetart in Hamburg. Letztere hat sich leider etwas vor mir versteckt, ich war wohl nicht an den richtigen Spots unterwegs.

Sep 052013
 

Wer an Hamburg denkt, denkt vielleicht im ersten Moment nicht an die Alster oder den Hafen, sondern an Stripclubs, Straßenstrich und Zuhälterkriege – kurz, an St. Pauli oder dem Klischeebild, das man von St. Pauli hat. Ich habe mir natürlich auch diesen Stadtteil eingehend zu Gemüte geführt. Allzu viele Fotos sind dabei nicht rumgekommen – in bestimmten Ecken wird man nicht gerne fotografiert, im Dunkeln leidet die Qualität meiner Fotos ohnehin und im Hellen fehlt einfach das Flair, das zumindest bestimmte Gegenden ausmacht. Dieser Beitrag wird daher sehr textlastig daher kommen. Zugleich fehlt in ihm, das möchte ich gleich vorwegnehmen, etwas die Kohärenz. Ich habe dort einfach in sehr kurzer Zeit sehr viel erlebt und erfahren, dass sich nur schwer in einen einzelnen Text pressen lässt. Fast jede Ecke in St. Pauli hätte eine eigene Geschichte verdient. Vielleicht mach ich eine entsprechende Reihe nochmal, nachdem ich das Viertel mal wieder besucht hate. Verdient hätte es es allemal.

St. Pauli liegt westlich der ehemaligen Wallanlagen (Stichwort: Planten un Blomen) und zieht sich vom Hafen im Süden bis zum Dammtorbahnhof im Norden. Der Stadtteil ist (in absteigender Reihenfolge) für mindestens 3 Dinge bekannt: (1) Weltweit für seinen Amüsierbetrieb insbesondere auf und um die Reeperbahn, als Ort an dem die Beatles entdeckt wurden, aber auch als Heimat von Sexshops, Stripclubs und Straßenstrich. (2) Zumindest Fußballdeutschland kennt den ansässigen Fußballclub, den FC St. Pauli, der im hiesigen Millerntorstadion residiert. (3) Wahrscheinlich nicht weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt ist der “Dom”, ein dreimal jährlich für jeweils einen Monat stattfindender Jahrmarkt mit diversen Fahrgeschäften auf dem Heiligengeistfeld zwischen Reeperbahn und Millerntorstadion.

  
Links: Panorama von St. Pauli mit Domfest und Millerntorstadion. Rechts: Eingang zum Dom.

 
Was dazwischen oft untergeht ist, dass St. Pauli auch einfach ein ganz normales Wohnviertel ist, mit schönen Gründerzeithäusern, einigen Sozialwohnungen, Supermärkten, kleinen Geschäften und Kneipen und dem allgegenwärtigen Gespenst der Gentrifizierung. Um mehr über den Stadtteil zu erfahren und nicht nur auf der Reeperbahn entlangzustolpern, hatte ich für einen Abend eine Stadtteilführung beim St. Pauli Tourist Office gebucht. Dort führen Einheimische Touristengruppen durch den Kiez und erzählen – teils in Abhängigkeit von der Interessenlage des jeweiligen Guides- von der Geschichte und dem Leben in St. Pauli. In unserem Fall war das eine gerade fertig gewordene Studentin der Kulturwissenschaften und gebürtige Hamburgerin mit zwei Psychoanalytiker-Eltern und einem Faible für Peru (Wir haben nach der Tour noch ein wenig getrunken und gequatscht – erwähnte ich schon, dass ich die Norddeutschen als sehr offen und zugänglich erlebt habe?), die uns zunächst erstmal mit der Geschichte des Kiezes vertraut machte.
St. Pauli war viele Jahre lang nur Vorort von Hamburg und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingemeindet. Zuvor war es eine Art Pufferzone zwischen dem östlich gelegenen Hamburg und dem westlich gelegenen und lange Zeit von den Dänen besetzten Altona. Das bedeutete, dass der Stadtteil beispielsweise regelmäßig niedergerissen wurde, um eine freie Flugschneise für Kanonenkugeln in Richtung der gerade verfeindeten Stadt zu haben. Wenn der Stadtteil gerade nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde, wurden hier vor allem die in der Stadt Unerwünschten angesiedelt. Beginnend mit dem Pesthof und Anstalten für psychisch Kranke, wurden bald auch unliebsame weil beispielsweise geruchsbelästigende Handwerkszweige wie Gerbereien, Tranbrennereien, aber auch Seilmacher (Reepschläger, daher der Name Reeperbahn) aus der Stadt ausgelagert. Das gleiche Schicksal traf auch diverse Amüsierbetriebe und die Prostitution, die im moralisch integren Hamburg natürlich nichts zu suchen hatte. Großen Zuwachs erhielt dieser Berufszweig, nachdem der Hamburger Hafen sich für den internationalen Schiffsverkehr öffnete und große Ladungen monatelang sexuell ausgehungerter Matrosen das Viertel überschwemmten.
Heute konzentriert sich die Prostitution zum einen auf Bordelle und zum anderen auf den Straßenstrich zwischen Davidstraße, Hans-Albers-Platz und Herbertstraße. Deutschlandtypisch ist dabei alles bis ins kleinste Detail geregelt. Die Prostituierten dürfen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ihre Dienste anbieten. Sie müssen dabei einen halben Meter Abstand zueinander einhalten und dürfen sich nur wenige Schritte von ihrem Platz entfernen, wenn sie beispielsweise einen Mann ansprechen wollen. Damit die Chancen gleich verteilt sind, werden gute und weniger gute Stehplätze regelmäßig untereinander getauscht. Eine Besonderheit bildet die Herbertstraße. Diese Parallelstraße zur Reeperbahn ist nur wenige 100 Meter lang. Sie ist durch Sichtblenden von der Straße getrennt und darf nur von Männern über 18 betreten werden (und Prostituierten natürlich). Es handelt sich dabei um kein juristisches Verbot, allerdings bekommt man als Frau wohl wenig schmeichelhafte Dinge von den Prostituierten an den Kopf geworfen, wenn man das Verbot missachtet – jedes weibliche Wesen wird als Konkurrenz fürs eigene Geschäft wahrgenommen. Ich bin mit dem männlichen Teil unserer Stadtteilführung auch einmal durch die Straße gelaufen – die Frauen und Minderjährigen inklusive unserer Führerin gingen außen herum – und viel zu sehen gibt es eigentlich nicht. Die Prostituierten sitzen in Unterwäsche in den Schaufenstern rechts und links der Straße und versuchen, die vorbeigehenden Männer zu sich zu locken und zu einem Stelldichein zu verführen. Im Endeffekt haben wir Männer uns sehr über die entgegengebrachte Aufmerksamkeit gefreut, aber peinlich darauf geachtet, möglichst in der Mitte der Straße zu laufen und das Ende der Straße vollzählig zu erreichen, was uns auch gelungen ist. Dort mussten wir erstmal auf die Frauen warten und vertrieben uns die Zeit, indem wir mit einem gerade vorbeikommenden Junggesellinnenabschied ein paar Schnäpse tranken.


Herbertstraße bei Tag aus dem Doppelstockbus fotografiert. Wie man sieht, sieht man nichts.

 
Natürlich siedeln sich in so einer Umgebung auch viele Stripclubs und Sexshops an. Aber wie es falsch ist, St. Pauli auf die Reeperbahn zu reduzieren, so ist es auch falsch, die Reeperbahn auf Prostitution zu reduzieren. Letztlich handelt es sich bei der Straße und den angrenzenden Nebenstraßen um ein ganz normales Vergnügungs- und Szeneviertel ähnlich der Dresdner Neustadt. Es gibt eine Menge Kneipen, Clubs und Diskotheken, Theater und Kinos und sogar ein Musical-Theater. Auch wer kein Interesse an käuflichem Sex hat, kann sich hier also amüsieren. Wenn man sich dabei außerhalb der üblichen Touristenfallen bewegen will (die sich besonders in dem Bereich der Reeperbahn zwischen Hamburger Berg und Großer Freiheit befinden sollen), sollte in eine der zahlreichen kleinen Bars am Hamburger Berg (“Berg” im norddeutschen Sinne, also vielleicht 20m über Normalnull) gehen und sich dort ein Astra und einen Mexikaner bestellen. Letzterer ist ein in Hamburg erfundener Schnaps aus Tomatensaft und Korn oder Wodka mit dem Geschmack von Nudeltomatensoße, den hier jede Bar selbst nach Geheimrezept mischt und der deshalb überall ein wenig anders schmeckt. Man kann also auch versuchen, möglichst viele Geschmacksvariationen an einem Abend kennenzulernen. Da ich just an jenem Abend aber mit nüchternem Magen unterwegs war, musste ich einen entsprechenden Versuch schon nach der vierten Bar abbrechen (zumal da auch noch die Schnäpse von dem Junggesellinnenabschied und diverse Astra reinspielten).

  
Im Vergnügungsviertel kann es auch mal Stress geben. Waffen sind daher im Bereich der Reeperbahn verboten (links). Allerdings kann man weiterhin Waffen im auf der Reeperbahn angesiedelten Gunshop kaufen (rechts). Man erhält sie dann wohl in einer braunen Papiertüte ausgehändigt.

 
Als ganz normales Szeneviertel, das früher in der besseren Gesellschaft eher verpönt war und daher vor allem sozial Schwache, Künstler und Studenten anzog, hat natürlich auch St. Pauli mit Gentrifizierung zu kämpfen. Was in St. Georg noch am Anfang steht, hat St. Pauli schon fest in der Hand. Die Gentrifizierung hat sich hier sogar ihr eigenes Mahnmal errichtet, die sogenannte Hafenkrone. Auf dem ehemaligen Gelände der Astra-Brauerei gelegen, wurden mitten im quirligen St. Pauli Hochhäuser mit hochpreisigen Eigentumswohnungen, Geschäfts- und Büroräumen hingestellt. Der Kontrast zur Umgebung ist frappierend. Auf der einen Seite die abgewohnten aber liebevoll gestalteten Wohnhäuser, dazwischen viele Menschen und viel Trubel, auf der anderen Seite Hochglanzprospektbauten – und Stille. Wenn man durch die Straßen zwischen den Hochhäusern läuft, trifft man kaum eine Menschenseele. Große Teile des Areals scheinen ausgestorben, leben wollen hier anscheinend die Wenigsten.
Aber die Gentrifizierung macht hier natürlich nicht halt. Neuestes Spekulationsobjekt ist das direkt nördlich der Hafenkrone liegende Esso-Areal, ein aus mehreren Sozialbauten bestehender Komplex, dessen beherrschendes Element jedoch die Esso-Tankstelle mitten im Kiez, kurz die Kiez-Tanke ist. Angeblich handelt es sich hierbei um die umsatzstärkste Tankstelle Deutschlands, was aber weniger am Treibstoffverkauf als vielmehr am längsten Bierregal Deutschlands liegen dürfte. Hier kann man sich nachts mit neuem Alkohol und sonstigem Bedarf eindecken und unserer Führerin meinte, man könne hier ganze Nächte verbringen und einfach nur die vielen Nachtschwärmer beobachten, die sich hier die Klinke in die Hand geben – von Einheimischen über Kiezgrößen bis zum Touristen sei da alles dabei. Die Essotankstelle hatte fast 50 Jahre lang durchgehend geöffnet (und zwar durchgehend im Sinne von 24 Stunden, jeden Tag). Als sie 1999 kurzzeitig geschlossen werden musste, weil beim Abriss der Astra-Brauerei eine alte Fliegerbombe entdeckt wurde und entschärft werden musste, musste erst einmal ein Schlüsseldienst kommen und das Schloss austauschen, weil der alte Schlüssel nicht mehr auffindbar war. Seitdem hat die Kieztanke wieder durchgehend geöffnet. Doch damit wird es in wenigen Jahren vorbei sein. Denn das ganze Areal inklusive der Sozialwohnungen und der Tankstelle wurde von einer bayerischen Investorengruppe gekauft. Die Wohnungen sollen luxussaniert werden, die Kieztanke soll verschwinden.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend, denn die Bewohner des Esso-Areals geben sich kämpferisch, und dies ist eine Eigenschaft, die man bei vielen Paulianern (um mal die Selbstbezeichnung zu gebrauchen) antrifft. St. Pauli ist ein genuin linker Stadtteil, und das sieht man an jeder Ecke. Besonders deutlich aber wird es, wenn man darauf achtet, wie viele Häuser in der Gegend besetzt sind. Paradebeispiel hierfür sind die Häuser an der Hafenstraße, direkt an den St.-Pauli-Landungsbrücken, die seit über 30 Jahren besetzt sind und selbstbestimmt verwaltet und bewohnt werden. Versuche der Räumung führten in der Vergangenheit regelmäßig zu tagelangen Ausschreitungen und einer großen Solidarisierungswelle der Einheimischen mit den Besetzern. Gegenwärtig werden die Bewohner daher wohl geduldet.

  
Besetzte Häuser in der Hafenstraße.

 
Anderswo entzündet sich der Protest an kleineren Ereignissen und findet kreative Ausdrucksformen. Hans Albers war ein berühmter deutscher Schauspieler, der St. Pauli mit vielen seiner Filme bekannt machte (“Auf der Reeperbahn nachts um halb 1″) und wohl auch privat gerne auf dem Kiez verkehrte. Nach seinem Tod wurde ein Platz nach ihm benannt und einige Jahrzehnte später fertigte der Künstler Jörg Immendorf eine Statue von Albers, die auf dem Platz aufgestellt wurde. Weil die Stadt sich jedoch nicht an die Zusage hielt, im Gegenzug den Platz zu sanieren, holte Immendorf die Statue 9 Jahre später zu sich nach Düsseldorf. Zurück blieb nur ein leerer Sockel, über den sich die Anwohner ärgerten. Aus Protest stellten sie eine 2 Meter große Micky-Maus-Statue auf das Podest. Erst daraufhin wurde die Stadt aktiv, bestellte bei Immendorf eine Kopie der Originalstatue und stellte diese auf. Das Original aber steht weiter in Düsseldorf und blickt auf den Rhein.


Kopie der Hans-Albers-Statue auf dem Hans-Albers-Platz.

 
Und manchmal, da scheint die kämpferische Natur des Paulianers sogar auf Menschen überzuspringen, denen man das sonst gar nicht zutraut. So steht auf der Großen Freiheit, zwischen Sexshops und Stripclubs und mit direktem Blick auf den (illegalen) Transgender-Strich in der Schmuckstraße, noch immer eine katholische Kirche. Links vom Eingangstor ist ein Stein mit einer Inschrift eingelassen, die da lautet: “Es gibt nichts, mit dem Jesus nicht fertig wird”.

In diesem Sinne kann ich zumindest für die Bewohner der Sozialwohnungen im Esso-Areal nur hoffen, dass sie nach der Sanierung ihre Wohnungen zu akzeptablen Konditionen wieder beziehen können. Für die Kieztanke aber scheint jede Hilfe zu spät zu kommen – in den Sanierungsplänen ist sie nicht mehr enthalten.

Weitere Bilder gibt es hier.

Aug 142013
 

Mit der Schilderung des Reisens nach Hamburg habe ich den negativen Teil meiner Urlaubswoche quasi schon abgearbeitet und kann nun umso ausführlicher von der wahrscheinlich schönsten und besten Stadt Deutschlands schwärmen. Entgegen vorangeganger Reiseberichte werde ich dabei nicht chronologisch, sondern geographisch erzählen. Damit kann ich hoffentlich einen besseren Eindruck der Orte liefern, an denen ich war und die meistens wesentlich spannender waren als die Dinge, die ich dort getan habe. Wobei letztere natürlich auch nicht zu kurz kommen sollen.
Beginnen möchte ich mit meinem Domizil während der Woche, dem Hotel Village und dem zugehörigen Stadtteil St. Georg, benannt nach dem mehr oder minder bekannten Drachentöter gleichen Namens. Der Titel ist auch eine Reminiszenz an den Autor und Blogger Maximilian Buddenbohm, der hier lebt und arbeitet und dessen liebevolle Schilderung seines Kiez wie auch der norddeutschen Lebensart allgemein mich überhaupt auf den Gedanken brachte, mal nach Hamburg zu fahren. Das mag jetzt etwas stalkerhaft klingen, aber es ist schon spannend, die von ihm beschriebenen Straßen und Plätze plötzlich live und in Farbe vor sich zu sehen und Fotomotive aus dem Blog unvermittelt direkt vor sich wiederzuerkennen. Herr Buddenbohm hat mit der obigen Schilderung von St. Georg übrigens auch die Reihe Der Rest von Hamburg ins Leben gerufen, die sich schon bald über die hansestädtischen Grenzen ausbreitete und in deren Rahmen ich auch schon einmal von meinem Dresdner Viertel schrieb. In Folge dieser Reihe ist übrigens das Projekt Stories and Places entstanden, das Blogbeiträge mit ihren Handlungsorten verknüpft und einem so zum Beispiel vielfältige Städtereisen mit den Augen und Herzen anderer ermöglicht. Ende des Werbeblocks.

Das Hotel Village wirbt damit, das hier bis vor 20 Jahren das beliebteste Edel-Bordell Norddeutschlands untergebracht war. Die Einrichtung wurde wohl weitestgehend erhalten, so dass man beispielsweise auch Hotelzimmer mit Deckenspiegeln über dem Bett bewohnen kann. So luxuriös war mein kleines Einzelzimmer nicht, aber die Wandgestaltung und einige Accessoires machten schon etwas her. Auch dass der Blick aus dem Fenster auf ein Sexkino mit angeschlossenem Spielcasino (oder andersherum?) fiel, darf wohl als Teil des Konzepts verstanden werden. Was das Hotel neben der Einrichtung so besonders macht, ist der Service. Nein, nicht DER Service. Für DEN Service müsste man schon kurz vor die Tür gehen und eine der dort vor allem abends stehenden Damen hinein bitten. Das Personal im Hotel ist einfach sehr freundlich, zugewandt, gibt einem gerne (und gerne auch ungefragt) Ratschläge zur Tagesgestaltung oder plaudert auch nur ein wenig mit einem. Der gemütliche Schnack beim reichhaltigen Frühstücksbuffet ist quasi im Preis inbegriffen. Ich kann das Hotel auf jeden Fall weiterempfehlen, zumal es vom Hauptbahnhof in Null-komma-nix erreicht werden kann. Einmal umfallen, und man ist da. (So, damit sollten sich die 3 € Rabatt pro Tag, die mir der Hotelchef ungefragt eingeräumt hat, für ihn schon wieder gerechnet haben. Jetzt aber wirklich Werbeblock Ende.)

  
Links: Treppenhaus. Rechts: Blick ins Hotelzimmer.
  
Links: Hotel Village. Ich hab hinter dem “Hotel” gewohnt. Rechts: Blick vom Balkon.

 
Das Hotel ist direkt am Bahnhofsvorplatz in den oberen Etagen eines Stadthauses untergebracht. Im Erdgeschoss links neben dem Eingang befindet sich ein türkisches Restaurant, rechts ein Friseur. Das weitere Geschäftsangebot ist breit gemischt und könnte kaum internationaler sein. Restaurants und Imbisse mit unterschiedlichster Küche, Obst- und Gemüsehändler, Im- und Exportgeschäfte, ein Penny, dazwischen auch immer mal wieder Casinos oder Sexshops, gerne auch für den ausgefallenen Geschmack, und gegen Abend auch die ein oder andere Prostituierte auf der Straße, obwohl die Stadt seit 2012 wohl verstärkt gegen sie vorgeht. Das Publikum auf der Straße ist ähnlich breit gefächert. Viele Türken und Araber, Menschen aus Afrika, japanische und deutsche Touristen (letztere meist etwas verschüchtert), breitschultrige Männer denen man die Milieuzugehörigkeit ansieht, englische Punks, und Bettler, deren Sprache und Aussehen man ihre Herkunft nicht entnehmen kann. Am Bahnhofsvorplatz halten sich seit einigen Monaten auch die pressebekannten Flüchtlinge aus Lybien Nordafrika auf, denen dank Unterstützung der Kirche vorerst einige Monate Aufenthalt gewährt wurde und die dort in einem Zelt auf ihre Situation aufmerksam machen. Spannend ist dabei auch, wie friedlich alle Beteiligten nebeneinander koexistieren. Es ist zwar immer laut und immer was los, aber Aggression sieht man kaum.

Dieser Zauber besteht allerdings nur auf wenigen hundert Metern am Anfang des Steindamms. Schon nach der nächsten Querstraße findet man sich in einem mehr oder minder alltäglichen Wohnviertel wieder. Nur hin und wieder ist dann noch erkennbar, dass man sich in einem eher alternativen Stadtteil befindet. Beispielsweise, wenn man über eine öffentliche Tauschkiste stolpert. Oder über die Außenmauer eines Spielplatzes, die die Kinder anscheinend bemalen durften (oder jedenfalls bemalt haben). Und an den Regenbogenfahnen, die an jeder Bar in der Langen Reihe wehen. St. Georg scheint auch das Schwulenviertel der Stadt zu sein. (Kleine Anekdote am Rande: Das Hotel Village wird von einem schwulen Pärchen geführt. Eine der beiden wollte mich am Freitag überreden, am Freitag Abend doch zum “Lederfest” (dem Spike Leather Festival, sagt Google) im Viertel zu gehen. “Heute abend sind 2000 Männer in diesen Straßen unterwegs, die alle nur Unsinn im Kopf haben.” Er war glaub ich ein wenig enttäuscht, als ich mich als Hete geoutet habe.) Im wirklich krassen Gegensatz zu dieser Subkultur-Melange stehen dann die Prachthäuser an der Alster, unter ihnen auch das Fünf-Sterne-Hotel Atlantic-Kempinski, in dem Udo Lindenberg seit mehreren Jahrzehnten wohnt.

  
Links: Tauschkiste. Rechts: Bar mit Regenbogenfahnen.
  
Links: Die Geschichte des Namenspatrons. Rechts: Hotel Atlantic und Außenalster.

 
Leider ist St. Georg immer noch andersartig genug, um für Immobilienspekulanten interessant zu sein. Die Ergebnisse der Gentrifizierung sieht man vor allem in Alsternähe, aber langsam fressen sie sich auch ins Viertel selbst hinein. Neben den alteingesessenen Stadthaushotels eröffnen erste Bettenburgen in Bahnhofsnähe. Die Casinos und Sexshops verschwinden langsam, die Prostitution wird in die Illegalität gedrängt. Auch Zeugnisse des Widerstandes finden sich, wenn auch nur vereinzelt. Langfristig aber fürchte ich, wird sich das Internationale, Multi- und Subkulturelle nicht halten können, oder nur in Form von Touristenattraktionen wie es in St. Pauli der Reeperbahn passiert ist.

  
Links: Ursprüngliche Bebauung vs. Gentrifizierung. Rechts: Protestartikulation.

 
Das Schlimme ist: Wenn man jetzt hinfährt, um sich den momentanen Zustand, der ja auch nicht mehr der Ursprüngliche ist, vor seiner Gleichschaltung anzusehen, wird man als Geld hineintragender Tourist unfreiwillig Teil der Vernichtungsmaschinerie. Vielleicht hilft es, sein Geld wenigstens bei den lokalen Händlern zu lassen. Zum Beispiel bei dem Händler einige Meter vom Hotel Village entfernt, von dem ich mir, ohne den Namen gemerkt zu haben, sehr sicher bin, dass er identisch ist mit “Sömnez 1″ aus dem Text des Herrn Buddenbohm.

Alle und noch mehr Bilder gibt es auch in größer in der Galerie.

Dec 312012
 

 

Schräg gegenüber zieht demnächst wohl die Gentrifizierung ein.

- 12 Eigentumswohnungen, ca. 82-140 m² – massives Eichenparkett in Wohnräumen
- 3, 4 u. 6 RWE in Haupt- und Gartenhaus – Fußbodenheizung
- individuelle Grundrisse möglich – Aufzug, Tiefgaragenstellplätze
- großzügige Balkonflächen – KfW 70, Solaranlage
- zertifiziert durch TÜV-SÜD – Kaminzug optional

Da kann ich mich wohl bald von meinen 5€ Kaltmiete pro Quadratmeter verabschieden. Oder ich tu mich mit den Nachbarn zusammen, und arbeite aktiv gegen steigende Mietpreise.

Ich könnte zum Beispiel mit den Alkis reden, die manchmal vor dem Spätshop nebenan rumlungern. Die können sich nachts ruhig mal etwas lauter anbrüllen. Und ab und zu mal an den Grundstückszaun der neuen Nachbarn pissen.

Oder ich rede mit der Schreimutti von Gegenüber. Soll die das Fenster ruhig auch im Winter offen lassen, damit man ihr Gekeife besser hört. Ihr Schreikind kann selbstverständlich auch sein Scherflein zur Geräuschkulisse beitragen.

Und die Kinder aus dem Reihenhaus hinten raus können ruhig mal etwas ausgelassener draußen spielen. Das soll einige Leute ja auch zu den lustigsten Handlungen treiben.

Die Hundehalter der Gegend wissen jetzt natürlich auch, wo ihre vierbeinigen Lieblinge ihr Geschäft bevorzugt zu verrichten haben.

Nicht zu vergessen die motorisierten Anwohner, die in der 30er-Zone mit 50 durch die einspurige kopfsteinbeflasterte Straße rattern. Vollbremsungen mit quietschenden Reifen wegen unerwarteten Gegenverkehrs dann bitte direkt vor der Hausnummer 9.

Wenn wir alle mit anpacken, können wir etwas tun gegen steigende Mietpreise. Man muss schließlich zusammenhalten, so als gute Nachbarschaft.