Dec 072013
 

 
Nach meinem Ausflug nach Monaco hatte ich erstmal genug von den Überlandbussen, die die verschiedenen Orte der Côte d’Azur östlich von Nizza verbanden. Besonders gegen die stets überfüllte Linie 100, die die Basse Corniche nach Monaco und weiter bis nach Menton befuhr, hegte ich tiefen Groll. Nur dumm, dass ich am nächsten Tag nach Menton fahren wollte und die Alternative, der Zug, bisher am langsamsten Fahrkartenautomaten der Welt gescheitert war, der die Annahme meiner Kreditkarte stoisch verweigert hatte. Dennoch begab ich mich am Morgen besagten Tages zum Bahnhof, um mein Glück noch einmal herauszufordern. Den Fahrkartenautomaten aus der Hölle links liegen lassend suchte ich nach anderen Möglichkeiten, ein gültiges Ticket nach Menton zu erwerben. Schließlich wurde ich in einer Ecke der Bahnhofshalle fündig, wo sich einige Fahrkartenautomaten anderer Bauart versteckt hatten, die auf den ersten Blick nur Fernzugtickets ausstellten, bei näherer Betrachtung aber auch die Möglichkeit eines Tickets nach Menton aus den Tiefen ihrer Menüstruktur zu Tage förderten. Schon dass man sie mit einem Drehrad und einem Knopf bedienen konnte und nicht direkt auf dem Monitor biometrische Daten (aka Fingerabdrücke) hinterlassen musste, machte sie mir sofort sympathisch. Der Buchungsvorgang dauerte auch nur knapp ein Zehntel der Zeit, die ich am Vortag vor dem Fahrkartenautomaten aus der Hölle verbracht hatte und der Gipfel des Glücks war erreicht, als meine Kreditkarte ohne Murren akzeptiert und mir ein gültiges Ticket nach Menton ausgestellt wurde.

Mit dem Ticket bewaffnet ging es nun auf den Bahnsteig, wo schon einige andere Passagiere warteten. Der Zug würde dieselben Orte anfahren wie die Linie 100, allerdings wesentlich schneller und etwas teurer, dafür aber auch wesentlich weniger überfüllt und ohne die Gefahr von Staus oder sonstigen ungewollten Störungen der Reise. Die Einzelfahrt nach Menton kostete mich 5 € (Einzelfahrt Bus 1,50 €), allerdings würde ich auch innerhalb einer halben Stunde und damit einem Drittel der für die Busreise benötigte Zeit am Ziel sein. Der Zug entpuppte sich als typische doppelstöckige S-Bahn, unten mit viel Platz für Räder, Kinderwägen und Gepäck und oben mit vielen Sitzmöglichkeiten. Schnell fand ich einen Fenstersitzplatz, zwar auf der falschen Seite, also vom Meer abgewandt, aber dennoch ein Sitzplatz! Den Großteil der Fahrt verbrachte ich damit, mich über die Klimatisierung und die Ruhe im Abteil zu freuen und den Dörfern, Bergen und Wäldern beim Vorbeihuschen am Zugfenster zuzusehen. Der ohnehin nicht voll besetzte Waggon leerte sich in Monaco noch einmal merklich, ich konnte auf einen Fensterplatz auf der richtigen Seite wechseln und hing den Rest der Fahrt meinen Gedanken nach, während ich auf die azurblaue See blickte, die Aussicht immer wieder unterbrochen von Gebäuden und Tunnelröhren, durch die wir schossen.

In Menton angekommen fehlte es mir wie so oft erst einmal an der Orientierung. Eine Touristeninformation war auch nicht in Sicht, so dass ich mich entschloss, erstmal zur Küste zu laufen. Von dort, mit freiem Blick über das Meer und den Strand, war die Orientierung oft einfacher. Und von dort waren die Touristeninformationen dann meist auch ausgeschildert. Das Meer zu finden, ist an der Côte d’Azur im Allgemeinen nicht schwierig. Da sich die Berge und Hügel, auf denen die einzelnen Ortschaften ruhen, oft direkt am Wasser befinden und zur Küste hin abfallen, muss man einfach immer nur abwärts laufen. Nach kurzer Zeit erreichte ich dann auch den Strand, der hier im Gegensatz zur restlichen Côte d’Azur tatsächlich ein echter weißer Sandstrand ist, der sich malerisch an der gesamten Küste von Menton entlang zieht, unterbrochen nur von den beiden Hafenanlagen des Ortes. Vom Strand aus war die Touristeninformation dann tatsächlich relativ leicht zu finden, und schon bald war ich im Besitz eines Stadtplanes und auf dem Weg in die Altstadt von Menton.


Sandstrand von Menton mit Altstadt im Hintergrund.

 
Menton ist im Wesentlichen für zwei Dinge bekannt: Sein mildes bis warmes Klima mit über 300 Sonnentagen. Und für die Zitrusfrüchte, die in diesem Mikroklima besonders gut gedeihen. So findet man hier an den Straßenrändern Alleen von Orangenbäumen und Orangen als Fallobst darunter. Noch bedeutender ist aber der Anbau von Zitronen. Jedes Jahr im Februar findet das zweiwöchige Fête du Citron statt. Dabei werden Paradewagen mit nur aus Zitronen bestehenden riesigen Skulpturen gezeigt, die durch die Stadt fahren. Anschließend werden die Früchte kiloweise zu Spottpreisen vor dem Palais de l’Europe verkauft. Zudem kann man in Menton alle nur denkbaren Produkte aus Zitronen erwerben, von der Zitronenseife über das Zitronenparfüm oder mit Zitronensaft versetztem Honig bis hin zu Zitronenschnaps. Und sogar das Stadtwappen wird zur Hälfte von einem Zitronenbaum eingenommen. Das führt dann teilweise auch zu absurden Ideen der Stadtverschönerung, wenn beispielsweise an die Straßenlaternen kleine gelbe Halbkugeln montiert werden, die mutmaßlich Zitronenhälften symbolisieren sollen.


Zitronen oder doch halbe Tennisbälle?

 
In der unteren Altstadt, nahe der Strände und des alten Hafens, befindet sich die Touri-Meile. Hier gibt es Hotels, Souvenirgeschäfte, Bars und Restaurants, Ableger bekannter Burgerbrat-Ketten und die erwähnten “Alles aus der Zitrone”-Geschäfte. Die Häuser entsprechen prinzipiell dem typischen Stil, den man aus anderen Vielle Villes der Umgebung gewohnt ist, allerdings sind die Straßen dazwischen boulevardartig breit und nicht verwinkelt. Die ganze Gegend ist ständig von Menschenmassen bevölkert.

  
Untere Altstadt.

 
Nachdem ich die untere Altstadt einmal kurz durchstreift hatte und kurz zu Mittag gegessen hatte, zog es mich erstmal wieder in Richtung Wasser. Die Küstenlinie, die sonst fast durchgängig in Richtung Nordosten ausgerichtet ist, macht hier einen kleinen Schlenker nach Norden. Hier befindet sich der Vieux Port, der alte Hafen von Menton, und am Anfang der künstlich aufgeschütteten Kaimauer, die den Hafen vom Rest des Mittelmeers trennt, eine ehemalige Festung, die Bastion. Der Schriftsteller, Maler und Regisseur Jean Cocteau, der auch schon in Villefranche seine Spuren hinterlassen hat, kaufte diese Bastion, restaurierte sie und gestaltete das Innere und die Außenmauern mit den ihm eigenen Kieselmosaiken. Heute beherbergt das Musée du Bastion wechselnde Ausstellungen mit Werken Cocteaus.

  
Bastion.

 
In Sichtweite zur Bastion findet sich außerdem das 2011 neu eröffnete Musée Jean Cocteau Collection Séverin Wunderman. Der Kunststammler Wunderman hatte der Stadt Menton über 1500 Werke Cocteaus vermacht, unter der Bedingung, dass dafür ein neues Museum gebaut werden solle. Der niedrige, modern gestaltete Bau aus Glas und Beton sticht aus seiner klassisch bebauten Umgebung heraus, vollzieht aber mit seinen geschwungenen Außenmauern und Säulen die Formensprache von Cocteau nach. Leider hatten beide Museen am Tag meines Besuchs Ruhetag. Ich nutzte dennoch die Zeit, um etwas durch die südwestlich von der Bastion gelegene Parkanlage Esplanade du Bastion zu wandeln, von der man einen schönen Blick auf die Küstenlinie westlich von Menton und die neueren Teile der Stadt, aber auch das Vielle Ville mit dem markanten Kirchturm der Basilique St-Michel-Archange hat.

  
Musée Jean Cocteau Collection Séverin Wunderman.
  
Blick aufs Vielle Ville.

 
Diese Kirche, die als größte Barockkirche Frankreichs gilt, wollte ich mir gerne auch einmal von innen ansehen. Allerdings war es gerade einmal 13 Uhr, und an der Côte d’Azur pflegt man im Allgemeinen eine ausgedehnte Siesta. Das heißt, das öffentliche Gebäude, Museen und die meisten Geschäfte (Restaurants ausgenommen) in den Mittagsstunden schließen. Da das auch für die Basilique galt, unternahm ich stattdessen erst einmal eine kurze Wanderung nach Italien.

Menton liegt direkt an der italienischen Grenze. Von der Bastion aus läuft man etwa 2 Kilometer an einer gut ausgebauten Straße auf einem boulevardesken Gehweg entlang, immer der Küstenlinie folgend. Dabei passiert man einige weitere Sandstrände und den zweiten Hafen der Stadt, den Port de Menton Garavan. Auch auf dem Wegabschnitt hinter dem Port gibt es ab und zu noch kleine Buchten und Badeplätze, in denen sich vor allem einheimische Sonnenanbeter und Wasserratten aufhalten. Die Wanderung sollte mich eigentlich etwas entspannen und die Zeit bis zur Öffnung der Basilique herumbringen. Gegen Ende wurde sie aber leider zur Tortur, denn die Mittagssonne stand hoch am Himmel, brannte trotz des beginnenden Septembers noch mit unbarmherziger Härte hernieder und auf den gesamten zwei Kilometern war kaum ein schattiges Plätzchen zu finden. Zwar hatte ich genug Wasser dabei, aber die Gefahr eines Sonnenstichs war nicht mehr nur eine theoretische. Mehr als einmal war ich versucht, mich unter eine der in regelmäßigen Abständen stehenden Bänke zu legen, um zumindest für einige Minuten aus der Gluthitze herauszukommen. Aber letztlich erreichte ich auch so die französisch-italienische Grenzstation.

Seit der EU-internen Grenzöffnung ist die Station nicht mehr von Zollbeamten besetzt, aber verlassen ist sie dennoch nicht. Zum einen stehen hier mehrere Wohnwagen, deren Zweck für mich im Dunkeln blieb. Zum anderen hatte direkt nach der französischen Grenze ein Obsthändler einen kleinen Stand aufgebaut und verkaufte aus seinem LKW heraus Früchte. Obst ist in Italien nämlich wesentlich günstiger als in Frankreich und viele in der Grenzregion lebende Franzosen fahren zum Einkaufen gerne ins Nachbarland. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es auf italienischem Boden außerdem eine kleine Tankstelle, die ihren Hauptumsatz weniger mit Benzin denn mit Alkohol und Tabakwaren zu machen schien. Sonst war die Gegend relativ tot. Die italienische Grenzstadt, Ventimiglia, war noch etwa 7 km entfernt, so dass ich nach zwei kurzen Beweisfotos vor den Grenzschildern den Rückweg antrat. Trotz der immer noch gleißenden Sonne fiel mir der Rückweg etwas leichter, denn nun hatte ich das wunderschöne Panorama des Vielle Ville von Menton vor mir, in dessen schattige Gässchen ich schon bald würde eintauchen können.

  
Grenzübertrittsbeweisfotos.
  
Blick auf Menton.

 
Der Weg in den oberen Teil der Altstadt, das eigentliche Vielle Ville, führt über eine steile Treppe. Wie an vielen anderen Orten an der Côte d’Azur auch, so wurden auch die Häuser Mentons auf einem Berg gebaut, der zum Meer hin abfällt. Die Grundrisse der Häuser und die dazwischen verlaufenden Gassen folgen dabei der ursprünglichen Beschaffenheit des Felsens. Deshalb und aufgrund der Gewohnheit, bei Platzproblemen einfach noch ein wenig an das Haus anzubauen, sind die Häuser in sich so wunderbar verschachtelt und die Gassen zwischen und unter den Häusern bilden ein bezauberndes Labyrinth, das wahrscheinlich insgesamt nur wenige hundert Meter lang ist, in dem man aber stundenlang umherspazieren kann und immer wieder etwas neues entdeckt. Hier oben gibt es auch keine Geschäfte und deshalb auch keine Touri-Massen mehr, nur ab und zu trifft man einen Einheimischen, der im Schatten vor seinem Häuschen sitzt oder, mit Badetuch in der Hand und Sonnenhut auf dem Kopf, gerade auf dem Weg zum Strand ist.

  
  
Vielle Ville.

 
Menton hat dabei das schönste und bezauberndste Vielle Ville, das ich bisher gesehen habe. Es ist noch ein Stückchen verwinkelter und unberührter als Villefranche, es gibt noch mehr Treppen, Abzweigungen und unterirdische Gänge und die Häuser sind noch malerischer. Architektonisch beherrscht wird das gesamte Vielle Ville von der Basilique St-Michel-Archange. Die größte Barockkirche Frankreichs wurde im 17. Jahrhundert gebaut und besitzt einen 35 Meter hohen Uhrenturm und einen 53 Meter hohen Kirchturm. Nähert man sich der Kirche vom Strand, muss man außerdem noch gute 30 Höhenmeter durch Treppensteigen überwinden, so dass die Kirche noch trutziger wirkt. Im Inneren gibt es nichts Besonderes zu sehen, wie üblich in französischen Kirchen nur viel Gold, Gemälde und Ikonen. Auf dem Kirchplatz jedoch befindet sich, eingelassen als Mosaik in den Boden, das Wappen der Familie Grimaldi, die noch heute in Monaco herrscht und auch Menton für viele Jahrhunderte regierte.

  
Basilique St-Michel-Archange.

 
Im wahrsten Sinne gekrönt wird das Vielle Ville von zwei sehr alten und malerischen Friedhöfen, von denen man einen atemberaubenden Blick über ganz Menton hat, die aber auch selbst wunderschön gestaltet sind. Da gibt es große Grüfte und Kolumbarien, mit Statuen geschmückte Gräber, einen Ehrenfriedhof für gefallene Soldaten und vieles mehr. Als letzte Ruhestätte scheinen diese Orte sehr beliebt zu sein, teilweise gibt es Gräberwände, in denen analog zu einer Urnenwand die Verstorbenen übereinander und nebeneinander beigesetzt werden. Manchmal scheinen hier ganze Familien zu ruhen, wie sich an den Grabinschriften ablesen lässt.

  
  
Friedhöfe über Menton.

 
Es mag für den ein oder anderen makaber klingen, aber genau zu diesem Zeitpunkt habe ich mich in Menton verliebt. Da war diese Stille auf dem Friedhof, nur einzelne singende Vögel und zirpende Grillen. Der kühle Wind und die tief stehende Abendsonne. Und der Blick auf das Meer, auf das Vielle Ville zu den eigenen Füßen, die Côte d’Azur entlang und bis nach Italien. Ich stelle es mir unglaublich romantisch vor, hier mit einem geliebten Menschen zum Abend hinaufzusteigen, auf einer Bank auf dem Friedhof zu rasten und zu picknicken, und dabei zu beobachten, wie die Sonne langsam untergeht und sich Menton auf eine weitere geruhsame Nacht vorbereitet. Nichts auf dieser Welt kann friedlicher sein als genau dieser Ort, wo man mit sich und vielen hundert Toten allein ist, hoch oben über den Ostausläufern der Côte d’Azur.

  
Friedhofsaussicht.

 
Und mit diesem, für den ein oder anderen vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Bild, endet meine Berichterstattung von der Côte d’Azur. Die Rückfahrt von Menton nach Nizza verlief ereignislos, nachdem ich den Bahnhof in Menton erst einmal wiedergefunden hatte. Den nächsten Tag, meinen letzten Urlaubstag am Mittelmeer, verbrachte ich in diversen Museen von Nizza, was auf ganzer Linie eine Enttäuschung und hier nicht weiter erwähnenswert war. Auf dem Rückweg von Nizza nach Dresden machte ich dann noch für jeweils 1-2 Tage Station in Genf und Regensburg, um Freundinnen zu besuchen. Von diesen beiden Städten werde ich in den nächsten Wochen dann noch berichten. Und dann ist das Jahr auch schon wieder fast vorbei. Wie auch in diesem Jahr werde ich mich Anfang 2014 wohl etwas mit bloggen zurückhalten, bevor dann im März und April wieder die ersten Konferenzen und Urlaubsreisen anstehen und ich es wieder etwas zu erzählen geben wird.

Bis es soweit ist, gibt es hier aber erstmal noch ein paar Bilder von Menton.

 

Nov 302013
 

 
Wenn man schon einmal an der östlichen Côte d’Azur weilt, ist es natürlich quasi Teil des Pflichtprogramms, auch mindestens einen Tag in Monaco zu verbringen. Wenigstens, um später erzählen zu können, man sei in Monaco gewesen, um einmal meinen serbischen Zimmergenossen aus dem Hostel zu zitieren. Das Fürstentum Monaco ist im Wesentlichen bekannt für sein Casino im Stadtteil Monte-Carlo, den Formel-1-Grand-Prix von Monaco, dessen Streckenverlauf quer durch den Stadtstaat führt, und die schillernde und skandalumwitterte Herrscherfamilie der Grimaldis, die die Geschicke des Landes seit dem 13. Jahrhundert lenkt. Nach diversen Irrungen und Wirrungen, insbesondere mit dem nicht immer freundlich gesinnten großen Nachbarn Frankreich, ist Monaco seit 1860 endgültig ein unabhängiger Staat. Das Fürstentum ist nicht Teil der EU, wohl aber Teil des Zollgebiets der EU und des Schengen-Raumes (weshalb es zwischen Frankreich und Monaco auch keine Grenzkontrollen gibt) und aufgrund eines Währungsabkommens mit Frankreich auch Teil der Eurozone. Zudem besteht aufgrund entsprechender Verträge für Monaco eine Konsultationspflicht mit Frankreich in außenpolitischen Fragen, die Ernennung von Ministern bedarf der Zustimmung von Frankreich und im Falle einer Aussterbens der Grimaldi-Dynastie fällt das gesamte Staatsgebiet an Frankreich zurück.

Um die Zeit der Unabhängigkeit Monacos herum gehörte es zu den ärmsten Ländern der Welt. Dies änderte sich, als 1863 der erste Vorläufer des heutigen Casinos von Monte-Carlo eröffnet wurde. Weiteres Geld brachte die ab 1869 eingeführte Steuerfreiheit für Privatpersonen (nicht aber Unternehmen) und die Nichtverfolgung von im Ausland begangenen Steuervergehen (außer für französische Staatsbürger), die dazu führten, dass heute etwa die Hälfte der 36.000 Einwohner Millionäre sind. Entsprechend seinem Status als Steueroase sind dabei nur 20% der Einwohner Monegassen, insgesamt leben Menschen aus über 100 Nationen hier. Da sich diese Menschen auf insgesamt nur 2 km² angesiedelt haben, ist Monaco gleichzeitig auch das Land mit der mit Abstand höchsten Einwohnerdichte der Welt.

Schon von Nizza nach Monaco zu kommen, gleicht einer kleinen Herausforderung. Ich berichtete ja schon ein wenig von der Linie 100, mit der man von Nizza über Monaco bis nach Menton fahren kann. Obwohl die Linie tagsüber durchschnittlich alle 15 Minuten von der Rue Catherine Segurane startet, sind die Busse immer überfüllt. Nur für diese Busse stehen an der Haltestelle in Nizza immer zwei Mitarbeiter von Lignes d’Azur, dem zuständigen Nahverkehrsunternehmen, um das Einsteigen einigermaßen geordnet ablaufen zu lassen. Da ich keine Lust auf das Gedränge hatte, wollte ich stattdessen mit dem Zug fahren. Der fuhr halbstündlich vom Bahnhof Nice Ville (Straßenbahnhaltestelle Gare Thiers), war mit 3,60 € zwar mehr als doppelt so teuer wie eine Einzelfahrt mit dem Bus nach Monaco, dafür mit 25 Minuten Fahrtzeit aber auch doppelt so schnell.

Im Bahnhof war auch schon eine Menge Gewusel. Nach einer kurzen Orientierungsphase steuerte ich einen Automaten an, der seinem äußeren Anschein nach auch meine Kreditkarte akzeptieren würde. Er wurde gerade noch von einem Pärchen bedient und ich wartete, bis ich an der Reihe sein würde. Das dauerte erstaunlich lange und ich wunderte mich schon, was die beiden da wohl trieben. Als ich endlich an der Reihe war, verstand ich die lange Wartezeit – ich hatte hier augenscheinlich die Bekanntschaft mit dem langsamsten Fahrkartenautomaten der Welt gemacht. Nicht nur, dass jede Aktion auf dem Touch-Bildschirm gefühlte 10 Sekunden dauerte, die Maschine war auch derart unergonomisch gestaltet, dass man etwa zwei Zentimeter über einem bestimmten Button tippen musste, damit das System die Eingabe akzeptierte. Bis ich das verstanden hatte, vergingen schon die ersten 2 Minuten. Inzwischen hatte sich eine kleine Schlange hinter mir gebildet. Nun ging es an den eigentlichen Buchungsvorgang, der aus etwa 10 Schritten bestand, von denen die meisten für mich irrelevant waren. Als auch diese Tortur vorbei war, ging es ans Bezahlen. Beziehungsweise sollte es ans Bezahlen gehen. Denn dieses Sch***-Teil nahm nach all der Quälerei meine Kreditkarte nicht! Dreimaliges Reinschieben, Pin-Eintippen und Rausziehen lösten das Problem nicht. Dafür entschied der Automat schließlich, dass schon lange keine Eingabe mehr getätigt worden sei und brach den Bestellvorgang ab. Aber damit gab ich mich noch nicht zufrieden. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte, dass die Schlange hinter mir noch nicht allzu lang war, ihr Ende war sogar noch irgendwo in der Ferne sichtbar. Also klickte ich mich erneut durch das quälend langsame Menu, nur um am Ende wieder vor der unerbittlichen Verweigerung des Automaten zu stehen, meine Kreditkarte zu akzeptieren. Die Kreditkarte, mit der ich die letzten Tage fast überall bezahlt hatte. Die Kreditkarte, mit der ich noch nie Probleme hatte. Die Kreditkarte, die mich bisher noch an den obskursten Automaten zuverlässig mit Bargeld versorgt hatte. Ich war kurz davor, vom Glauben abzufallen, gestand meine Niederlage gegenüber dem Automaten ein und zog mich in meiner Schmach zurück.

Dann eben doch mit dem Bus! Ich lief zur Haltestelle Gare Thiers zurück, fuhr zum Place Garibaldi und lief in die Rue Catherine Segurane, zur verhassten Haltestelle der verhassten Linie 100. Tatsächlich stand bei meiner Ankunft schon ein Bus bereit, der sich langsam füllte. Überraschenderweise konnte ich sogar einen Sitzplatz ergattern, wenn er auch gegen die Fahrtrichtung ausgerichtet war. Irgendwann war der Bus voll und die Fahrt begann. Die Strecke erwies sich als sehr kurvenreich und der Fahrer als ein Liebhaber des Vollgas-Bremsen-Vollgas-Bremsen-Fahrstils. In Verbindung mit der Tatsache, dass ich aufgrund meiner rückwärtigen Sitzposition den Straßenverlauf vor uns nicht sehen und mich somit nicht auf den nächsten Richtungs- oder Geschwindigkeitswechsel einstellen konnte, wirkte sich das sehr schnell sehr negativ auf meinen Kreislauf aus. Die Enge im Bus und die diversen Gerüche, die die vielen Menschen verströmten, machten es nicht besser. Etwa ab der Hälfte der Fahrt galt meine Aufmerksamkeit nur noch der Anzeigetafel für die nächste Haltestelle, die es in dieser Linie tatsächlich gab. Ich konzentrierte mich auf jede Haltestelle, verglich sie mit dem Fahrplan nach Monaco und versuchte abzuschätzen, wie lange es noch dauern würde – immer mit der Sorge im Hinterkopf, jeden Moment in den Bus kotzen zu müssen. Mehr als einmal war ich versucht, an der nächsten Haltestelle auszusteigen und den Rest des Weges zu laufen. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie schaffte ich es, die Fahrt durchzuhalten, ohne meinen Mageninhalt über meine Mitfahrer zu verteilen. Schließlich erreichte ich die Haltestelle Monte Carlo unweit des Casinos.

Mein erster Weg führte mich zu einer Parkbank, auf der ich erst einmal 10 Minuten durchatmete und etwas trank, um meinen Kreislauf wieder in den Griff zu bekommen. Das war einfacher gesagt als getan, denn ich saß dabei an einer lauten Hauptverkehrsstraße, mir gegenüber nur hässliche Betonklötze. Alles andere als eine Umgebung, in der ich mich hätte entspannen können. Mein erster Weg führte mich dann zur Touristeninformation. Er war glücklicherweise sehr kurz, sie befand sich nämlich direkt hinter der Parkbank, auf der ich Zuflucht gefunden hatte. Den Stadtplan studierend erkannte ich, dass sich direkt hinter der Touristeninformation ein kleiner Park befand. Dorthin zog ich mich erst einmal zurück, um in Ruhe abseits der Straße noch ein wenig zu verschnaufen und etwas zu essen.

Die Parks in Monaco sind anders als anderswo an der Côte d’Azur. Sie sind zwar sehr schön und sehr gepflegt. Aber man sieht ihnen auch an, dass sie künstlich angelegt sind. Hier ist der Platz jeder Pflanze durchdacht, hier macht man sich die Natur untertan. Es hat ein bisschen was von einem überkandidelten Schlossgarten, von einem Disneyland für das Gärtnerhandwerk. Kein Ort, an dem man lange verweilen möchte. Dass man hier nicht mehr in Frankreich ist, sieht man auch an den Schildern: überall wird darauf hingewiesen, dass das Betreten des Rasens verboten ist – und die Leute halten sich auch noch dran! So ein bisschen hat man schon das Gefühl, irrtümlicherweise in einer deutschen Enklave gelandet zu sein.

  
Park in Monaco.

 
Direkt unterhalb des nicht sehr großen Parks gelangt man zum Casino von Monte-Carlo. Das Casinogebäude, das nebenstehende Hôtel de Paris und das Café de Paris stammen alle aus den 1860er Jahren. Sie sind im historistischen Stil ihrer Zeit erbaut und durchaus nett anzusehen. Das Bild wird allerdings etwas getrübt durch die Massen an Touristen, die sich in dieser Gegend herumtreiben und die vielen Autos, darunter auch viele Nobelkarossen, in denen die Spieler vorfahren. Blickt man zudem von der Meerseite auf das Casino, so erheben sich im Hintergrund die für Monaco leider typischen Hochhäuser und Bettenburgen aus den Neunzehnhundertsechziger und -siebziger Jahren, die den ansprechenden Eindruck sofort wieder nachhaltig zerstören.

  
Casino von Monte-Carlo
  
Links: Hôtel de Paris. Rechts: Café de Paris.

 
Das Casino befindet sich einige Höhenmeter über dem Meeresspiegel und nahe am Meer (wobei in Monaco zugegebenermaßen alles nahe am Meer liegt). Zwischen dem Gebäude und dem Wasser befinden sich einige Terrassen und Gärten, in denen man schlendern kann. Wenn man bis zur Wasserlinie vorläuft, stellt man dabei fest, dass man sich gerade auf dem Dach eines Gebäudes befindet, und sich unter einem Balkon an Balkon mit Meerblick reiht. Außerdem findet man hier das “Hexagrace”, ein 1979 von Victor Vasarely, einem Vater der Op-Art, erstelltes Mosaik zu Füßen dieser Balkone.

  
Hexagrace.

 
Westlich kann man zudem über den Port Hercule blicken, den Hafen von Monaco. Auf der anderen Seite des Hafens, ebenfalls auf einer Felsenklippe gelegen und bewaldet, erkennt man Le Rocher, die Altstadt von Monaco. Dazwischen fällt das Gelände ab und gibt den Blick frei auf die Bausünden der letzten Jahrzehnte. Es ist wirklich ein einziges Trauerspiel. In diesem Bereich ist die typische Bebauung der Côte d’Azur aus kleinen Häuschen und engen Gässchen fast vollständig ausgerottet worden. Stattdessen erheben sich überall Monumente der Hässlichkeit, Hochhäuser aus den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, also genau der Zeitspanne, in der die Architekten dieser Welt kollektiv den Geschmack verloren hatten und augenkrebserregende Gebäude aus Beton und Stahl errichteten. Die zuvor vorhandene Architektur wird dabei einfach ignoriert oder überbaut. So kommt es dann zu solch skurrilen Anblicken wie einer süßen kleinen Kirche, die sich in den Schatten einer neu gebauten Hochstraße duckt, über die die Autos hinwegdonnern.

  
Links: Anblick des Grauens. Rechts: Kirche unter Schnellstraße.

 
Ich lief zum Hafen hinunter und, weil es dort wirklich nichts zu sehen gab, direkt weiter nach Le Rocher. Die Altstadt liegt auf einer Felsenklippe, man muss also einige hundert Stufen erklimmen, um sie zu erreichen. Den Eingang bilden alte Festungsanlagen, von denen der Hafen früher überwacht wurde. Am Eingang nach Le Rocher wird man per Schild außerdem darüber informiert, dass es innerhalb des Viertels, in dem sich auch der Fürstenpalast befindet, verboten sei, mit unbekleidetem Oberkörper, barfuß oder mit Badekleidung herumzulaufen.

  
Links: Weg nach Le Rocher. Rechts: Verbotsschild.

 
Direkt rechts des Eingangs zu Le Rocher findet sich der Palais Princier, der Fürstenpalast von Monaco. Normalerweise kann dieser auch besucht werden, bei meiner Ankunft war das Gebiet aber abgesperrt, vermutlich war irgendein Staatsakt im Gange. Linker Hand kann man noch einmal einen Blick über die Stadt und ihre schauderhafte Architektur werfen, bevor man dann ins Viertel von le Rocher eintaucht.

  
Palais Princier.

 
Le Rocher ist wirklich das einzige Viertel, in der man die typische Bebauung aus kleinen verschachtelten Wohnhäusern und engen, verwinkelten Gässchen tatsächlich noch findet. Zwar ist auch hier alles auf den Tourismus ausgelegt, mit einer Unmenge an Eisständen, Restaurants und Souvenirläden, die sich in den schmalen Gässchen drängen, aber zumindest in einigen Nebengässchen findet man noch Anzeichen authentischen Lebens und kann von dem Gewusel der Touristen etwas Abstand gewinnen. Außerdem befindet sich in Le Rocher der einzige Grund, aus dem der Tag am Ende kein kompletter Reinfall war und gleichzeitig auch der einzige Grund, der aus meiner Sicht einen Ausflug nach Monaco rechtfertigt: Das Ozeanographische Museum Monaco.

  
  
Le Rocher. Unten rechts: Ozeanographisches Museum.

 
Das Ozeanographische Museum ist Museum, Institut für Meereskunde und Aquarium in einem. Es wurde 1889 von Fürst Albert I. gegründet und befindet sich an einem Steilhang direkt am Meer. Der als “prince navigateur” bekannte, meereskundlich interessierte Albert I. hatte von seinen Expeditionen diverse Erinnerungs- und Forschungsstücke mitgebracht und wollte diese nun an einem zentralen, für die Bürger seines Landes zugänglichen Ort ausstellen lassen. Im Laufe der Zeit gewann das ozeanographische Museum immer mehr an Bedeutung, unter anderem auch wegen seiner herausragenden Direktoren. So leitete Jacques-Ives Cousteau, der berühmte Unterwasserfilmer, das Museum und das angeschlossene Institut seit 1957. Ihm zu Ehren wird vor dem Gebäude noch heute eines seiner Tauchboote ausgestellt.


Tauchboot von Jacques-Ives Cousteau

 
Heute findet man in der unteren Etage des Museums diverse Aquarien. Hier tummeln sich unter anderem Haie, Rochen, Kraken, Seepferdchen, Seesterne, Langusten, Krebse und alle Arten von Fischen. Die Haltungsbedingungen erscheinen mir dabei allerdings etwas fragwürdig. So gibt es zum Beispiel eine etwa zwei Meter breite und deckenhohe Glassäule, die komplett mit Wasser gefüllt ist und in der ein ganzer Schwarm Fische ständig nur im Kreis schwimmt. Auch die Einzelaquarien erscheinen mir teilweise etwas klein und in ihrer Einrichtung eher auf den Voyeurismus der Besucher als auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgelegt. Dennoch ist es durchaus eine spannende Angelegenheit, die diversen bekannten und unbekannten Tierarten der Ozeane mal lebend aus der Nähe zu sehen.

  
  
Aquarienbewohner.

 
In den Etagen darüber findet man die Ausstellung der Forschungsobjekte von Albert I. und seiner Nachfolger. Wenn man die breite Prachttreppe zum ersten Stock hinauf läuft, sieht man über sich erst einmal einen 10 Meter langen konservierten Riesenkraken hängen. Im linken der beiden Säle erhält man vor allem Informationen zu den Expeditionen selbst. Hier ist ein typisches Schiffslabor aus dem 19. Jahrhundert nachgebaut, in Vitrinen ruhen diverse Gerätschaften, die Albert I. und seine Nachfolger unterwegs benutzten, und in einer Ecke hängt eine plastinierte Version eines Wals in Lebensgröße. Der Saal zu Rechten beinhaltet vor allem Skelette und Skelettteile diverser Meerestiere. Dominiert wird der Saal von einem von der Decke hängenden Blauwalskelett, das gut die Hälfte des 50 Meter langen Raumes einnimmt. Ansonsten finden sich hier beispielsweise eine ganze Reihe von Haikiefern, von denen einer sogar so präpariert ist, dass man ihn anfassen kann.

  
Links: Riesenkraken. Rechts: Blauwalskelett.
  
Große Klappe, nichts (mehr) dahinter: Haikiefer (rechts zum Anfassen).

 
Auf einer Zwischenetage des Museums gibt es dann noch eine ganz spezielle Besonderheit: Hier können Kinder zu bestimmten Zeiten und nach vorheriger Einweisung kleine Haie streicheln, die in einem Bassin schwimmen. Als ich dort vorbeikam, war die Schlange etwa 100 Meter lang, ich entschied mich daher gegen eine Kuscheleinlage mit den Raubtieren.

Auf dem Dach des Museums hat man dann noch einmal einen Blick über Monaco (ich schreibe bewusst nicht “einen schönen Blick”), außerdem gibt es hier oben ein Restaurant und in einer Ecke eine Aufzuchtstation für Schildkröten. Insgesamt kann man in dem Museum gut 3 Stunden und mehr verbringen, allerdings ist es mit 14 € (kein Studentenrabatt) auch nicht sonderlich billig. Dennoch war es letztlich mein Highlight des Tages und ich kann einen Besuch durchaus empfehlen.

 
Nach dem Besuch des Museums hatte ich dann aber doch genug von Monaco. Ich ging wieder runter zum Hafen, fand nach einigem Suchen eine Bushaltestelle, an der die Linie 100 in Richtung Nizza fuhr, und wartete dort mit vielen anderen Menschen. Ich erwischte einen der letzten Plätze im Bus, stehend direkt vorne beim Fahrer, und verbrachte die nächste Stunde dort. Zwar rebellierte mein Kreislauf bei dieser Fahrt nicht mehr, dennoch schwor ich mir, bei der am nächsten Tag anstehenden Fahrt nach Menton – noch einmal 12 km östlich von Monaco – definitiv den Zug zu nehmen. Komme was da wolle.

Mehr Bilder von Monaco gibt es hier.

Nov 232013
 

 
Weil ich bei meiner Wanderung um das Cap Ferrat mein Herz in der Bucht von Villefranche gelassen hatte, fuhr ich am nächsten Tag noch einmal hin, um es wieder abzuholen. Diesmal ging es direkt in den Ort hinein, der sich größtenteils an der Westküste der Bucht, also gegenüber meiner neuen Lieblingshalbinsel entlang zieht. Auch Villefranche erreicht man mit der Linie 81 in Richtung Port de Sant-Jean oder mit der Linie 100 in Richtung Monaco oder Menton, wobei letzteres aus schon benannten Gründen nicht empfohlen werden kann. Ausstieg ist jeweils an der Haltestelle “Octroi”, die aufgrund ihrer Größe und der Menschenmassen, die sich hier bewegen, nicht allzu leicht übersehen werden kann. Die Touristeninfo befindet sich an der Nordseite des Platzes (beim Ausstieg aus dem Bus links) und ist ebenfalls gut zu finden. Nachdem ich mich wie üblich mit Kartenmaterial der Gegend eingedeckt hatte, zog es mich erst einmal in den Norden ins Vielle Ville, die Altstadt des Ortes.

Altstädte haben an der Côte d’Azur ja immer etwas Zauberhaftes, aber die Altstadt von Villefranche sticht selbst unter all diesen Schönheiten noch einmal hervor. Sie ist wirklich ein einziges Postkartenmotiv. Man kann die Kamera in nahezu jeden Straßenzug hineinhalten und abdrücken und wird ein makelloses, wunderschönes Foto erhalten. Der Grundaufbau aus engen kleinen Gässchen und pastellfarbenen Häuschen entspricht dem von Vieux Nice, ist hier aber viel organischer und weniger monolithisch umgesetzt. Die Gässchen ziehen sich feingliedrig zwischen den Häusern hindurch. Aufgrund der Topographie verlaufen sie ständig auf unterschiedlichen Höhenebenen, steigen oder senken sich unentwegt und sind durch eine Vielzahl von Treppen miteinander verbunden. Weil die Häuser offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten und mehr oder minder kreuz und quer gebaut wurden, verlaufen die Gassen verwinkelt zwischen und teilweise auch unter den Häusern.

    
  
Vielle Ville.

 
Es ist ein einziges Labyrinth – ein sehr apartes Labyrinth, denn die Häuschen, die seine Mauern bilden, sind alle gut in Schuss gehalten und individuell gestaltet. Oft wird der Postkarteneffekt noch verstärkt, indem die Bewohner große Pflanzenkübel oder einen Gartentisch vor der Tür stehen haben – man sieht, dass hier wirklich Leute wohnen und das nicht nur eine Kulisse für die Touristen ist. Entsprechend ist es abseits einiger weniger Touristenmagnete, die sich vor allem nahe des Wassers finden, auch sehr ruhig und wenig überfüllt – ideal also, um beim Herumstreifen die Seele baumeln zu lassen. Insgesamt erscheint das Vielle Ville als das menschengemachte Gegenstück zur westlichen, von idyllischen Buchten durchzogenen Steilküste von Cap Ferrat. Man entdeckt alle 10 Meter eine neue malerische Ecke, die alles zuvor Gesehene in den Schatten stellt.

Eine sehenswerte Besonderheit in der an Sehenswertem nicht armen Altstadt ist die Rue Obscure, eine 130 Meter lange unterirdische Gasse, die parallel zur Uferstraße verläuft. Die Rue Obscure wurde schon 1260 als Wehrgang gebaut, auf dem sich Soldaten unbemerkt in der Stadt bewegen konnten. Zwischenzeitlich war sie sogar zugeschüttet worden, wurde dann aber wieder freigelegt und ist seit 1932 denkmalgeschützt. Die Rue verbreitet mit ihrem Wechsel vom sonnigen Tag in das schattige, nur von einigen Glühbirnen erleuchtete Dreivierteldunkel einen sehr morbiden, faszinierenden Charme, in dem plötzlich alles fotogen wird – selbst der Müllhaufen des Restaurants in der Seitengasse.

  
  
Rue Obscure.

 
Eine weitere Sehenswürdigkeit im Osten der Altstadt, direkt am Hafen, ist die Chapelle Saint-Pierre. Diese kleine Kapelle wurde 1957 im Inneren von John Cocteau vollständig mit Fresken bemalt. John Cocteau war Schriftsteller, Regisseur und Maler und einer der bedeutendsten Vertreter des Surrealismus, der unter anderem mit Pablo Picasso zusammenarbeitete. Cocteau hielt sich während eines (letztlich erfolglosen) Opiumentzugs längere Zeit in Villefranche auf und verliebte sich dabei in die Stadt (und wie könnte er auch nicht?). Eines Tages bat er die Bewohner, ihm die Schlüssel für die kleine, aus dem 14. Jahrhundert stammende und heruntergekommene Kapelle zu überlassen, und begann, sie innen mit Bildern der Lebensgeschichte von Petrus zu bemalen – verwoben mit Motiven aus seinem eigenen filmischen Schaffen und seines persönlichen Umfelds. Herausgekommen sind großformatige Strichzeichnungen, die teilweise mit pastellfarbenen Flächen gefüllt sind. Die Farbflächen sind derart zart aufgetragen, dass sich die Augen erst einige Minuten an die Dämmerung in der Kapelle gewöhnen müssen, bevor man sie wahrnehmen kann. Das Ganze ist schon sehr stilvoll, allerdings sollte man sich vorher überlegen, ob man bereit ist, die 2,50 € Eintritt zu bezahlen. Die Kapelle ist nämlich wirklich sehr klein, besteht nur aus einem einzigen Raum und enthält nur etwa 3 großformatige Szenen – eine an der Wand links, eine an der Wand rechts und eine vorne im Altarbereich. Wer sich nicht allzu sehr für Kunst oder den Surrealismus interessiert, kann sich das Eintrittsgeld durchaus sparen.


Chapelle Saint-Pierre.

 
Ebenfalls als Sehenswürdigkeit angepriesen wird die Citadelle Saint-Elme. Die Festung wurde ab 1557 zur Verteidigung des strategisch wichtigen Handelshafens von Villefranche erbaut. Heute beherbergt sie ein Hotel, das Rathaus des Ortes, vier Museen, einen Garten und ein Freilufttheater. Ich war an einem Sonntag in Villefranche, so dass zwei der vier Museen leider geschlossen waren. Geöffnet waren nur das Volti-Museum und das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie. Das Volti-Museum beherbergt ausschließlich Fruchtbarkeits- und Weiblichkeitsstatuen aus allen Ecken und Enden der Welt, aus verschiedensten Materialien und Epochen. Das ist bei den ersten 5-10 Exponaten noch ganz interessant, spätestens nach der hundertsten Statue sollte aber auch der Letzte begriffen haben, dass Weiblichkeit offensichtlich weltumfassend mit Brüsten und ausladenden Hüften assoziiert wird. Allzu spannend war das also nicht. Gleiches muss man über das Museum des 44. Bataillons der Alpen-Infanterie sagen. Das “Museum” ist letztlich nur ein einziger mittelgroßer Raum, in dem wie in jeder militärischen Ausstellung irgendwelche Uniformen der Einheit, Abzeichen und Dokumente, Bilder und Gemälde berühmter Offiziere und ähnliches präsentiert wurde.

  
Die Zitadelle.
  
Ausstellungsstücke des Volti-Museums.

 
Leider geschlossen hatte das Musée Goetz-Boumeester, eine von den Künstlern Christine Boumeester und Henri Goetz zusammengetragene Sammlung von Kunstwerken unter anderem von Picasso, Picabia, Mio und Hartung. Ebenfalls nicht zu besichtigen war die Collection Roux, eine Art Heimatmuseum, in dem anhand historischer Dokumente der Lebensalltag der Region im Mittelalter und in anderen Epochen plastisch dargestellt wird. Alle Museen können ohne Eintritt besucht werden, allerdings lohnt sich das zumindest bei den beiden von mir gesehenen Ausstellungen kaum. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass insbesondere das Musée Goetz-Boumeester doch einen Abstecher wert wäre und werde bei meinem nächsten Besuch mein Glück noch einmal versuchen.

Die Innenhöfe der Zitadelle lassen sich ansonsten vollkommen frei erlaufen, man kann auch in einen der kleinen Verteidigungserker klettern und durch die Schießscharten auf den Hafen schauen. Der Ausblick ist durchaus sehenswert, man sieht zum Beispiel einen südlich der Zitadelle angelegten Yachthafen, der vom Dorf aus eher nicht einsehbar ist, und man hat auch einen schönen Blick über Cap Ferrat, mit dessen höchsten Erhebungen man sich hier in etwa auf einer Höhe befindet. Der schönste Blick über das Dorf und über die Bucht ist das aber nicht. Um den zu bekommen, muss man bis zur Bahnstation laufen, die sich direkt hinter dem gut besuchten Badestrand an der zentralsten Küstenstelle der Bucht befindet, dann einige Treppen mit sehr vielen Stufen hinaufklettern, die sich zwischen Villen, die sich an den Hang schmiegen, hinaufführen, um schließlich auf der Basse Corniche herauszukommen, der niedrigsten der drei Küstenstraßen, die von Nizza über Monaco nach Menton führen. Hier überblickt man tatsächlich die ganze Bucht, beginnend mit dem Mont Boron im Westen, der sich an die felsigen Hänge schmiegenden Altstadt, dem azurblauen Wasser unter einem, bis zum Cap Ferrat auf der Ostseite und darüber hinaus, auf die nächsten Berge und Buchten, die sich die weitere Côte d’Azur entlangziehen.

  
Blick von der Basse Corniche auf Cap Ferrat und Villefranche.

 
Nachdem ich einmal dort oben war, lief ich die Basse Corniche bis zu meinem Ausgangspunkt, dem Octroi zurück, und schließlich noch ein wenig darüber hinaus, bis ich mich unterhalb des Mont Boron befand. Auch von hier hatte man nochmal einen schönen Blick in die Bucht hinein, über Cap Ferrat hinüber und die weitere Küstenlinie entlang. Auf dem Rückweg hielt ich Ausschau nach einer Haltestelle der 81, die sich laut meiner Karte eigentlich hier befinden sollte. Glücklicherweise, wie ich aus heutiger Perspektive sagen muss, fand ich keine und lief zum Octroi zurück. Hier warteten schon einige Menschen an der Haltestelle auf den Bus, der seinerseits auf sich warten ließ. Als schließlich eine 81 kam, war diese schon so gefüllt, dass nicht mehr alle Wartenden hinein passten – natürlich war auch ich unter denen, die zurückgelassen werden mussten. Der nächste Bus fuhr dann schon mit dem leuchtenden “Fermee”-Schriftzug, dem Zeichen, dass er überfüllt sei, an die Haltestelle heran und auch direkt an ihr vorbei. Erst bei Nummer drei, einem auch schon gut gefüllten Bus der Linie 100, hatte ich dann Glück und erwischte den letzten Gangplatz direkt vorne beim Fahrer. Entsprechend fuhr auch dieser Bus ab jetzt mit dem “Fermee”-Schriftzug und ich hätte, wenn ich an einer der späteren Haltestelle gewartet hätte, wohl noch sehr lange das Nachsehen gehabt, bevor sich eine Rückfahrgelegenheit ergeben hätte.

Die Rückfahrt dauerte aufgrund des mittlerweile eingesetzten Feierabendverkehrs und einer sehr seltsamen Ampelschaltung, die den Verkehr auf der nur einspurig ausgebauten Küstenstraße in regelmäßigen Abständen völlig zum Erliegen brachte, dennoch eine gute Stunde, obwohl nur 6 km zu überwinden waren. Es war schon kurz vor 20 Uhr, als ich ziemlich entnervt in Nizza ankam, und erstmal ins Hostel fuhr, um etwas Ordentliches zu Abend zu essen. Dennoch kann ich einen Ausflug nach Villefranche prinzipiell empfehlen, zumindest unter zwei Bedingungen: Man sollte sich für die stressfreiere Anreise per Zug entscheiden, auch wenn diese etwas teurer sein mag. Und man sollte nicht erwarten, in Villefranche einen ganzen Tag mit Sightseeing verbringen zu können, einfach weil es dafür dann doch nicht so viel zu sehen gibt. Aber man kann ja auch daran denken, seine Badesachsen mitzunehmen, und den Nachmittag mit der Entdeckung der nassen Seite der Bucht verbringen.

Mehr Bilder von Villefranche gibt es hier.

Nov 162013
 

 
Die Halbinsel Cap Ferrat erstreckt sich östlich von Villefranche ins Mittelmeer. Eigentlich handelt es sich um zwei Halbinseln: Von der eigentlichen Landzunge geht in östlicher Richtung nochmal ein kleinerer Arm ab, quasi eine Landzungenzunge oder Landzungenpapille. Die Halbinsel ist in weiten Teilen bewaldet, nur am Übergang zum Festland findet man das Dorf Saint-Jean-Cap-Ferrat. Allerdings schauen aus dem Blätterdach im äußeren Teil von Cap Ferrat auch hier und da die weiß schimmernden oberen Stockwerke diverser Luxusvillen heraus, so dass die Gegend leider nicht nach Belieben durchstreift werden kann, sondern man sich darauf beschränken muss, die Rundgänge an der Küste zu laufen.

Nach Saint-Jean-Cap-Ferrat kommt man mit der Linie 81 in Richtung Port de Saint-Jean, die wie die Linie 82 nach Èze von der Rue Catherine Segurane startet. Ich erzählte schon, dass die Busse innen keine Haltestellenanzeige haben und auch nicht zwangsläufig an jeder Haltestelle halten. Diesmal wurde mir das zum Verhängnis. Eigentlich wollte ich an der Haltestelle “Passable” aussteigen. Von hier hätte man einerseits Zugang zum “Passable Plage” gehabt, einem Strand am westlichen Rumpf der Halbinsel, auch der Beginn des Rundweges um die große Halbinsel startet hier. Andererseits befindet sich die Haltestelle direkt vor der Villa Ephrussi de Rothschild, einer Belle-Époque-Villa die einst einer exzentrischen Adeligen gehörte und heute als Museum besucht werden kann. Hier sollen sich im Inneren diverse Kunstgegenstände, alte Gemälde und Möbel stapeln, während die außen angelegten Themengärten (Spanischer, japanischer, französischer, florentinischer, Stein-, Kaktus- und Rosengarten) zu jeder Jahreszeit zur Entspannung einladen. Leider bemerkte ich erst, dass ich hätte aussteigen sollen, als sich an der Haltestelle der Bus plötzlich merklich leerte und der Busfahrer schon wieder angefahren war. So blieb die Villa Rothschild unbesucht und steht nun auf der Liste der Gründe, wegen denen ich die Côte d’Azur unbedingt noch einmal besuchen muss (von den Offensichtlichen abgesehen, wie, dass es einfach die schönste Gegend ist, die ich kenne). Dieses Schicksal teilt sie sich übrigens mit der Villa Kérylos, die östlich von Cap Ferrat auf dem Festland liegt und bis ins Detail, sogar bis hin zur Möblierung, einer athenischen Villa aus dem 1. Jahrhundert nachempfunden ist.

Ich stieg schließlich an der Endstation am Hafen, dem Port de Saint-Jean, aus. Leicht desorientiert (also wie immer) lief ich dann auf der Suche nach einer Touristeninfo oder einem öffentlichen Stadtplan erstmal in die falsche Richtung und fand mit dem Plage du Cros dei Pin einen schönen kleinen Strand, der sich nördlich an den Hafen anschließt und anscheinend vorwiegend von Einheimischen besucht wird. In dessen Nähe entdeckte ich schließlich einen Wegweiser, der mich zur nächsten Touristeninfo führte, wo ich mir einen Stadtplan der Gegend besorgte.

Mit dem Stadtplan konnte ich mich dann zumindest soweit orientieren, um zu wissen, dass ich mich nördlich der kleinen Landzungenzunge befand, um die es ebenfalls einen Rundweg gab, den “Sentier du Bord de Mer”. Auch das andere Ende des Rundwegs um die große Landzunge war von hier aus gut zu erreichen, so dass ich mich entschloss, zuerst die kleine und dann die große Runde zu laufen. Laut dem Plan sollte die kleine Umrundung auch nur eine halbe Stunde, die Große dann noch einmal anderthalb Stunden dauern. Da wäre noch genügend Zeit geblieben, die Villa Rothschild doch noch zu besuchen. Und der Konjunktiv ist dabei die richtige Zeitform, auf solche Zeitangaben sollte man sich nämlich keinesfalls verlassen, wenn man sich nicht joggend durchs Leben bewegt. Ich hab jedenfalls immer gut das Doppelte der angegeben Zeit benötigt, wobei zugegebenermaßen auch einige Zeit dafür draufging, das dreihundertste tolle Panoramabild aufzunehmen, das dann aufgrund zu starker Helligkeitsunterschiede doch nicht von der Handysoftware verarbeitet werden konnte.

Die kleine Landzungenzunge hat eine grob dreieckige Fläche, ihre Küste zieht sich zuerst in südliche Richtung, dann nach Nordosten und schließlich schnurstracks zurück nach Westen. Dadurch bildet sie auf ihrer westlichen Seite zusammen mit der großen Landzunge eine kleine Bucht, in der sich die beiden Strände “Plage des Fossettes” und “Plage des Fosses” befinden. In der Bucht ankerten auch diverse kleinere und größere Yachten, deren Besitzer das Wochenende bei strahlendem Sonnenschein genossen. Ich lief zu Beginn des Rundwegs an dieser Bucht entlang, so dass ich das Meer immer rechter Hand und die Insel immer linker Hand hatte. Von der Insel selbst sieht man dabei nicht viel. Wie fast alles Land in dieser Gegend nimmt sie von der Küste ins Innere hinein sehr stark an Höhe zu. Die Westküste ist zudem bewaldet, an Süd- und Nordküste wird der Weg durch Mauern vom Inselinneren abgegrenzt. Linker Hand war also nie wirklich viel zu sehen. Rechter Hand dafür umso mehr.

  
DieBucht zwischen Landzunge und Landzungenzunge.

 
Sobald man die erste große Biegung des Rundweges gelaufen ist und sich damit außerhalb der Bucht auf der Südseite der Landzungenzunge befindet, sieht man außer dem Rundweg selbst teilweise absolut kein Land mehr um sich. Stattdessen nur Meer, soweit das Auge reicht. Manchmal wird es durchschnitten von Segelschiffen, Motorbooten oder Jetskis, ansonsten liegt es glatt und unantastbar vor einem, der Übergang von Himmel zu Wasser nur erkennbar an den unterschiedlichen Blautönen, die sich am Horizont treffen. Hier finden sich auch einige “wilde” Badestellen, kleine Steinplateaus, auf denen man sich sonnen kann und von denen man leicht ins Wasser kommt. Zu einigen führen Stufen, bei anderen muss man sich den Zugang zum kühlen Nass erst erklettern. Soweit ich es beurteilen kann, bevorzugen die Einheimischen diese etwas abgelegenen Orte gegenüber den überlaufenden Stränden an der Basis der Landzungenzunge.

  
  
Im Süden der Landzungenzunge.

 
Etwa in der Mitte der Südküste öffnet sich die Mauer linker Hand und gibt einen kleinen schattigen Weg frei, der bergauf ins Landesinnere zur Chapelle de Saint-Hospice führt. Die Kapelle entstand im 17. Jahrhundert als Zentrum einer Festung, von der aus die umliegenden Gewässer und Cap Ferrat vor Plünderern geschützt werden sollten. Die Bedeutung des Ortes als religiöse Stätte beginnt allerdings über tausend Jahre zuvor. Der Legende zufolge soll hier im 6. Jahrhundert ein Einsiedler in den Ruinen eines verlassenen Turmes gewohnt haben, der mit Wunderheilungen von sich reden machte und bald nach seinem Tod in der Umgebung verehrt wurde. Auffälligstes heutiges Merkmal ist die große Statue der Maria mit Kind neben dem Eingang zur Kapelle. Sie wurde im Jahr 1903 zur Erfüllung eines Gelübdes von einem nizzanischen Olivenkaufmann gestiftet und im Jahre 1937 an ihren heutigen Platz gebracht. Etwas unterhalb der Kapelle findet sich außerdem ein kleiner Friedhof, der bei meiner Ankunft leider verschlossen war, von dem man vermutlich aber einen tollen Ausblick über die Bucht zwischen Landzungenzunge und Landzunge hat.

  
  
Die Chapelle de Saint-Hospice.

 
Biegt man am östlichen Ende der Landzungenzunge erneut um die Ecke und läuft an der Nordküste weiter, befindet man sich Auge in Auge mit der gesamten Küstenlinie der Côte d’Azur. Bis zum Horizont reiht sich Berg an Bucht an Berg an Bucht. Wobei man die Buchten irgendwann nur noch erahnt zwischen den Bergen, die sich ins Meer hinein schieben, wie die wulstigen Finger eines Riesen, der sich mit aller Kraft an der Küste festgekrallt hat, um weiterhin diese Schönheit atmen zu können, und dessen Fingerrücken im Laufe der Jahrtausende überwuchert wurden von Bäumen, Häusern und Dörfern, so dass er nun selbst Teil dieser Schönheit ist.

Auf der Nordseite scheinen auch einige Gutbetuchte ihre Zweit- oder Drittvilla zu besitzen. Ab und an wird die Mauer linker Hand von einem gut gesicherten Tor unterbrochen, hinter dem Stufen ins bewaldete Irgendwo führen, das tatsächliche Anwesen nur erahnbar. An einer Stelle hatte sich jemand sogar seinen eigenen Privathafen mit direktem Zugang zum Anwesen angelegt. Am westlichen Ende der Nordküste, am Übergang zur großen Landzunge, geht es hingegen wieder profaner zu – hier befindet sich der “Paloma Plage”, der weithin beworbene Touristrand von Cap Ferrat.

  
Im Norden der Landzungenzunge.

 
Bevor ich mich nun auf den Weg zum großen Rundgang um die Landzunge machte, löschte ich zunächst meinen Durst in dem an der Basis der Landzungenzunge befindlichen “Fontaine Coexist”. Von diesen kunstvoll gestalteten Trinkbrunnen gibt es auf Cap Ferrat drei Stück, sie sollen die Gleichheit und Einheit der drei abrahamischen Religionen Islam, Judentum und Christentum symbolisieren. Das hier abgebildete Exemplar wurde übrigens 2007 von Bono und Tony Blair offiziell eingeweiht. Das Wasser war aber trotzdem klar und sehr erfrischend.
Ich finde es ohnehin praktisch, dass man an der Côte d’Azur fast überall Brunnen findet, deren Wasser ausdrücklich zum Trinken geeignet ist. Das mag man in einer solch sonnenbeschienenen Gegend als Notwendigkeit erachten, zumal es vermutlich billiger ist als sich ständig um dehydrierte Touristen kümmern zu müssen, andererseits habe ich das selbst in südlicher gelegenen Gegenden bisher noch nicht standardmäßig entdeckt. Hier, an der Côte d’Azur, sind diese Wasserstellen teilweise sogar in den Stadtplänen verzeichnet.


La Fontaine Coexist.

 
Nun machte ich mich zunächst immer noch nicht auf den Weg zum großen Rundgang, sondern folgte meinem Stadtplan, der mich auf einen Aussichtspunkt in der Dorfmitte von Saint-Jean-Cap-Ferrat aufmerksam gemacht hatte. Das ist ohnehin das Praktische an solchen Touri-Stadtplänen und der Grund, warum mich mein erster Weg in jedem Dorf erstmal zur nächsten Touristeninformation führte – man entdeckt Sehenswertes, das man sonst übersehen hätte. Zwar hatte ich selbstverständlich auch meinen unschlagbaren Lonely-Planet-Reiseführer im Gepäck, aber der listet natürlich nicht von jedem Dörfchen alle vorhandenen Sehenswürdigkeiten auf. Zwar erhöht sich bei Touri-Stadtplänen die Gefahr, in Touristenfallen zu laufen und das wirkliche Leben hinter den Fassaden zu übersehen, aber solange man sie nur als Ergänzung zur eigentlichen Tagesgestaltung ansieht, ist es das meines Erachtens wert. Der Weg zum Aussichtspunkt war jedenfalls steil, aber kurz, und die Aussicht auf die Landzungenzunge und die sich dahinter ausbreitende Küste der Côte d’Azur auch nett anzusehen. Dann ging es wieder runter zur Küste und diesmal wirklich und endlich auf den großen Rundweg um die große Landzunge.


Blick auf die Landzungenzunge.

 
Ich begann auf der östlichen Seite der Landzunge auf Höhe der kleinen Landzungenzunge, also auf der anderen Seite der schon beschriebenen Bucht. Den Zugang zum Rundweg zu finden war gar nicht so einfach, auf den ersten Blick wirkt die Chemin de la Carrière, die als Startpunkt dient, nämlich wie eine Sackgasse. An ihrem Ende erwartet einen eine große Mauer mit einem verschlossenen Tor. Erst wenn man näher kommt sieht man, dass das Tor nur Autofahrer abhalten soll, und es an den Seiten fußgänger- und motorrollerbreite Lücken in der Mauer gibt. Dahinter erstreckt sich anscheinend eine Art geschützte Wohnanlage, die aber nach einigen hundert Metern buchstäblich im Sand verläuft – die Straße hört plötzlich auf und man steht auf einem staubigen Feldweg inmitten einer sich selbst überlassenen, kargen Landschaft. Etwa 100 Meter rechts von einem hebt sich eine Felswand in den Himmel, links werden die Wellen des Mittelmeers an die Uferbefestigung gespült, und dazwischen stehen ein paar vertrocknete Bäume und in einiger Entfernung ein abbruchreifes Haus.

Zumindest der Blick in die Bucht und auf die Landzungenzunge war nicht sonderlich karg, so dass ich zunächst davon einige Bilder machte. Dann ging ich weiter, in der Hoffnung auf ästhetische Besserung auch auf dieser Seite der Halbinsel. Als ich etwa auf Höhe des Abbruchhauses war, bemerkte ich plötzlich einen dort geparkten Motorroller. Der Besitzer kam gerade aus dem Haus, warf mir einen skeptischen Blick zu, holte dann ein bestimmt ein Meter langes Kameraobjektiv von seinem Gefährt und verschwand wieder ins Haus. Man darf nicht vergessen – in dieser Gegend leben viele Superreiche und die Bucht war an diesem Wochenende mit Yachten gut gefüllt. Augenscheinlich hatte ich einen Paparazzo bei der Vorbereitung seiner Arbeit beobachtet, der auf einer der Yachten einen Yellow-Press-relevanten Abschuss erhoffte. Da er aber nicht sehr zugänglich wirkte, ließ ich ihn mit seiner Arbeit allein und ging weiter.

Die Umgebung diesseits der Bucht wird tatsächlich erst sehenswerter, wenn man die erste große Biegung des Rundweges hinter sich gelassen hat und sich an der Südküste der Halbinsel befindet. Hier hat man einerseits das gleiche Phänomen wie an der Südküste der Landzungenzunge, dass nämlich kein Land (abgesehen von dem, auf dem man steht), den Blick über das Meer trübt, bis zum Horizont sieht man nichts als Wasser. Andererseits ist der Weg nun in ein sehr malerisch aussehendes Meer aus weißen Kalksteinen eingebettet, die still und unbeweglich um einen herumwogen. In der Ferne sieht man das bewaldete bergige Hinterland der Halbinsel und nahe der Küste einen kleinen Leuchtturm, zu dessen Füßen sich dann auch der nächste Fontaine Coexist befindet – eine Erfrischungsmöglichkeit, die man unbedingt wahrnehmen sollte, denn in beide Richtungen des Weges gibt es sonst keine Trinkwasserstelle mehr.

  
Der Süden der Halbinsel.

 
Wirklich atemberaubend wird die Umgebung und der Ausblick aber, wenn man an die Westküste der Halbinsel kommt. Diese Westküste bildet gleichzeitig die östliche Begrenzung der Bucht von Villefranche, in der sich der Rade befindet, der einzige hochseetaugliche Hafen in der Nähe von Nizza. Weil der Hafen von Nizza nicht tief genug ist, legen insbesondere große Kreuzfahrtschiffe oft hier an und bringen ihre Passagiere dann mit kleineren Booten in die Stadt. Zu Spitzenzeiten habe ich drei dieser Giganten im Hafen von Villefranche liegen sehen, bei meiner Tour um das Cap Ferrat erhob sich zumindest einer in der Ferne.

Gleichzeitig ist die Bucht von Villefranche auch eine der schönsten Buchten der Côte d’Azur und der Blick vom Cap Ferrat in die Bucht wiederum einer der Schönsten, den man haben kann. Man sieht die andere Seite der Bucht, die vom bewaldeten Mont Boron gebildet wird. Schweift der Blick weiter in die Bucht hinein, sieht man die malerischen Häuschen des Dorfes Villefranche (von dem ich nächstes Mal mehr erzählen werde) und auf dem Wasser neben den Kreuzfahrtschiffen eine Unmenge kleinerer Yachten, Segelschiffe, Motorboote, Ausflugsdampfer und sonstiger schwimmfähiger Gefährte. Die Uferseite, auf der man sich selbst befindet, ist üppig bewachsen. Man läuft an einer Steilküste 10-20 Meter über dem Meer entlang und passiert dabei eine erkleckliche Anzahl absolut traumhafter Buchten. Auch hier findet man ab und an versteckte, idyllische Badeorte, die in keinem Reiseführer auftauchen, vor allem von den Einheimischen frequentiert werden und selten überlaufen sind. Einige sind durch Treppen zu erreichen, bei anderen muss man einige Kletterfähigkeiten mitbringen und wieder andere sind nur mit dem Boot erreichbar. Auch die Wohlhabenden wissen dieses versteckte Paradies zu schätzen, hier lugt dann zwischen den Baumwipfeln auch schon mal das ein oder andere Villendach hervor und Tore im Zaun, der den Weg zur Landseite hin begrenzt, versperren den Zugang zu kleinen Wegen, die in Richtung eben jener Villendächer streben.

  
  
In der Bucht von Villefranche.

 
Wenn man an der Côte d’Azur ist, sollte man unbedingt nach Cap Ferrat fahren und diesen Teil des Weges laufen. Ich habe noch nie etwas Schöneres gesehen. Ich empfehle auch ausdrücklich, vom Leuchtturm in Richtung Villefranche zu laufen. In dieser Richtung bleibt man jeder Bucht unwillkürlich stehen, um das Panorama in sich aufzusaugen, in dem Glauben nie wieder etwas Vergleichbares zu sehen. Und kaum geht man 10 Meter weiter, wird man eines Besseren belehrt und von einer noch idyllischeren Bucht oder einem noch phantastischeren Panorama überwältigt. Es ist wirklich eine Aneinanderreihung ästhetischer Superlative.

Kurz vor der Basis der Halbinsel endet der Rundweg dann wenig glamourös am überfüllten “Passable Plage” in der Nähe der Station “Passable”. Für einen Besuch der Villa Rothschild war es aber inzwischen zu spät, so dass ich zur Busstation hochlief und ohne größere Zwischenfälle in Nizza ankam. Mein Herz und mein inneres Auge blieben aber noch eine Zeit lang in Cap Ferrat und ergötzten sich an den idyllischen Buchten und den phantastischen Panoramen.

Mehr Bilder von Cap Ferrat gibt es hier.

Nov 092013
 

 
Mein erster Ausflug in die Peripherie von Nizza führte mich in das kleine Dörfchen Èze, etwa zehn Kilometer nordöstlich von Nizza. Dorthin gibt es eine direkte Busverbindung, die vom Place Garibaldi startet. Am Place Garibaldi befand sich früher der zentrale Busbahnhof, der jedoch vor einigen Jahren bei der Neugestaltung und Umwandlung des Platzes in eine Fußgängerzone abgerissen wurde. Heute halten die Straßenbahnen nördlich des Platzes in der Avenue de la République, während die Überlandbusse nach Èze, Villefranche oder auch Monaco und Menton in der südöstlichen Seitenstraße Rue Catherine Segurane starten. Wenn man das nicht weiß, irrt man erst einmal ein wenig umher.

  
Place Garibaldi.

 
Wenn man in der Rue Catherine Segurane ist, erkennt man die richtige Haltestelle daran, dass dort immer eine große Menschentraube steht. Die meisten dieser Menschen warten auf die Linie 100, die sie nach Monaco bringen soll. Man kann diese Linie prinzipiell auch nutzen, um nach Èze zu kommen, allerdings kommt man dann im Badeort Èze-sur-Mer raus. Das Gleiche gilt übrigens, wenn man den Zug von Nizza nach Èze nimmt. Wer wie ich in den Ortsteil Èze-Village auf 430m Höhe will, muss die Linie 82 in Richtung Èze Plateau de la Justice nehmen und an der Haltestelle Èze Village aussteigen. Das hat den Vorteil, dass die Busse hier nicht so überfüllt sind wie auf der Linie 100 und man in Nizza gekaufte Einzelfahrt- oder Wochenendtickets nutzen kann. Außerdem führt die Route auf der Moyenne Corniche entlang, der mittleren der drei Küstenstraßen an der Côte d’Azur, von der man einen tollen Ausblick auf die Küste hat.

Vom Busfahren in Südfankreich hatte ich ja schon ein wenig erzählt. Es gibt Busfahrpläne mit Abfahrts- und Ankunftszeiten zumindest für die Endhaltestellen, aber die sind eher als Richtwerte zu verstehen und von der allgemeinen Verkehrslage und der Laune des Fahrers abhängig. Zumindest stehen auf den Plänen aber die Namen der einzelnen Haltestellen. Das ist sehr nützlich, denn in den meisten Bussen gibt es keine Anzeige des nächsten Haltes. Ein Abzählen der Haltestellen ist auch nicht ohne weiteres möglich, denn wenn niemand den Haltewunschknopf drückt und auch niemand an der Haltstelle steht, fährt der Bus einfach durch. Statt also die schöne Aussicht zu genießen, ist man die meiste Zeit damit beschäftigt, nach der nächsten Haltestelle zu spähen und zu versuchen, im Vorbeifahren ihren Namen zu entziffern, um die Orientierung nicht zu verlieren.

Nach etwa 30 Minuten erreichten wir Èze-Village. Dieser Teil von Èze ist im Wesentlichen für drei Sachen bekannt: das mittelalterliche Dorf in 430m Höhe, das sich im Dorf befindende 5-Sterne Hotel Château Eza (Das Doppelzimmer schon ab supergünstigen 360€ die Nacht!) und den Jardin exotique d’Èze auf dem Gipfel des Berges, an den sich das mittelalterliche Dorf schmiegt.

Um zum eigentlichen Dorfkern zu gelangen, muss man eine steile Zufahrtsstraße hinauflaufen, vorbei an diversen Souvenirläden, Eiscafes und Restaurants und dem Eingang zum Château Eza. Schließlich betritt man das eigentliche Dorf durch ein Burgtor und ist erstmal geplättet – nicht von der Aussicht, wie sonst oft in diesen Breitengraden – denn von Aussicht ist überhaupt nichts zu sehen. Sondern von den kleinen steingepflasterten Gässchen von vielleicht ein, zwei Meter Breite (entsprechend fährt hier auch nichts Motorisiertes), die sich durch das Dorf ziehen und mit den unzähligen Treppen, Abzweigungen und plötzlichen Richtungswechseln ein kleines Labyrinth bilden. Gesäumt sind sie von kleinen Natursteinhäusern, für die es nur einen korrekten Ausdruck gibt: Wiiiiieeeeee niiiiieeeeedlich. Wenn man dann noch weiß, dass Walt Disney hier einige Zeit verbracht hat, versteht man auch, warum einem hier alles so bekannt vorkommt – so ziemlich jedes mittelalterliche Dorf, das in einem Disney-Zeichentrickfilm vorkommt, scheint von Èze-Village inspiriert worden zu sein. Aber letztlich können Worte den Zauber dieses Ortes ohnehin nicht beschreiben, daher hier einige Bilder:

  
    
  
Èze Village.

 
Die Gegend um Èze wurde schon vor 4000 Jahren besiedelt. Insbesondere die Bergkuppe hatte schon immer eine strategische Bedeutung, weil man von ihr die gesamte umliegende Küste beobachten und weit ins bergige Hinterland schauen konnte. Der überwiegende Teil der Bebauung stammt aus dem 14. Jahrhundert und ist bis heute weitgehend unverändert geblieben. Heutzutage wird der Großteil des Dorfes touristisch genutzt, man findet viele Souvenirläden, Galerien, Künstlerwerkstätten und hochpreisige Restaurants. Wirklich im Dorf zu leben scheinen nur Wenige, der Großteil der Einwohner lebt entweder ein Stückchen talwärts oder direkt unten in der Bucht von Èze-sur-Mer.

Nachdem ich ein wenig durch das Dorf gestromert war und kurz vor einem Niedlichkeits-Schock stand (Symptome: Vergrößerte glänzende Augen, ein Grinsen von einem Ohr zum Anderen und ein manisches Kichern. Das Sprachzentrum ist gestört und lässt nur einzelne Laute des Entzückens zu.), fand ich durch Zufall den Eingang zum Jardin exotique. Es handelt sich um einen nach dem zweiten Weltkrieg auf dem Gipfel angelegten Garten, der Kakteen und Sukkulenten aus aller Welt beherbergt. Was zugegebenermaßen eine Verschwendung ist, denn so ziemlich jeder, der den Eintritt von 2,50€ (für Studenten) zahlt, tut das nicht wegen der Pflanzen, sondern wegen des unvergleichlichen Ausblicks, der sich einem von dort oben bietet. Während man im Dorf durch die enge Bebauung nämlich überhaupt nichts von der Umgebung sieht, öffnet sich hier der Blick auf eines der vermutlich schönsten Panoramen der Welt. In Richtung Westen sieht man die Halbinsel Cap Ferrat, die Bucht von Villefranche und über den Mont Boron hinweg sogar den westlichen Teil der Bucht von Nizza inklusive dem Flughafen. Nördlich davon blickt man auf das bergige, grüne Hinterland, das von den gelblichen Schlangenlinien der sich den Berg hinaufwindenden Serpentinen unterbrochen wird. Im Osten schließlich versperrt ein weiterer Berg den Blick auf das sich irgendwo dahinter ausbreitende Monaco, wie kleine Sprenkel lugen hell verputzte Häusermauern durch das ihn bedeckende Grün.

  
Blick nach Westen mit Château Eza und Cap Ferrat.
  
Links: Blick auf den Flughafen in Nizza. Rechts: Blick nach Osten.

 
 
Vor lauter Panorama sollte man aber auch den Garten selbst nicht übersehen. Neben den verschiedenen Kakteenarten säumen kleine Statuen die Wege. Auf dem Gipfel des Berges finden sich die Ruinen einer alten Burganlage und etwas darunter gelegen, auf der Westseite des Hanges, lädt ein kleiner Zengarten mit einem künstlichen Wasserfall zum Verweilen ein. Man sollte sich übrigens zweimal überlegen, ob man den Jardin exotique in den frühen Nachmittagsstunden besuchen möchte. Während sich zwischen den engen Häuserfluchten im Ort nämlich immer ein schattiges Plätzchen findet, so sind diese im Garten selbst Mangelware, und die Mittelmeersonne kann auch Ende August noch ziemlich erbarmungslos sein.

  
Links: Statue vor Panorama. Rechts: Ruinen auf Bergkuppe.
  
Kakteen im Jardin exotique.

 
Wenn man sich an dem Garten und dem Dorf satt gesehen hat und noch nach ein wenig körperlicher Betätigung sucht, kann man die Zufahrtsstraße wieder bis auf halbe Höhe hinunterlaufen und direkt unter dem Eingang zum Château Eza rechts (von unten kommend also links) abbiegen. Läuft man jetzt geradeaus, so kommt man an einen kleinen Ausblickspunkt, von dem man von unten auf die Außenmauern des Dorfes und in den Terrassengarten des Chateaus schauen kann, und nochmal einen schönen Blick auf das Mittelmeer erhält. Wendet man sich hingegen nach links, so gelangt man auf den “Chemin de Nietzsche”, den “Weg des Nietzsche”, der genau das ist, was der Name suggeriert. Friedrich Nietzsche lebte in den 1880er Jahren einige Zeit in Èze und schrieb hier unter anderem den Beginn des dritten Teils seines philosopischen Hauptwerkes “Also sprach Zarathustra”. Angeblich liebte er es, diesen Weg entlangzugehen, der Èze-Village mit Èze-sur-Mer verbindet und dabei über 400 Höhenmeter überbrückt. Wer auf den Spuren Nietzsches wandeln möchte, sollte der Beschilderung am Wegesanfang vertrauen und festes Schuhwerk dabei haben. Ich bin zwar auch mit Sandalen heil runter und wieder hoch gekommen, aber spätestens mit Flip-Flops ist man vermutlich verloren.

  

 
Am Anfang und am Ende besteht der Weg aus gut begehbaren Steinstufen, zwischendrin wird er stellenweise aber auch zu einer Geröllhalde, bei der man seine Schritte vorsichtig setzen sollte, wenn man nicht Gefahr laufen will, schneller als gewünscht im Tal anzukommen. Trotz des teilweise schlechten Zustands erfreute sich der Weg einiger Beliebtheit. Mir begegneten mehrmals Jogger, die anscheinend völlig unbeeindruckt von der allgegenwärtigen Gefahr eines multiplen Knöchelbruchs inklusive Freiflug ins Tal munter den Weg hinunter oder hinauf liefen. Andere Spaziergänger kamen mir sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg entgegen, bei letzterem mit einer Tüte in der Hand, man hatte wohl mal kurz in Èze-Village eingekauft. Wirklich sprachlos machten mich aber die zwei Wohnhäuser, die ziemlich mittig am Berg lagen und anscheinend nur über den Chemin de Nietzsche zu erreichen waren. Da wird dann jeder Gang aus dem Haus zu einer sportlichen Herausforderung.

  
  
Chemin de Nietzsche.

 
Der Weg schlängelt sich zuerst auf der Ostseite des Berges hinunter, biegt dann auf halber Höhe nach Süden ab und schlängelt sich dann dort wieder in Serpentinen ins Tal. In der unteren Hälfte öffnet sich dann auch immer wieder das Blätterdach der am Wegesrand wachsenden Bäume und gibt den Blick auf die Bucht von Èze-sur-Mer und, weiter hinten, Cap Ferrat frei. Am oberen Ende des Weges war die Dauer bis nach unten mit 45 Minuten angegeben. Summa summarum, mit allem Stehenbleiben fürs Fotografieren oder fürs Jogger-vorbei-lassen, brauchte ich etwa 75 Minuten. Dort ging es dann erstmal direkt an den Strand, um wenigstens einmal kurz die Füße in das Mittelmeer zu halten, dass mich schon die ganze Zeit so erwartungsvoll angefunkelt hatte. Danach lief ich die ganze Küstenstraße bis zum Westende der Bucht ab, um etwas Kühles zu Trinken zu finden. Am Ende fand ich leider nur einen Imbisswagen, der mir für 0,33l Cola unverschämte 2,80€ abnahm. Auf dem Weg zurück zum Anfang des Chemin de Nietzsche, der direkt neben dem Bahnhof lag, überlegte ich ernsthaft, den Aufstieg abzublasen und direkt wieder nach Nizza zurückzufahren. Nach drei Tagen, in denen ich fast durchgängig zu Fuß unterwegs war, machte sich der erste Muskelkater bemerkbar, und der Abstieg hatte ihn nicht gerade besser gemacht. Außerdem nervte die Sonne immer noch, obwohl es inzwischen schon gegen 17 Uhr war. Nach einigem Hin und Her siegte aber doch mein Stolz (So ein Scheiß-Weg kriegt mich doch nicht klein!) und ich begann den Aufstieg. Der Wegweiser am Anfang hatte anderthalb Stunden als Dauer angegeben und ich war fest entschlossen, wenigstens den 19-Uhr-Bus nach Nizza zu erwischen. Tatsächlich ging mir der Aufstieg dann aber erstaunlich leicht von der Hand (bzw. dem Fuß) und schon nach 45 Minuten war ich wieder in Èze-Village. So erwischte ich dann sogar den 18-Uhr-Bus nach Nizza, nutzte die gewonnene Zeit für einen weiteren Besuch bei Fenocchio und schaute dann auf dem Place Masséna noch einigen Breakdancern zu, bevor ich zurück ins Hostel fuhr.

  
Èze-sur-Mer
  
Auf geht’s zurück.

 
Fazit: Èze ist eine Perle, die nicht unentdeckt bleiben sollte, wenn man an der Côte d’Azur unterwegs ist. Der Ausblick vom Jardin exotique ist atemberaubend, und wer das nötige Kleingeld hat, sollte auch unbedingt mal im Château Eza übernachten oder zumindest im angeschlossenen Restaurant essen. Ich stelle es mir jedenfalls sagenhaft vor, nach dem Aufstehen aus dem Fenster zu schauen und dieses Panorama vor mir ausgebreitet zu sehen. Wer weniger Kleingeld in der Tasche hat, dafür aber gut zu Fuß ist, findet in Èze-sur-Mer sicherlich eine günstige Unterkunft und kann den Chemin de Nietzsche nehmen, um Èze-Village zu sehen. Abends kann man die geschundenen Füße dann im Mittelmeer kühlen und sich am nicht sonderlich überlaufenen Kieselstrand von Èze-sur-Mer entspannen.

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