Nov 022013
 

 
Nizza liegt in einem Tal direkt am Mittelmeer. Die Stadt schmiegt sich an eine Bucht, die sich nach Süden hin öffnet. In Richtung des Binnenlandes zieht sie sich an den Hängen diverser Berge entlang, die die Bucht im Norden umschließen. Im Westen werden Bucht und Stadt durch den Flughafen begrenzt. Der größte Teil der Bucht zieht sich in einer perfekten elliptischen Bahn bis zum Colline du Château (frei übersetzt: Burgberg), einer etwa hundert Meter hohen Erhebung, auf der in der griechischen Antike die Geschichte der Stadt Nicaea (“Die Siegreiche”, nach der Siegesgöttin Nike) begann. Westlich davon befindet sich Vieux Nice, die Altstadt des heutigen Nizza, die ihre Erscheinung bestehend aus engen verwinkelten Gassen, versteckten Plätzen und pastellfarbenen Häusern seit dem 18. Jahrhundert nicht verändert hat. Vom Flughafen bis zum Château besteht die Küste durchgängig aus einem zwischen zehn und hundert Meter breiten Kieselsteinstrand, der teils von Hotels bewirtschaftet wird, an vielen Stellen aber auch frei zugänglich ist. Parallel dazu ziehen sich die beiden Promenaden “Promenade des Anglais” im Westen und “Quai des États-Unis” im Osten am Wasser entlang. Zwischen dem Quai des États-Unis und Vieux Nice findet sich der Cours Saleya, auf dem täglich seit 150 Jahren ein Blumenmarkt und außerdem ein bekannter Obstmarkt stattfinden. Nordwestlich des Cours Saleya, am südlichen Ende der Innenstadt, schließt sich der Place Masséna an, an dem man oft auf Straßenkünstler trifft und der auch gerne für Theater- und Konzertauftritte genutzt wird. Östlich des Château befindet sich der Hafen, der Port Lympia, bevor dann ganz im Osten die Stadt durch den Mont Boron begrenzt wird, einen 200m hohen Berg direkt am Meer, der Nizza vom östlich gelegenenen Nachbardorf Villefranche trennt. Soweit erstmal zur Topografie des Ortes, damit ihr auch eine ungefähre Vorstellung habt, wo sich die Orte befinden, die ich jetzt näher beschreiben werde.

Circa 350 v. Chr legten die Griechen auf dem Colline du Château den Grundstein für das heutige Nizza, als sie nach einer erfolgreichen Schlacht die Stadt Nicaea gründeten. Später siedelten auch die Römer hier, und aus dieser Zeit lassen sich noch einige Überreste finden. Vom 11. bis zum 18. Jahrhundert stand dann hier eine Festung (das Château), von der aus der Hafen von Nizza bewacht wurde. Heute dient der Colline du Château vor allem als Aussichtspunkt, von dem man in Richtung Westen das ganze Tal Nizzas und bis zum Flughafen schauen kann, und im Osten den Port Lympia bis zum Mont Boron überblickt.

  
Antike Überreste.
  
Links: Blick nach Westen auf die Bucht. Rechts: Blick auf die Hafeneinfahrt im Osten.

 
Auf dem Berg befindet sich heute eine große Parkanlage mit vielen schattenspendenden Bäumen, unter denen man gut der Mittagshitze entfliehen kann. Etwas versteckt findet sich zudem ein alter Friedhof, der malerisch über der Altstadt thront. Die 92 Höhenmeter kann man entweder durch Treppensteigen vom Port Lympia (Ostseite) oder dem Quai des États-Unis (Westseite) überwinden, oder den kostenlosen Fahrstuhl auf der Westseite am Tour Bellanda nutzen. Hier ist aber gegebenenfalls etwas Wartezeit mitzubringen, der Fahrstuhl ist nicht mehr der Jüngste, die Kabinen ziemlich klein und die Nachfrage nach einer Fahrt verhältnismäßig groß.

  
Links: Friedhof vor den Hügeln, die die Stadt umgeben. Rechts: Treppen neben dem Bellanda-Turm auf der Westseite.

 
Auf dem Château wird auch jeden Tag um Punkt 12 eine Kanone abgefeuert, was man insbesondere in Vieux Nice überall hört. Der Legende nach geht dieser Brauch auf einen englischen Adligen zurück, der 1860 in Nizza weilte. Weil seine Ehefrau über dem Flanieren durch die Stadt gerne die Zeit vergaß und ihm daher das Mittagessen zu spät auf den Tisch brachte, nutzte er diese Kanone, um sie rechtzeitig an ihre Ehepflichten zu erinnern. Aus heutiger Sicht sicher kein angemessener Umgang in einer Beziehung, aber offensichtlich tat es seine Wirkung. ;)

Im Osten des Hügels findet sich auf Meereshöhe ein Denkmal zu Ehren der Gefallenen Nizzas im ersten Weltkrieg (Monument aux Morts de la Guerre de 1914-1918). Es stellt eine 32 Meter hohe Nische in der Felswand dar, in der eine überdimensionale Urne steht, die 3665 Plättchen enthält, eine für jeden im ersten Weltkrieg gefallen Niçois.


Monument aux Morts de la Guerre de 1914-1918.

 
Im Westen duckt sich Vieux Nice, die Altstadt von Nizza, in den Schutz des Colline du Château. Vieux Nice ist ein Labyrinth aus engen verwinkelten Gassen, die in versteckte Plätze und Höfe münden und gesäumt sind von pastellfarbenen Häusern, die größtenteils zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert erbaut wurden. Die Gassen sind so ausgerichtet, dass immer kühle Luft vom Meer hereinweht. Gleichzeitig wurde durch die Bauweise eine natürliche Klimaanlage für die Häuser geschaffen: In der Mittagssonne heizen sich die Dächer der Häuser stärker auf als die schattigen Gassen, so dass ein Luftzug nach oben entsteht, der durch offene Erker über den Türen der Häuser auch in die Wohnungen dringt und dort für Abkühlung sorgt. Dabei helfen natürlich auch die im ganzen Mittelmeerraum verbreiteten hölzernen Fensterläden, mit denen sich die Sonne und damit ein großer Teil der Hitze aussperren lässt. In Nizza scheint es dabei eine besondere Form des Fensterladens zu geben, der mir so noch nirgendwo begegnet ist. Ein Teil der Lamellen lässt sich nämlich nach außen aufklappen, so dass die Sonne zwar weiterhin draußen bleibt, aber dennoch ein Luftzug durch das geöffnete Fenster ermöglicht wird.

  
Links: Straße in Vieux Nice. Rechts: Fensterläden mit aufklappbaren Lamellen.

 
In Vieux Nice gibt es viele Souvenir- und Touriläden, aber auch viele Fachgeschäfte, zum Beispiel für Käse, Brot oder Oliven (ja, ein einziges Geschäft nur für Oliven). Es gibt einen Fischmarkt, auf dem der Fisch bis zum Mittag fangfrisch verkauft wird und gleich davor einen Fleischer, der sehr gut sein muss, wenn man die zu jeder Tageszeit langen Warteschlangen davor betrachtet. Diverse Kunstgalerien und Kunsthandwerker verstecken sich in den Nebenstraßen. Außerdem gibt es eine Unmenge an Cafes, Bars und Restaurants, die mit ihren außen aufgestellten Tischen den wenigen Platz zwischen den Häusern noch zusätzlich beschränken.

    
Vieux Nice.

 
Und es gibt Fenocchio. Hach, Fenocchio. Ihr müsst euch vorstellen, dass meine Augen zu funkeln beginnen, wenn ich den Namen ausspreche. Fenocchio *glitzer*. Fenocchio ist ein Eisladen in der Stadt, der je nach Quelle 70, 90 oder 99 Eissorten hat. Jedenfalls zu viele, um sie alle in einer Woche durchzuprobieren – zumal eine Kugel 2€ kostet, was ziemlicher Wucher ist, aber diesmal in Kauf genommen werden musste. Denn Fenocchio hat nicht nur die bekannten langweiligen Geschmacksrichtungen im Angebot, sondern auch eigenwillige Eigenkreationen, wie Biereis oder die Geschmacksrichtung Tomate-Basilikum. Grund genug, jeden Tag nach Vieux Nice zu pilgern, um sich die tägliche Dosis Geschmackserlebnis abzuholen. Und damit ihr auch was davon habt, hier jetzt meine Einschätzung der probierten Sorten:


Im Laden stehen 5 oder 6 dieser Truhen. Schlaraffenland!

 
Kaktuseis. Kaktuseis ist hellgrün. Es schmeckt sehr süß und milchig und ist vermutlich vorrangig aus Kaktusmilch gemacht.
Biereis. Biereis ist gelblich. Beim ersten Lecken prickelt es tatsächlich auf der Zunge, als würde man kohlensäurehaltiges Bier trinken. Der eigentliche Biergeschmack ist eher schwach ausgeprägt, aber vorhanden. Ein herber Abgang rundet das Geschmackserlebnis ab.
Tomaten-Basilikum-Eis. Ein rotes Eis mit echten Basilikumstückchen. Schmeckt sehr tomatig, durch die Basilikumstückchen wird man stark an Tomatensoße erinnert. Ein fast deftiges Eis, möchte man sagen.
Lavendeleis. Lavendeleis ist lila. Es schmeckt im Wesentlichen nach nichts, also nur nach Milchspeiseeis. Stellt euch vor, Vanilleeis ohne Vanillegeschmack zu essen. Oder an gefrorener Milch zu lecken. Das ist ungefähr der Geschmack. Also eher enttäuschend, wahrscheinlich kann man aus Blumen keinen leckeren Geschmack ziehen. Rose und Veilchen bleiben daher auch ungetestet.
Rharbarbareis. Ich bin ja überhaupt kein Fan von Rhabarbar. Aber als Eis ist es verdammt lecker und bisher mein Favorit der Testreihe. Wenn ich so darüber nachdenke, war es beim Rhabarbar wohl immer die etwas schleimige Konsistenz, die mich abgeschreckt hat – bei einem sahnigen Milcheis ist das natürlich kein Problem.
Avocadoeis. Avocadoeis schmeckt nach irgendwas, möglicherweise sogar nach Avocado. Leider habe ich erst beim Lecken gemerkt, dass ich gar keine Vorstellung davon habe, wie Avocado eigentlich schmeckt. Wahrscheinlich habe ich sie schon irgendwann gegessen, ohne zu wissen, dass es sich um Avocado handelt. Also ja, Avocadoeis schmeckt mutmaßlich nach Avocado.
Feigeneis. Ein erstaunlich fruchtiges Eis mit vielen, erstaunlich harten Feigenstückchen drin. Diese gaben zusammen mit dem sehr sahnigen Eis einen interessanten Kontrast in der Konsistenz. Dieser Kontrast wurde auch optisch deutlich: Eis in einem undefinierbaren Farbton irgendwo zwischen orange und violett, mit blau-grünen Feigenstückchen dazwischen. Aber lecker.
Meloneneis. Das Rharbareis muss seinen Favoritentitel leider abgeben, denn Meloneneis ist der Hammer! Rosarotes Eis, bei dem man mit jedem Schleck (Was ist das Leck-Äquivalent zu einem Biss?) das Gefühl hat, in eine vollreife, sonnenbeschienene Melone zu beißen. Und das ohne die leicht krümelige Konsistenz, die die vollreifen Stellen einer Wassermelone sonst haben. Einfach ein perfektes Eis. Mjam.

Wo wir gerade schon beim Essen sind, gehen wir doch direkt einmal zum Cours Saleya. Der stellt die Verbindung zwischen der Altstadt und den Strandpromenaden her und beherbergt am Vormittag einen Obstmarkt und bis in die frühen Abendstunden hinein einen bekannten Blumenmarkt. Den Obstmarkt kann ich durchaus empfehlen, auch wenn die Preise nichts für schwache Nerven sind. Aber die pflückfrische Qualität rechtfertigt 5 € für 500g Erdbeeren oder 250g Heidelbeeren durchaus. Wenn die Märkte am Abend abgebaut sind, wird der Platz einmal kurz mit dem Wasserschlauch abgespritzt, und dann stellen die ganzen Bars, Cafes und Restaurants, die ihre Räumlichkeiten in den angrenzenden Häusern haben, Tische und Stühle nach draußen und man kann bis in die frühen Morgenstunden hinein essen, trinken und feiern.

  
Cours Saleya.

 
In der Mitte des Cours Saleya öffnet sich der Platz nach Norden hin etwas weiter und gewährt den Blick auf ein großes, weiß angestrichenes Gebäude. Die weiße Farbe deutet schon an, dass es damit etwas Besonderes auf sich haben muss, denn fast alle Gebäude in Nizza sind pastellfarben gestrichen. Es handelt sich dabei um den Palais de la Préfecture den ehemaligen Sitz des italienischen Statthalters. Nizza gehört nämlich erst seit 150 Jahren endgültig zu Frankreich und war vorher Spielball zwischen der französischen Regierung und diversen italienischen Kleinstaaten. Vor dem endgültigen Anschluss an Frankreich gehörte es beispielsweise zum Königreich Sardinien, das damals neben der gleichnamigen Insel auch große Teile der Provence, die Côte d’Azur und das italienische Piemont umfasste.

Die Grenze zu Italien liegt auch heute nur 30 Kilometer entfernt (viele Franzosen fahren gerne rüber, um günstig Obst zu kaufen), und der italienische Einfluss ist bis heute spürbar. Das beginnt beim Essen. Pizza und Pasta sind hier keine Anpassung an die Geschmäcker der Touristen, sondern integraler Bestandteil der nizzischen (nizzanischen?) Küche. Und so wie es anderswo Imbisswagen gibt, die Bratwurst, Döner oder asiatisches Essen verkaufen, so gibt es hier überall Pizzawagen, in denen eine Pizza für 8-10 € nach Wunsch frisch zubereitet wird. Und auch in der Sprache gibt es Anknüpfungspunkte. In der Region um Nizza hat sich bis heute eine eigene Sprache erhalten, die eine Art Mischung aus französisch und italienisch ist. Dieses Nissart stirbt zwar langsam aus, weil es nur noch von den Alten gesprochen wird, aber zumindest in Vieux Nice sind beispielsweise alle Straßennamen zweisprachig ausgezeichnet – in Französisch und Nissart.

 
Westlich des Cours Saleya findet sich die das Operngebäude, ebenfalls eines der wenigen weißen Gebäude Nizzas. Mit seiner Rückseite grenzt es im Süden an den Quai des États-Unis, die Vorderseite mit den Eingängen liegt wenig eindrucksvoll mitten in einer schmalen Fußgängerzone, die eine Verlängerung des Cours Saleyas bildet. Das erste Theater an dieser Stelle wurde schon 1776 errichtet, damals noch vollkommen aus Holz. Aufgrund der zunehmenden Popularität wurde dieses alte Theater 1826 abgerissen und durch einen neuen Holzbau ersetzt, der nun aber eine repräsentative Steinfassade an der Nordfront erhielt. 1881 brannte bei einem Großbrand, verursacht durch eine Gasexplosion im Inneren des Gebäudes, nicht nur die ganze Oper aus, sondern auch viele Chocolatiers und Confiserien, die sich in den Jahren zuvor in der Straße nördlich der Oper angesiedelt hatten, um hungrige Opernbesucher zum Naschen zu verführen. Nur zwei Confiserien überstanden den Brand – und befinden sich bis heute direkt gegenüber dem neuen, 1885 eröffneten und nun völlig aus Stein erbauten Operngebäude. Die beiden Confiserien verkaufen ihre Waren an den jeweiligen Standorten seit 1821 beziehungsweise 1822.

  
Oper.

 
Nordwestlich der Oper gelangt man auf den Place Masséna. Der Platz und seine Bebauung stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind nach Turiner Vorbild ausgeführt. Der Boden ist mit karierten Pflastersteinen ausgelegt und spannt sich über den Fluss Paillon. Auf dem Platz stehen auf hohen Streben sieben Skulpturen, die nachts in unterschiedlichen Farben beleuchtet werden und die sieben Kontinente symbolisieren sollen. Am südlichen Ende des Platzes steht in der Mitte eines Brunnens eine große Statue, die Neptun symbolisiert. Angeblich war diese Statue, die im altgriechischen Stil geschaffen wurde, jahrzehntelang vom Platz verbannt worden, weil die Bewohner Nizzas auf ihrem zentralen Platz keinen nackten Mann stehen haben wollten. Bei meinem Aufenthalt war sie jedenfalls vorhanden und auch in keiner Weise zensiert. ;)
Auf dem Place Masséna findet man zu jeder Tages- und Nachtzeit Straßenkünstler und Artisten. Auch als Bühne für Theaterstücke und Konzerte ist er sehr beliebt. Als ich da war, war der Neptunbrunnen gerade von einer Bühne bedeckt, aus der nur die Statue herausschaute. Alles wurde für die am Wochenende nach meiner Abreise stattfindenden “Les Jeux de la Francophonie” vorbereitet.

  
    
Place Masséna.

 
Wie schon erwähnt, ziehen sich vom Colline du Château bis zum Flughafen die beiden Strandpromenaden Quai des États-Unis und Promenade des Anglais. Hier bietet sich ein Bummel in den Abendstunden an, wenn der gemeine Niçois und natürlich auch die Touristen über den Boulevard flanieren oder in die Bars und Clubs der Stadt strömen. Man begegnet hier auch immer vielen Joggern, Radfahrern, Skatern und natürlich auch den unvermeidlichen Straßenkünstlern. Auf der einen Seite hat man den Blick auf den Strand, die Bucht von Nizza und ab und an auch auf die startenden und landenden Flugzeuge des Flughafens. Auf der anderen Seite säumen diverse Gebäude aus der Belle Epoque die Promenade. Um die vorletzte Jahrhundertwende herum bauten sich hier viele Reiche, Prominente und Adlige Villen und Luxushotels, wobei die Aufgabe darin bestand, die anderen Bauherren in Sachen Mondänität und Skurrilität zu übertreffen. Paradebeispiel für diesen Baustil ist das Hotel Negresco, dessen pinkfarbene Kuppel von Gustave Eiffel konstruiert wurde (ja, der mit dem Turm). Beispiele der Belle-Epoque-Architektur findet man überall an der Côte d’Azur, besonders an den großen Küstenstraßen, den Corniches, mit Blick aufs Meer.

  
Links: Promenade des Anglais am Abend. Rechts. Hotel Negresco.

 
Und damit beenden wir den Streifzug durch Nizza. Nächste Woche geht es weiter mit einem kleinen Dorf, das eigentlich aus zwei Dörfern besteht – einem auf Meeres- und einem auf 400m Höhe. Außerdem wird es um einen bekannten deutschen Philosophen gehen. Aber dazu zu gegebener Zeit mehr.

Mehr Bilder aus Nizza gibt es hier.

Oct 262013
 

Ende August war es mal wieder Zeit für einen längeren Urlaub. Das mag für jene, die meine Reiseberichte hier lesen, im ersten Moment komisch klingen. Aber tatsächlich war mein Ausflug nach Hamburg mein erster Urlaub in diesem Jahr, nun sollte der Zweite folgen. Geplant war, mit dem Flugzeug nach Nizza zu fliegen, dann 9 Tage an der Côte d’Azur zu genießen, anschließend mit dem TGV nach Genf zu fahren und dort einige Tage bei einer Freundin zu verbringen, bevor es zum Abschluss der Reise noch einmal nach Regensburg gehen würde, um eine weitere Freundin zu besuchen.

Der Flug startete halb 9 vom Flughafen Dresden, was unter Einbeziehung der Hinfahrt und der obligatorischen Stunde, die man vorher da zu sein hatte, ein Weckerklingeln gegen 6 Uhr bedeutete. Vielleicht war es auch noch früher. Jedenfalls handelte es sich um eine Uhrzeit, die es in einer besseren Welt nicht geben würde. Entsprechend gut gelaunt brach ich zum Flughafen auf. Fliegen würde ich mit “deutscheflügel”. Wie mir später klar wurde, war das mein erster Flug mit einer Billigairline – und würde auch mein letzter sein, wie ich mir danach schwor. Von Dresden sollte es zum Flughafen Köln-Bonn gehen, und von dort nach anderthalb Stunden Aufenthalt dann direkt nach Nizza.


70er-Jahre-Design an der Terminaldecke in Köln-Bonn

 
Schon bei der Buchung war mir sauer aufgestoßen, dass nach Einberechnung von Gepäckaufschlag und diversen Gebühren aus dem ursprünglich günstigen Angebot ein immer noch akzeptables, aber von den Konkurrenten preislich nicht mehr weit entferntes Entgelt unter dem Strich stand. An Bord des ersten Fliegers war mir dann die schöne Aufschrift: “Extra für Sie: Mehr Beinfreiheit” aufgefallen – an einem Sitzplatz, den ich anhand meiner bisherigen Flugerfahrungen nicht als sehr beinfrei eingestuft hätte. Was damit gemeint war, wurde mir im zweiten Flieger klar – da gab es die Aufschrift nämlich nicht, dafür stieß mein Knie hier bei normaler Sitzposition an den Vordersitz. Es war einfach unglaublich eng. Passend dazu ein Fensterplatz. Glücklicherweise waren meine Sitznachbarn – ein älteres Ehepaar irgendwo jenseits der 70 – nicht sehr voluminös, sonst wäre das Konserven-Feeling perfekt gewesen.

Während des Fluges rutschte mir zu allem Überfluss auch noch eine meiner Kontaktlinsen unters Augenlid, just in dem Moment, in dem die Flugbegleiter Getränke verkauften. Da konnte natürlich die Airline nichts für, dennoch war es erst einmal nervig, das alte Ehepaar aufzuscheuchen, mich dann am Steward und seinem Servierwagen vorbeizudrücken und die Kontaktlinse auf der Flugzeugtoilette aus meinem Auge zu bergen. Erstaunlicherweise klappte das recht problemlos und die leicht zerknitterte Linse ließ sich sogar wieder an die richtige Stelle ins Auge einsetzen. Dann ging es wieder zurück an den Platz, natürlich wieder vorbei am Steward und seinem Getränkewägelchen sowie dem alten Ehepaar.

Um nicht nur über den Flug zu mosern: Die Route war durchaus sehr malerisch (was aber wiederum nicht der Airline zugute zu halten ist) und während unseres Überfluges hatte ich einen schönen Ausblick auf die Alpen, die mit ihren grünen Tälern und schneebedeckten Gipfeln ab und an unter der aufbrechenden Wolkendecke hervorlugten. Beim Anflug auf Nizza verstand ich dann auch, warum in meinem Reiseführer die Rede war von den “französischen Seealpen” und warum die ganze Region als Alpes-Maritime bekannt ist. Hier fallen die französischen Alpen nämlich tatsächlich mehr oder weniger unerwartet einfach so ins Mittelmeer. Plumps. Dadurch finden sich dann direkt am Meer und nur wenige hundert Meter Luftlinie von den Stränden entfernt Berge mit Höhen von 500 Meter und mehr. Berge und Meer – was will ich mehr?

  
Fensterplätze haben auch ihr Gutes.

 
Der Flughafen von Nizza liegt am westlichen Ende der Bucht, an die sich die Stadt schmiegt, und ist mehr oder minder auf dem Wasser gebaut. Man hat also bis kurz vor dem Aufsetzen der Maschine auf dem Rollfeld das Mittelmeer unter dem Flugzeugrumpf, was der Landung ein Stück weit Nervenkitzel einhaucht.
Am Flughafen rannte ich dann – wie ich es halt immer mache – erstmal schnurstracks in die falsche Richtung, auf der Suche nach meinem Bus, der mich einen Großteil der 7km zu meinem Hostel fahren würde. Der Bus brachte mich dann auch problemlos in das bergige Hinterland von Nizza, wo das alte umgebaute Kloster stand, dass nun als Hostel diente. Dort angekommen dauerte es noch etwas, bis ich in mein Zimmer konnte, so dass ich mich erstmal in die alte Kapelle zurückzog, die als Gemeinschaftsraum mit angeschlossener Küche und Bar diente.


Gemeinschaftsraum im Hostel: Die umgebaute Kapelle.

 
Man mag es kaum glauben, aber das war tatsächlich das erste Mal, dass ich auf Reisen in einem Hostel schlief. Als Einsteiger hatte ich das Zwölferzimmer noch als etwas überfordernd eingestuft und stattdessen ein Bett in einem Viererzimmer inlusive Bad gebucht. Und im Rückblick kann ich sagen: Alles richtig gemacht. Im Laufe der 9 Tage, die ich hier verbrachte, teilte ich mir das Zimmer (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) mit zwei jungen Amerikanerinnen auf Europa-Tour, einem britischen Journalisten mittleren Alters der für irgendeine Fußballstory recherchierte, einem australischen Backpacker-Pärchen, einem Slowenen und zwei Kuwaitis.

Auch sonst konnte man im Hostel in kurzer Zeit viele Leute kennenlernen. Der Smalltalk beschränkte sich dabei meist auf die drei Fragen “Wo kommst du her?”, “Wie lange bist du schon da?”, “Wie lange bleibst du/Wo gehts als nächstes hin?”. Spätestens dann hatte man ein interessantes Gesprächsthema gefunden. So plauderte ich mit dem britischen Journalisten, der mit seinen Recherchen auch schon einmal Fehler bei der Aufklärung eines Mordes nachgewiesen und damit fünf Unschuldige rehabilitiert hatte, über staatliches und Polizeiversagen. Der Slowene, der als nächstes Reiseziel Deutschland im Blick hatte, fragte mich nach der besten Biersorte, die er seinen Freunden daheim mitbringen wollte (Ich konnte ihm leider keine vernünftige Antwort geben, was ist denn die beste deutsche Biersorte?). Und einer der beiden Kuwaiti-Brüder war ein großer Fan der deutschen Kultur und unterhielt mich mit einigen Brocken Deutsch (Das Spiel bestand darin, zu erkennen, was er einem sagen wollte – der deutsche Akzent eines Kuwaitis ist schon sehr speziell.).

Ab und zu konnte man sogar noch ein paar Tipps für Tagesausflüge abstauben. So empfahl mir ein deutsches Pärchen einen Canyon, der sich westlich zwischen Nizza und Antibes befinden und sehr spektakulär sein sollte. Drei Jungs empfahlen mir den Sandstrand bei Cap d’Ail, der total malerisch sein sollte. Aus Zeitgründen konnte ich am Ende leider beide Tipps nicht berücksichtigen, aber für einen definitiv geplanten weiteren Besuch stehen sie auf jeden Fall auf der Liste. Umgekehrt konnte ich einem Australier, der schon seit 4 Monaten im Hostel arbeitete, einige schöne Flecken in der Umgebung empfehlen, insbesondere die versteckten Buchten am Cap Ferrat und meinen neuen Lieblingsort auf der Welt, das kleine Städtchen Menton an der französisch-italienischen Grenze.

Nachdem ich meine Sachen in meinem Zimmer geparkt und meine Jeans gegen eine für die 30°C Lufttemperatur angemessenere kurze Hose getauscht hatte, ging ich das erste Mal in die Stadt. Und Gehen ist hier das richtige Wort, ich hatte zu dem Zeitpunkt nämlich noch keine Vorstellung von der Größe der Stadt und dachte, die Entfernungen wären ohne größere Probleme fußläufig zu überwinden. Anderthalb Stunden später war ich endlich am Meer und eines besseren belehrt. Am nächsten Tag kaufte ich mir für 15 € ein Wochenticket, das sich bei 1,50 € Kosten für eine Einzelfahrt schon bald rentiert hatte.

Über Nizza, die Sehenswürdigkeiten und den Eisladen mit den 99 Eissorten werde ich nächste Woche schreiben. Hier sollen jetzt erst einmal ein paar allgemeine Beobachtungen folgen, die ich im Laufe der Woche in der Stadt gemacht habe, teilweise ungeordnet und nicht immer ganz ernst gemeint.

Was mir in Nizza sofort auffiel, war der Geruch. Es riecht überall leicht süßlich. Und es liegt nicht nur an den Franzosen, denen man vielleicht einen Hang zur Überparfümierung nachsagen möchte – der Geruch hing auch in vollkommen menschenleeren Gegenden. Ich mochte ihn jedenfalls. Bis heute frage ich mich, ob er vielleicht aus Grasse herangeweht wurde, der nicht weit von Nizza entfernt im Westen liegenden “Hauptstadt des Parfüms”, in der angeblich immer noch 75% aller Parfüms weltweit hergestellt oder veredelt werden (was ich mir ehrlich gesagt nicht wirklich vorstellen kann).

Die Franzosen, oder mindestens die Niçoise (Einwohner Nizzas), haben einen erfrischenden Hang zur Regellosigkeit und Anarchie. Rote Fußgängerampeln sind zum Beispiel ein Hinweis, doch zumindest nach links und rechts zu schauen, bevor man die Straße überquert. Busfahrpläne haben eher einen empfehlenden Charakter. Es sind zumeist ohnehin nur die Ankunfts- und Abfahrtszeiten an den Endhaltestellen bekannt gegeben, und selbst die werden nach Tagesform des Fahrers ausgelegt. Busfahrten in die Dörfer in Nizzas Umgebung sind übrigens mindestens abends und am Wochenende mit überfüllten Bussen und langen Staus auf den Küstenstraßen verbunden, die die meisten Linien benutzen. Volle Busse fahren auch gerne mal an Haltstellen vorbei, so dass man im ungünstigsten Fall zwei bis drei Busse (oder umgerechnet eine Stunde) warten muss, bis man mitgenommen wird. Die Alternative ist der Zug, der allerdings eine wesentlich weniger malerische Strecke fährt und außerdem teurer ist als die 1,50€ für die Einzelfahrt.

Damit es nicht allzu chaotisch wird, ist im öffentlichen Raum die Polizei recht präsent, in Museen und im Busverkehr übernehmen einzelne Sicherheitsunternehmen diese Aufgabe. Die Polizei nutzt dafür auch gerne mal Segways, um in den engen Gassen der Altstadt Nizzas (Vieux Nice) voranzukommen.


Eine neue Stufe der Evolution: Der Segway-Cop.

 
In der Straßenbahn war eine ältere Dame ganz begeistert und zutiefst dankbar, als ich ihr aus freien Stücken meinen Sitzplatz anbot. Das scheint hier kein Standard zu sein. Viele ältere Leute müssen oft erst ihren Senioren- oder Behindertenausweis vorzeigen, bevor ihnen ein Platz überlassen wird.

Franzosen lieben Hunde und fast jeder hat einen. Allerdings scheinen die meisten Wohnungen in Nizza sehr klein zu sein oder nur Kleintierhaltung zuzulassen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier fast ausschließlich Fußhupen rumlaufen. Also die Sorte Hund, die man beim zu tiefen Einatmen auch mal aus Versehen verschlucken kann.

Junge männliche Franzosen tragen gerne Herrenhandtaschen. Punkt. Was soll man da auch weiter zu sagen?

Niçoise lieben es, Dinge neonblau zu beleuchten. Ich stand zuerst immer relativ fassungslos vor dieser ästhetischen Abscheulichkeit. Irgendwann ging mir auf, dass das möglicherweise eine missglückte Reminiszenz an die Côte d’Azur sein soll. Was den Anblick nicht weniger schrecklich macht, aber zumindest etwas Verständnis in mir aufkeimen ließ.


Das neonblaue Grauen.

 
Wenn einem in Paris jemand im Weg stand, machte man ihn mit “Pardon!” auf seine Missetat aufmerksam (übrigens auch in Genf). In Nizza wird dafür eher “Excusez moi!” verwendet. “Pardon”, insbesondere mit einem Fragezeichen am Ende, wird eher als Aufforderung zur Wiederholung des eben Gesagten verstanden. In dem Zusammenhang: Wenn man seinem Gesprächspartner mitteilen möchte, dass man gerade kein Wort versteht, ist ein “Pardon” eher kontraproduktiv. Besser ist hier die Frage “Parlez-vous anglais?”, um den Redeschwall des Gegenübers zu unterbrechen. In 50% der Fälle ist das Gespräch damit auch beendet, denn der durchschnittliche Franzose spricht kein Englisch. In 40% der Fälle wird das Gespräch mit Händen und Füßen (also Gesten, keinen Kampfhandlungen) fortgeführt, und in 10% der Fälle sogar in Englisch.

Wenn man sich etwas näher kennt und auf der Straße begegnet oder verabschiedet, tut man dies mit Küsschen links, Küsschen rechts. Dabei ist das Geschlecht der beteiligten Personen unerheblich. Meine erste Begegnung mit dieser Abschiedszeremonie hatte ich in Nizza mit einer jungen, sehr süßen Pariserin, die mit ihrer Stupsnase und den schwarzen schulterlangen Haaren an eine junge, unzickige Victoria Beckham erinnerte. Ihre plötzliche Annäherung, nachdem wir uns gerade zwei Stunden gekannt hatten, irritierte mich kurzzeitig, so dass ich ziemlich starr (ich schreibe bewusst nicht steif) dastand, während sie mir die zwei Küsschen auf die Wangen hauchte. Was wahrscheinlich ganz gut war, denn im ersten Moment hatte ich die Annäherung fehlinterpretiert und hätte wohl etwas getan, was uns beiden danach peinlich gewesen wäre. Später konnte ich in dem Bereich zum Glück wesentlich souveräner agieren. Der Unterschied zur französischen Schweiz übrigens: In der Schweiz (oder in Genf) küsst man dreimal – rechts, links, rechts (oder andersrum).

Das mit Abstand beste Fortbewegungsmittel auf den bergigen und kurvigen Küstenstraßen (Corniches), die die Dörfer und Städte der Côte d’Azur verbinden, wie auch in den schmalen Gassen insbesondere der Altstadtviertel, ist der Motorroller. Damit kann man an jedem Stau vorbeifahren – und wenn es auf dem Gehweg ist. Zudem kommt man damit Steigungen hoch, die jedes Vierradgefährt vor eine unlösbare Aufgabe stellen würden. Sogar Treppenstufen lassen sich überwinden, wenn diese schräg angeordnet und weit genug voneinander entfernt sind.


Sind überall: Motorroller.

 
Mehr Bilder gibt es erst in der nächsten Woche, wenn ich euch Nizza im Detail vorstelle. Ab dann gibt es jede Woche einen Bericht über ein Dorf oder eine Stadt der Umgebung – je nachdem, wo es mich an jenem Tag gerade hingetrieben hat.

Oct 192013
 

Das Schöne am Wissenschaftlerleben sind ja die vielen Dienstreisen, zu Konferenzen oder Kooperationspartnern. Natürlich besucht man dabei nicht nur europäische Metropolen wie Paris, Marseille oder Wien, sondern ist manchmal zum Beispiel auch in der schwedischen Provinz unterwegs, wenn die Konferenz eben nun einmal dort stattfindet. Also fand ich mich Mitte August im südschwedischen Lund wieder, um mir eine knappe Woche lang Vorträge und Posterpräsentationen zu Blickbewegungsforschung anzuhören und nicht zuletzt auch meine eigenen Forschungsergebnisse vorzustellen. Die Anreise begann schon sehr ereignisreich und brachte mir die Bekanntschaft mit drei Einheimischen ein, die in ihrer freundlichen und offenen Art dem Klischee des verschlossenen und wortkargen Nordländers so überhaupt nicht entsprechen wollten. Nach einer im Zug verbrachten Nacht erreichten wir Lund sonntags gegen halb zwei Uhr mittags.

Als ich mir daheim den Weg vom Bahnhof zum Hotel auf Google Maps angeschaut hatte, sah die Strecke etwas weit, aber doch laufbar aus. Zehn Minuten zu Fuß, so schätzte ich damals. Die Strecke vom Hotel zum Universitätscampus, wo die Konferenz stattfinden würde, schien etwa 15 Minuten Gehzeit zu entsprechen. Die Wegbeschreibung der drei Schweden, mit denen ich mir auf der Hinfahrt das Abteil geteilt hatte, klang nach ebensolchen Entfernungen, wie man sie eben in einer mittelgroßen Stadt zurückzulegen hat. Man kann sich also meine Überraschung vorstellen, als wir in Lund ankamen und ich vor allem eines feststellte: Lund ist klein, einfach unglaublich klein. Die 10 Minuten Weg zu meinem Hotel schrumpften zusammen auf 200m. Der Weg vom Hotel zur Konferenz war selbst bei langsamem Gehen in unter fünf Minuten zu bewältigen. Der gesamte Stadtkern ließ sich in unter zwei Stunden erlaufen, inklusive aller versteckten und verwinkelten Nebengässchen. Achtzigtausend Leute sollten hier leben, davon dreißigtausend Studenten. Wo die im Einzelnen wohnen sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Die Innenstadt Lunds wirkte eher wie ein größeres Dorf als wie das Epizentrum der immerhin noch elftgrößten Stadt Schwedens.

  

 
Das Hotel passte sich spielend in diese Umgebung ein: Es war klein, unglaublich klein. Nicht von der Zimmergröße her, die war durchaus großzügig bemessen. Aber das gesamte Hotel hatte nur 7 Zimmer, es war eher ein Einfamilienhaus oder eine Pension als etwas, was ich mit dem Begriff Hotel verbinden würde. Oder, um es mit den Worten meiner Kollegin zu sagen: “Oh mein Gott, wie niiiiiiedlich!”. Entsprechend gab es das mitgebuchte Frühstück auch nicht im Hotel selbst, sondern im Grand Hotel die Straße runter. Das sah dann auch tatsächlich wie ein Hotel aus, mit einem Frühstücksraum, in den mein Hotel bequem im Ganzen reingepasst hätte. Das Buffet war übrigens sehr gut und reichhaltig. Wenn ihr also einmal in die Verlegenheit kommen solltet, in Lund übernachten zu müssen, steigt entweder im Grand Hotel ab oder in einem der Hotels der Umgebung, die ihre Gäste zum Frühstück dorthin schicken.

  
Links: Mein Hotel ist das Hintere der beiden kleinen Häuser. Rechts: Das Grand Hotel. Frühstück gab’s im Wintergarten links des Eingangs.

 
Trotz der Größe (erwähnte ich schon, wie klein Lund ist?) ist der Stadtkern sehr nett anzusehen. Der Großteil der Bebauung stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert und ist entweder in Fachwerkbauweise oder als Backsteinbau ausgeführt. Ich übertreibe nicht (viel), wenn ich behaupte, dass man die Kamera in fast jeden beliebige Straßenzug hineinhalten und abdrücken kann und danach ein malerisches Foto erhalten wird.

  
Hübsche Häuser allerorten …
  
…, abgesehen von der Stadsbiblioteket (rechts).

 
Die Stadt selbst hat über 1000 Jahre auf dem Buckel und gilt damit mit als älteste Stadt Schwedens. Die größte Blütezeit hatte Lund im Mittelalter, als es geistliches und weltliches Zentrum des Dänischen Reiches war, das damals mehr oder minder ganz Skandinavien umfasste. Aus dieser Zeit erhalten sind das kaum veränderte Straßennetz im Zentrum, in dem die Straßen auch weiterhin ausschließlich mit Kopfsteinpflaster befestigt sind, sowie einige mittelalterliche Gebäude, die sich insbesondere um Lundagård, den zentralen Park Lunds gruppieren, an dem auch die Universität liegt.

  
Links: Universität. Rechts: Man beachte – Die Doppelflügel und die Holzornamente sind nur aufgemalt.

 
Dazu gehört das Kungshuset (“Königshaus”), das im 16. Jahrhundert für den Statthalter des dänischen Königs erbaut wurde und in dem auch der König nächtigte, wenn er in der Stadt war. Im 17. Jahrhundert fiel das Haus an die Kirche und wurde Bischofssitz, bevor es im 18. Jahrhundert wieder an den nunmehr schwedischen König ging (Lund wurde wie ganz Südschweden 1658 schwedisch), der Schweden während des Großen Nordischen Krieges von hier regierte. Seit dem 19. Jahrhundert wurde es schließlich von der Universität genutzt, woran sich bis heute nichts geändert hat.

  
Kungshuset.

 
Südlich des Lundagård findet sich außerdem die über 900 Jahre alte Domkyrkan (“Domkirche”), der älteste Dom Skandinaviens. In den ersten Jahrhunderten nach seiner Entstehung hatte der Dom große kulturelle Bedeutung für ganz Skandinavien inklusive Island und Grönland. Nach der Reformation erlosch die Vormachtstellung der Kirche in Dänemark, und der weiterhin kirchlich genutzte Dom wurde auch für weltliche Veranstaltungen geöffnet, beispielsweise wurden hier auch Vorlesungen der nahe gelegenen Universität abgehalten. Dieses vergleichsweise offene Verhältnis zur Religion und zu Kirchengebäuden hat sich bis heute erhalten. So fand in der Domkyrkan während unseres Aufenthaltes ein Gratiskonzert des mir un- aber zumindest meiner Kollegin bekannten Künstlers Moto Boy statt, das wir dann leider wegen Überfüllung und unseres späten Erscheinens nicht sehen konnten (wobei ich mit Blick auf das Video das “leider” eventuell auch wieder zurücknehmen würde). Nun ist es ja inzwischen durchaus auch in Deutschland üblich, Kirchen zu Kulturräumen umzuwidmen, allerdings werden diese vorher ja zumeist entweiht und nicht mehr kirchlich genutzt. Die schwedische Doppelbenutzung fand ich jedenfalls sehr interessant und durchaus übernehmenswert.

  
  
Domkyrkan von außen und innen.

 
Am Beispiel der Domkyrkan sieht man auch, wie sehr die Schweden die Konzepte von Inklusion, Familienfreundlichkeit und Gleichberechtigung leben. So gibt es hier ein Holzmodell der Kirche für Blinde, damit auch diese die Architektur erfahren können. (Schön dabei auch die Aufschrift: “Please don’t touch it if you can see it.”) Auch habe ich hier zum ersten Mal in einer Kirche eine fest installierte Spielecke für Kinder gesehen. Und kleine Hinweise auf das gleichberechtigte Nebeneinander der Geschlechter findet man überall in Lund. Die Stadt ist voll von jungen Paaren mit Kinderwagen und es scheint selbstverständlich zu sein, das der Mann den Kinderwagen schiebt. Auch sieht man sehr viel häufiger Väter alleine mit ihren Sprösslingen unterwegs sein, wahlweise mit Kinderwagen, Buggy oder Tragetuch. Das sieht man zwar inzwischen auch immer häufiger in Deutschland, besonders in den Ballungsgebieten, aber von der Selbstverständlichkeit, mit der die schwedischen Väter Anteil an der Erziehung nehmen, sind wir glaube ich noch meilenweit entfernt.

  
Links: Blindenmodell der Domkyrkan. Rechts: Spielecke.

 
Womit wir dann auch schon bei den Menschen wären. Eingangs erwähnte ich ja schon das Klischee des verschlossenen und wortkargen Nordländers. Ich habe es eigentlich an keiner Stelle bestätigt gefunden. Es mag stimmen, dass die Schweden nicht so zuckersüß heuchlerisch wie beispielsweise die Sachsen sind. Man sieht ihnen an, wenn es ihnen nicht gut geht oder wenn sie genervt sind, aber sie sind trotzdem immer ausgesucht höflich. Und mir gefällt diese etwas direktere und offenere Art allemal besser als das Geschleime und die falsche Freundlichkeit, die beispielsweise das Verkaufspersonal hierzulande oft vor sich herträgt. Dahingehend nehmen sich die Schweden auch nicht viel mit den Hamburgern und anderen Norddeutschen. Wobei ich gerne zugebe, dass mein Eindruck auch davon beeinflusst sein mag, dass mir das Direkte und Offene selbst sehr viel mehr liegt als das Scheinbar-immer-Fröhliche und Aalglatte. Aber, und da schließt sich dann der Kreis, ich bin ja auch gebürtiger Norddeutscher (laut meiner Mutter sogar mit schwedischen Wurzeln, irgendwo jenseits des 17. Jahrhunderts).

Ein anderes Klischee stimmt hingegen uneingeschränkt: Es gibt hier sehr viele große blonde Menschen beiderlei Geschlechts. Und spätestens, wenn einem an einem regnerischen Morgen mit 15°C Außentemperatur eine hübsche hochgewachsene Blondine in einem bauchfreien Top entgegenkommt (Über das Temperaturempfinden der Skandinavier könnte man auch Bücher schreiben – da kommt wahrscheinlich die Wikinger-DNA durch.), einen mit ihren großen wasserblauen Augen anschaut und schließlich breit anlächelt, weiß man, dass es mit der Zurückhaltung der Schweden nicht so weit her sein kann.

Nachdem ich nun derart von den Schweden geschwärmt habe, zum Abschluss vielleicht doch noch ein Punkt, in dem eindeutig die Deutschen die Nase vorne haben: beim Bier brauen. Ich erwähnte ja schon im vorangegangenen Artikel, dass Alkohol in Schweden nur in speziellen Läden, den sogenannten Systembolagets verkauft wird und aufgrund einer hohen Besteuerung selbst für schwedische Verhältnisse sehr teuer ist. Leider führt das offensichtlich nicht zu einer besseren Qualität einheimischer Gerstensafterzeugnisse. Das eine Glas Bier, das ich probierte (mehr traute ich mich dann nicht mehr), schmeckte jedenfalls als hätte man Spülwasser durch einen jahrealten Turnschuh hindurch filtriert, das Ganze dann gelb gefärbt und mit Kohlensäure versetzt und anschließend gekühlt serviert. Ich empfehle daher dringend, sich bei einem Schwedenaufenthalt noch in Deutschland mit entsprechenden Vorräten einzudecken (allein schon wegen dem Preis) oder sich vor Ort mit Wein und Schnaps zu begnügen.


Fahrradstadt Lund.

 
Fazit: Für einen Tagesausflug von Kopenhagen oder Malmö aus ist Lund allemal geeignet. Sollte man dort mehrere Tage verbringen wollen oder müssen, empfiehlt sich das Ausleihen von Rädern, um die Gegend zu erkunden und so einem Lagerkoller vorzubeugen. Außerdem sollte man sich Pläne für eventuelle Schlechtwetterperioden zurecht legen. Denn auch wenn bei meinem Aufenthalt bis auf einen Tag immer gutes Wetter war – wenn es einmal regnet, dann regnet es auch richtig. Einen Schirm braucht man aber dennoch nicht einzupacken. Aufgrund des starken Windes bei regnerischem Wetter ist der ohnehin nutzlos.

Mehr Bilder aus Lund gibt es hier.

P.S.: Lund ist so klein, dass es von der ganzen Stadt nicht einmal zwölf verschiedene Postkartenmotive gibt. Ich war tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben gezwungen, zweimal das gleiche Motiv zu verschicken. Ein Skandal!

Oct 132013
 

Keine zwei Wochen nach meinem Spontanurlaub in Hamburg ging es schon wieder auf Reisen. Diesmal allerdings dienstlich, an einen Ort, den ich sonst wohl nie besucht hätte: Lund in der südschwedischen Provinz Skåne. Und wieder mit der Deutschen Bahn. Eine Entscheidung, die ich vor meinem unfreiwilligen Saunagang zwei Wochen zuvor getroffen hatte und nun schon leicht bereute. Diesmal würde ich sogar im Vierer-Schlafabteil eines City-Night-Liners reisen und wäre den psychopathischen Anwandlungen des Schienenverkehrmonopolisten und seiner Angestellten für 15 Stunden ausgeliefert. Wie erwartet, sollte es Schwierigkeiten geben, aber am Ende doch ganz andere als befürchtet.

Der Ärger begann diesmal schon vor der Abreise. Eingedenk der noch frischen Erinnerungen an die Rückfahrt von Hamburg wollte ich mich kurz vor meinem Aufbruch zum Hauptbahnhof versichern, dass der Zug auch wirklich planmäßig fahren würde. Ich ging also auf bahn.de und suchte in der Verspätungsauskunft die Nummer meines City-Night-Liners, der mich über Nacht nach Kopenhagen bringen sollte, von wo ich mit dem Regionalzug in einer dreiviertel Stunde nach Lund fahren könnte. Das Problem war nur: Meinen Zug gab es nicht. Die Eingabe der Zugnummer gab nur eine Fehlermeldung zurück.

Nun gut, dachte ich, vielleicht erfasst die Verbindungsauskunft keine CNLs. Fragen wir doch mal die Online-Verbindungsauskunft, wie ich jetzt am Besten von Dresden nach Kopenhagen käme. Also fragte ich die Verbindungsauskunft und die Verbindungsauskunft schlug vor: Fahren Sie mit dem CNL nach Amsterdam(!) bis nach Berlin Ostbahnhof, kommen Sie da gegen halb 11 an, verbringen Sie die Nacht bis halb 4 auf dem Bahnsteig, zuckeln Sie mit insgesamt 2 Regionalexpressen nach Lübeck und fahren Sie von da mit dem IC bis nach Kopenhagen. Keine Spur von meinem CNL.

Die werden doch nicht still und heimlich eine Verbindung eingestellt haben, dachte ich bei mir. Frustriert probierte ich einige andere Daten aus: Genau eine Woche später, am Samstag, fuhr ein CNL nach Kopenhagen. Am Tag davor, dem Freitag, fuhr auch ein CNL nach Kopenhagen. Ebenso am Donnerstag, Mittwoch, Dienstag und Montag. Am Sonntag? Fuhr ein CNL nach Kopenhagen. Am heutigen Samstag? Dem Tag, für den ich ein Ticket für einen CNL nach Kopenhagen in den Händen hielt? Gab es keinen CNL nach Kopenhagen.

So langsam wurde ich dann doch etwas panisch. Zeit, anderen Menschen mit meinem Problem auf den Geist zu gehen. Nach endloser Suche nach einer kostenlosen Telefonnummer gab ich auf und rief die angepriesene 0180-Servicehotline ein (20 Cent pro Anruf vom Festnetz, bis zu 60 Cent pro Anruf aus dem Mobilnetz – diese geldgierigen Aasgeier!). Es dauerte auch nur etwa 5 Minuten und ich musste nur ein einziges Mal weitergeleitet werden, bevor ich jemanden am Apparat hatte, der mir theoretisch hätte weiterhelfen können. Leider nur theoretisch, denn so wie ich zuvor, so konnte auch die hilfsbereite Dame am anderen Ende der Leitung schlicht meinen Zug nicht in ihrer Datenbank finden. (Wobei es mich jetzt auch nicht überraschen würde, wenn die Leute an der Hotline auch nur die bahn.de-Verbindungsauskunft zur Verfügung hätten.) Zumindest aber hatte sie eine Erklärung dafür, warum der Zug möglicherweise ausfallen könnte: Das Juni-Hochwasser hatte in einigen Gegenden Deutschlands auch die Bahngleise unterspült oder gleich mit sich gerissen, so dass Teile des Streckennetzes nun nicht mehr befahrbar waren, die Züge Ausweichstrecken nehmen mussten und es dabei auch schon einmal zu Stau oder eben Zugausfällen käme. Genaueres könne man mir aber nur am Bahnhof sagen, wohin ich doch einfach aufbrechen solle. Inzwischen war es ohnehin Zeit, also tat ich wie mir geheißen. Ich wollte schließlich meinen Geisterzug nicht verpassen.

Am Bahnhof ging ich direkt zum Infopoint und erklärte mein Problem. Die mich beratende Azubine und ihr Betreuer konnten meine missliche Lage nicht wirklich nachvollziehen. Ihrer Ansicht nach sollte ich einfach in den CNL nach Amsterdam einsteigen (der tatsächlich zur gleichen Uhrzeit abfuhr wie mein Geisterzug). Einige der Wagen würden dann in Hamburg abgekoppelt werden und weiter nach Kopenhagen fahren. Das klang prinzipiell plausibel. Warum der Zug nach Kopenhagen aber aus der Verbindungsauskunft verschwunden war, konnten sie mir auch nicht sagen. Ich war jedoch zumindest soweit beruhigt, dass ich beschloss, in den Zug nach Amsterdam einzusteigen. Auch wenn ich am Ende die Strecke mit nächtlichem Aufenthalt in Berlin und über Lübeck fahrend zurücklegen müsste, würde ich so ja zumindest bis Berlin kommen.

Ich stieg also zu. In meinem Waggon war schon ziemlich viel los, besonders viele halbwüchsige Mädchen rannten herum (norwegische Pfadfinderinnen, wie ich später erfuhr). In meinem Abteil saßen schon zwei Männer und eine Frau. Schnell kamen wir ins Gespräch und ich stellte fest, dass es sich um Schweden handelte, die gerade aus ihrem Urlaub in Bratislava auf dem Weg zurück in die Heimat waren. Später stellte sich sogar heraus, dass sie in Lund und Umgebung wohnten. Wie ungemein praktisch! Wenn es irgendwelche Probleme auf der Fahrt geben sollte, wäre ich also zumindest nicht alleine in der Pampa verschollen. Allerdings entfachten die Schweden auch wieder meine Unsicherheit bezüglich des Geisterzuges. Sie hatten nämlich kurz vor der Rückfahrt auch nochmal nach dem Zug gesucht und nichts gefunden. Janna, der weibliche Part des Trios, hatte daraufhin zu unverschämten Roaming-Gebühren aus Bratislava mehrmals mit der deutschen Hotline telefoniert, ohne jedoch nennenswerte Erkenntnisse zu erlangen. Sie waren wie ich darauf eingestellt, gegebenenfalls die Nacht in Berlin verbringen zu müssen und dann über Lübeck nach Kopenhagen zu fahren. Wir beschlossen, erstmal bis Berlin zu fahren und zu schauen was passieren würde. Außerdem würden wir noch einmal den Schaffner interviewen, wenn sich mal einer zeigen sollte. Bis dahin vertrieben wir uns die Zeit mit Gesprächen.

Janna war Gärtnerin, hatte eine Zeit lang in der deutschsprachigen Schweiz gelebt, wie viele Schweden auch schon in der Schule Deutsch gehabt und konnte sich daher gut auf Deutsch mit mir verständigen. Andreas und Johan machten irgendwas in der IT-Branche. Sie hatten auch Deutsch als zweite Fremdsprache, begnügten sich aber mit dem verstehenden Hören und sprachen Englisch mit mir, was Janna aber wiederum nicht so gut verstand. Sehr schnell waren wir jedenfalls in einer auf Schwedisch, Englisch und Deutsch geführten Diskussion über das deutsche und das schwedische Schulsystem und die Frage, warum die Deutschen im Vergleich zu den Schweden so schlechtes Englisch sprechen (natürlich in Bezug auf die Bahnmitarbeiter und nicht auf mich ;) ). Inzwischen war auch meine deutsche Kollegin hinzugekommen, die ihren Schlafplatz in einem anderen Abteil desselben Wagens hatte. In der Diskussion einigten wir uns darauf, dass es wohl unter anderem an der Synchronisation angelsächischer Filme und Serien in Deutschland liege, während diese in Schweden im Original mit Untertiteln gezeigt würden. Andreas meinte, wenn er synchronisierte Filme sehe, hielte er diese immer gleich für Kinderfilme, weil nur diese in Schweden neu eingesprochen würden.
Wo wir schon beim Thema waren, gab es auch gleich ein wenig schwedische Sprachkunde (siehe Kasten). Janna war sehr überzeugt davon, dass sich Schwedisch und Deutsch total ähnlich seien und wir sie eigentlich gut verstehen müssten. Oft seien die Wörter sogar die Gleichen. Was in der Schriftsprache zu einem gewissen Teil sogar stimmen mag, traf für die Aussprache leider überhaupt nicht zu. Ich konnte nicht einmal einschätzen, wo ein Wort aufhörte und das Nächste begann. Meine diesbezüglichen Beteuerungen überzeugten aber wohl nicht vollständig, denn immer wenn die drei untereinander schwedisch sprachen, spürte ich ab und zu prüfende Blicke von Janna, ob ich nicht doch einige Fetzen verstünde. Als ich von den damals gerade aktuellen Problemen der Bahn im Stellwerk Mainz erzählte und mir das entsprechende englische Wort nicht einfiel, sprach ich es deutsch aus und erntete von Janna ein “Stellwerk. Wie im Schwedischen.” Womit ich schon wieder ein neues schwedisches Wort gelernt hatte, das ich nie wieder brauchen würde.
Letztlich gab sich Janna aber doch damit zufrieden, dass ich sie wohl nicht verstehen würde. Sie verglich es schließlich mit den Dänen, deren Sprache dem Schwedischen ja noch viel ähnlicher sei, die ein Schwede aber auch oft nicht verstehe, weil sie so sehr Nuscheln würden (das mit dem Nuscheln kann ich bestätigen). Andersherum hätten Dänen wohl kein Problem, die Schweden mit ihrer hervorragenden Aussprache zu verstehen (O-Ton Janna).

Kleine schwedische Sprachkunde

Å wird wie O ausgesprochen,
O wird wie U ausgesprochen,
U wird wie eine Mischung aus U und Ü ausgesprochen.
Y wird wie eine Mischung aus Ü und I ausgesprochen. Etwa so, wie die Sachsen das I in Milch aussprechen (“Mülch”).
Sk ist manchmal Sk und machmal sch.

Bier ist öl. Öl ist olja.
Danke heißt Tack. Und Tack sagt man eigentlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Die Zahlen von 1 bis 10:
ett
två
tre
fyra
fem
sex
sju (“[c]hü”, für einen Nichtschweden fast unmöglich auszusprechen. Ein ausländischer Kollege von Andreas hat deshalb irgendwann nur noch „sex plus ett“ gesagt.)
åtta
nio
tio

 
Da die Schweden praktischerweise aus Lund kamen und dorthin unterwegs waren, holten wir auch gleich einige Erkundigungen zum Ort ein. Wir klärten ab, wo unsere Hotels lagen und wie wir vom Bahnhof dort am Besten hinkämen, wo die Uni sei und in welcher Bar man das beste Bier bekäme (Gloria’s gegenüber der Stadsbibliotek). Apropos Bier, wir redeten auch über diverse Besonderheiten wie die hohen Preise für Alkohol im ohnehin schon teuren Schweden und das man alkoholische Getränke nur in speziellen Geschäften, den Systembolagets kaufen könnte. Zwischendurch meinte Andreas relativ unvermittelt, dass wir auch eigentlich gar keine Angst in Lund haben müssten, da sei alles total sicher. Das verwunderte mich etwas, wäre ich doch überhaupt nicht auf die Idee gekommen, es könne in Schweden irgendwie gefährlich sein (außer für meinen Kontostand). Andreas erzählte dann aber, dass es im südlich von Lund gelegenen Malmö häufiger zu Schießereien zwischen Hells Angels und Bandidos käme. Ein Bekannter von ihm, der da wohne, versuche das immer herunterzuspielen. Ja, man hätte zwar mal jemanden in seiner Garage ermordet, meinte dieser Bekannter. Aber das wäre gar nicht so wild gewesen, die Familie sei ohnehin nicht daheim gewesen und als man zurückkam, sei die Leiche schon von der Polizei abgeholt worden.

Zwischendurch schaute tatsächlich einmal ein Schaffner herein, den wir fragten, ob der Zug nach Kopenhagen durchfahren würde. Auch er konnte uns nichts Definitives sagen, hatte aber eine dritte Variante des Reiseverlaufs für uns in petto. Ihm zufolge war es in den letzten Wochen immer so gewesen, dass die Reisenden in Hamburg in einen IC hätten umsteigen müssen, bis dahin aber durchfahren konnten. Ob es an diesem Samstag auch so sei, wisse er nicht.

Letztlich entschlossen wir uns in Berlin, erst einmal Schlafen zu gehen und zu schauen, wo wir am nächsten Tag aufwachen würden. Inzwischen hatte ich mich auch schon mit dem Gedanken arrangiert, eventuell in Amsterdam aufzuwachen. Mein Gott, ist doch auch eine schöne Stadt, da hätte man die Zeit schon auch irgendwie rumbringen können. So weit kam es dann aber gar nicht. Als ich aufwachte, waren wir schon über die dänische Grenze gefahren und also auf dem Weg nach Kopenhagen, wo wir schließlich gegen Mittag ankamen. Die Schweden fuhren mit uns dann noch bis nach Lund und Johan gab mir am Ende seine Nummer, falls wir während unseres Aufenthaltes mal ein Bier trinken gehen wollen würden (wozu es letztlich leider nicht kam).

Am Ende war also die ganze Aufregung umsonst und alles lief wie geplant. Und doch bin ich unzufrieden mit der Bahn. Bis heute weiß ich nicht, warum unser Zug plötzlich zum Geisterzug wurde und aus dem System verschwand. Und es sollte eigentlich nicht sein, dass man in so einem Fall von drei verschiedenen Bahnangestellten (Service-Hotline, Azubine am Infopunkt und Schaffner) drei verschiedene Versionen hört, was passiert ist und wie der Reiseverlauf aussehen wird. Immerhin hat sich davon eine Version als korrekt erwiesen (die der Azubine), und auch noch die Langweiligste, das nämlich alles nach Plan liefe. Aber sind meine Erwartungen an die Bahn schon derart gesunken, dass ich das ernsthaft als positiven Aspekt ansehen kann? Wahrscheinlich schon.

Oct 042013
 

Bei einer Woche Urlaub in Hamburg war es Ehrensache, auch mindestens einmal an die Nordsee zu fahren. Oder, noch besser, in die Nordsee. Zum Beispiel zur “einzigen Hochseeinsel Deutschlands” (Eigenwerbung), 40 km vor der deutschen Küste und etwa 100 km von Hamburg entfernt. Die Rede ist natürlich von Helgoland, das ich an einem wolkenverhangenen Mittwoch besuchte. Von Hamburg aus kann man mit einem Katamaran direkt dorthin fahren. Ein Tagesausflug kostet dabei ca. 70€, wenn man früh genug und Holzklasse bucht. Wem wie mir erst am Tag vorher einfällt, dass er ja eigentlich auch mal reif für die Insel ist, muss gegebenenfalls 100€ hinblättern, kommt dafür aber in den Genuss der Comfort Class. Die zeichnet sich zum einen durch Panoramafenster am Bug des Schiffes aus, zum anderen sind hier nicht-alkoholische Getränke und Obst im Fahrpreis enthalten. Ich möchte aber gleich vorwegnehmen, dass mein Versuch, die 30€ Kostendifferenz durch exzessives Obstessen und Getränketrinken wieder reinzuholen, wohl leider als gescheitert gelten muss.

Los ging es pünktlich um 9 Uhr (Boarding um 8:30 Uhr). Zuerst fuhren wir die Elbe zu ihrer Mündung hinauf und passierten dabei diverse Hamburger Stadtstrände und -teile, darunter auch das Nobelviertel Blankenese. Später hatten wir dann in erster Linie die niedersächsische Einöde holsteinsche Steppe das norddeutsche Flachland um uns herum, hier und da unterbrochen von der ein oder anderen Sehenswürdigkeit, wie der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal oder, weniger toll, dem AKW Brokdorf. Quasi als Antagonist dazu tauchten mit zunehmender Nähe zur Küste aber auch immer mehr Windkraftparks auf.

  
Links: Blankenese. Rechts: Einsamer Elbstrand.

Norddeutsches Mehr-oder-weniger-Nichts.
  
Links: Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal. Rechts: Windradansammlung.

 
Auf dem Weg teilten wir uns die Elbe vor allem mit Fischern und Hobbyseglern, ab und zu begegnete uns aber auch ein Containerschiff, das gerade den Hamburger Hafen anlief. In solchen Fällen drosselte der Katamaran seine Geschwindigkeit, um die erzeugte Bugwelle des Riesenschiffes erst einmal abzuwarten, bevor es dann weiterging. Irgendwann erreichten wir die Elbmündung und unseren Zwischenstopp Cuxhafen, in dem einige Passagiere zustiegen. Zufällig hatten wir damit auch schon Helgoland erreicht. Allerdings nicht die Insel, sondern das gleichnamige Patrouillenboot der deutschen Küstenwache, das gerade in Richtung Nordsee auslief (und das wir später noch ein- und überholen sollten).

    
Elbverkehr.
  
Links: Containerschiffe am Horizont. Rechts: “Helgoland” in Cuxhafen.

 
Nun ging es raus auf die offene See, wo der Kapitän endlich die angezogene Handbremse löste und der Katamaran mit knapp 60 Stundenkilometer über das Wasser zu schießen begann. Trotz des guten Wetters leerte sich das Freideck am Heck des Schiffes daraufhin ziemlich schlagartig, auf Fahrtwind und Gischtgespritze hatte wohl keiner so richtig Lust.

Nach etwas unter vier Stunden erreichten wir Helgoland, dass sich zuerst fatamorgana-gleich im bläulichen Schimmer des Horizonts versteckte, mehr Ahnung als Wirklichkeit. Dann aber immer weiter anwuchs und sich grün-bunt einfärbte, bis man schließlich die Hauptinsel von der flachen Nebeninsel “Düne” unterscheiden konnte und schlußendlich im Hafen anlandete.

  
  
Näher. Näher. Näher. Und da.

 
Helgoland hat eine wechselvolle Geschichte. Eine erste Besiedlung gab es schon in der Jungsteinzeit, als das Gebiet noch über eine Landbrücke mit dem Festland verbunden und leicht erreichbar war. Infolge eines Anstiegs des Meeresspiegels wurde diese Landbrücke jedoch bald überspült und Wind, Wetter und Wasser begannen, die Insel nach ihren Vorstellungen zu formen. Dabei gingen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Teile der ursprünglichen Landmasse durch Verwitterung und Überspülung verloren, erst dann wurden die empfindlichen Buntsandsteinfelsen durch eine Schutzmauer von der Brandung geschützt. Die größte optische Veränderung der Insel datiert auf das Jahr 1721, als bei einer Sturmflut die bis dahin bestehende Landverbindung zwischen der Hauptinsel und dem “Witte Kliff” (heute: Die Düne) überspült wurde und so die bis heute bestehende duale Insellage schuf. Erst im Juni 2011 sprach sich übrigens die Helgoländer Bevölkerung in einem Bürgerentscheid dagegen aus, beide Inselteile wieder durch Sandaufspülungen zu verbinden.


Blick vom Oberland auf die Düne.

 
In der Neuzeit war Helgoland vor allem Warenumschlagplatz, Seeräubernest, Schmuggelplatz und Seefestung. Seit dem 7. Jahrhundert wurde es von Friesen bewohnt. Ab 1714 stand die Insel unter dänischer Herrschaft, 1807 wurde sie von britischen Truppen besetzt und als Kolonie in das Commonwealth eingegliedert, entwickelte sich danach aber zu einem beliebten Ziel deutscher Schriftsteller und Intellektueller. 1890 ging Helgoland im Helgoland-Sansibar-Vertrag an das Königreich Preußen über. Kaiser Wilhelm II ließ die Insel daraufhin zum Marinestützpunkt ausbauen, im ersten Weltkrieg fanden dann mehrere Seegefechte in den umliegenden Gewässern statt. Die Insel wurde 1914 evakuiert, erst 1918 konnten die Bewohner zurückkehren. Die militärischen Anlagen wurden zurückgebaut, aber nicht zerstört, und ab 1935 schließlich wieder ausgebaut. Im zweiten Weltkrieg spielte Helgoland militärisch keine große Rolle mehr und war deshalb auch kaum von Bombardierungen der Alliierten betroffen. Wenige Wochen vor der Kapitulation Deutschlands wurde die Insel jedoch Ziel eines britischen Flächenbombardements, bei dem etwa 7.000 Bomben abgeworfen wurden. Die Bevölkerung überlebte in den Luftschutzbunkern, doch die Insel war nun unbewohnbar und die Bevölkerung wurde evakuiert.

Die britische Armee sprengte die militärischen Anlagen der Deutschen und benutzte die Insel bis 1952 als Bombenabwurfplatz. Mehrere Initiativen der Bewohner zur Wiederbesiedlung, darunter sogar eine Anrufung der Vereinten Nationen 1948, scheiterten. Im Dezember 1950 besetzten zwei Heidelberger Studenten und ein Heidelberger Dozent die Insel und hissten die deutsche und die helgoländische Flagge sowie die Flagge der europäischen Bewegung. Die Besetzer wurden im Januar 1951 von der britischen Armee der Insel verwiesen, jedoch hatte die Aktion eine breite öffentliche Debatte in Deutschland und Großbritannien zur Folge, so dass der Deutsche Bundestag im Januar 1951 einstimmig die Freigabe Helgolands forderte und es am 01. März 1952 von den Briten zurückgegeben wurde. Seitdem ist der erste März auf Helgoland ein Feiertag.

  
Detonationskrater unterschiedlicher Größe.

 
Die heutige Bebauung stammt im Wesentlichen aus den 50er Jahren und wurde mehr oder weniger in einem Guss geplant und hochgezogen. Dennoch wurde auf die Gegebenheiten vor Ort und die Ausrichtung der früheren Häuser Rücksicht genommen, so dass das sich auf Mittel- und Unterland der Hauptinsel ausbreitende Dorf dennoch sehr verwinkelt und harmonisch gewachsen wirkt. Charakteristisch sind dabei die nach der Windrichtung ausgerichteten asymmetrischen Giebeldächer und die in kräftigen Farben gestrichenen Holzwände.

  
Links: Blick in einen Hinterhof. Rechts: Farbenfrohe Häuserwände am Strand.

 
Wenn man aus dem Hafen auf das Dorf zuläuft, kommt man zuerst an den sogenannten Hummerbuden vorbei, die früher Arbeits- und Wohnort der Fischer waren, inzwischen aber wie vieles auf der Insel vorrangig dem Tourismus dienen. Linkerhand erreicht man hier einen steilen Pfad, der schließlich in eine Treppe übergeht und einen aufs Oberland führt, den ca. 50m hoch gelegenen westlichen und nördlichen Teil der Insel, der abgesehen von einem Leuchtturm und einem Funkturm weitgehend unbebaut ist. Im Unterland selbst gibt es auch einen Fahrstuhl, der nach Oberland führt, allerdings muss man dazu erst ziemlich weit ins Dorf reinlaufen. Vom Aussichtspunkt oberhalb der Treppen am Hafen hat man jedenfalls schon einmal einen tollen Blick auf den Hafen, die Hummerbuden und auch die Düne.

  
Links: Blick auf die Hummerbuden im Hafen. Rechts: Blick auf die Düne.

 
Nun kann man auf dem Küstenwanderweg laufen, der einen einmal komplett an der gesamten helgoländischen Steilküste entlangführt. Der Weg folgt dem zerklüfteten Küstenverlauf, so dass man von vielen Stellen einen tollen Blick auf die Nordspitze Helgolands und die “Lange Anna” hat. Die lange Anna existiert erst seit etwa 140 Jahren. Es handelt sich um ein Stück Küste, das einst mit dem restlichen Küstenverlauf verbunden war. Dieses Verbindungsstück wurde mit der Zeit aber unterspült und brach ein, wodurch ein fast 50m hoher, gerade in den Himmel aufragender Fels entstand – die lange Anna eben.

  
  
Buntsandsteinküste und Lange Anna. Das Weiße sind übrigens keine Sedimentablagerungen, das ist Vogelscheiße.

 
Gleichzeitig hat man von hier oben auch einen tollen Blick aufs Meer und manchmal, wie bei meinem Besuch, auch auf ein einsames Fischer- oder Ausflugsboot, das langsam seine Runden drehte.

  

 
Aber auch rechter Hand bieten sich tolle Fotomotive. Durch die diversen Detonationskrater ist das Oberland recht hügelig, und wenn man Leucht- und Funkturm erst einmal hinter sich hat, sieht man auf der rechten Seite oft nur noch grün bewachsene Weite, und vielleicht noch etwas Meer am Horizont. Man könnte sich in Irland wähnen, wäre man nicht von sächselnden und schwäbelnden Touristen umgeben. Aber auch wenn die Dächer des Dorfes in den Blick geraten, ist es sehr malerisch. Wie sie sich in die Hänge ducken, nur der Kirchturm hochaufragend zwischen ihnen, wachend über seine Schäfchen – und apropos Schäfchen und andere Gewölleträger – die gibt es natürlich auch.

  
  
Blicke ins Oberland

 
Womit wir schon bei der helgoländischen Fauna wären. Helgoland ist mitnichten für seine Schafe und Ziegen bekannt. Stattdessen pilgern viele Ornithologen hierher, um einige Vogelarten zu beobachten, die in deutschen Gefilden ausschließlich hier nisten. Dazu gehören die Dreizehenmöwe, der Basstölpel und die Trottellumme. Letztere gab dem Brutgebiet, das sich auf einen kleinen Teil der helgoländischen Westküste beschränkt, auch seinen Namen: der Lummenfelsen, das kleinste Naturschutzgebiet Deutschlands.

  
Lummenfelsen aus der Ferne und der Nähe.

 
Die hier lebenden Tiere sind sehr an den Menschen gewöhnt und lassen sich von ihm in ihren Brut- und Jungvogelerziehungsangelegenheiten überhaupt nicht stören. Speziell die Dreizehenmöwen suchen den Kontakt zum Menschen, um etwas Futter abzustauben. Dazu landen sie majestätisch in der Nähe eines potenziellen Futterspenders, zum Beispiel jemandem, der gerade ein Brötchen oder Kekse ist. Anschließend werden ein paar fotogene Posen eingenommen und dem potentiellen Futterspender und seinen Artgenossen Gelegenheit gegeben, ein paar Erinnerungsfotos zu schießen. Anschließend wird als Gegenleistung etwas zu Fressen erwartet. Gibt es etwas, wird zur Zugabe noch ein wenig posiert. Wenn nicht, fliegt man beleidigt davon.

  
Links: Eine Dreizehenmöwe streckt mir die Zunge raus. Rechts: Hungrige Basstölpel.

 
Selbst wenn man wie ich ständig stehen bleibt und begeistert das hundertste Bild eines Basstölpels knipst, kann man den Rundweg bequem in zwei Stunden zurücklegen. Selbst wenn man dabei zwischendurch noch einmal umkehrt, um auf die höchste Erhebung Helgolands, den Pinneberg (sagenhafte 62 m über NN!) zu klettern, der gleichzeitig die höchste Erhebung des Landkreises Pinneberg in Schleswig-Holstein (Luftlinie etwa 100km entfernt) ist, zu dem die Insel verwaltungsrechtlich gehört. Zollrechtlich handelt es sich hier übrigens um Freihandelsgebiet, man kann also (entsprechend der jeweils gültigen Freimengen) günstig, weil zoll- und steuerfrei shoppen gehen.

Auf dem Rückweg bin ich dann auch nochmal kurz durch Mittel- und Unterland gelaufen und war nach dreieinhalb Stunden wieder im Hafen. Alles gesehen habe ich dabei natürlich nicht von der Insel, aber man braucht ja auch einen Grund, um wiederzukommen. Anschließend ging es dann wieder auf die vierstündige Rückfahrt, die, abgesehen von einem relativ heftigen Gewitter auf Höhe des Fähranlagers Wedel (Kreis Pinneberg, übrigens) und anschließendem Platzregen bis nach Hamburg rein, relativ unspektakulär verlief. Im Gegensatz zur schon erwähnten Sintflutprobe am nächsten Tag konnte ich mich an diesem Abend noch damit retten, von den Landungsbrücken schnell in die U-Bahn zu schlüpfen und mich von ihr bis vor die Tür meines Hotels fahren zu lassen.

Im Grunde, und das ist mir auch klar, hätte ich mir diesen ganzen langen Text auch sparen können. Die Bilder sollten Gelegenheit genug sein, euch den Mund wässrig zu machen. Helgoland ist eine atemberaubend schöne Insel und definitiv einen Besuch wert. Sei es zum Vögel beobachten, zum Shoppen, zum 50er-Jahre-Architektur bewundern, zum in die Weite des Meeres schauen, zum auf den Pinneberg klettern oder, was ich alles leider nicht geschafft habe, zum unterirdische Bunkeranlagen erkunden, Kegelrobben auf der Düne beobachten oder am Sandstrand auf der Düne baden. Wenn ihr mal in der Nähe seid, schaut vorbei. Wenn ihr nicht in der Nähe seid, fahrt in die Nähe und schaut dann vorbei. Helgoland wird euch bezaubern.

Mehr Fernweh erzeugende Bilder gibt es hier.