Dec 072013
 

 
Nach meinem Ausflug nach Monaco hatte ich erstmal genug von den Überlandbussen, die die verschiedenen Orte der Côte d’Azur östlich von Nizza verbanden. Besonders gegen die stets überfüllte Linie 100, die die Basse Corniche nach Monaco und weiter bis nach Menton befuhr, hegte ich tiefen Groll. Nur dumm, dass ich am nächsten Tag nach Menton fahren wollte und die Alternative, der Zug, bisher am langsamsten Fahrkartenautomaten der Welt gescheitert war, der die Annahme meiner Kreditkarte stoisch verweigert hatte. Dennoch begab ich mich am Morgen besagten Tages zum Bahnhof, um mein Glück noch einmal herauszufordern. Den Fahrkartenautomaten aus der Hölle links liegen lassend suchte ich nach anderen Möglichkeiten, ein gültiges Ticket nach Menton zu erwerben. Schließlich wurde ich in einer Ecke der Bahnhofshalle fündig, wo sich einige Fahrkartenautomaten anderer Bauart versteckt hatten, die auf den ersten Blick nur Fernzugtickets ausstellten, bei näherer Betrachtung aber auch die Möglichkeit eines Tickets nach Menton aus den Tiefen ihrer Menüstruktur zu Tage förderten. Schon dass man sie mit einem Drehrad und einem Knopf bedienen konnte und nicht direkt auf dem Monitor biometrische Daten (aka Fingerabdrücke) hinterlassen musste, machte sie mir sofort sympathisch. Der Buchungsvorgang dauerte auch nur knapp ein Zehntel der Zeit, die ich am Vortag vor dem Fahrkartenautomaten aus der Hölle verbracht hatte und der Gipfel des Glücks war erreicht, als meine Kreditkarte ohne Murren akzeptiert und mir ein gültiges Ticket nach Menton ausgestellt wurde.

Mit dem Ticket bewaffnet ging es nun auf den Bahnsteig, wo schon einige andere Passagiere warteten. Der Zug würde dieselben Orte anfahren wie die Linie 100, allerdings wesentlich schneller und etwas teurer, dafür aber auch wesentlich weniger überfüllt und ohne die Gefahr von Staus oder sonstigen ungewollten Störungen der Reise. Die Einzelfahrt nach Menton kostete mich 5 € (Einzelfahrt Bus 1,50 €), allerdings würde ich auch innerhalb einer halben Stunde und damit einem Drittel der für die Busreise benötigte Zeit am Ziel sein. Der Zug entpuppte sich als typische doppelstöckige S-Bahn, unten mit viel Platz für Räder, Kinderwägen und Gepäck und oben mit vielen Sitzmöglichkeiten. Schnell fand ich einen Fenstersitzplatz, zwar auf der falschen Seite, also vom Meer abgewandt, aber dennoch ein Sitzplatz! Den Großteil der Fahrt verbrachte ich damit, mich über die Klimatisierung und die Ruhe im Abteil zu freuen und den Dörfern, Bergen und Wäldern beim Vorbeihuschen am Zugfenster zuzusehen. Der ohnehin nicht voll besetzte Waggon leerte sich in Monaco noch einmal merklich, ich konnte auf einen Fensterplatz auf der richtigen Seite wechseln und hing den Rest der Fahrt meinen Gedanken nach, während ich auf die azurblaue See blickte, die Aussicht immer wieder unterbrochen von Gebäuden und Tunnelröhren, durch die wir schossen.

In Menton angekommen fehlte es mir wie so oft erst einmal an der Orientierung. Eine Touristeninformation war auch nicht in Sicht, so dass ich mich entschloss, erstmal zur Küste zu laufen. Von dort, mit freiem Blick über das Meer und den Strand, war die Orientierung oft einfacher. Und von dort waren die Touristeninformationen dann meist auch ausgeschildert. Das Meer zu finden, ist an der Côte d’Azur im Allgemeinen nicht schwierig. Da sich die Berge und Hügel, auf denen die einzelnen Ortschaften ruhen, oft direkt am Wasser befinden und zur Küste hin abfallen, muss man einfach immer nur abwärts laufen. Nach kurzer Zeit erreichte ich dann auch den Strand, der hier im Gegensatz zur restlichen Côte d’Azur tatsächlich ein echter weißer Sandstrand ist, der sich malerisch an der gesamten Küste von Menton entlang zieht, unterbrochen nur von den beiden Hafenanlagen des Ortes. Vom Strand aus war die Touristeninformation dann tatsächlich relativ leicht zu finden, und schon bald war ich im Besitz eines Stadtplanes und auf dem Weg in die Altstadt von Menton.


Sandstrand von Menton mit Altstadt im Hintergrund.

 
Menton ist im Wesentlichen für zwei Dinge bekannt: Sein mildes bis warmes Klima mit über 300 Sonnentagen. Und für die Zitrusfrüchte, die in diesem Mikroklima besonders gut gedeihen. So findet man hier an den Straßenrändern Alleen von Orangenbäumen und Orangen als Fallobst darunter. Noch bedeutender ist aber der Anbau von Zitronen. Jedes Jahr im Februar findet das zweiwöchige Fête du Citron statt. Dabei werden Paradewagen mit nur aus Zitronen bestehenden riesigen Skulpturen gezeigt, die durch die Stadt fahren. Anschließend werden die Früchte kiloweise zu Spottpreisen vor dem Palais de l’Europe verkauft. Zudem kann man in Menton alle nur denkbaren Produkte aus Zitronen erwerben, von der Zitronenseife über das Zitronenparfüm oder mit Zitronensaft versetztem Honig bis hin zu Zitronenschnaps. Und sogar das Stadtwappen wird zur Hälfte von einem Zitronenbaum eingenommen. Das führt dann teilweise auch zu absurden Ideen der Stadtverschönerung, wenn beispielsweise an die Straßenlaternen kleine gelbe Halbkugeln montiert werden, die mutmaßlich Zitronenhälften symbolisieren sollen.


Zitronen oder doch halbe Tennisbälle?

 
In der unteren Altstadt, nahe der Strände und des alten Hafens, befindet sich die Touri-Meile. Hier gibt es Hotels, Souvenirgeschäfte, Bars und Restaurants, Ableger bekannter Burgerbrat-Ketten und die erwähnten “Alles aus der Zitrone”-Geschäfte. Die Häuser entsprechen prinzipiell dem typischen Stil, den man aus anderen Vielle Villes der Umgebung gewohnt ist, allerdings sind die Straßen dazwischen boulevardartig breit und nicht verwinkelt. Die ganze Gegend ist ständig von Menschenmassen bevölkert.

  
Untere Altstadt.

 
Nachdem ich die untere Altstadt einmal kurz durchstreift hatte und kurz zu Mittag gegessen hatte, zog es mich erstmal wieder in Richtung Wasser. Die Küstenlinie, die sonst fast durchgängig in Richtung Nordosten ausgerichtet ist, macht hier einen kleinen Schlenker nach Norden. Hier befindet sich der Vieux Port, der alte Hafen von Menton, und am Anfang der künstlich aufgeschütteten Kaimauer, die den Hafen vom Rest des Mittelmeers trennt, eine ehemalige Festung, die Bastion. Der Schriftsteller, Maler und Regisseur Jean Cocteau, der auch schon in Villefranche seine Spuren hinterlassen hat, kaufte diese Bastion, restaurierte sie und gestaltete das Innere und die Außenmauern mit den ihm eigenen Kieselmosaiken. Heute beherbergt das Musée du Bastion wechselnde Ausstellungen mit Werken Cocteaus.

  
Bastion.

 
In Sichtweite zur Bastion findet sich außerdem das 2011 neu eröffnete Musée Jean Cocteau Collection Séverin Wunderman. Der Kunststammler Wunderman hatte der Stadt Menton über 1500 Werke Cocteaus vermacht, unter der Bedingung, dass dafür ein neues Museum gebaut werden solle. Der niedrige, modern gestaltete Bau aus Glas und Beton sticht aus seiner klassisch bebauten Umgebung heraus, vollzieht aber mit seinen geschwungenen Außenmauern und Säulen die Formensprache von Cocteau nach. Leider hatten beide Museen am Tag meines Besuchs Ruhetag. Ich nutzte dennoch die Zeit, um etwas durch die südwestlich von der Bastion gelegene Parkanlage Esplanade du Bastion zu wandeln, von der man einen schönen Blick auf die Küstenlinie westlich von Menton und die neueren Teile der Stadt, aber auch das Vielle Ville mit dem markanten Kirchturm der Basilique St-Michel-Archange hat.

  
Musée Jean Cocteau Collection Séverin Wunderman.
  
Blick aufs Vielle Ville.

 
Diese Kirche, die als größte Barockkirche Frankreichs gilt, wollte ich mir gerne auch einmal von innen ansehen. Allerdings war es gerade einmal 13 Uhr, und an der Côte d’Azur pflegt man im Allgemeinen eine ausgedehnte Siesta. Das heißt, das öffentliche Gebäude, Museen und die meisten Geschäfte (Restaurants ausgenommen) in den Mittagsstunden schließen. Da das auch für die Basilique galt, unternahm ich stattdessen erst einmal eine kurze Wanderung nach Italien.

Menton liegt direkt an der italienischen Grenze. Von der Bastion aus läuft man etwa 2 Kilometer an einer gut ausgebauten Straße auf einem boulevardesken Gehweg entlang, immer der Küstenlinie folgend. Dabei passiert man einige weitere Sandstrände und den zweiten Hafen der Stadt, den Port de Menton Garavan. Auch auf dem Wegabschnitt hinter dem Port gibt es ab und zu noch kleine Buchten und Badeplätze, in denen sich vor allem einheimische Sonnenanbeter und Wasserratten aufhalten. Die Wanderung sollte mich eigentlich etwas entspannen und die Zeit bis zur Öffnung der Basilique herumbringen. Gegen Ende wurde sie aber leider zur Tortur, denn die Mittagssonne stand hoch am Himmel, brannte trotz des beginnenden Septembers noch mit unbarmherziger Härte hernieder und auf den gesamten zwei Kilometern war kaum ein schattiges Plätzchen zu finden. Zwar hatte ich genug Wasser dabei, aber die Gefahr eines Sonnenstichs war nicht mehr nur eine theoretische. Mehr als einmal war ich versucht, mich unter eine der in regelmäßigen Abständen stehenden Bänke zu legen, um zumindest für einige Minuten aus der Gluthitze herauszukommen. Aber letztlich erreichte ich auch so die französisch-italienische Grenzstation.

Seit der EU-internen Grenzöffnung ist die Station nicht mehr von Zollbeamten besetzt, aber verlassen ist sie dennoch nicht. Zum einen stehen hier mehrere Wohnwagen, deren Zweck für mich im Dunkeln blieb. Zum anderen hatte direkt nach der französischen Grenze ein Obsthändler einen kleinen Stand aufgebaut und verkaufte aus seinem LKW heraus Früchte. Obst ist in Italien nämlich wesentlich günstiger als in Frankreich und viele in der Grenzregion lebende Franzosen fahren zum Einkaufen gerne ins Nachbarland. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es auf italienischem Boden außerdem eine kleine Tankstelle, die ihren Hauptumsatz weniger mit Benzin denn mit Alkohol und Tabakwaren zu machen schien. Sonst war die Gegend relativ tot. Die italienische Grenzstadt, Ventimiglia, war noch etwa 7 km entfernt, so dass ich nach zwei kurzen Beweisfotos vor den Grenzschildern den Rückweg antrat. Trotz der immer noch gleißenden Sonne fiel mir der Rückweg etwas leichter, denn nun hatte ich das wunderschöne Panorama des Vielle Ville von Menton vor mir, in dessen schattige Gässchen ich schon bald würde eintauchen können.

  
Grenzübertrittsbeweisfotos.
  
Blick auf Menton.

 
Der Weg in den oberen Teil der Altstadt, das eigentliche Vielle Ville, führt über eine steile Treppe. Wie an vielen anderen Orten an der Côte d’Azur auch, so wurden auch die Häuser Mentons auf einem Berg gebaut, der zum Meer hin abfällt. Die Grundrisse der Häuser und die dazwischen verlaufenden Gassen folgen dabei der ursprünglichen Beschaffenheit des Felsens. Deshalb und aufgrund der Gewohnheit, bei Platzproblemen einfach noch ein wenig an das Haus anzubauen, sind die Häuser in sich so wunderbar verschachtelt und die Gassen zwischen und unter den Häusern bilden ein bezauberndes Labyrinth, das wahrscheinlich insgesamt nur wenige hundert Meter lang ist, in dem man aber stundenlang umherspazieren kann und immer wieder etwas neues entdeckt. Hier oben gibt es auch keine Geschäfte und deshalb auch keine Touri-Massen mehr, nur ab und zu trifft man einen Einheimischen, der im Schatten vor seinem Häuschen sitzt oder, mit Badetuch in der Hand und Sonnenhut auf dem Kopf, gerade auf dem Weg zum Strand ist.

  
  
Vielle Ville.

 
Menton hat dabei das schönste und bezauberndste Vielle Ville, das ich bisher gesehen habe. Es ist noch ein Stückchen verwinkelter und unberührter als Villefranche, es gibt noch mehr Treppen, Abzweigungen und unterirdische Gänge und die Häuser sind noch malerischer. Architektonisch beherrscht wird das gesamte Vielle Ville von der Basilique St-Michel-Archange. Die größte Barockkirche Frankreichs wurde im 17. Jahrhundert gebaut und besitzt einen 35 Meter hohen Uhrenturm und einen 53 Meter hohen Kirchturm. Nähert man sich der Kirche vom Strand, muss man außerdem noch gute 30 Höhenmeter durch Treppensteigen überwinden, so dass die Kirche noch trutziger wirkt. Im Inneren gibt es nichts Besonderes zu sehen, wie üblich in französischen Kirchen nur viel Gold, Gemälde und Ikonen. Auf dem Kirchplatz jedoch befindet sich, eingelassen als Mosaik in den Boden, das Wappen der Familie Grimaldi, die noch heute in Monaco herrscht und auch Menton für viele Jahrhunderte regierte.

  
Basilique St-Michel-Archange.

 
Im wahrsten Sinne gekrönt wird das Vielle Ville von zwei sehr alten und malerischen Friedhöfen, von denen man einen atemberaubenden Blick über ganz Menton hat, die aber auch selbst wunderschön gestaltet sind. Da gibt es große Grüfte und Kolumbarien, mit Statuen geschmückte Gräber, einen Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten und vieles mehr. Als letzte Ruhestätte scheinen diese Orte sehr beliebt zu sein, teilweise gibt es Gräberwände, in denen analog zu einer Urnenwand die Verstorbenen übereinander und nebeneinander beigesetzt werden. Manchmal scheinen hier ganze Familien zu ruhen, wie sich an den Grabinschriften ablesen lässt.

  
  
Friedhöfe über Menton.

 
Es mag für den ein oder anderen makaber klingen, aber genau zu diesem Zeitpunkt habe ich mich in Menton verliebt. Da war diese Stille auf dem Friedhof, nur einzelne singende Vögel und zirpende Grillen. Der kühle Wind und die tief stehende Abendsonne. Und der Blick auf das Meer, auf das Vielle Ville zu den eigenen Füßen, die Côte d’Azur entlang und bis nach Italien. Ich stelle es mir unglaublich romantisch vor, hier mit einem geliebten Menschen zum Abend hinaufzusteigen, auf einer Bank auf dem Friedhof zu rasten und zu picknicken, und dabei zu beobachten, wie die Sonne langsam untergeht und sich Menton auf eine weitere geruhsame Nacht vorbereitet. Nichts auf dieser Welt kann friedlicher sein als genau dieser Ort, wo man mit sich und vielen hundert Toten allein ist, hoch oben über den Ostausläufern der Côte d’Azur.

  
Friedhofsaussicht.

 
Und mit diesem, für den ein oder anderen vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Bild, endet meine Berichterstattung von der Côte d’Azur. Die Rückfahrt von Menton nach Nizza verlief ereignislos, nachdem ich den Bahnhof in Menton erst einmal wiedergefunden hatte. Den nächsten Tag, meinen letzten Urlaubstag am Mittelmeer, verbrachte ich in diversen Museen von Nizza, was auf ganzer Linie eine Enttäuschung und hier nicht weiter erwähnenswert war. Auf dem Rückweg von Nizza nach Dresden machte ich dann noch für jeweils 1-2 Tage Station in Genf und Regensburg, um Freundinnen zu besuchen. Von diesen beiden Städten werde ich in den nächsten Wochen dann noch berichten. Und dann ist das Jahr auch schon wieder fast vorbei. Wie auch in diesem Jahr werde ich mich Anfang 2014 wohl etwas mit bloggen zurückhalten, bevor dann im März und April wieder die ersten Konferenzen und Urlaubsreisen anstehen und ich es wieder etwas zu erzählen geben wird.

Bis es soweit ist, gibt es hier aber erstmal noch ein paar Bilder von Menton.