Sep 042012
 

Bevor es dann am Mittwoch richtig in die Ferne geht, hab ich am Montag nochmal eine kleine Städtetour unternommen. Ziel war diesmal die bevölkerungsreichste und zumindest in der Neuzeit historisch relevanteste sächsische Stadt: Leipzig. Die anderthalbstündige Fahrt hab ich diesmal tatsächlich genutzt, um mir mittels Hosentascheninternet ein erstes Bild von den Sehenswürdigkeiten zu machen. Eingedenk meines “bemerkenswerten” Orientierungssinns (siehe letzte Woche) war das natürlich kein Garant, diese auch tatsächlich zu finden.

Beginnen wir einfach am Anfang. Glücklicherweise war nach den letzten wolkenverhangenen Tagen meine Schönwetterbestellung gerade noch rechtzeitig geliefert worden, es herrschte bestes Fotowetter. Der Leipziger Hauptbahnhof ist sehr schön, er ähnelt in seiner Innenarchitektur dem Dresdner Äquivalent, nur dass er ein bisschen größer ist. Und mit ein bisschen größer meine ich “Fuck, ist das ein Riesending.”

Hauptbahnhof Leipzig innen  Hauptbahnhof Leipzig

Feiern wir am Besten erst einmal die Sehenswürdigkeiten ab, damit wir es hinter uns haben. Dazu müssen wir die chronologische Erzählabfolge verlassen (Was? Jetzt schon?), denn die hab ich größtenteils erst in der letzten Stunde meines Aufenthalts entdeckt und dann noch fix abgelichtet. Man stößt zwar prinzipiell auf sie, wenn man vom Bahnhof aus einfach geradeaus ins Zentrum geht, aber wann wär ich schon einmal geradeaus gelaufen. Wo es doch links und rechts immer soviel zu sehen gibt. Der Vorteil meiner Weblektüre war in jedem Fall, dass ich eine Sehenswürdigkeit erkannt habe, wenn ich denn dann mal endlich vor ihr stand.

Altes Rathaus Leipzig  Neues Rathaus Leipzig
Altes Rathaus und Neues Rathaus (wobei das Neue Rathaus eher wie ein großes Stadtschloss wirkt).

Mädler-Passage  Eingang zu Auerbachs Keller
Mädler Passage (früher Auerbachs Hof) mit dem darin befindlichen Auerbachs Keller (ja, genau der aus Faust)

Nikolaikirche  Thomaskirche
Links: Nikolaikirche (bekannt geworden durch die Friedensgebete im Rahmen der Friedlichen Revolution), Rechts: Thomaskirche (bekannt für den Thomanerchor und das Wirken Johann Sebastian Bachs)

Reichsgerichtshof  Plakat gegenüber Reichsgerichtshof
Bundesverwaltungsgericht. Rechts: Jemand scheint mit den Entscheidungen der anwesenden Gerichtsbarkeit nicht einverstanden zu sein.

Insgesamt ist der Baustil in der Innenstadt sehr homogen mit vielen Barockhäusern (Ist das wirklich Barock? Ich rate sowas ja immer eher, als dass ich es weiß. Ich bin ein guter Rater, das hat mir schon in der Schule öfter den Arsch gerettet. Also, ich sag einfach mal Barock, und wenn das jemandem nicht passt, soll er sich melden.), dazwischen die typischen glasfassadrigen Neuzeitkonsumtempel. Vom Stadtaufbau her ist Leipzig also eher mit Dresden als mit Chemnitz zu vergleichen.

Barockhaus  Barockfassade spiegelt sich in Glasfassade
Links:Haus am Nikolaiplatz. Rechts: Barockfassade spiegelt sich in Glasfassade.

Wo man den Clash der Architekturen noch am ehesten bemerkt, ist am Augustusplatz. Hier haben wir nebeneinander stehen: barocke Bürgerhäuser, das Universitätsgebäude Leipzig (2009 neu gestaltet), das Gewandhaus im sozialistischen Stil, davor der 1886 entstandende neobarocke Mendebrunnen, dann noch einige sozialistische Häuserblöcke und das 1960 entstandende Opernhaus.

Augustusplatz: Gewandhaus und Mendebrunnen  Augustusplatz: Universität
So sehen Gegensätze aus: Das Gewandhaus mit dem Mendebrunnen davor und die Universität Leipzig.

Möglicherweise aus dem Fehlen offener Gegensätze wie in Chemnitz ergibt sich dann auch eine eher wenige ergiebige Streetart-Kultur. Man sieht zwar an einigen Ecken einige schöne Pieces (vor allem, wenn man ein wenig in den Wohnvierteln rumstreunt), insgesamt geht es aber oft über (wenn auch zuweilen kunstvolle) Tags nicht hinaus.

Streetart Leipzig  Streetart Leipzig
Streetart Leipzig

Was ist mir noch aufgefallen? Wie auch in Chemnitz, sind auch in Leipzig die schönen Fassaden oft ziemlich zugebaut und lassen sich kaum ordentlich betrachten oder ablichten. Wenn ich mir zum Beispiel den Haupteingang der Bibliotheca Albertina anschaue, dann ist das eine Fassade, deren ganzen Pracht man am Besten aus der Ferne erfasst – das geht nur leider nicht, weil auf der anderen Straßenseite das Studentenwerk in einem Neubau residiert. Hier sieht man mal, wie wichtig Stadtplaner sind, die darauf acht geben, das bestimmte Blickachsen nicht einfach zugebaut werden.

Bibliotheca Albertina

Und Leipzig ist eine sehr grüne Stadt, mit schönen Parkanlagen auch direkt in der Innenstadt.

Hauptbahnhof Leipzig aus dem Grünen heraus  Parkanlage bei Reichsgerichtshof
Links: Der Bahnhof aus der angrenzenden Parkanlage heraus betrachtet. Rechts: Brunnen in Parkanlage nahe des Bundesverwaltungsgerichts

Fazit: Leipzig ist eine schöne (Dresden-schön, nicht Chemnitz-schön) und sehr lebendige Stadt, die sicherlich noch einen weiteren Besuch lohnt (schon um die Vorstädte noch ein bisschen besser auf Streetart abzuchecken).

Alle weiteren Bilder finden sich wie gehabt bei Flickr.

Aug 312012
 

Welche deutsche Stadt hat die Sympathischste aller Hymnen? Genau!

Am Montag also Tagestour nach Gämtz vulgo Gorl-Morgs-Stod (für Non-Natives: Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt). Der Westen Sachsens war mir ja bisher noch fast gänzlich unbekannt. Von Chemnitz kannte ich nur die Abfahrtshalle des Bahnhofs, ein in meinen Augen heißer Kandidat auf den Titel “Hässlichster Zughaltepunkt der Welt”. Entsprechend bodennah waren meine Erwartungen an den Rest der Stadt. Ich muss zugeben, dass ich mich nicht wirklich vorbereitet hatte und also im Gegensatz zu Dresden keine Ahnung hatte, wo sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt gewöhnlich aufzuhalten pflegen. Aber ich hatte ja Hosentascheninternet dabei und mir zuvor die Adresse www.chemnitz-tourismus.de rausgesucht (soviel Planung musste dann doch sein). Die bieten auf ihrer Seite sogar Online-Stadtführungen an. Davon könnte sich Dresden noch eine Scheibe von abschneiden. Wobei man hier wohl auch nicht mit einem 2001 erbauten Kaufhaus werben würde:

Galeria Kaufhof

2001 eröffneter, fünfstöckiger Warenhausneubau mit beeindruckender Glasfassade. Architekt ist der Deutsch-Amerikaner Helmut Jahn. Die durch das Baumaterial gegebene Transparenz des Gebäudes macht dessen Innenaktivität auch außen erlebbar. Die Kombination aus Glas und Stahlkonstruktionen verleihen dem Kaufhaus eine futuristische Optik.

Ich hatte wirklich vor, mich an den dort beschriebenen Spaziergang in der Innenstadt [PDF] zu halten. Wirklich! Was kann ich denn dafür, dass mein Orientierungssinn davon ausgeht, die Welt sei ein auf links gedrehter Trigondodekaeder?! Also hab ich am Ende das gemacht, was ich jedes Mal mache, wenn ich in einer fremden Stadt auf Fototour bin: mal links und mal rechts abbiegen, alles fotografieren, was irgendwie nach Sehenswürdigkeit aussieht oder sonstwie bemerkenswert ist und später in Wikipedia nachschlagen, was ich da eigentlich abgelichtet habe.

Um meinen Eindruck der Stadt zusammenzufassen: Chemnitz ist für mich eine Stadt der offenen Gegensätze. Natürlich gibt es die monumental wirkend wollenden, aber nur steril wirkenden sozialistischen Kunstwerke und Prachtbauten, allen voran der riesige Marx-Kopf und der dahinterliegende ehemalige SED-Bezirksleitungsdienstsitz.

Karm-Marx-Kopf vor Wandrelief  Blick auf Brückenstraße vor Karl-Marx-Kopf
Sozialistische Skulptur in Chemnitz  Sozialistische Skulptur in Chemnitz - Detail

Und es gibt aus der Zeit als große Industriestadt auch sehr viel Industriebauten, heruntergekommende Fabrikgebäude etc.

Verfallenes Fabrikgebäude in Chemnitz  Die "Zukunft" in Chemnitz?
Gebäude in Chemnitz (verfallen)  Verfallenes Gebäude von innen
Außen pfui …                      … äh, innen auch pfui.

Auf der anderen Seite gibts auch eine Menge schöner Gründerzeit- und Jugendstilbauten, teilweise aufwendig saniert, teilweise auch nicht. Ganze Häuserblöcke könnten, genau so wie sie sind, auch in der Dresdner Neustadt oder in Strehlen stehen.

Jugendstilgebäude in Chemnitz  Gebäude in Chemnitz

Und natürlich hat Chemnitz auch einige Sehenswürdigkeiten zu bieten, über die ich im Laufe des Tages über kurz oder lang gestolpert bin.

Altes Rathaus  Neues Rathaus
Altes und neues Rathaus
Kuppel der Markthalle  Roter Turm
Markthalle                                           Roter Turm

Was mich so fasziniert hat, war das Nebeneinander all dieser architektonischen Strömungen. So befindet sich direkt hinter dem 1498 erbauten alten und dem Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten neuen Rathaus die Stadtkirche St. Jacobi aus dem 14. Jahrhundert, nur 50 Meter weiter steht eine Plattenbauwohneinheit.

Auch in der Bevölkerungsstruktur zeigen sich diese Gegensätze. Der hohe Rentneranteil ist einerseits in den Gesichtern auf der Straße zu sehen, andererseits in der Existenz zweier großer Hörgeräteläden genau gegenüber in der gleichen Straße. Aber auch junge Leute sieht man auf der Straße (was sicherlich auch daran liegt, dass noch Sommerferien waren). An jeder Ecke sieht man Spielplätze und ab und an findet sich auch eine Halfpipe für Skateboarder und Biker.

Skateranlage in Chemnitz

Ich erkläre es mir mit diesen offenen Gegensätzen, dass in der beengenden Weite vor den sozialistischen Prachtbauten, an und um die verfallenen Häuser ein kreatives Potential entstanden ist, das ich so noch nicht gesehen habe. An wirklich jeder Ecke findet sich Streetart. Und das in einer Menge und Qualität, die ich selbst in Sprayer-Hochburgen wie Marseilles noch nicht gesehen hab (oder ich war dort in den falschen Vierteln unterwegs – unwahrscheinlich). Einiges scheinen Auftragsarbeiten zu sein, der Großteil ist wild in die Betonlandschaft gesetzt – und ein beruhigender bunter Gegenpol zu dem sonst teilweise doch sehr dominanten Grau in Grau. Ich weiß nicht, ob die Stadt die Bilder duldet oder ob die Szene einfach sehr aktiv ist und für jedes entfernte Gemälde sofort zwei Neue entstehen. In jedem Fall kann ich jedem, der sich für Streetart interessiert, einen Besuch in Chemnitz nur empfehlen.

Streetart Chemnitz  Streetart Chemnitz
Streetart Chemnitz  Streetart Chemnitz

Die Jungs von Kraftklub wollen ein Viertel von Chemnitz zu einer Künstlerhochburg aufbauen und so der Stadt eine Zukunft geben. Schon weil diese Idee so schön großkotzig ist, ist sie mir ungemein sympathisch. Schließlich kann man die Welt nicht verändern, wenn man nur in den engen Grenzen des Machbaren denkt. Das kreative Potential ist auf jeden Fall vorhanden und ich kann nur hoffen, dass es weiterhin so wunderschön bunte Blüten trägt. Die Stadt hat mich auf jeden Fall nicht zum letzten Mal gesehen. Und beim nächsten Mal nehm ich vielleicht ein paar Stencils mit*.

Bilder wie gehabt direkt auf Flickr.

 

* Ich würde selbstverständlich nie fremdes Eigentum “beschädigen”, indem ich es anmale oder beklebe. Es sei denn, ich hab Bock drauf oder kann den Besitzer nicht leiden.

 

P.S.: Zwei negative Punkte, die mir noch aufgefallen sind und die ich hier jetzt einfach kontextlos einbringe:

  1. Das war das erste Mal, dass ich beinahe überfahren worden wäre, während ich bei Grün über die Straße gehe. Es war wohlgemerkt kein Fahrzeug mit Sonderrechten, dass mich da Hopps nehmen wollte. Aber die Stadt scheint ohnehin sehr KFZ-dominiert zu sein. Rasen bietet sich bei den breiten Prachtstraßen im Zentrum ja auch geradezu an.
  2. Irgendwie war sehr viel Polizei unterwegs. Keine Ahnung, ob das dort immer so ist oder ob denen jemand verraten hat, dass ich in der Stadt bin. Ich fühle mich in Gegenwart von Polizisten jedenfalls nicht sicherer.