Nov 022013
 

 
Nizza liegt in einem Tal direkt am Mittelmeer. Die Stadt schmiegt sich an eine Bucht, die sich nach Süden hin öffnet. In Richtung des Binnenlandes zieht sie sich an den Hängen diverser Berge entlang, die die Bucht im Norden umschließen. Im Westen werden Bucht und Stadt durch den Flughafen begrenzt. Der größte Teil der Bucht zieht sich in einer perfekten elliptischen Bahn bis zum Colline du Château (frei übersetzt: Burgberg), einer etwa hundert Meter hohen Erhebung, auf der in der griechischen Antike die Geschichte der Stadt Nicaea (“Die Siegreiche”, nach der Siegesgöttin Nike) begann. Westlich davon befindet sich Vieux Nice, die Altstadt des heutigen Nizza, die ihre Erscheinung bestehend aus engen verwinkelten Gassen, versteckten Plätzen und pastellfarbenen Häusern seit dem 18. Jahrhundert nicht verändert hat. Vom Flughafen bis zum Château besteht die Küste durchgängig aus einem zwischen zehn und hundert Meter breiten Kieselsteinstrand, der teils von Hotels bewirtschaftet wird, an vielen Stellen aber auch frei zugänglich ist. Parallel dazu ziehen sich die beiden Promenaden “Promenade des Anglais” im Westen und “Quai des États-Unis” im Osten am Wasser entlang. Zwischen dem Quai des États-Unis und Vieux Nice findet sich der Cours Saleya, auf dem täglich seit 150 Jahren ein Blumenmarkt und außerdem ein bekannter Obstmarkt stattfinden. Nordwestlich des Cours Saleya, am südlichen Ende der Innenstadt, schließt sich der Place Masséna an, an dem man oft auf Straßenkünstler trifft und der auch gerne für Theater- und Konzertauftritte genutzt wird. Östlich des Château befindet sich der Hafen, der Port Lympia, bevor dann ganz im Osten die Stadt durch den Mont Boron begrenzt wird, einen 200m hohen Berg direkt am Meer, der Nizza vom östlich gelegenenen Nachbardorf Villefranche trennt. Soweit erstmal zur Topografie des Ortes, damit ihr auch eine ungefähre Vorstellung habt, wo sich die Orte befinden, die ich jetzt näher beschreiben werde.

Circa 350 v. Chr legten die Griechen auf dem Colline du Château den Grundstein für das heutige Nizza, als sie nach einer erfolgreichen Schlacht die Stadt Nicaea gründeten. Später siedelten auch die Römer hier, und aus dieser Zeit lassen sich noch einige Überreste finden. Vom 11. bis zum 18. Jahrhundert stand dann hier eine Festung (das Château), von der aus der Hafen von Nizza bewacht wurde. Heute dient der Colline du Château vor allem als Aussichtspunkt, von dem man in Richtung Westen das ganze Tal Nizzas und bis zum Flughafen schauen kann, und im Osten den Port Lympia bis zum Mont Boron überblickt.

  
Antike Überreste.
  
Links: Blick nach Westen auf die Bucht. Rechts: Blick auf die Hafeneinfahrt im Osten.

 
Auf dem Berg befindet sich heute eine große Parkanlage mit vielen schattenspendenden Bäumen, unter denen man gut der Mittagshitze entfliehen kann. Etwas versteckt findet sich zudem ein alter Friedhof, der malerisch über der Altstadt thront. Die 92 Höhenmeter kann man entweder durch Treppensteigen vom Port Lympia (Ostseite) oder dem Quai des États-Unis (Westseite) überwinden, oder den kostenlosen Fahrstuhl auf der Westseite am Tour Bellanda nutzen. Hier ist aber gegebenenfalls etwas Wartezeit mitzubringen, der Fahrstuhl ist nicht mehr der Jüngste, die Kabinen ziemlich klein und die Nachfrage nach einer Fahrt verhältnismäßig groß.

  
Links: Friedhof vor den Hügeln, die die Stadt umgeben. Rechts: Treppen neben dem Bellanda-Turm auf der Westseite.

 
Auf dem Château wird auch jeden Tag um Punkt 12 eine Kanone abgefeuert, was man insbesondere in Vieux Nice überall hört. Der Legende nach geht dieser Brauch auf einen englischen Adligen zurück, der 1860 in Nizza weilte. Weil seine Ehefrau über dem Flanieren durch die Stadt gerne die Zeit vergaß und ihm daher das Mittagessen zu spät auf den Tisch brachte, nutzte er diese Kanone, um sie rechtzeitig an ihre Ehepflichten zu erinnern. Aus heutiger Sicht sicher kein angemessener Umgang in einer Beziehung, aber offensichtlich tat es seine Wirkung. ;)

Im Osten des Hügels findet sich auf Meereshöhe ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen Nizzas im ersten Weltkrieg (Monument aux Morts de la Guerre de 1914-1918). Es stellt eine 32 Meter hohe Nische in der Felswand dar, in der eine überdimensionale Urne steht, die 3665 Plättchen enthält, eine für jeden im ersten Weltkrieg gefallen Niçois.


Monument aux Morts de la Guerre de 1914-1918.

 
Im Westen duckt sich Vieux Nice, die Altstadt von Nizza, in den Schutz des Colline du Château. Vieux Nice ist ein Labyrinth aus engen verwinkelten Gassen, die in versteckte Plätze und Höfe münden und gesäumt sind von pastellfarbenen Häusern, die größtenteils zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erbaut wurden. Die Gassen sind so ausgerichtet, dass immer kühle Luft vom Meer hereinweht. Gleichzeitig wurde durch die Bauweise eine natürliche Klimaanlage für die Häuser geschaffen: In der Mittagssonne heizen sich die Dächer der Häuser stärker auf als die schattigen Gassen, so dass ein Luftzug nach oben entsteht, der durch offene Erker über den Türen der Häuser auch in die Wohnungen dringt und dort für Abkühlung sorgt. Dabei helfen natürlich auch die im ganzen Mittelmeerraum verbreiteten hölzernen Fensterläden, mit denen sich die Sonne und damit ein großer Teil der Hitze aussperren lässt. In Nizza scheint es dabei eine besondere Form des Fensterladens zu geben, der mir so noch nirgendwo begegnet ist. Ein Teil der Lamellen lässt sich nämlich nach außen aufklappen, so dass die Sonne zwar weiterhin draußen bleibt, aber dennoch ein Luftzug durch das geöffnete Fenster ermöglicht wird.

  
Links: Straße in Vieux Nice. Rechts: Fensterläden mit aufklappbaren Lamellen.

 
In Vieux Nice gibt es viele Souvenir- und Touriläden, aber auch viele Fachgeschäfte, zum Beispiel für Käse, Brot oder Oliven (ja, ein einziges Geschäft nur für Oliven). Es gibt einen Fischmarkt, auf dem der Fisch bis zum Mittag fangfrisch verkauft wird und gleich davor einen Fleischer, der sehr gut sein muss, wenn man die zu jeder Tageszeit langen Warteschlangen davor betrachtet. Diverse Kunstgalerien und Kunsthandwerker verstecken sich in den Nebenstraßen. Außerdem gibt es eine Unmenge an Cafes, Bars und Restaurants, die mit ihren außen aufgestellten Tischen den wenigen Platz zwischen den Häusern noch zusätzlich beschränken.

    
Vieux Nice.

 
Und es gibt Fenocchio. Hach, Fenocchio. Ihr müsst euch vorstellen, dass meine Augen zu funkeln beginnen, wenn ich den Namen ausspreche. Fenocchio *glitzer*. Fenocchio ist ein Eisladen in der Stadt, der je nach Quelle 70, 90 oder 99 Eissorten hat. Jedenfalls zu viele, um sie alle in einer Woche durchzuprobieren – zumal eine Kugel 2€ kostet, was ziemlicher Wucher ist, aber diesmal in Kauf genommen werden musste. Denn Fenocchio hat nicht nur die bekannten langweiligen Geschmacksrichtungen im Angebot, sondern auch eigenwillige Eigenkreationen, wie Biereis oder die Geschmacksrichtung Tomate-Basilikum. Grund genug, jeden Tag nach Vieux Nice zu pilgern, um sich die tägliche Dosis Geschmackserlebnis abzuholen. Und damit ihr auch was davon habt, hier jetzt meine Einschätzung der probierten Sorten:


Im Laden stehen 5 oder 6 dieser Truhen. Schlaraffenland!

 
Kaktuseis. Kaktuseis ist hellgrün. Es schmeckt sehr süß und milchig und ist vermutlich vorrangig aus Kaktusmilch gemacht.
Biereis. Biereis ist gelblich. Beim ersten Lecken prickelt es tatsächlich auf der Zunge, als würde man kohlensäurehaltiges Bier trinken. Der eigentliche Biergeschmack ist eher schwach ausgeprägt, aber vorhanden. Ein herber Abgang rundet das Geschmackserlebnis ab.
Tomaten-Basilikum-Eis. Ein rotes Eis mit echten Basilikumstückchen. Schmeckt sehr tomatig, durch die Basilikumstückchen wird man stark an Tomatensoße erinnert. Ein fast deftiges Eis, möchte man sagen.
Lavendeleis. Lavendeleis ist lila. Es schmeckt im Wesentlichen nach nichts, also nur nach Milchspeiseeis. Stellt euch vor, Vanilleeis ohne Vanillegeschmack zu essen. Oder an gefrorener Milch zu lecken. Das ist ungefähr der Geschmack. Also eher enttäuschend, wahrscheinlich kann man aus Blumen keinen leckeren Geschmack ziehen. Rose und Veilchen bleiben daher auch ungetestet.
Rharbarbareis. Ich bin ja überhaupt kein Fan von Rhabarbar. Aber als Eis ist es verdammt lecker und bisher mein Favorit der Testreihe. Wenn ich so darüber nachdenke, war es beim Rhabarbar wohl immer die etwas schleimige Konsistenz, die mich abgeschreckt hat – bei einem sahnigen Milcheis ist das natürlich kein Problem.
Avocadoeis. Avocadoeis schmeckt nach irgendwas, möglicherweise sogar nach Avocado. Leider habe ich erst beim Lecken gemerkt, dass ich gar keine Vorstellung davon habe, wie Avocado eigentlich schmeckt. Wahrscheinlich habe ich sie schon irgendwann gegessen, ohne zu wissen, dass es sich um Avocado handelt. Also ja, Avocadoeis schmeckt mutmaßlich nach Avocado.
Feigeneis. Ein erstaunlich fruchtiges Eis mit vielen, erstaunlich harten Feigenstückchen drin. Diese gaben zusammen mit dem sehr sahnigen Eis einen interessanten Kontrast in der Konsistenz. Dieser Kontrast wurde auch optisch deutlich: Eis in einem undefinierbaren Farbton irgendwo zwischen orange und violett, mit blau-grünen Feigenstückchen dazwischen. Aber lecker.
Meloneneis. Das Rharbareis muss seinen Favoritentitel leider abgeben, denn Meloneneis ist der Hammer! Rosarotes Eis, bei dem man mit jedem Schleck (Was ist das Leck-Äquivalent zu einem Biss?) das Gefühl hat, in eine vollreife, sonnenbeschienene Melone zu beißen. Und das ohne die leicht krümelige Konsistenz, die die vollreifen Stellen einer Wassermelone sonst haben. Einfach ein perfektes Eis. Mjam.

Wo wir gerade schon beim Essen sind, gehen wir doch direkt einmal zum Cours Saleya. Der stellt die Verbindung zwischen der Altstadt und den Strandpromenaden her und beherbergt am Vormittag einen Obstmarkt und bis in die frühen Abendstunden hinein einen bekannten Blumenmarkt. Den Obstmarkt kann ich durchaus empfehlen, auch wenn die Preise nichts für schwache Nerven sind. Aber die pflückfrische Qualität rechtfertigt 5 € für 500g Erdbeeren oder 250g Heidelbeeren durchaus. Wenn die Märkte am Abend abgebaut sind, wird der Platz einmal kurz mit dem Wasserschlauch abgespritzt, und dann stellen die ganzen Bars, Cafes und Restaurants, die ihre Räumlichkeiten in den angrenzenden Häusern haben, Tische und Stühle nach draußen und man kann bis in die frühen Morgenstunden hinein essen, trinken und feiern.

  
Cours Saleya.

 
In der Mitte des Cours Saleya öffnet sich der Platz nach Norden hin etwas weiter und gewährt den Blick auf ein großes, weiß angestrichenes Gebäude. Die weiße Farbe deutet schon an, dass es damit etwas Besonderes auf sich haben muss, denn fast alle Gebäude in Nizza sind pastellfarben gestrichen. Es handelt sich dabei um den Palais de la Préfecture den ehemaligen Sitz des italienischen Statthalters. Nizza gehört nämlich erst seit 150 Jahren endgültig zu Frankreich und war vorher Spielball zwischen der französischen Regierung und diversen italienischen Kleinstaaten. Vor dem endgültigen Anschluss an Frankreich gehörte es beispielsweise zum Königreich Sardinien, das damals neben der gleichnamigen Insel auch große Teile der Provence, die Côte d’Azur und das italienische Piemont umfasste.

Die Grenze zu Italien liegt auch heute nur 30 Kilometer entfernt (viele Franzosen fahren gerne rüber, um günstig Obst zu kaufen), und der italienische Einfluss ist bis heute spürbar. Das beginnt beim Essen. Pizza und Pasta sind hier keine Anpassung an die Geschmäcker der Touristen, sondern integraler Bestandteil der nizzischen (nizzanischen?) Küche. Und so wie es anderswo Imbisswagen gibt, die Bratwurst, Döner oder asiatisches Essen verkaufen, so gibt es hier überall Pizzawagen, in denen eine Pizza für 8-10 € nach Wunsch frisch zubereitet wird. Und auch in der Sprache gibt es Anknüpfungspunkte. In der Region um Nizza hat sich bis heute eine eigene Sprache erhalten, die eine Art Mischung aus französisch und italienisch ist. Dieses Nissart stirbt zwar langsam aus, weil es nur noch von den Alten gesprochen wird, aber zumindest in Vieux Nice sind beispielsweise alle Straßennamen zweisprachig ausgezeichnet – in Französisch und Nissart.

 
Westlich des Cours Saleya findet sich die das Operngebäude, ebenfalls eines der wenigen weißen Gebäude Nizzas. Mit seiner Rückseite grenzt es im Süden an den Quai des États-Unis, die Vorderseite mit den Eingängen liegt wenig eindrucksvoll mitten in einer schmalen Fußgängerzone, die eine Verlängerung des Cours Saleyas bildet. Das erste Theater an dieser Stelle wurde schon 1776 errichtet, damals noch vollkommen aus Holz. Aufgrund der zunehmenden Popularität wurde dieses alte Theater 1826 abgerissen und durch einen neuen Holzbau ersetzt, der nun aber eine repräsentative Steinfassade an der Nordfront erhielt. 1881 brannte bei einem Großbrand, verursacht durch eine Gasexplosion im Inneren des Gebäudes, nicht nur die ganze Oper aus, sondern auch viele Chocolatiers und Confiserien, die sich in den Jahren zuvor in der Straße nördlich der Oper angesiedelt hatten, um hungrige Opernbesucher zum Naschen zu verführen. Nur zwei Confiserien überstanden den Brand – und befinden sich bis heute direkt gegenüber dem neuen, 1885 eröffneten und nun völlig aus Stein erbauten Operngebäude. Die beiden Confiserien verkaufen ihre Waren an den jeweiligen Standorten seit 1821 beziehungsweise 1822.

  
Oper.

 
Nordwestlich der Oper gelangt man auf den Place Masséna. Der Platz und seine Bebauung stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind nach Turiner Vorbild ausgeführt. Der Boden ist mit karierten Pflastersteinen ausgelegt und spannt sich über den Fluss Paillon. Auf dem Platz stehen auf hohen Streben sieben Skulpturen, die nachts in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden und die sieben Kontinente symbolisieren sollen. Am südlichen Ende des Platzes steht in der Mitte eines Brunnens eine große Statue, die Neptun symbolisiert. Angeblich war diese Statue, die im altgriechischen Stil geschaffen wurde, jahrzehntelang vom Platz verbannt worden, weil die Bewohner Nizzas auf ihrem zentralen Platz keinen nackten Mann stehen haben wollten. Bei meinem Aufenthalt war sie jedenfalls vorhanden und auch in keiner Weise zensiert. ;)
Auf dem Place Masséna findet man zu jeder Tages- und Nachtzeit Straßenkünstler und Artisten. Auch als Bühne für Theaterstücke und Konzerte ist er sehr beliebt. Als ich da war, war der Neptunbrunnen gerade von einer Bühne bedeckt, aus der nur die Statue herausschaute. Alles wurde für die am Wochenende nach meiner Abreise stattfindenden “Les Jeux de la Francophonie” vorbereitet.

  
    
Place Masséna.

 
Wie schon erwähnt, ziehen sich vom Colline du Château bis zum Flughafen die beiden Strandpromenaden Quai des États-Unis und Promenade des Anglais. Hier bietet sich ein Bummel in den Abendstunden an, wenn der gemeine Niçois und natürlich auch die Touristen über den Boulevard flanieren oder in die Bars und Clubs der Stadt strömen. Man begegnet hier auch immer vielen Joggern, Radfahrern, Skatern und natürlich auch den unvermeidlichen Straßenkünstlern. Auf der einen Seite hat man den Blick auf den Strand, die Bucht von Nizza und ab und an auch auf die startenden und landenden Flugzeuge des Flughafens. Auf der anderen Seite säumen diverse Gebäude aus der Belle Epoque die Promenade. Um die vorletzte Jahrhundertwende herum bauten sich hier viele Reiche, Prominente und Adlige Villen und Luxushotels, wobei die Aufgabe darin bestand, die anderen Bauherren in Sachen Mondänität und Skurrilität zu übertreffen. Paradebeispiel für diesen Baustil ist das Hotel Negresco, dessen pinkfarbene Kuppel von Gustave Eiffel konstruiert wurde (ja, der mit dem Turm). Beispiele der Belle-Epoque-Architektur findet man überall an der Côte d’Azur, besonders an den großen Küstenstraßen, den Corniches, mit Blick aufs Meer.

  
Links: Promenade des Anglais am Abend. Rechts. Hotel Negresco.

 
Und damit beenden wir den Streifzug durch Nizza. Nächste Woche geht es weiter mit einem kleinen Dorf, das eigentlich aus zwei Dörfern besteht – einem auf Meeres- und einem auf 400m Höhe. Außerdem wird es um einen bekannten deutschen Philosophen gehen. Aber dazu zu gegebener Zeit mehr.

Mehr Bilder aus Nizza gibt es hier.

Oct 262013
 

Ende August war es mal wieder Zeit für einen längeren Urlaub. Das mag für jene, die meine Reiseberichte hier lesen, im ersten Moment komisch klingen. Aber tatsächlich war mein Ausflug nach Hamburg mein erster Urlaub in diesem Jahr, nun sollte der Zweite folgen. Geplant war, mit dem Flugzeug nach Nizza zu fliegen, dann 9 Tage an der Côte d’Azur zu genießen, anschließend mit dem TGV nach Genf zu fahren und dort einige Tage bei einer Freundin zu verbringen, bevor es zum Abschluss der Reise noch einmal nach Regensburg gehen würde, um eine weitere Freundin zu besuchen.

Der Flug startete halb 9 vom Flughafen Dresden, was unter Einbeziehung der Hinfahrt und der obligatorischen Stunde, die man vorher da zu sein hatte, ein Weckerklingeln gegen 6 Uhr bedeutete. Vielleicht war es auch noch früher. Jedenfalls handelte es sich um eine Uhrzeit, die es in einer besseren Welt nicht geben würde. Entsprechend gut gelaunt brach ich zum Flughafen auf. Fliegen würde ich mit “deutscheflügel”. Wie mir später klar wurde, war das mein erster Flug mit einer Billigairline – und würde auch mein letzter sein, wie ich mir danach schwor. Von Dresden sollte es zum Flughafen Köln-Bonn gehen, und von dort nach anderthalb Stunden Aufenthalt dann direkt nach Nizza.


70er-Jahre-Design an der Terminaldecke in Köln-Bonn

 
Schon bei der Buchung war mir sauer aufgestoßen, dass nach Einberechnung von Gepäckaufschlag und diversen Gebühren aus dem ursprünglich günstigen Angebot ein immer noch akzeptables, aber von den Konkurrenten preislich nicht mehr weit entferntes Entgelt unter dem Strich stand. An Bord des ersten Fliegers war mir dann die schöne Aufschrift: “Extra für Sie: Mehr Beinfreiheit” aufgefallen – an einem Sitzplatz, den ich anhand meiner bisherigen Flugerfahrungen nicht als sehr beinfrei eingestuft hätte. Was damit gemeint war, wurde mir im zweiten Flieger klar – da gab es die Aufschrift nämlich nicht, dafür stieß mein Knie hier bei normaler Sitzposition an den Vordersitz. Es war einfach unglaublich eng. Passend dazu ein Fensterplatz. Glücklicherweise waren meine Sitznachbarn – ein älteres Ehepaar irgendwo jenseits der 70 – nicht sehr voluminös, sonst wäre das Konserven-Feeling perfekt gewesen.

Während des Fluges rutschte mir zu allem Überfluss auch noch eine meiner Kontaktlinsen unters Augenlid, just in dem Moment, in dem die Flugbegleiter Getränke verkauften. Da konnte natürlich die Airline nichts für, dennoch war es erst einmal nervig, das alte Ehepaar aufzuscheuchen, mich dann am Steward und seinem Servierwagen vorbeizudrücken und die Kontaktlinse auf der Flugzeugtoilette aus meinem Auge zu bergen. Erstaunlicherweise klappte das recht problemlos und die leicht zerknitterte Linse ließ sich sogar wieder an die richtige Stelle ins Auge einsetzen. Dann ging es wieder zurück an den Platz, natürlich wieder vorbei am Steward und seinem Getränkewägelchen sowie dem alten Ehepaar.

Um nicht nur über den Flug zu mosern: Die Route war durchaus sehr malerisch (was aber wiederum nicht der Airline zugute zu halten ist) und während unseres Überfluges hatte ich einen schönen Ausblick auf die Alpen, die mit ihren grünen Tälern und schneebedeckten Gipfeln ab und an unter der aufbrechenden Wolkendecke hervorlugten. Beim Anflug auf Nizza verstand ich dann auch, warum in meinem Reiseführer die Rede war von den “französischen Seealpen” und warum die ganze Region als Alpes-Maritime bekannt ist. Hier fallen die französischen Alpen nämlich tatsächlich mehr oder weniger unerwartet einfach so ins Mittelmeer. Plumps. Dadurch finden sich dann direkt am Meer und nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Stränden entfernt Berge mit Höhen von 500 Meter und mehr. Berge und Meer – was will ich mehr?

  
Fensterplätze haben auch ihr Gutes.

 
Der Flughafen von Nizza liegt am westlichen Ende der Bucht, an die sich die Stadt schmiegt, und ist mehr oder minder auf dem Wasser gebaut. Man hat also bis kurz vor dem Aufsetzen der Maschine auf dem Rollfeld das Mittelmeer unter dem Flugzeugrumpf, was der Landung ein Stück weit Nervenkitzel einhaucht.
Am Flughafen rannte ich dann – wie ich es halt immer mache – erstmal schnurstracks in die falsche Richtung, auf der Suche nach meinem Bus, der mich einen Großteil der 7km zu meinem Hostel fahren würde. Der Bus brachte mich dann auch problemlos in das bergige Hinterland von Nizza, wo das alte umgebaute Kloster stand, dass nun als Hostel diente. Dort angekommen dauerte es noch etwas, bis ich in mein Zimmer konnte, so dass ich mich erstmal in die alte Kapelle zurückzog, die als Gemeinschaftsraum mit angeschlossener Küche und Bar diente.


Gemeinschaftsraum im Hostel: Die umgebaute Kapelle.

 
Man mag es kaum glauben, aber das war tatsächlich das erste Mal, dass ich auf Reisen in einem Hostel schlief. Als Einsteiger hatte ich das Zwölferzimmer noch als etwas überfordernd eingestuft und stattdessen ein Bett in einem Viererzimmer inlusive Bad gebucht. Und im Rückblick kann ich sagen: Alles richtig gemacht. Im Laufe der 9 Tage, die ich hier verbrachte, teilte ich mir das Zimmer (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) mit zwei jungen Amerikanerinnen auf Europa-Tour, einem britischen Journalisten mittleren Alters der für irgendeine Fußballstory recherchierte, einem australischen Backpacker-Pärchen, einem Slowenen und zwei Kuwaitis.

Auch sonst konnte man im Hostel in kurzer Zeit viele Leute kennenlernen. Der Smalltalk beschränkte sich dabei meist auf die drei Fragen “Wo kommst du her?”, “Wie lange bist du schon da?”, “Wie lange bleibst du/Wo gehts als nächstes hin?”. Spätestens dann hatte man ein interessantes Gesprächsthema gefunden. So plauderte ich mit dem britischen Journalisten, der mit seinen Recherchen auch schon einmal Fehler bei der Aufklärung eines Mordes nachgewiesen und damit fünf Unschuldige rehabilitiert hatte, über staatliches und Polizeiversagen. Der Slowene, der als nächstes Reiseziel Deutschland im Blick hatte, fragte mich nach der besten Biersorte, die er seinen Freunden daheim mitbringen wollte (Ich konnte ihm leider keine vernünftige Antwort geben, was ist denn die beste deutsche Biersorte?). Und einer der beiden Kuwaiti-Brüder war ein großer Fan der deutschen Kultur und unterhielt mich mit einigen Brocken Deutsch (Das Spiel bestand darin, zu erkennen, was er einem sagen wollte – der deutsche Akzent eines Kuwaitis ist schon sehr speziell.).

Ab und zu konnte man sogar noch ein paar Tipps für Tagesausflüge abstauben. So empfahl mir ein deutsches Pärchen einen Canyon, der sich westlich zwischen Nizza und Antibes befinden und sehr spektakulär sein sollte. Drei Jungs empfahlen mir den Sandstrand bei Cap d’Ail, der total malerisch sein sollte. Aus Zeitgründen konnte ich am Ende leider beide Tipps nicht berücksichtigen, aber für einen definitiv geplanten weiteren Besuch stehen sie auf jeden Fall auf der Liste. Umgekehrt konnte ich einem Australier, der schon seit 4 Monaten im Hostel arbeitete, einige schöne Flecken in der Umgebung empfehlen, insbesondere die versteckten Buchten am Cap Ferrat und meinen neuen Lieblingsort auf der Welt, das kleine Städtchen Menton an der französisch-italienischen Grenze.

Nachdem ich meine Sachen in meinem Zimmer geparkt und meine Jeans gegen eine für die 30°C Lufttemperatur angemessenere kurze Hose getauscht hatte, ging ich das erste Mal in die Stadt. Und Gehen ist hier das richtige Wort, ich hatte zu dem Zeitpunkt nämlich noch keine Vorstellung von der Größe der Stadt und dachte, die Entfernungen wären ohne größere Probleme fußläufig zu überwinden. Anderthalb Stunden später war ich endlich am Meer und eines besseren belehrt. Am nächsten Tag kaufte ich mir für 15 € ein Wochenticket, das sich bei 1,50 € Kosten für eine Einzelfahrt schon bald rentiert hatte.

Über Nizza, die Sehenswürdigkeiten und den Eisladen mit den 99 Eissorten werde ich nächste Woche schreiben. Hier sollen jetzt erst einmal ein paar allgemeine Beobachtungen folgen, die ich im Laufe der Woche in der Stadt gemacht habe, teilweise ungeordnet und nicht immer ganz ernst gemeint.

Was mir in Nizza sofort auffiel, war der Geruch. Es riecht überall leicht süßlich. Und es liegt nicht nur an den Franzosen, denen man vielleicht einen Hang zur Überparfümierung nachsagen möchte – der Geruch hing auch in vollkommen menschenleeren Gegenden. Ich mochte ihn jedenfalls. Bis heute frage ich mich, ob er vielleicht aus Grasse herangeweht wurde, der nicht weit von Nizza entfernt im Westen liegenden “Hauptstadt des Parfüms”, in der angeblich immer noch 75% aller Parfüms weltweit hergestellt oder veredelt werden (was ich mir ehrlich gesagt nicht wirklich vorstellen kann).

Die Franzosen, oder mindestens die Niçoise (Einwohner Nizzas), haben einen erfrischenden Hang zur Regellosigkeit und Anarchie. Rote Fußgängerampeln sind zum Beispiel ein Hinweis, doch zumindest nach links und rechts zu schauen, bevor man die Straße überquert. Busfahrpläne haben eher einen empfehlenden Charakter. Es sind zumeist ohnehin nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten an den Endhaltestellen bekannt gegeben, und selbst die werden nach Tagesform des Fahrers ausgelegt. Busfahrten in die Dörfer in Nizzas Umgebung sind übrigens mindestens abends und am Wochenende mit überfüllten Bussen und langen Staus auf den Küstenstraßen verbunden, die die meisten Linien benutzen. Volle Busse fahren auch gerne mal an Haltstellen vorbei, so dass man im ungünstigsten Fall zwei bis drei Busse (oder umgerechnet eine Stunde) warten muss, bis man mitgenommen wird. Die Alternative ist der Zug, der allerdings eine wesentlich weniger malerische Strecke fährt und außerdem teurer ist als die 1,50€ für die Einzelfahrt.

Damit es nicht allzu chaotisch wird, ist im öffentlichen Raum die Polizei recht präsent, in Museen und im Busverkehr übernehmen einzelne Sicherheitsunternehmen diese Aufgabe. Die Polizei nutzt dafür auch gerne mal Segways, um in den engen Gassen der Altstadt Nizzas (Vieux Nice) voranzukommen.


Eine neue Stufe der Evolution: Der Segway-Cop.

 
In der Straßenbahn war eine ältere Dame ganz begeistert und zutiefst dankbar, als ich ihr aus freien Stücken meinen Sitzplatz anbot. Das scheint hier kein Standard zu sein. Viele ältere Leute müssen oft erst ihren Senioren- oder Behindertenausweis vorzeigen, bevor ihnen ein Platz überlassen wird.

Franzosen lieben Hunde und fast jeder hat einen. Allerdings scheinen die meisten Wohnungen in Nizza sehr klein zu sein oder nur Kleintierhaltung zuzulassen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier fast ausschließlich Fußhupen rumlaufen. Also die Sorte Hund, die man beim zu tiefen Einatmen auch mal aus Versehen verschlucken kann.

Junge männliche Franzosen tragen gerne Herrenhandtaschen. Punkt. Was soll man da auch weiter zu sagen?

Niçoise lieben es, Dinge neonblau zu beleuchten. Ich stand zuerst immer relativ fassungslos vor dieser ästhetischen Abscheulichkeit. Irgendwann ging mir auf, dass das möglicherweise eine missglückte Reminiszenz an die Côte d’Azur sein soll. Was den Anblick nicht weniger schrecklich macht, aber zumindest etwas Verständnis in mir aufkeimen ließ.


Das neonblaue Grauen.

 
Wenn einem in Paris jemand im Weg stand, machte man ihn mit “Pardon!” auf seine Missetat aufmerksam (übrigens auch in Genf). In Nizza wird dafür eher “Excusez moi!” verwendet. “Pardon”, insbesondere mit einem Fragezeichen am Ende, wird eher als Aufforderung zur Wiederholung des eben Gesagten verstanden. In dem Zusammenhang: Wenn man seinem Gesprächspartner mitteilen möchte, dass man gerade kein Wort versteht, ist ein “Pardon” eher kontraproduktiv. Besser ist hier die Frage “Parlez-vous anglais?”, um den Redeschwall des Gegenübers zu unterbrechen. In 50% der Fälle ist das Gespräch damit auch beendet, denn der durchschnittliche Franzose spricht kein Englisch. In 40% der Fälle wird das Gespräch mit Händen und Füßen (also Gesten, keinen Kampfhandlungen) fortgeführt, und in 10% der Fälle sogar in Englisch.

Wenn man sich etwas näher kennt und auf der Straße begegnet oder verabschiedet, tut man dies mit Küsschen links, Küsschen rechts. Dabei ist das Geschlecht der beteiligten Personen unerheblich. Meine erste Begegnung mit dieser Abschiedszeremonie hatte ich in Nizza mit einer jungen, sehr süßen Pariserin, die mit ihrer Stupsnase und den schwarzen schulterlangen Haaren an eine junge, unzickige Victoria Beckham erinnerte. Ihre plötzliche Annäherung, nachdem wir uns gerade zwei Stunden gekannt hatten, irritierte mich kurzzeitig, so dass ich ziemlich starr (ich schreibe bewusst nicht steif) dastand, während sie mir die zwei Küsschen auf die Wangen hauchte. Was wahrscheinlich ganz gut war, denn im ersten Moment hatte ich die Annäherung fehlinterpretiert und hätte wohl etwas getan, was uns beiden danach peinlich gewesen wäre. Später konnte ich in dem Bereich zum Glück wesentlich souveräner agieren. Der Unterschied zur französischen Schweiz übrigens: In der Schweiz (oder in Genf) küsst man dreimal – rechts, links, rechts (oder andersrum).

Das mit Abstand beste Fortbewegungsmittel auf den bergigen und kurvigen Küstenstraßen (Corniches), die die Dörfer und Städte der Côte d’Azur verbinden, wie auch in den schmalen Gassen insbesondere der Altstadtviertel, ist der Motorroller. Damit kann man an jedem Stau vorbeifahren – und wenn es auf dem Gehweg ist. Zudem kommt man damit Steigungen hoch, die jedes Vierradgefährt vor eine unlösbare Aufgabe stellen würden. Sogar Treppenstufen lassen sich überwinden, wenn diese schräg angeordnet und weit genug voneinander entfernt sind.


Sind überall: Motorroller.

 
Mehr Bilder gibt es erst in der nächsten Woche, wenn ich euch Nizza im Detail vorstelle. Ab dann gibt es jede Woche einen Bericht über ein Dorf oder eine Stadt der Umgebung – je nachdem, wo es mich an jenem Tag gerade hingetrieben hat.