Sep 282013
 

So langsam nähern wir uns dem Ende der Hamburg- Oktologie. Zum Abschluss möchte ich euch von zwei Vierteln berichten, die direkt nebeneinander liegen und ohne Vorwarnung ineinander übergehen, aber so unterschiedlich sind wie man es sich nur vorstellen kann. Die Rede ist von der Speicherstadt auf der einen und der Hafencity auf der anderen Seite.
Eigentlich ist diese Einleitung schon falsch, denn die Hafencity ist Teil der Speicherstadt. Genauer gesagt, sie ist Teil des Aufwertungskonzepts der Speicherstadt. Wir sind also mal wieder beim leidigen Thema Gentrifizierung, bei absurd teuren Eigentumswohnungen, geleckten Prachtstraßen und pseudohanseatischem Chic. Aber bevor ich mich jetzt unnötig in das Thema hineinsteigere, will ich erst einmal versuchen, euch ein Bild der beiden Gebiete an die Hand zu geben – so sachlich und objektiv, wie es mir eben möglich ist.

Die Speicherstadt ist ein komplett auf dem Wasser, d.h. auf Millionen Eichenstämmen mitten in der Elbe stehender Lagerhauskomplex, der Ende des 19. Jahrhunderts östlich des Hamburger Hafens errichtet wurde. Dazu wurden die seit dem 16. Jahrhundert hier entstandenen Siedlungen auf den Inseln Kehrwieder und Wandrahm abgerissen und die Bevölkerung zwangsumgesiedelt. Die Speicherstadt wurde benötigt, weil sich Hamburg mit der Gründung des deutschen Reiches in die Pflicht genommen sah, baldmöglichst auch dem deutschen Zollverein beizutreten. Gleichzeitig beharrten aber viele der ansässigen Händler und Kaufleute darauf, weiterhin zollfrei Importgüter zu lagern, zu veredeln und zu verarbeiten. Um also den Überseehandel weiter zollfrei abwickeln zu können, wurde die Speicherstadt gebaut und bei der Fertigstellung des ersten Teilstücks 1888 zum Freihafengebiet erklärt, so dass die deutsche Zollgesetzgebung hier keine Anwendung finden konnte.
Baulich handelt es sich um sieben- bis achtstöckige neugotische Backsteinhäuser, die jeweils an einer Seite an der Straße und an der anderen Seite an einer der zahlreichen Wasserstraßen liegen, die sich durch das Viertel ziehen. Durch diese Lage konnten die Waren immer direkt vom Schiff in die Lager und später bei der Auslieferung dann auf der anderen Seite auf Pferdefuhrwerke und später Autos verladen werden. Das Gebiet war also in erster Linie Arbeits- und nicht Wohnort.

  
Speicherstadt.

 
Dennoch oder gerade deswegen ist die Speicherstadt sehr malerisch anzusehen. Die langgezogenen Klinkerbauten scheinen direkt im Wasser zu stehen, getrennt von unzähligen, teilweise doppelstöckigen Brücken, mit denen man die Straßen zwischen den Häusern, aber auch verschiedene Ebenen in den Häusern selbst erreichen kann. Alles ist in seiner Formensprache sehr streng und funktional gehalten und wirkt dennoch anheimelnd anachronistisch. Da sind die metallern glänzenden Giebelhauben, die auf der Wasserseite die Dachkonstruktion jedes Lagers in regelmäßigen Abständen unterbrechen. Darunter hängen die Seilwinden, die früher zum Heraufziehen der Waren von den Booten genutzt werden, seltsam nutzlos im Wind. Als Lager genutzt wird das Areal kaum noch. Einige Teppichhändler haben hier noch ihre Warenhäuser. Ansonsten wird das große Platzangebot auf mehreren Ebenen vor allem von diversen Museen genutzt, von der größten Modelleisenbahnanlage der Welt, dem Hamburg Dungeon, der Hafenbehörde, einer Schule für Musicaldarsteller und diversen Werbeagenturen und Internet-Start-Ups.

  
  
Mehr Speicherstadt.

 
Deren Mitarbeiter und Besitzer können inzwischen auch direkt an der Speicherstadt wohnen. Seit Ende der 90er wird nämlich direkt dahinter und teilweise auch darauf die sogenannte Hafencity errichtet, ein vollkommen neuer Stadtteil direkt an der Elbe, der einmal Wohneinheiten für 12.000 Personen und Arbeitsplätze für bis zu 40.000 Personen schaffen soll. Was in der Theorie gar nicht schlecht klingt, scheitert im (Zwischen-)Ergebnis leider an der Geschmacklosigkeit der beteiligten Architektenbüros (oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass die Häuser aussehen, wie sie aussehen). Aber macht euch erstmal selbst ein Bild:

  
Links: Hafencity-Skyline. Rechts: Die große Plage des 21. Jahrhunderts – runde Ecken.

 
Die neuen Häuser sind optisch vollkommen inkompatibel zueinander. Man hat das Gefühl, jedes Einzelne versuche sich zu profilieren und in den Vordergrund zu spielen. Eine Harmonie wie bei der gleichförmigen und dennoch nicht langweiligen Bebauung der historischen Speicherstadt ist überhaupt nicht gegeben. Zudem beinhalten die Wohnhäuser vornehmlich Eigentumswohnungen und öffnen so mal wieder Tür und Tor für die Seggregierung der betuchten Einwohnerschaft Hamburgs vom Rest der Bevölkerung. Schon vor Fertigstellung der Anlage, die für die 2020er Jahre geplant ist, mausert sich das Gebiet zum Nobelviertel. Fast schon absurd muten da die Versuche an, den maritimen Charme der Gegend zu erhalten (wie gesagt, wir befinden uns faktisch auf dem Wasser). Da wird auch schon mal ein alter Verladekran auf die Promenade gepflanzt, dessen Schienensystem genau 2 m rechts und links von ihm endet und der also bewegungsamputiert und nutzlos mit dem Wind um die Wette heult und traurig auf die Menschen unter ihm herabschaut …

  
Links: Trauriger Verladekran. Rechts: Neu gebauter “Traditionsschiffhafen”.

 
… vorausgesetzt natürlich, es läuft gerade ein Mensch vorbei. Denn ähnlich wie bei der Hafenkrone in St. Pauli scheint auch hier die wohlhabende Anwohnerschaft nie zu Hause zu sein oder sich immer sofort in ihre Behausungen zu verkriechen. Auf den Straßen und Promenaden ist jedenfalls unglaublich wenig los, lediglich die Touristen scheinen hier etwas Leben hinzubringen.

Die Touristen wiederum sind meistens aus einem von zwei Gründen in der Hafencity: entweder wollten sie sich die Speicherstadt ansehen, sind zu weit gelaufen und blicken nun entsetzt auf das Architekturmassaker vor sich. Oder sie wollen sich eins der Top3-gescheiterten -verzögerten Großbauprojekte anschauen: Die Elbphilharmonie.
Beziehungsweise die Baustelle der Elbphilharmonie. Theoretisch sollte die Elbphilharmonie zwar schon 2010 fertiggestellt sein, inzwischen geht man jedoch von einer Eröffnung 2017 aus. Angeblich gibt es für die erste Spielzeit schon Karten zu kaufen und ganz Optimistische kaufen die wohl sogar. Die Kosten für den Bau sollten ursprünglich 77 Millionen Euro betragen, inzwischen ist man bei 575 Millionen (Plus Mehrwertsteuer. Ja, wirklich.).
Architektonisch kann man den Bau gut finden, muss aber nicht. Die Basis bildet der ehemalige Kaispeicher A, der auch nach dem Bau noch erkennbar sein soll. Vor Ort konnte ich mich davon nicht überzeugen, weil der gesamte untere Bereich eingerüstet war. Oben auf den Speicher wurde dann eine riesige Stahl- und Glas-Konstruktion gesetzt, die in ihrem wellenförmigen Verlauf wohl das Wasser repräsentieren soll. Das hat durchaus etwas, allerdings finde ich den ganzen Komplex mit an der Spitze 110m (und damit nach seiner Fertigstellung das höchste bewohnte Gebäude Hamburgs) etwas überdimensioniert. Zumal er durch seine prominente Platzierung an der Kehrwiederspitze auch von vielen Punkten der Stadt und insbesondere im Hafen gesehen werden kann und man nach einiger Zeit vom Anblick ziemlich übersättigt ist.

  
  
Elbphilharmonie in diversen Variationen.

 
Was bleibt als Fazit? Die Speicherstadt ist definitiv einen Besuch wert. Nicht nur, aber auch wegen der Architektur. Aber auch der Hamburg Dungeon und die Modelleisenbahnlandschaft sollen durchaus sehenswert sein, wobei ich mich davon nicht selbst überzeugt habe. Einen Blick in die Hafencity kann man auch mal werfen. Und wenn es nur ist, um zu schauen, ob sich die Kräne an der Elbphilharmonie denn etwas drehen und Geschäftigkeit simulieren. (Taten sie bei meinem Besuch nicht.) In jedem Fall sollte man sich in diesem Bereich der Stadt aber vor Oberklassewagen mit eingebauter Vorfahrt in Acht nehmen, die einen unerwünschterweise ein Stück mitnehmen wollen. Beide Fast-Überfahr-Erlebnisse, die ich in Hamburg in dieser Woche hatte, fanden in der Hafencity statt.

  
Alt und neu im Ensemble.

 

Damit endet die Hamburg-Oktologie. Die Bilder zu Speicherstadt und Hafencity findet ihr hier. Es folgt noch ein Beitrag zu meinem Tagesausflug nach Helgoland und dann wenden wir uns erstmal wieder anderen Zielen zu.

Sep 212013
 

Nun habe ich schon so viel über Hamburg geschrieben, ohne näher auf das Herzstück der Stadt eingegangen zu sein. Die Anlage, die Hamburg den Titel Hansestadt eingebracht hat. Die Anlage, die überhaupt erst dazu geführt hat, dass sich in St. Pauli ein weltbekannter Amüsierbetrieb entwickeln konnte. Die Anlage, die maßgeblich für das multikulturelle Flair Hamburgs verantwortlich ist. Die Anlage, die immerhin 10% der Fläche der Stadt ausmacht. Kurz: Der Hafen.
Der Hafen ist Ausflugsziel, Personenbeförderungsort, Warenumschlagsplatz, Schiffswerkstatt und Fressmeile in einem. Er befindet sich in einem Bereich der Elbe, in dem diese sich mehrfach teilt und viele größere und kleinere Inseln umspült, auf und zwischen denen sich Werften und Hafenanlagen angesiedelt haben. Diese sieht man als zu Fuß gehender Tourist auf der nordelbischen Seite aber teilweise nur am Horizont. Für den gemeinen Besucher ist das Herzstück des Hafens, der Abfahrtsort von Fähren, und Ausflugsschiffen, die St. Pauli-Landungsbrücken.


Hamburger Hafen vom Michel aus gesehen.

 
Von den St. Pauli-Landungsbrücken wiederum sieht man als erstes das Anfang des 20. Jahrhunderts fertiggestellte Abfertigungsgebäude für die damals hier noch verkehrenden Personendampfer der Überseelinien. Von ihnen führen 10 Brücken zum eigentlichen Schiffsanleger hinunter, der auf schwimmenden Pontons ruht und sich daher mit den Gezeiten (hier, in 100km Entfernung zur Nordsee immer noch knapp 4m Unterschied zwischen Ebbe und Flut) hebt und senkt. Hier unten auf den Pontons findet man dann auch viele Cafes, Eisdielen und Restaurants, aber natürlich auch den Fähranleger und die Abfahrtspunkte diverser kleinerer Ausflugsschiffe (beispielsweise nach Helgoland) oder von Barkassen, die Rundfahrten über die Alster, in die Speicherstadt (gezeitenabhängig, nur bei Ebbe) oder durch den Containerhafen anbieten. Die heutigen Kreuzfahrtschiffe legen zwar auch in Hamburg an, wegen ihrer Größe aber nicht mehr an den Landungsbrücken, sondern entweder etwas elbabwärts in Altona oder etwas flußaufwärts im Bereich der Hafencity.


Abfertigungshallen an den Landungsbrücken

 
Im Bereich der Landungsbrücken finden sich auch einige ältere Schiffe, die heute meist als Museums- und/oder Restaurantschiffe fungieren. Dazu gehören die Cap San Diego, ein 1961 gebautes Frachtschiff, das im Liniendienst zwischen Hamburg und Südamerika stand. Seit 1986 wurde sie zum Museumsschiff umgebaut und ist heute das größte noch fahrtüchtige Museumsfrachtschiff der Welt. Daneben liegt hier auch die Rickmer Rickmers. Hierbei handelt es sich um ein dreimastiges, stählernes Frachtsegelschiff, das 1896 von der Reederei Rickmer Clasen Rickmers fertiggestellt und nach dem Enkel des Reeders, Rickmer Rickmers benannt wurde (man beachte die Kreativität bei der Namensfindung). Seit 1983 dient sie als Museumsschiff und blickt auf eine belebte Vergangenheit zurück. Von 1896 bis 1912 fuhr sie für die Reederei Rickmers vor allem nach Asien und Nordamerika. Danach wurde sie an die ebenfalls in Hamburg ansässige Reederei Krabbenhöft verkauft und pendelte nun unter dem Namen “Max” zwischen Europa und Chile. In den Wirren des ersten Weltkriegs wurde sie 1916 vor den Azoren von Portugal beschlagnahmt und unter dem Namen “Flores” zum Kriegsgütertransport nach Großbritannien eingesetzt. Ab 1924 wurde sie als Segelschulschiff der portugiesischen Marine genutzt und dafür in “Sagres” umbenannt. Nach ihrer Außerdienststellung 1962 lag sie als “Santo Andre” in einem Marinehafen bei Lissabon vor Anker. 1978 wurde der Verein “Windjammer für Hamburg” auf das Schiff aufmerksam und tauschte es 1983 gegen die Yacht “Anne Linde” ein.

  
Links: Cap San Diego. Rechts: Rickmer Rickmers.

 
Neben diesen klassischen Museumsschiffen findet sich etwas elbabwärts, in der Nähe der Altonaer Fischauktionshalle, noch eine kleine Rarität: Das Museums-U-Boot U-434. Das U-Boot wurde 1976 gebaut und stand bis 2002 unter sowjetischer bzw. russischer Flagge im Dienst. Es wurde vor allem für Spionageeinsätze genutzt und besitzt daher eine 6cm dicke Gummibeschichtung, die es für Sonar nahezu unsichtbar machen soll. Nach der Außerdienststellung wurde es für eine Million Euro von Investoren gekauft und für eine weitere Million nach Hamburg gebracht.

  
U-434.

 
Womit wir auch schon eine weitere Sehenswürdigkeit des Hafens angesprochen hätten: Die Altonaer Fischauktionshalle am Fischmarkt. Die Halle wurde 1896 nahe des damals neu errichteten Fischereihafens von der eigenständigen Stadt Altona (heute Hamburg-Altona) errichtet, um dem damals noch verfeindeten Hamburg Konkurrenz zu machen. Der Bau ist einer dreischiffigen Basilika nachempfunden und soll an antike römische Markthallen erinnern. Aufgrund der hervorragenden Umsätze der Markthalle errichtete Hamburg bald darauf eine eigene Fischauktionshalle ganz in der Nähe. Beide Bauten wurden im zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, doch nur die Altonaer Halle wurde in den 70ern Jahren wieder aufgebaut. Dies war vor allem dem Engagement Hamburger Bürger zu verdanken, die Stadt selber hatte eher mit einem Abriss geliebäugelt.
Die Reste der Hamburger Fischauktionshalle wurden 1971 abgerissen, um Platz für Büro- und Geschäftsbauten zu schaffen. Aus diesen Plänen wurde aber nichts, heute befindet sich hier ein Parkplatz. Auf diesem findet jeden Sonntag von 5 Uhr (im Winter von 7 Uhr) bis 9:30 Uhr ein großer Fisch- und Lebensmittelmarkt statt. Wie sich jeder denken kann, konnte ich diesen aufgrund der unchristlichen Zeit aber nicht besuchen. Die Auktionshalle selbst wird heutzutage für diesen Fischmarkt und ansonsten vor allem für PR-Events genutzt.

  
Fischauktionshalle.

 
Blickt man von den Landungsbrücken über die Elbe, so schaut man auf die Insel Steinwerder, die den östlichen Teil des eigentlichen Hafengeländes bildet. Hier befindet sich eines der Musical-Theater Hamburgs, für das es an Spieltagen immer einen extra Fährshuttle-Service von den Landungsbrücken aus gibt. Flussabwärts daneben sieht man die Docks der Werft Blohme+Voss, die während meines Besuchs gerade einen Tanker generalüberholten. Vor der Werft schwimmt auf der Elbe das sogenannte “Dock 10″, das größte Schwimmdock der Welt. Das Dock kann abgesenkt werden, so dass ein Schiff hineinfahren kann. Anschließend wird es wieder angehoben, so dass das Schiff selbst auf dem Trockenen liegt und an ihm gearbeitet werden kann. Die ganze Konstruktion selbst schwimmt aber weiterhin auf der Elbe.

  
Links: Werft von Blohme+Voss. Rechts: Dock 10.

 
Flussabwärts der Werft geht es linkerhand dann in Richtung des eigentlichen Containerhafens. Hier beladen die großen Kräne, die die Hafenskyline beherrschen, fast vollautomatisch die Schiffe. Dabei werden bis zu 11 Container aufeinander gestapelt. Und das, obwohl die wirklich großen Schiffe gar nicht nach Hamburg fahren. Für sie ist die Fahrrinne in der Elbe bis zum Hafen nämlich zu klein. Daher fahren die hier beladenen Schiffe meist nur im europäischen Raum. Für Fracht nach Übersee müssen die Container noch einmal im großen Hafen von Rotterdam umgeladen werden.

  
Containerhafen.

 
Auf die Insel Steinwerder kommt man sogar trockenen Fußes zu Fuß, indem man unter der Elbe hinüber läuft. An den Landungsbrücken befindet sich nämlich auch der Eingang zum alten Elbtunnel, durch den PKW, Fahrräder und Fußgänger auf die Insel fahren bzw. laufen können (die beiden letzteren sogar kostenlos). Der Tunnel wurde 1911 angelegt und ist über 400m lang. Treppen oder Fahrstühle bringen Mensch und Fahrzeug auf beiden Seiten der Elbe in und aus dem eigentlichen Tunnelschacht. Der Schacht selbst ist sehr schön gestaltet und wird gerade restauriert. Das führt dazu, dass nur eine der beiden Tunnelröhren benutzbar ist. In der Folge herrscht hier für PKW von 5:30 Uhr bis 13 Uhr Einbahnverkehr von den Landungsbrücken nach Steinwerder, von 13 bis 20 Uhr dreht sich die Fahrtrichtung um.
Auf Steinwerder Seite mündet der Tunnel direkt flussaufwärts neben der Blohme+Voss-Werft. Von hier hat man einen tollen Blick auf die Landungsbrücken, die hafennahen Teile der Innenstadt und die Speicherstadt sowie Teile der Hafencity wie der noch unvollendeten Elbphilharmonie. Hier könnte ich stundenlang sitzen und mir den Trubel auf dem Wasser anschauen. Es ist definitiv einer meiner Lieblingsplätze in Hamburg.

  
  
Alter Elbtunnel.

 
Als Ausflugsort kann ich den Hafen nur empfehlen. Auf einer Hafenrundfahrt durch den Containerhafen kommt man richtig nahe an die wirklich großen Schiffe heran und erfährt allerhand Wissenswertes über die Frachtschifffahrt, aber auch über den Schiffsbau und die -instandhaltung (und das die Asiaten durch Preisdrückerei den Hamburger Werften das Leben schwer machen). Allerdings sollte man den von mir begangenen Fehler vermeiden, die Fahrt in der prallen Mittagssonne anzutreten. Man ist nämlich anderthalb Stunden mit einer oben offenen Barkasse unterwegs. Am Ende hatte ich zwar zum Glück keinen Sonnenstich, aber immerhin einen ordentlichen Sonnenbrand.
Auch ansonsten mag ich es, den Trubel und das Treiben am und auf dem Wasser zu beobachten. Auf den Landungsbrücken selbst ist dabei durch die vielen Fressstände für meinen Geschmack aber schon fast wieder zu viel los. Ich hab mich dann lieber auf der Höhe der Fischhalle an die Elbe gesetzt oder bin durch den Elbtunnel noch Steinwerder gegangen, um die Landungsbrücken aus der Ferne zu beobachten. Und wer könnte es mir bei diesem Panorama verdenken?

  

 

Mehr Bilder gibt es hier.

Sep 142013
 

Wo ich mich gerade schon über rote Ampeln ausgelassen hab, muss ich direkt noch einen Nachtrag zu diesem Hamburg-Beitrag machen, der sich des Themas ja auch schon annahm. (Btw, willkommen im Ampelblog.)

Was mich in Hamburg ziemlich irritiert hat, waren die unvollständigen Ampelkreuzungen. Sprich, es gab beispielsweise an allen vier Einmündungen Ampeln für den Straßenverkehr, aber nur an zwei oder drei davon auch Fußgängerampeln. Gesetzestreue Bürger müssen also gegebenenfalls drei Ampeln in genauso vielen Ampelphasen überwinden, um eine einzige Straße zu überqueren. Irgendwann stellte ich dann fest, dass diese Form der Ampelkreuzung bevorzugt in der Nähe von U-Bahn-Stationen auftrat, wo es beidseitig der Straße Eingänge ins U-Bahn-System gibt, die man zum unterirdischen Überqueren (Unterqueren?) der Straße nutzen kann. Anscheinend gehen die Hamburger Stadtplaner davon aus, dass sich diese Nutzungsmöglichkeit jedem sofort erschließt. Diesen Stadtplanern möchte ich hiermit mitteilen: Nein, tut es nicht.

Sep 122013
 

Natürlich kommt eine Reise nach Hamburg nicht ohne einen Bummel durch die Innenstadt aus. Im Gegensatz zu meiner Euphorie bezüglich Alster und Planten un Blomen auf der einen Seite und St. Pauli auf der anderen Seite fällt mein Resümee hier eher gemischt aus. Wenn ich von der Innenstadt spreche, dann meine ich den Bereich, der im Westen an Planten un Blomen, im Norden an die Alster, im Osten an St. Georg und im Süden an den Hafen angrenzt. Hier stehen einige der bekanntesten Bauwerke Hamburgs. Leider nicht nur die. Aber der Reihe nach.

Das Hamburger Rathaus befindet sich südlich der Binnenalster an der sogenannten Kleinen Alster, dem kleinen Reststück Alster hinter dem Staudamm Jungfernstieg kurz vor der Mündung in die Elbe. Es ist Sitz des Senats und der Bürgerschaft, also von Parlament und Regierung des Stadtstaates. 1897 fertiggestellt, ist es eines der wenigen erhaltenen Gebäude des Historismus, bei dem in diesem Fall Elemente italienischer und norddeutscher Renaissance miteinander kombiniert wurden. Der Bau wurde an der Rückseite der Hamburger Börse errichtet, welche als einziges Gebäude in diesem Gebiet den Großen Brand von 1842 überstanden hatte, und ruht auf 4000 in den Boden gerammten Eichenstämmen. In den Fensternischen sind 20 Könige und Kaiser des alten deutschen Reiches abgebildet, darüber thronen im Bereich des Mittelturms die Darstellungen der bürgerlichen Tugenden von Weisheit, Eintracht, Tapferkeit und Frömmigkeit. Dies sollte die Freiheit der Hansestadt gegenüber der damals herrschenden Krone symbolisieren.

  
Hamburger Rathaus.

 
Daneben finden sich in der Innenstadt mehrere bekannte Kirchgebäude. Entlang der Mönckebergstraße, zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, finden sich zwei der fünf evangelischen Hauptkirchen Hamburgs, St. Petri und St. Jacobi. St. Petri liegt an der Ecke Mönckebergstraße und Bergstraße und markiert mit knapp 9,50 m ü. NN den höchsten Punkt der Hamburger Altstadt. (Damit wird auch klar, was Hamburger unter einem Berg verstehen.) Es handelt sich um die älteste Pfarrkirche Hamburgs, deren Vorgängerbauten bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Im 20. Jahrhundert spielte sie mehrere Male eine Rolle im Rahmen von Anti-AKW-Protesten. 1979 wurde die Kirche von 400 Atomkraftgegnern besetzt, die anlässlich des Unfalls in Harrisburg auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam machten. Unter den Besetzern befanden sich 10 Pastoren, von denen einer der heutige Hauptpastor der Kirche ist. Anlässlich einer Demonstration nach Fukushima seilten sich 2011 Aktivisten von Robin Wood an der Kirchenfassade ab und befestigten dabei ein Transparent und ein Banner gegen Atomkraft.
St. Jacobi geht auf eine Kapelle zurück, die an einem der zahlreichen Jakobswege in Europa stand und erhielt daher ihren Namen. Auffällig an ihr ist vor allem der futuristisch gestaltete Kirchturm. Die im 14. Jahrhundert errichtete Kirche wurde im zweiten Weltkrieg stark beschädigt, der Turm stürzte ein. Beim Wiederaufbau hielt man sich an die mittelalterlichen Baupläne, nur der Turm wurde von einem Architektenbüro neu gestaltet, so dass die Kirche im Panorama von Hamburg nun immer sofort ins Auge fällt.

  
Links: Hauptkirche St. Petri. Rechts: Hauptkirche St. Jacobi.

 
Ein Stück südlich dieser beiden Hauptkirchen finden sich die Überreste der Hauptkirche St. Nicolai, die im zweiten Weltkrieg ebenfalls schwer beschädigt wurde und von der heute mehr oder weniger nur noch der Kirchturm steht. Sie wurde nicht wieder aufgebaut, um als Mahnmal der “Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945″ zu dienen. Zu diesem Zweck wurde in der erhaltenen Krypta der Kirche ein Dokumentationszentrum eingerichtet, mit einer ständigen Ausstellung zu den Bombenangriffen auf Hamburg, aber auch auf Warschau und Coventry. Im Turm befindet sich außerdem ein Panoramalift, der zu einer Aussichtsplattform auf 76 Meter Höhe führt, von der man einen guten Blick über die Hamburger Innenstadt hat.

  
St.-Nicolai-Ruine.
  
Blick vom Kirchturm St. Nicolai.

 
Westlich der Nicolairuine und fast schon in St. Pauli findet man schließlich die bekannteste der Hauptkirchen Hamburgs und gleichzeitig eines der Wahrzeichen der Stadt: St. Michaelis oder kurz Michel. Sie ist dem Erzengel Michael geweiht und gilt als bedeutendste Barockkirche Norddeutschlands. Der Kirchturm ist mit 132 Metern Höhe der zweithöchste Hamburgs und wie bei der Nicolaikirche gibt es eine Aussichtsplattform, diesmal auf 106 Metern Höhe. Von hier aus sieht man nicht nur die Innenstadt, sondern auch nach St. Pauli und bis zur Sternschanze, zum Hafen und in die Speicherstadt. Der Michel beherbergt die größte Kirchturmuhr Deutschlands, mit Zifferblättern von 8 Meter Durchmesser und jeweils über 100 kg schweren und mit Blattgold ummantelten Zeigern und Ziffern.

  
Hauptkirche St. Michaelis, auch Michel genannt.

 
Auch neben diesen Sehenswürdigkeiten gibt es einige schöne Flecken in der Innenstadt. Sie ist von vielen Kanälen und Kanälchen durchzogen, auf denen vermutlich früher Handelswaren bis direkt an die Bürgerhäuser der Händler herantransportiert wurden. Auch diese Bürgerhäuser sind, so sie noch erhalten sind, sehr hübsch anzuschauen. Einige davon habe ich euch schon gezeigt, als ich meinen allgemeinen Eindruck von Hamburg schilderte. Die Kanäle und Kanälchen werden von unzähligen Brücken überspannt (wie schon erwähnt ist Hamburg Brückenhauptstadt Europas), die in teils malerische verwinkelte kleine Gässchen münden. Alles könnte so schön sein …

  
Stadthäuser am Wasser.

 
… gäbe es hier nicht auch gefühlt 12 Millionen Einkaufszentren und Shoppingareale. Das fängt auf der Mönckebergstraße an, die sich vom Hauptbahnhof zum Rathaus zieht, geht weiter über die “Europa-Passage”, die Mönckebergstraße und Jungfernstieg verbindet, auf dem Jungfernstieg selbst natürlich ebenfalls, bevor sich dann in Richtung Hafen die Alsterarkaden, und die Bleichenhof-Passage und in Richtung Gänsemarkt die Gänsemarkt-Passage anschließen. Diese Komplexe sind dann von außen zumeist als die allgemein bekannten Stahl- und Glaskonstruktionen ersichtlich, die sich in keinster Weise harmonisch in die Umgebung integrieren, sondern sie im Gegenteil beherrschen. Folgerichtig kann man nach dem Sightseeing in der Hamburger Innenstadt eigentlich nur noch hochpreisig shoppen. Wer das nicht will, hat schnell mit Langeweile zu kämpfen. Und ebenso folgerichtig ist der Großteil der Innenstadt abends oder am Sonntag wie ausgestorben, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Ich habe nach meiner Ankunft am Sonntag abend einen kleinen Bummel durch die Innenstadt machen wollen und bin dabei kaum einer Menschenseele begegnet. Es war gespenstisch. (Und richtig gruselig wurde es, als ich plötzlich vor dem Axel-Springer-Verlagsgebäude stand. Da hab ich mich erstmal erschrocken …)

Aber zumindest einen kleinen Lichtblick gibt es in der trostlosen Glasfassadeneinöde – das Gängeviertel zwischen Gänsemarkt und Planten un Blomen. Hier stehen noch einige wenige der kleinen und verwinkelt angeordneten Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die früher große Teile der Innenstadt überzogen und in denen vor allem Leute mit niedrigem oder mittlerem Einkommen wohnten, die bis in die 60er Jahre des 20. Jahhrunderts hinein aber weitestgehend abgerissen worden waren. Der Rest verfiel zusehends, weil die Gebäude für den heutigen Eigenheiminteressenten zu klein waren, aber aufgrund des Denkmalschutzes auch nicht abgerissen oder umgebaut werden durften. Als sich schließlich ein Großinvestor für das Areal zu interessieren begann und große Teile der vorhandenen Bebauung weichen sollten, wurden die Gebäude von Studenten und Künstlern besetzt, die das Viertel seitdem farbenfroh gestalten und so einen kleinen Rückzugsort inmitten des urbanen Konsumexzesses schufen.

  
  
Kunst im Gängeviertel.

 
Etwas Gutes konnte ich den Einkaufszentren eines abends dann doch noch abgewinnen. Nachdem es das Wetter tagelang gut mit mir gemeint hatte, brach am Donnerstag abend nämlich die Regenhölle über Hamburg herein. Und wenn es in Hamburg regnet, dann regnet es richtig. Ein einziger Wasserfall ergießt sich über die ganze Stadt. Dazu dann noch der Wind, der den Einsatz eines Schirms mehr oder weniger sinnlos werden lässt, weil das Wasser mal von oben, kurz danach aber von vorne oder hinten kommt. Ich war zu Beginn der Sintflutprobe gerade im Bereich des Gängeviertels unterwegs – der Witterung entsprechend in kurzen Hosen und Sandalen – und musste nun irgendwie wieder zu meinem Hotel am Hauptbahnhof zurück. D.h., einmal über den Jungfernstieg und über die Mönckebergstraße auf die andere Bahnhofsseite und ins Hotel. Im Grunde war ich nach der Überqerung de Jungfernstieges schon nass bis auf die Knochen. Dennoch empfand ich es sehr wohltuend, dass ich das Stück zwischen Stieg und Mönckebergstraße im Trockenen laufen konnte, indem ich die Europa-Passage durchquerte. Ein wenig hätte ich mir gewünscht, dass auch die Mönckebergstraße selbst überdacht gewesen wäre. So musste ich von Unterstand zu Unterstand hetzen, den Bahnhof durchqueren und erreichte schließlich – immer noch vollkommen durchnässt – das Hotel. Dennoch: als Regenunterstand sind die Einkaufspassagen durchaus zu gebrauchen.

Abgesehen von den beschriebenen Lichtblicken handelt es sich bei der Innenstadt aber leider um eines der langweiligsten und durchgentrifiziertesten Viertel der Stadt. Ein längerer Aufenthalt kann nicht empfohlen werden.

Hier gibt es weitere Bilder der Innenstadt und von Streetart in Hamburg. Letztere hat sich leider etwas vor mir versteckt, ich war wohl nicht an den richtigen Spots unterwegs.

Sep 052013
 

Wer an Hamburg denkt, denkt vielleicht im ersten Moment nicht an die Alster oder den Hafen, sondern an Stripclubs, Straßenstrich und Zuhälterkriege – kurz, an St. Pauli oder dem Klischeebild, das man von St. Pauli hat. Ich habe mir natürlich auch diesen Stadtteil eingehend zu Gemüte geführt. Allzu viele Fotos sind dabei nicht rumgekommen – in bestimmten Ecken wird man nicht gerne fotografiert, im Dunkeln leidet die Qualität meiner Fotos ohnehin und im Hellen fehlt einfach das Flair, das zumindest bestimmte Gegenden ausmacht. Dieser Beitrag wird daher sehr textlastig daher kommen. Zugleich fehlt in ihm, das möchte ich gleich vorwegnehmen, etwas die Kohärenz. Ich habe dort einfach in sehr kurzer Zeit sehr viel erlebt und erfahren, dass sich nur schwer in einen einzelnen Text pressen lässt. Fast jede Ecke in St. Pauli hätte eine eigene Geschichte verdient. Vielleicht mach ich eine entsprechende Reihe nochmal, nachdem ich das Viertel mal wieder besucht hate. Verdient hätte es es allemal.

St. Pauli liegt westlich der ehemaligen Wallanlagen (Stichwort: Planten un Blomen) und zieht sich vom Hafen im Süden bis zum Dammtorbahnhof im Norden. Der Stadtteil ist (in absteigender Reihenfolge) für mindestens 3 Dinge bekannt: (1) Weltweit für seinen Amüsierbetrieb insbesondere auf und um die Reeperbahn, als Ort an dem die Beatles entdeckt wurden, aber auch als Heimat von Sexshops, Stripclubs und Straßenstrich. (2) Zumindest Fußballdeutschland kennt den ansässigen Fußballclub, den FC St. Pauli, der im hiesigen Millerntorstadion residiert. (3) Wahrscheinlich nicht weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt ist der “Dom”, ein dreimal jährlich für jeweils einen Monat stattfindender Jahrmarkt mit diversen Fahrgeschäften auf dem Heiligengeistfeld zwischen Reeperbahn und Millerntorstadion.

  
Links: Panorama von St. Pauli mit Domfest und Millerntorstadion. Rechts: Eingang zum Dom.

 
Was dazwischen oft untergeht ist, dass St. Pauli auch einfach ein ganz normales Wohnviertel ist, mit schönen Gründerzeithäusern, einigen Sozialwohnungen, Supermärkten, kleinen Geschäften und Kneipen und dem allgegenwärtigen Gespenst der Gentrifizierung. Um mehr über den Stadtteil zu erfahren und nicht nur auf der Reeperbahn entlangzustolpern, hatte ich für einen Abend eine Stadtteilführung beim St. Pauli Tourist Office gebucht. Dort führen Einheimische Touristengruppen durch den Kiez und erzählen – teils in Abhängigkeit von der Interessenlage des jeweiligen Guides- von der Geschichte und dem Leben in St. Pauli. In unserem Fall war das eine gerade fertig gewordene Studentin der Kulturwissenschaften und gebürtige Hamburgerin mit zwei Psychoanalytiker-Eltern und einem Faible für Peru (Wir haben nach der Tour noch ein wenig getrunken und gequatscht – erwähnte ich schon, dass ich die Norddeutschen als sehr offen und zugänglich erlebt habe?), die uns zunächst erstmal mit der Geschichte des Kiezes vertraut machte.
St. Pauli war viele Jahre lang nur Vorort von Hamburg und wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts eingemeindet. Zuvor war es eine Art Pufferzone zwischen dem östlich gelegenen Hamburg und dem westlich gelegenen und lange Zeit von den Dänen besetzten Altona. Das bedeutete, dass der Stadtteil beispielsweise regelmäßig niedergerissen wurde, um eine freie Flugschneise für Kanonenkugeln in Richtung der gerade verfeindeten Stadt zu haben. Wenn der Stadtteil gerade nicht dem Erdboden gleichgemacht wurde, wurden hier vor allem die in der Stadt Unerwünschten angesiedelt. Beginnend mit dem Pesthof und Anstalten für psychisch Kranke, wurden bald auch unliebsame weil beispielsweise geruchsbelästigende Handwerkszweige wie Gerbereien, Tranbrennereien, aber auch Seilmacher (Reepschläger, daher der Name Reeperbahn) aus der Stadt ausgelagert. Das gleiche Schicksal traf auch diverse Amüsierbetriebe und die Prostitution, die im moralisch integren Hamburg natürlich nichts zu suchen hatte. Großen Zuwachs erhielt dieser Berufszweig, nachdem der Hamburger Hafen sich für den internationalen Schiffsverkehr öffnete und große Ladungen monatelang sexuell ausgehungerter Matrosen das Viertel überschwemmten.
Heute konzentriert sich die Prostitution zum einen auf Bordelle und zum anderen auf den Straßenstrich zwischen Davidstraße, Hans-Albers-Platz und Herbertstraße. Deutschlandtypisch ist dabei alles bis ins kleinste Detail geregelt. Die Prostituierten dürfen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr ihre Dienste anbieten. Sie müssen dabei einen halben Meter Abstand zueinander einhalten und dürfen sich nur wenige Schritte von ihrem Platz entfernen, wenn sie beispielsweise einen Mann ansprechen wollen. Damit die Chancen gleich verteilt sind, werden gute und weniger gute Stehplätze regelmäßig untereinander getauscht. Eine Besonderheit bildet die Herbertstraße. Diese Parallelstraße zur Reeperbahn ist nur wenige 100 Meter lang. Sie ist durch Sichtblenden von der Straße getrennt und darf nur von Männern über 18 betreten werden (und Prostituierten natürlich). Es handelt sich dabei um kein juristisches Verbot, allerdings bekommt man als Frau wohl wenig schmeichelhafte Dinge von den Prostituierten an den Kopf geworfen, wenn man das Verbot missachtet – jedes weibliche Wesen wird als Konkurrenz fürs eigene Geschäft wahrgenommen. Ich bin mit dem männlichen Teil unserer Stadtteilführung auch einmal durch die Straße gelaufen – die Frauen und Minderjährigen inklusive unserer Führerin gingen außen herum – und viel zu sehen gibt es eigentlich nicht. Die Prostituierten sitzen in Unterwäsche in den Schaufenstern rechts und links der Straße und versuchen, die vorbeigehenden Männer zu sich zu locken und zu einem Stelldichein zu verführen. Im Endeffekt haben wir Männer uns sehr über die entgegengebrachte Aufmerksamkeit gefreut, aber peinlich darauf geachtet, möglichst in der Mitte der Straße zu laufen und das Ende der Straße vollzählig zu erreichen, was uns auch gelungen ist. Dort mussten wir erstmal auf die Frauen warten und vertrieben uns die Zeit, indem wir mit einem gerade vorbeikommenden Junggesellinnenabschied ein paar Schnäpse tranken.


Herbertstraße bei Tag aus dem Doppelstockbus fotografiert. Wie man sieht, sieht man nichts.

 
Natürlich siedeln sich in so einer Umgebung auch viele Stripclubs und Sexshops an. Aber wie es falsch ist, St. Pauli auf die Reeperbahn zu reduzieren, so ist es auch falsch, die Reeperbahn auf Prostitution zu reduzieren. Letztlich handelt es sich bei der Straße und den angrenzenden Nebenstraßen um ein ganz normales Vergnügungs- und Szeneviertel ähnlich der Dresdner Neustadt. Es gibt eine Menge Kneipen, Clubs und Diskotheken, Theater und Kinos und sogar ein Musical-Theater. Auch wer kein Interesse an käuflichem Sex hat, kann sich hier also amüsieren. Wenn man sich dabei außerhalb der üblichen Touristenfallen bewegen will (die sich besonders in dem Bereich der Reeperbahn zwischen Hamburger Berg und Großer Freiheit befinden sollen), sollte in eine der zahlreichen kleinen Bars am Hamburger Berg (“Berg” im norddeutschen Sinne, also vielleicht 20m über Normalnull) gehen und sich dort ein Astra und einen Mexikaner bestellen. Letzterer ist ein in Hamburg erfundener Schnaps aus Tomatensaft und Korn oder Wodka mit dem Geschmack von Nudeltomatensoße, den hier jede Bar selbst nach Geheimrezept mischt und der deshalb überall ein wenig anders schmeckt. Man kann also auch versuchen, möglichst viele Geschmacksvariationen an einem Abend kennenzulernen. Da ich just an jenem Abend aber mit nüchternem Magen unterwegs war, musste ich einen entsprechenden Versuch schon nach der vierten Bar abbrechen (zumal da auch noch die Schnäpse von dem Junggesellinnenabschied und diverse Astra reinspielten).

  
Im Vergnügungsviertel kann es auch mal Stress geben. Waffen sind daher im Bereich der Reeperbahn verboten (links). Allerdings kann man weiterhin Waffen im auf der Reeperbahn angesiedelten Gunshop kaufen (rechts). Man erhält sie dann wohl in einer braunen Papiertüte ausgehändigt.

 
Als ganz normales Szeneviertel, das früher in der besseren Gesellschaft eher verpönt war und daher vor allem sozial Schwache, Künstler und Studenten anzog, hat natürlich auch St. Pauli mit Gentrifizierung zu kämpfen. Was in St. Georg noch am Anfang steht, hat St. Pauli schon fest in der Hand. Die Gentrifizierung hat sich hier sogar ihr eigenes Mahnmal errichtet, die sogenannte Hafenkrone. Auf dem ehemaligen Gelände der Astra-Brauerei gelegen, wurden mitten im quirligen St. Pauli Hochhäuser mit hochpreisigen Eigentumswohnungen, Geschäfts- und Büroräumen hingestellt. Der Kontrast zur Umgebung ist frappierend. Auf der einen Seite die abgewohnten aber liebevoll gestalteten Wohnhäuser, dazwischen viele Menschen und viel Trubel, auf der anderen Seite Hochglanzprospektbauten – und Stille. Wenn man durch die Straßen zwischen den Hochhäusern läuft, trifft man kaum eine Menschenseele. Große Teile des Areals scheinen ausgestorben, leben wollen hier anscheinend die Wenigsten.
Aber die Gentrifizierung macht hier natürlich nicht halt. Neuestes Spekulationsobjekt ist das direkt nördlich der Hafenkrone liegende Esso-Areal, ein aus mehreren Sozialbauten bestehender Komplex, dessen beherrschendes Element jedoch die Esso-Tankstelle mitten im Kiez, kurz die Kiez-Tanke ist. Angeblich handelt es sich hierbei um die umsatzstärkste Tankstelle Deutschlands, was aber weniger am Treibstoffverkauf als vielmehr am längsten Bierregal Deutschlands liegen dürfte. Hier kann man sich nachts mit neuem Alkohol und sonstigem Bedarf eindecken und unserer Führerin meinte, man könne hier ganze Nächte verbringen und einfach nur die vielen Nachtschwärmer beobachten, die sich hier die Klinke in die Hand geben – von Einheimischen über Kiezgrößen bis zum Touristen sei da alles dabei. Die Essotankstelle hatte fast 50 Jahre lang durchgehend geöffnet (und zwar durchgehend im Sinne von 24 Stunden, jeden Tag). Als sie 1999 kurzzeitig geschlossen werden musste, weil beim Abriss der Astra-Brauerei eine alte Fliegerbombe entdeckt wurde und entschärft werden musste, musste erst einmal ein Schlüsseldienst kommen und das Schloss austauschen, weil der alte Schlüssel nicht mehr auffindbar war. Seitdem hat die Kieztanke wieder durchgehend geöffnet. Doch damit wird es in wenigen Jahren vorbei sein. Denn das ganze Areal inklusive der Sozialwohnungen und der Tankstelle wurde von einer bayerischen Investorengruppe gekauft. Die Wohnungen sollen luxussaniert werden, die Kieztanke soll verschwinden.

Doch noch ist nicht aller Tage Abend, denn die Bewohner des Esso-Areals geben sich kämpferisch, und dies ist eine Eigenschaft, die man bei vielen Paulianern (um mal die Selbstbezeichnung zu gebrauchen) antrifft. St. Pauli ist ein genuin linker Stadtteil, und das sieht man an jeder Ecke. Besonders deutlich aber wird es, wenn man darauf achtet, wie viele Häuser in der Gegend besetzt sind. Paradebeispiel hierfür sind die Häuser an der Hafenstraße, direkt an den St.-Pauli-Landungsbrücken, die seit über 30 Jahren besetzt sind und selbstbestimmt verwaltet und bewohnt werden. Versuche der Räumung führten in der Vergangenheit regelmäßig zu tagelangen Ausschreitungen und einer großen Solidarisierungswelle der Einheimischen mit den Besetzern. Gegenwärtig werden die Bewohner daher wohl geduldet.

  
Besetzte Häuser in der Hafenstraße.

 
Anderswo entzündet sich der Protest an kleineren Ereignissen und findet kreative Ausdrucksformen. Hans Albers war ein berühmter deutscher Schauspieler, der St. Pauli mit vielen seiner Filme bekannt machte (“Auf der Reeperbahn nachts um halb 1″) und wohl auch privat gerne auf dem Kiez verkehrte. Nach seinem Tod wurde ein Platz nach ihm benannt und einige Jahrzehnte später fertigte der Künstler Jörg Immendorf eine Statue von Albers, die auf dem Platz aufgestellt wurde. Weil die Stadt sich jedoch nicht an die Zusage hielt, im Gegenzug den Platz zu sanieren, holte Immendorf die Statue 9 Jahre später zu sich nach Düsseldorf. Zurück blieb nur ein leerer Sockel, über den sich die Anwohner ärgerten. Aus Protest stellten sie eine 2 Meter große Micky-Maus-Statue auf das Podest. Erst daraufhin wurde die Stadt aktiv, bestellte bei Immendorf eine Kopie der Originalstatue und stellte diese auf. Das Original aber steht weiter in Düsseldorf und blickt auf den Rhein.


Kopie der Hans-Albers-Statue auf dem Hans-Albers-Platz.

 
Und manchmal, da scheint die kämpferische Natur des Paulianers sogar auf Menschen überzuspringen, denen man das sonst gar nicht zutraut. So steht auf der Großen Freiheit, zwischen Sexshops und Stripclubs und mit direktem Blick auf den (illegalen) Transgender-Strich in der Schmuckstraße, noch immer eine katholische Kirche. Links vom Eingangstor ist ein Stein mit einer Inschrift eingelassen, die da lautet: “Es gibt nichts, mit dem Jesus nicht fertig wird”.

In diesem Sinne kann ich zumindest für die Bewohner der Sozialwohnungen im Esso-Areal nur hoffen, dass sie nach der Sanierung ihre Wohnungen zu akzeptablen Konditionen wieder beziehen können. Für die Kieztanke aber scheint jede Hilfe zu spät zu kommen – in den Sanierungsplänen ist sie nicht mehr enthalten.

Weitere Bilder gibt es hier.