Apr 052013
 

Letzte Woche fand nun endlich die schon lange angekündigte Konferenz in Wien statt. Nach fünfeinhalbstündiger Fahrt durch das verschneite Sachsen und das verschneite Tschechien sowie das verschneite Niederösterreich kamen wir schließlich im verschneiten Wien an. Das Wetter sollte sich in den nächsten Tagen nicht ändern. Erst als meine Kollegen abgereist waren und mich mit meinen zwei weiteren Tagen Urlaub zurückließen, besserte es sich spürbar. Daher lassen sich auch alle geschossenen Fotos zeitlich sehr gut einordnen: Schnee und wolkenverhangener Himmel sprechen für eine Aufnahme von Sonntag bis Mittwoch, Bilder mit Sonne und ohne Schnee stammen von Donnerstag oder Freitag.

Wir waren in einer Ferienwohnung im 7. Bezirk untergebracht. Die Bezirksverteilung in Wien sieht wie folgt aus: In der Mitte, wo sich der Großteil der Sehenswürdigkeiten und die Touristenmassen befinden, ist der erste Bezirk. Darum herum gruppieren sich die einstelligen Bezirke und dort herum, in der Peripherie, noch einmal die Zweistelligen. Wir waren also vergleichsweise zentral untergebracht und hatten bis zur Uni, die sich im ersten Bezirk befand, nur etwa eine halbe Stunde Fußweg zu bewältigen.

Die Ferienwohnung befand sich in einem Altbau über einer Gaststätte und war sehr geschmackvoll eingerichtet. Selbst die für Psychologen gerade im freudschen Wien unabdingbare rote Couch war vorhanden. Die Unterbringung im Altbau war dabei jedoch keine Besonderheit, etwas anderes scheint es in Wien nicht zu geben. Ich habe nirgendwo Neubaublöcke gesehen, wie sie in Deutschland überall zu finden sind. Das mag auch daran liegen, dass sie Stadt vom zweiten Weltkrieg weitgehend verschont blieb und in der Nachkriegszeit daher nicht schnell viel Wohnraum geschaffen werden musste. In Wien kann man sogar noch original Flak-Türme besichtigen, deren Sprengung kurz nach dem Krieg an den Unmassen von verbautem Beton und der daraus resultierenden Widerstandskraft scheiterte (zumindest etwas, was in Österreich einmal Widerstand geleistet hat …).

  

 
Die Stadt selbst hat auf mich den Eindruck einer großen Ausgabe von Görlitz gemacht. Die Straßenzüge bestehen aus unsanierten, aber gut erhaltenen Gründerzeithäusern, die an schmalen Gassen stehen (namenstechnisch besteht Wien nur aus “Gassen” und “Ringen”, “Straßen” treten allenfalls in homöopathischen Dosen auf). Wien ist zudem die gefühlte Königin der Einbahnstraßen, was wohl der Grund ist, warum der ÖPNV sehr gut ausgebaut und stark frequentiert ist. In Bezug auf die Wohnhäuser hat mich ein wenig verwundert, dass das Konzept der Doppelglasfenster weitgehend unbekannt zu sein scheint. Dabei sollte sich das doch gerade in dieser Region durchaus auf die Heizkosten auswirken.

  
  

 
Die Konferenz fand an der Universität Wien statt, der ältesten (seit 1365) und größten (91.000 Studenten) Universität im deutschsprachigen Raum. Zudem ist sie die “internationalste” Uni Zentraleuropas, mit nach eigenen Angaben 25% ausländischen Studierenden und 80% ausländischen Mitarbeitern. Das Hauptgebäude selbst ist eine Sehenswürdigkeit. Es entstand in der Epoche des Historismus und ist stilistisch an die Renaissance angelehnt. Innerhalb des Gebäudes gibt es einen Arkadenhof, an dessen Mauern die Büsten und Reliefs von über 150 Wiener Gelehrten zu finden sind.

  
  

 
Ein Großteil der “klassischen” Sehenswürdigkeiten befindet sich in der unmittelbaren Nähe des Uni-Hauptgebäudes. Nördlich schließt sich die gotische Votivkirche an, in der vor einigen Monaten die Mitglieder eines österreichischen Flüchtlings-Protestcamps Zuflucht suchten. Südlich liegen das dem Gotischen nachempfundene Rathaus (mit brauchbarer Blickachse auf das Burgtheater direkt gegenüber) sowie das Parlament (alt-griechischer Stil).

  
Links: Votivkirche. Rechts: Rathaus vom Heldenplatz aus gesehen.
  
Links: Burgtheater. Rechts: Österreichisches Parlament

 
Schräg gegenüber vom Parlament findet man dann schon die Hofburg, die entgegen des Namens keine Burg irgendwo auf einem Berg ist, sondern ein Komplex aus Gebäuden und Plätzen mitten in der Stadt. Die Hofburg war etwa sechs Jahrhunderte lang die Residenz der Habsburger in Wien. 1938 erklärte Hitler am in ihr befindlichen Heldenplatz den “Anschluss” Österreichs ans Deutsche Reich (siehe dazu auch Thomas Bernhard: Heldenplatz). Seit 1945 sind hier der Sitz des österreichischen Bundespräsidenten sowie diverse Museen und die Nationalbibliothek untergebracht. Auch die berühmte Spanische Hofreitschule befindet sich hier. Südlich der Hofburg schließt sich die Oper und der Naschmarkt an. Etwas nordöstlich findet man den Stephansdom.

  
Links: Äußeres Burgtor. Rechts: Heldenplatz mit Blick auf die Neue Burg.
  
Links: Michaelertrakt. Rechts: Blick in die Kuppel.
  
Links: Oper. Rechts: Stephansdom.

 
All diese Sehenswürdigkeiten hab ich zumindest von außen gesehen. Nicht geschafft hab ich den Wiener Prater (eine Parklandschaft mit integriertem Vergnügungspark), der aber bei dem nasskalten Wetter wahrscheinlich ohnehin keinen Spaß gemacht hätte. Ich ärgere mich mehr darüber, dass ich keins der von Hundertwasser gestalteten Häuser zu Gesicht bekommen habe. Zu nennen wären hier vor allem das Hundertwasser-Krawina-Haus und die Müllverbrennungsanlage Spittelau, wobei ich letztere zumindest kurz bei unserer Ankunft erspähte, bevor sie von der Dämmerung verschluckt wurde.

Neben der bekannten Kaffeekultur (ich habe VIEL Kaffee getrunken in diesen Tagen) hat Wien auch kulinarisch einiges zu bieten. Gegessen habe ich beispielsweise das berühmte Wiener Schnitzel. Das gibt es entweder im Original aus Kalbfleisch oder in der günstigeren Touri-Variante aus Schwein oder Huhn. Serviert wird es ohne Soße, sondern nur mit einer halben Zitrone und etwas Erdapfelsalat (Kartoffelsalat). Der Salat wird nicht mit Mayonnaise, sondern mit Essig und Öl zubereitet, was die ganze Mahlzeit etwas weniger trocken macht. Als Dessert gab es dazu stilecht Apfelstrudel mit Schlagobers (Schlagsahne). Im ältesten Gasthaus am Naschmarkt, „Zur eisernen Zeit“, habe ich das selbsternannt beste Gulasch von Wien gegessen (war aber wirklich gut) und andernorts auch Sachertorte probiert.

Nach der Konferenz bin ich in die WG von Bekannten einer Bekannten übergesiedelt. Die lag in Meidling (12. Bezirk), also schon etwas weiter außerhalb. Da lernte ich dann auch endlich einmal das gut ausgebaute U-Bahn-Netz zu schätzen. Der ÖPNV ist für Kurzreisende vergleichsweise teuer (6,70 € für 24-Stunden-Karte), allerdings sind Monats- und Jahreskarten dafür wohl vergleichsweise billig. Die letzten zwei Tagen waren dann im Wesentlichen noch einmal dem Sightseeing gewidmet. Hierbei habe ich dann auch endlich mal etwas Subkultur zwischen all den alten dekorativen Steinhaufen entdeckt – am Donaukanal findet sich eine Menge Streetart. Außerdem war ich mit besagter Bekannten noch im “Haus der Musik”, einem Museum zu den Wiener Philharmonikern und einheimischen Komponisten, das aber auch eine gut ausgebaute interaktive Komponente ähnlich dem Dresdner Hygienemuseum hat. Kann ich nur empfehlen.

  
  
  

 
Insgesamt ist Wien nett, ich würde dort aber glaub ich nicht leben wollen. Es ist für meine Begriffe zu sauber, zu geleckt. Ich hab mich teilweise wie in einem potemkinschen Dorf gefühlt. Die Leute sind nicht unbedingt offen, aber prinzipiell nett und höflich (wenn man von einigen Kellnern absieht, die wohl unbedingt die Wiener Granteligkeit pflegen wollen). Wien gilt als die Stadt mit der weltweit höchsten Lebenszufriedenheit. Und vielleicht ist es genau das, was mich abschreckt: Zufriedene Menschen sind mir eben doch immer ein wenig suspekt.

Links:
Alle Fotos meines Wien-Besuchs
Streetart in Wien

Oct 172012
 

Dieser Beitrag entstand ebenfalls noch im Urlaub, direkt nach meiner Ankunft aus Zypern. Etwaige Wahrnehmungsverzerrungen sind der Urlaubshypomanie zuzuschreiben.

Hach, Berlin. Auch so eine Stadt, in der man mal länger leben könnte. Aber das sag ich ja eigentlich auch bei jeder Stadt, die ich kennenlerne – außer vielleicht bei Tomsk, nach Tomsk muss ich nun wirklich nicht nochmal zurück.

Trotz oder gerade wegen all des Gewusels wirken die Menschen in Berlin irgendwie sehr viel entspannter und offener als anderswo. Ich hab auf der Straße noch nie so viele Lächeln geschenkt bekommen, wie in den vergangenen zwei Tagen. Gut, vielleicht haben sich die Leute auch nur über mein sonnenverbranntes Gesicht amüsiert. Aber was solls, ein Lächeln ist ein Lächeln. :)

Am Freitag traf ich mich mit Caro, einer Freundin aus Kindertagen, die es vor etwa 15 Jahren zuerst ins Berliner Umland und dann in die Hauptstadt selbst verschlagen hat. Ich hab sie bei sich zu Hause besucht und wir haben ein wenig gequatscht und sind dann losgezogen, um noch einige Freunde von ihr zu treffen. Zwischendurch hatte sie mir schon zwei Vorschläge zur Abendgestaltung unterbreitet: entweder mit ihr und einigen Freunden zusammen das jüdische Neujahr feiern oder mit einigen anderen Freunden zu einem Bandcontest gehen, an dem einer aus der Clique teilnahm. Tja, so ist Berlin – immer was los und egal für was man sich entscheidet, man verpasst definitiv irgendetwas anderes.

Treffpunkt war ein türkischer Straßenmarkt in Kreuzberg, wo wir dann einigen Straßenmusikern lauschten und quatschten. Auf dem Rückweg bekamen wir dann noch einen riesigen Strauß Gladiolen (es kann auch was anderes potentiell Blühendes mit G gewesen sein, ich kann mir Pflanzennamen einfach nicht merken) geschenkt, den ich dann erstmal in der U-Bahn und dann noch ein Stück bis zum Haus der Freundin tragen durfte. Auch das brachte mir auf der Straße wieder ein paar Lächler ein. Ach, ich glaub ich mag Berliner.

Bei Caros Freundin tranken wir dann noch einen Tee und dann war die Zeit gekommen, mich hinsichtlich meiner Abendgestaltung zu entscheiden. Ich hab mich letztlich gegen das jüdische Neujahrsfest entschieden. Zum Einen, weil der Abend vorwiegend in Hebräisch abgelaufen wäre und meine Hebräisch-Kenntnisse so tendenziell nicht vorhanden sind. Zum Anderen weil ich mir nicht sicher war, ob es die anderen Gäste so toll gefunden hätten, wenn da plötzlich ein Deutscher aufkreuzt, der mit dem ganzen Zeremoniell überhaupt nicht vertraut ist. Auch den Bandcontest hab ich sausen lassen und bin stattdessen zurück ins Hotel, um mein Schlafdefizit endlich einmal abzubauen – das war einfach dringend nötig.

Den Samstag hab ich denn mit Sightseeing-Touri-Kram begonnen. Ich muss wohl nicht näher drauf eingehen, ihr kennt die üblichen Sehenswürdigkeiten sicher auch alle. Auffallend war, dass im “Touri-Areal”, also Regierungsviertel, Potsdamer Platz, Unter den Linden und Alexanderplatz ziemlich viel gebaut wurde. Hätt ich nicht gedacht, wo Berlin doch angeblich kein Geld hat.

  
Potsdamer Platz.
  
Holocaust-Mahnmal.
  
Links: Rotes Rathaus, rechts: Berliner Dom.
  
Links: Fernsehturm, rechts: Reichstag.

 

Nach der Fototour bin ich dann noch ins Dalí-Museum gegangen. Das hatte ich am Vortag zufällig in einer Seitenstraße des Potsdamer Platzes entdeckt und musste natürlich unbedingt hin. Schließlich hab ich ohnehin eine Neigung zum Surrealismus und Dalí ist einer meiner Lieblinge. Das Museum zeigt nicht die üblichen Gemälde, sondern viele Zeichnungen, Radierungen, Lithografien von Salvador, einige seiner Skulpturen (Die Venus von Milo mit Schubladen. Einfach fantastisch. Sowas bräucht ich in Kleiderschrankgröße.) und andere Projekte wie Filme, Magazincover, Medaillen (z.B. die Olympia-Silbermedaillen von Los Angeles 1984) oder ein Kartenspiel. Der Typ wusste schon, wie er möglichst jedes Produkt seines Schaffens zu Geld machen konnte. In jedem Fall eine sehr schöne Ausstellung, kann ich jedem nur ans Herz legen – zumindest, wenn man sich dafür interessiert.

Am Abend war ich dann nochmal im Regierungsviertel, weil nach Einbruch der Dunkelheit eine “Film- und Lichtprojektion” am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus angekündigt war, die sich thematisch mit der Geschichte des Reichstagsgebäudes beschäftigen sollte. Faktisch war es dann ein Lehrfilm über die deutsche Geschichte und die Rolle des Parlaments darin, gewürzt mit ziemlich viel Lokalpatriotismus. Das sind dann die Momente, wo Berlin plötzlich ziemlich provinziell und sich selbst überschätzend wirkt.

Nichtsdestotrotz eine nette Stadt, vor allem mit netten Menschen. Sagte ich schon, dass ich die Menschen hier mag? Leute, die mich anlächeln sind mir definitiv lieber als solche, die mich grimmig anstarren oder durch mich hindurch schauen (nicht wahr, liebe Dresdner?!).

Alle Bilder meines Berlinausflugs gibts hier.

Oct 132012
 

Die Älteren unter euch werden sich erinnern: Vor nicht allzu langer Zeit habe ich meine Beiträge für den diesjährigen Deutschen Karikaturenpreis eingereicht. Nun ist Antwort gekommen – leider keine Gute:

Für eine lesbare Version einfach auf das Bild klicken.

Die Konsequenz daraus kann nur lauten: Im nächsten Jahr erstell ich die Cartoons direkt am Computer. Das spart mir eine Menge Arbeit und die Jury kann sich nicht mehr so ohne Weiteres über die künstlerische Ausführung beschweren.

Sep 292012
 

Ich war heute in der Ausstellung „Kunst Wahn Sinn“ im Schloss Übigau. Dort stellen Menschen aus, die ihre psychischen Probleme kreativ verarbeiten. Ich kann da jetzt gerade noch gar nicht viel zu sagen, muss das alles erstmal sacken lassen. Es ist immer wieder beeindruckend, wenn einem Menschen ungefiltert und ästhetisch unverhüllt ihre blutenden Seelen um die Ohren hauen. Und anstrengend. Belastend. Tschuldigung, ich bin gerade noch ein wenig überfordert.

Es ist nicht so schlimm, wie es klingt. Es ist überhaupt nicht schlimm, es ist sehr schön. Wenn man in der Lage ist, die nötige Distanz zu den Bildern zu wahren. Wenn. Es ist das eigene Denken, Fühlen, Handeln hinterfragend, herausfordernd. Besonders für meinen Berufsstand.

Worauf ich hinaus will: Hingehen! Das ist ein Befehl! Ich werd’s vermutlich auch noch mal tun. Die Ausstellung läuft nur noch nächste Woche, also keine Ausreden! Öffnungszeiten Di-Do 14-20 Uhr, Fr-So und feiertags 11-20 Uhr im Schloss Übigau. Das ist im Übrigen ohnehin einen Besuch wert in seiner charmanten Baufälligkeit. Würd ich auch gerne mal drin ausstellen. Eintritt ist frei, aber wenn ihr nicht mindestens eine 5-Euro-Spende da lasst, kriegt ihr Ärger mit mir.

Uploaded on Razzi.me

Selbstreflektorische Randnotiz: Auf dem Rückweg hatte ich die ganze Zeit das Bedürfnis, den Menschen, die mir begegneten, zu helfen. Alte Menschen über die Straße zu führen, manövrierende Muttis mit Kinderwagen zu navigieren, Kindern zurufen, dass die Straße frei ist und sie rübergehen können. Eine Übersprungshandlung, weil ich den Künstlern nicht helfen konnte?